Katharina Prager
Katharina Prager (geb. 13. Februar 1979 in Wien) ist eine österreichische Zeithistorikerin, Biografieforscherin[1] und Biografin, u. a. von Karl-Kraus. Sie ist stellvertretende Direktorin der Wienbibliothek im Rathaus, wo sie den Bereich Forschung und Partizipation leitet.[2]
Leben
Katharina Prager studierte Theater-, Film und Medienwissenschaft und Geschichte an der Universität Wien. In ihrer ersten Monographie zu Salka Viertel, mit der sie 2005 bei Hilde Haider-Pregler promovierte, bearbeitete sie biografisch das Leben einer Exilantin.[3] 2016 promovierte sie neuerlich, diesmal am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien bei Oliver Rathkolb, mit einer biografischen Arbeit zu Berthold Viertel.[4] Ausgehend von Viertels autobiografischer Praxis und seinen Re- und Dekonstruktionen von kollektiver Erinnerung an ein „anderes“ Wien um 1900, ging es um eine „Biografie der Wiener Moderne“, die ein Gegenbild zu den idealisierenden Darstellungen seines Freundes Stefan Zweig entwarf. Sie setzt Viertels Erinnerungen an „kritische Modernität“ mit der Forschung zur Wiener Moderne in Beziehung und bündelt diese zu 15 biographischen Erinnerungsorten.[5] Als gedruckte Monographie wurde die Arbeit 2016 mit dem Michael Mitterauer-Preis[6] und 2017 mit dem Jubiläumspreis des Böhlau Verlages Wien ausgezeichnet.[7]
Nach Stationen am Ernst Krenek Institut, am Institut für Zeitgeschichte (Universität Wien) und am Institut für den Donauraum und Mitteleuropa arbeitete Prager ab 2012 am Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte und Theorie der Biographie. Sie publizierte nicht nur zahlreiche Artikel zur Theorie und Methodik der Auto/Biografie – meist mit Fokus auf Gender, Transnationalität und Digitalisierung –, sondern auch einzelbiografische Auseinandersetzungen mit so unterschiedlichen Personen wie Helene Berg, Felix Hartlaub, Friedrich Kiesler, Stefan Zweig, Adelheid Popp, Felix Salten, Lotte Glas, Gerda Lerner, Rosl Ebner oder Ernst Brod.
Kraus-Forschung
Ein Schwerpunkt von Pragers biografischer Forschung lag seit 2012 auf Karl Kraus. In einer Kooperation des Ludwig Boltzmann Instituts für Geschichte und Theorie der Biographie und der Wienbibliothek im Rathaus realisierte sie bis 2018 ein Projekt, das eine Neuordnung des Karl-Kraus-Archivs zum Ziel hatte[8] und umfangreiche Materialien zu Kraus als Vorleser sowie zu Kraus vor Gericht auf der Plattform Karl Kraus Online zugänglich machte. Am Ludwig Boltzmann Institute for Digital History leitete sie auf dieser Grundlagenarbeit aufbauend das FWF-Projekt Intertextualität in den Rechtsakten von Karl Kraus. Eine wissenschaftliche digitale Edition.[9] 2020 wechselte sie an die Wienbibliothek im Rathaus. Dort war sie bereits zuvor für das umfangreiche Karl Kraus-Archiv zuständig und hatte 2018 die Ausstellung Geist versus Zeitgeist: Karl Kraus in der Ersten Republik kuratiert. 2022 gab sie gemeinsam mit Simon Ganahl ein Karl Kraus-Handbuch heraus und 2024 hielt sie – zusammen mit Gerald Krieghofer und Karl Markovics – eine Wiener Vorlesung zu Karl Kraus.[10] 2025 erschien ihre Kraus-Biografie Ein Spiel, gesinnungslos wie die Liebe bei Sonderzahl.[11]
Prager ist Mitbegründerin des Netzwerks Biografieforschung[12] und begleitet biografisch die Reihe Haymon Her Story,[13] die seit 2025 Literatur von Frauen neu auflegt.
Werke
Monographien
- „Ein Spiel, gesinnungslos wie die Liebe“ – Das Leben des Satirikers Karl Kraus. Wien: Sonderzahl 2025.
- Berthold Viertel (1885–1953) – Eine Biographie der Wiener Moderne. Wien/Köln/Weimar: Böhlau 2018.
- „Ich bin nicht gone Hollywood!“ Salka Viertel – ein Leben in Theater und Film. Wien: Braumüller 2007.
Herausgeberschaft (Auswahl)
- (mit Bernhard Hachleitner, Alfred Pfoser und Werner Michael Schwarz) Die Zerstörung der Demokratie. Wien/Salzburg: Residenz 2023.
- (mit Simon Ganahl – unter Mitarbeit von Isabel Langkabel und Johannes Knüchel) Karl Kraus-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Berlin: Metzler 2022.
- (mit Johanna Gehmacher und Kirsti Niskaanen) When Does the Genius Do the Chores? Knowledge, Auto/Biography and Gender, Special Issues of the European Journal of Life Writing, Vol. 11 (2022).
- Karl Kraus: Rechtsakten der Kanzlei Oskar Samek. Wissenschaftliche Edition. Hrsg. v. Johannes Knüchel und Isabel Langkabel, auf Grundlage der Vorarbeiten Katharina Pragers, unter Mitarbeit von Laura Untner, Andrea Ortner, Ingo Börner und Vanessa Hannesschläger, 2022.
- (mit Irene Messinger) Doing Gender in Exile. Geschlechterverhältnisse, Konstruktionen und Netzwerke in Bewegung. Münster: Westfälisches Dampfboot 2019.
