Kehlhof Ermatingen

Der Kehlhof in Ermatingen (Kanton Thurgau, Schweiz) ist ein 1694 errichteter Kehlhof. Er ist als Riegelbau ausgeführt und enthält eine Gerichtsstube. Der Ermatinger Kehlhof ist als Objekt von nationaler Bedeutung im Schweizerischen Inventar der Kulturgüter aufgeführt.

Der Kehlhof wurde in verschiedenen Etappen erweitert und war lange Jahre ein klassischer Bauernhof, mit Milch- und Ackerwirtschaft, einer Mosterei sowie Weinbau.

Er umfasst nebst dem Wohnhaus mit der einmaligen Gerichtsstube verschiedene Kellerräume, eine grosse Scheune sowie das "Brennhüsli" als Nebengebäude.

Geschichte

Bereits im 14. Jahrhundert wurde ein Kehlhof in Ermatingen urkundlich erwähnt. Das heutige Gebäude wurde 1694 durch den Bürgermeister Ammann erbaut und 1811 erweitert. In den Jahren 1971 bis 1976 wurde der Kehlhof umfassend renoviert und im Jahr 2001 mit dem Thurgauer Heimatschutzpreis ausgezeichnet.[1][2]

Der Ermatinger Kehlhof war seit dem Mittelalter bis 1798 der lokale Verwaltungssitz der Grundherrschaft, welche beim Kloster Reichenau lag. Er diente als Ablieferungsort für den Zehnten und als Ort der Rechtsprechung für die niedere Gerichtsbarkeit.[3]

Gerichtsstube

In der historischen Gerichtsstube, welche in der jetzigen Ausprägung seit dem 18. Jahrhundert ausgestattet ist, wurde die niedere Gerichtsbarkeit im Dorf vollzogen. Vor Gericht wurden u. a. Fälle von Diebstahl, das unberechtigte Versetzen von Grenzsteinen, Störungen von Gottesdiensten und allerlei Streitigkeiten verhandelt. Ebenso wurden vor diesem Gericht Rechtsgeschäfte wie Kreditgewährung oder der Verkauf von Anwesen bekräftigt. Schwere Delikte fielen nicht in den Zuständigkeitsbereich der lokalen Gerichtsbarkeit, diese wurden in Frauenfeld verhandelt. Die Besetzung des Gerichtes war im Jahr 1737 wie folgt geregelt: Insgesamt waren 12 Urteiler gewählt, davon 8 Reformierte und 4 Katholiken. Die gewählten Laienrichter waren üblicherweise angesehene Bürger aller Berufsgattungen ohne Kenntnisse nach gelehrtem Recht. Vielmehr wurde nach altem Herkommen entschieden. Um der Willkür der Richter gewisse Grenzen zu setzen, ist die Gerichtsstube mit einem Dutzend Gemälde geschmückt, die in Szenen die Kardinaltugenden aus dem Alten Testament zeigen. Diese sollen die Herren Richter an Ihre Pflichten und Funktion erinnern s. Es bleibt zu hoffen, dass die gemalten Ermahnungen Ihre Wirkung nicht verfehlt haben.

Sammlung Emil Ammann

Die Scheune des Kehlhofs beherbergt das Schaudepot der Sammlung Emil Ammann mit bäuerlichen und handwerklichen Gerätschaften aus dem 19. und 20. Jahrhundert.[3]

