Katalog der datierten Handschriften
Der Katalog der datierten Handschriften (französisch Catalogue des manuscrits datés) ist ein internationales Repertorium mittelalterlicher Handschriften in lateinischer Schrift, die eine Datierung, einen Schreibernamen oder einen Entstehungsort enthalten.
Hintergrund
Das Fach Schriftgeschichte (Paläografie) als Historische Hilfswissenschaft stand seit je vor dem Problem, dass den meisten Buchhandschriften des Mittelalters Angaben zu Zeit und Ort ihrer Herstellung fehlen. Auch benutzten die Forschenden seit je verschiedene Schriftbezeichnungen. Es fehlte eine allgemein anerkannte Norm, welche auch zur Beschreibung und Datierung undatierter Texte verwendbar war. An der École nationale des chartes in Paris reifte die Idee, datierte Handschriften zu katalogisieren und in Tafelwerken abzubilden. Man definierte datierte Handschriften als Texte, die mit Ort, Zeit oder Schreibernamen versehen sind, als Vergleichsmaterial für die Erforschung undatierter Texte.
Nach Vorarbeiten in den Seminaren von Charles Samaran (1879–1982) und seinem Nachfolger Robert Marichal (1904–1999), eminente französische Paläographen, Professoren an der École nationale des chartes in Paris, wurde ein Comité international de paléographie latine (CIPL) gegründet. Dieses veranstaltete dort 1953 das erste internationale Kolloquium zum Thema. Außer den französischen Veranstaltern nahmen aus den deutschsprachigen Ländern Bernhard Bischoff (1906–1991, München), Heinrich Fichtenau (1912–2000, Wien) und Albert Bruckner (1904–1985, Basel) teil.[1] Aus weiteren europäischen Ländern beteiligten sich: aus Belgien François Masai (1909–1979), aus Spanien José López de Toro (1897–1972), aus Großbritannien Theodore Cressy Skeat (1907–2003), aus Italien Franco Bartoloni († 1956), aus den Niederlanden Gerard Isaac Lieftinck (1902–1994) und aus dem Vatikan Giulio Battelli (1904–2005). Sie beschlossen die Publikation von nationalen Katalogen datierter Buchhandschriften vom Anfang des Mittelalters bis zum Jahr 1550 oder 1600. Die mit Abstand meisten erfassten Handschriften stammen aus der Zeit nach 1300. Als Datierung wurde auch die Nennung eines Schreibernamens oder eines Schreibortes akzeptiert. Von jeder dieser Handschriften sollte je eine Abbildung womöglich in Originalgrösse publiziert werden, um der Handschriftenforschung als Vergleichsbasis zu dienen.
Beispiel
Ein Beispiel einer sehr frühen datierten Handschrift, die im Katalog erfasst wird, ist Bern, Burgerbibliothek, Cod. 87. Es handelt sich um ein lateinisches Geometrie- und Landvermesser-Lehrbuch, das zwischen dem 13. und dem 26. Juni 1004 geschrieben worden ist. Der Schreiber Constantius, ein Priester des Sankt Peter-Klosters in Luxeuil in den Vogesen, notiert auf Blatt 17 verso in der Schlussschrift, im Kolophon, dass er die Arbeit innert 11 Tagen vollbracht habe; neben der Datierung enthält das Kolophon noch eine Verfluchung von eventuellen Bücherdieben.[2] Die Handschrift wurde daher in Band 2 des Schweizerischen Katalog der datierten Handschriften erfasst und beschrieben sowie mit einer Abbildung im Tafelband versehen.[3] Seither ist eine Beschreibung im Katalog der Burgerbibliothek erschienen, und die gesamte Handschrift wurde als digitales Faksimile auf e-codices veröffentlicht.[4][5]
Publikation der Bände
Frankreich ging voran: bereits 1959 erschien der erste Band des Catalogue des manuscrits datés. Bis 1983 publizierten 8 europäische Länder bereits 24 Bände, redigiert und bearbeitet von 20 Frauen und 21 Männern, jeweils finanziert von den Akademien und Institutionen der einzelnen Länder.[6] Im ganzen sind über 80 Bände erschienen in folgenden Ländern (Stand 2025):
- Belgien (Manuscrits datés conservés en Belgique): 6 Bände in 7 Teilen, 1968–1991
- Deutschland (Datierte Handschriften in Bibliotheken der Bundesrepublik Deutschland): 7 Bände, 1984–2011
- Frankreich (Catalogue des manuscrits en écriture latine portant des indications de date, de lieu ou de copiste): 7 Bände, je in 2 Teilen, 1959–1984; Fortsetzung: Manuscrits datés des bibliothèques de France, 2 Bände seit 2000
- Großbritannien (Catalogues of dated and datable manuscripts): 4 Bände in 7 Teilen, 1979–2003
- Italien (Catalogo dei manoscritti in scrittura latina datati o databili per indicazione di anno, di luogo o di copista): 2 Bände in 4 Teilen 1971–1982, bisher weitere 35 Bände einer Nuova serie sowie Ergänzungsbände
- Niederlande (Manuscrits datés conservés dans les Pays-Bas): 2 Bände in 4 Teilen, 1964–1988
- Österreich (Katalog der datierten Handschriften in lateinischer Schrift in Österreich): 8 Bände, je in 2 Teilen, 1969–1988; Neue Reihe mit bisher 13 Bänden
- Schweden (Katalog der datierten Handschriften in lateinischer Schrift vor 1600 in Schweden): 2 Bände, 1977–1980
- Schweiz (Katalog der datierten Handschriften in der Schweiz in lateinischer Schrift vom Anfang des Mittelalters bis 1550 / Catalogue des Manuscrits datés en Suisse en écriture latine du début du Moyen Age jusqu’en 1550): 3 Bände, je in 2 Teilen, 1977–1991
- Vatikan (I codici datati della Biblioteca apostolica Vaticana): bisher 2 Bände in 4 Teilen (1997–2007)
Vergleichbare Projekte
Daneben existieren ähnliche wissenschaftliche Unternehmen:
- die Publikation der Codices Latini Antiquiores von Elias Avery Lowe (1879–1969), welche in 12 Bänden Buchhandschriften bis zum Jahr 800 auf der Grundlage des Schriftenvergleichs dokumentieren und abbilden.