- (mit Johanna Gehmacher und Klara Löffler) Biografien und Migrationen, Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften (ÖZG 29/2018/3). Innsbruck: Studienverlag 2018.
- Geist versus Zeitgeist: Karl Kraus in der Ersten Republik. Wien: Metro 2018.
- (mit Wolfgang Straub) Bilderbuch-Heimkehr? Remigration im Kontext. Wuppertal: Arco 2017.
Aufsätze (Auswahl)
- (mit Bettina Balàka) „Zeitgemäßer wäre es ...“ Die Welten der Doris Brehm, in: Doris Brehm: Eine Frau zwischen gestern und morgen. Innsbruck / Wien: Haymon 2025, S. 273–302.
- Nachwort, in: Maria Leitner: Hotel Amerika. Stuttgart: Reclam 2024, S. 225–254.
- Autobiographische Auseinandersetzungen mit (jüdischem) Leben der (Wiener) Moderne, in: Grażyna Jurewicz / Marie Schröder (Hg.): Jüdische Leben erzählen. Berlin: Neofelis 2023, S. 131–154.
- Rückblicke auf den Verlust der Demokratie, in: Bernhard Hachleitner, Alfred Pfoser, Katharina Prager and Werner Michael Schwarz (Hg.): Die Zerstörung der Demokratie. Österreich, März 1933 bis Februar 1934. Wien/Salzburg: Residenz 2023, S. 306–311.
- Nachwort, in: Paul Zifferer: Die Kaiserstadt. Stuttgart: Reclam 2023, S. 365–388.
- (mit Johanna Gehmacher), Transnationale Leben – Formen, Begriffe und Zugriffe, in: Christian Klein (Hg.): Handbuch Biographie. Methoden, Traditionen, Theorien. 2. aktualisierte und erweiterte Auflage. Berlin: Metzler 2022, 123–132.
- Editing a Scholarly Persona in the New Field of Women’s History – Gerda Lerner’s Integrations and Taboos, in: Johanna Gehmacher / Kirsti Niskaanen / Katharina Prager: When Does the Genius do the Chores? Knowledge, Auto/Biography and Gender, Special Issue of the European Journal of Life Writing.
- (mit Anita Eichinger) We Are Needed More Than Ever: Cultural Heritage, Libraries and Archives, in: Hannes Werthner / Erich Prem / Edward A. Lee / Carlo Ghezzi (Hg.): Perspectives on Digital Humanism. Heidelberg: Springer 2022, S. 109–114.
- Salka Viertel und the Gendered Invisibility of Cultural Mediation, in: Susanne Korbel und Philipp Strobl (Hrsg.): Cultural Translation and Knowledge Transfer on Alternative Routes of Escape from Nazi Terror. New York / London: Routledge 2022, S. 66–82.
- Les Enfants Terribles – Ideen zu Sexualität und Geschlecht um Oskar Kokoschka, in: Régine Bonnefoit / Bernadette Reinhold (Hg.), Oskar Kokoschka – neue Einblicke und Perspektiven, Berlin: De Gruyter 2021, S. 206–243.
- Adelheid Popps (fest-)geschriebenes Leben, in: Adelheid Popp: Die Jugend einer Arbeiterin. Hrsg. v. Sibylle Hamann / Renner-Institut. Wien: Picus 2019, S. 15–32.
- Von Sisi, Reserl und Bertha. Brigitte Hamanns frühe Frauenbiografien, in: MERKUR. Deutsche Zeitschrift für Europäisches Denken, Heft 824, Januar 2018, 72. Jahrgang. Stuttgart: Klett-Cotta 2018, S. 61–67.
Auszeichnungen
- 2017: Jubiläumspreis des Böhlau Verlages Wien[14]
- 2016: Michael Mitterauer-Preis für Gesellschafts-, Kultur- und Wirtschaftsgeschichte
Weblinks
- Literatur von und über Katharina Prager im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Der Vorleser | Karl Kraus Online
- Rechtsakten Karl Kraus
- Website zu Katharina Prager
Einzelnachweise
- ↑ Katharina Prager. Abgerufen am 17. September 2025.
- ↑ Team der Wienbibliothek im Rathaus [1]
- ↑ The image of a very courageous woman .... das Leben der Drehbuchautorin und Emigrantin Salka Viertel in Hollywood. Dissertation Universität Wien. Wien 2005 (Bibliographischer Nachweis).
- ↑ Berthold Viertel (1885-1953). eine Biographie in Erinnerungsorten der österreichischen Moderne. Dissertation Universität Wien. Wien 2015 (Bibliographischer Nachweis).
- ↑ Beschreibung Böhlau: Berthold Viertel. Eine Biografie der Wiener Moderne [2]
- ↑ Universität Wien: Preisträger 2017 [3]
- ↑ Jubiläumspreis des Böhlau Verlages Wien 2017 [4]
- ↑ Neuorganisation und Digitalisierung des Kraus-Archivs [5]
- ↑ Rechtsakten Karl Kraus: Projektinformationen [6]
- ↑ Karl Kraus: Satire gegen Unwahrheiten aller Art. In: Wiener Vorlesungen. Abgerufen am 13. Januar 2026.
- ↑ »Ein Spiel, gesinnungslos wie die Liebe.« In: Sonderzahl. Abgerufen am 13. Januar 2026.
- ↑ Netzwerk Biographieforschung. Abgerufen am 13. Januar 2026.
- ↑ Haymon Her Story - Wiederentdeckte Literatur von Frauen. In: Haymon Verlag. 4. April 2025, abgerufen am 13. Januar 2026.
- ↑ Katharina Prager. Abgerufen am 13. Februar 2024.