Mary Sauter

Der Kehlhof wurde jahrelang durch das Ermatinger Dorforiginal Mary Sauter und deren Familie betrieben. In ihrer Gerichtsstube hat sie unter anderem zahlreiche Prominente und Banker, die auf dem Wolfsberg logierten, bewirtet. Dabei ist sie immer mit beiden Beinen auf dem Boden geblieben. Rund siebzig Jahre lang hatte sie im unweit der Kirche gelegenen Jahrhunderte alten Kehlhof mit seiner historischen Gerichtsstube Wein gekeltert, köstliches Bauernbrot gebacken und in der rabenschwarzen Räucherkammer delikate Würste und Speck geräuchert. Mit ihrem 2014 verstorbenen Mann Georg, genannt "Schöbi" hatte Mary Sauter den Kehlhof 1956 von den Schwiegereltern übernommen. Seit 1902 war dort eine Mosterei betrieben worden. «Wir hatten sieben Kühe, keine Milch-Kühlanlage, und die Mosterei warf auch nichts mehr ab», erinnerte sich Mary Sauter wenige Wochen vor ihrem Tod. «Wir wären verlumpet», rief sie aus und berichtete vom Neuanfang: Die Schweizerische Bankgesellschaft (heute UBS) eröffnete damals gerade das Schloss Wolfsberg als Ausbildungszentrum. Der Chef des Wolfsberg, der spätere Nationalrat Ernst Mühlemann, fragte, ob sie den Verwaltungsrat in ihrer Gerichtsstube bewirten könnte. So begann die Karriere des Kehlhofs als einmalige Thurgauer Besenbeiz.

Prominente und normale Gäste feierten dort. Mary Sauter und ihre treue Helferin Jakobine Bruderer kredenzten eigenen «Gerichtstsubewy», Brot und eigene Räucherwürste. Das Konzept war erfolgreich: Die Bankgesellschaft brachte ihr immer prominentere Kundschaft ins Haus: Helmut Schmidt, Helmut Kohl, die Künstlerin Niki de Saint Phalle – und schliesslich sogar der damalige US-Aussenminister Henry Kissinger sassen im Kehlhof.

Trotz der illustren Gäste blieben die Sauters bodenständig: «Schöbi» arbeitete im Weinberg, Mary organisierte den Direktverkauf des Weins, lieferte künstlerischen Blumenschmuck an die Gastronomie und war eine grosse Fasnachterin.

Mary Sauter hat dem Kehlhof die eigentliche Seele gegeben. Verschiedenste Veranstaltungen fanden im Innenhof statt und brachten die Leute aus dem Dorf und darüber hinaus zusammen. Erinnerungen aus Ihrem arbeitsreichen Leben hat Mary Sauer im Buch "Heute geschlossen, Mutter verreist" verewigt.

Zukunft des Kehlhofes

Es war Mary Sauter zu Lebzeiten ein Anliegen, dass der Kehlhof weiterlebt und Ihr Erbe erhalten bleibt.[4] 6 Initianten um den Ermatinger Architekten Peter Dransfeld haben im Jahr 2024 den Kehlhof gekauft, mit dem Ziel diesen in die Zukunft zu führen.[5]

Literatur

  • Jürg Ganz: Kehlhöfe am Untersee. In: Thurgauer Jahrbuch. Jg. 47, 1972, S. 42–50.
  • Arnold Bosshard, Peter Funk, Alfons Raimann: Ermatingen und Triboltingen TG. Bern 1988.
  • Mary Sauter: Heute geschlossen, Mutter verreist: Geschichten aus einer anderen Zeit. Frauenfeld 1999 (5. Auflage 2002).
Commons: Kehlhof Ermatingen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Marc Haltiner: Heimatschutzpreis für ein Dorforiginal: Mary und Georg Sauter werden für ihr Haus Kehlhof in Ermatingen ausgezeichnet. In: Thurgauer Zeitung. 6. März 2001.
  2. Thurgauer Heimatschutz: Preisverleihungen (Memento des Originals vom 5. Juni 2014 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.heimatschutz.ch
  3. a b Vinorama Museum Ermatingen: Geschichtsbeiträge: Kehlhof
  4. Mary Sauter – BodenseeTV. Abgerufen am 14. Dezember 2025.
  5. Margrith Pfister-Kübler: Der Ermatinger Kehlhof-Verein steht, da kamen Visionär Urs Tobler die Tränen. Hrsg.: Thurgauer Zeitung. 19. August 2024.

Koordinaten: 47° 40′ 10,9″ N, 9° 4′ 45,5″ O; CH1903: 723219 / 281184