- die Chartae Latinae Antiquiores, begründet von Albert Bruckner, 1954–2018 in 114 Teilen erschienen, welche die Urkunden bis zum Hochmittelalter in Abbildungen publizieren.
- das Werk Colophons de manuscrits occidentaux des origines au XVIe siècle verzeichnet die eigentlichen Schreibernotizen (meist am Schluss eines Buchtextes), herausgegeben von den Benediktinern von Le Bouveret im Wallis in 6 Bänden und von 1965 bis 1982 publiziert, verzeichnend 23774 Kolophone mit Registern.
- Les manuscrits grecs datés des XIIIe et XIVe siècles conservés dans les bibliothèques publiques de France, 2 Bände, 1989.
Literatur
- Fanny Chassain-Pichon: Catalogue de manuscrits datés. In: Comité international de paléographie latine, 3. November 2020; doi:10.58079/mtu5.
- Klaus Graf: Datierte Handschriften – kaum etwas online In: Archivalia, 26. Januar 2019; doi:10.58079/c8rm.
- Les manuscrits datés, premier bilan et perspectives = Die datierten Handschriften, erste Bilanz und Perspektiven, congrès Neuchâtel 1983; rédacteurs Geneviève Grand u. a. (= Rubricae, 2); éditions CEMI, Paris 1985; ISBN 2-903680-03-5 (Enthält Geschichte des Unternehmens und Besprechung der erhaltenen über 250 internationalen Rezensionen.)
- Teresa De Robertis / Nicoletta Giovè Marchiolo (Hrsg.): Catalogazione, storia della scrittura, storia del libro i manoscritti datati d'Italia vent'anni dopo. Sismel, Florenz 2017; ISBN 978-88-8450-784-6. (Überblick zum Fortschritt der italienischen Kataloge, teilweise des Gesamtprojekts.)
- Matthias M. Tischler: Manuscrits datés des bibliothèques de France. 1: Cambrai, par Denis Muzerelle avec la collaboration de Geneviève Girand, Guy Lanoë, Monique Peyrafort-Huin, 2000. In: Francia 29,1, 2002, S. 339–342 doi:10.11588/FR.2002.1.62271 (Rezension des genannten Bandes und Anmerkungen zur Gesamtprojekt.)
Einzelnachweise
- ↑ Albert Bruckner: Der «Catalogue des manuscrits datés» in der Schweiz. In: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte. Band 21 (1971), Heft 1/2, S. 110–119 (doi:10.5169/seals-80657).
- ↑ Beschreibung der Handschrift siehe: https://www.e-codices.unifr.ch/de/description/bbb/0087/
- ↑ Katalog der datierten Handschriften in der Schweiz in lateinischer Schrift vom Anfang des Mittelalters bis 1550 = Catalogue des manuscrits datés en Suisse en écriture latine du début du Moyen Âge jusqu'en 1550, begründet von Albert Bruckner in Zusammenarbeit mit dem Comité International de Paléographie; Urs-Graf-Verlag, Dietikon-Zürich 1977–1991; 3 Teile in 6 Bänden (je Text- und Tafelband) nach Aufbewahrungsorten: Band 1: Aarau, Appenzell, Basel; Band 2: Bern-Porrentruy; Band 3: St. Gallen-Zürich; in Band 2 Nr. 28 und im Tafelband Abb. 14.
- ↑ https://ark.burgerbib.ch/ark:36599/4zmvf532f85.
- ↑ e-codices – Bern, Burgerbibliothek, Cod. 87: (Pseudo-)Boethius: Geometria; Excerpta Agrimensorum Romanorum (https://www.e-codices.unifr.ch/de/list/one/bbb/0087). Abgerufen am 30. Mai 2021.
- ↑ Beat von Scarpatetti in: Les manuscrits datés, premier bilan et perspectives = Die datierten Handschriften, erste Bilanz und Perspektiven, congrès Neuchâtel 1983; rédacteurs Geneviève Grand u. a.; éditions CEMI, Paris 1985; XXVI, 105 p.; (Rubricae, 2); ISBN 2-903680-03-5; hier bes. S. XXIII–XXIV.