Karl Würzburger

Karl Würzburger (geboren am 10. März 1891 in Bayreuth; gestorben am 10. November 1978 in Hausen am Albis) war ein deutscher Schriftsteller, Hörfunkjournalist und Kulturpolitiker.[1]

Frühes Leben

Würzburger entstammte einer liberalen jüdischen Familie.[2] Er war das dritte Kind des Bayreuther Arztes und Magistratsmitglieds Albert Würzburger (1856–1938) und dessen Ehefrau Amalie geb. Feldmann (1860–1931); seine Geschwister waren Emma (1887–1969), Otto (1888–1957) und Anna (1893–1938), sein Großvater der Gründer des Sanatoriums Herzoghöhe Simon Würzburger.[3] Er besuchte das Humanistische Gymnasium, wo er enge Freundschaft mit seinem Mitschüler Georg Merz schloss. Am 19. März 1904 wurde in der Bayreuther Synagoge seine Bar Mitzwa begangen, womit er religiös mündig und Vollmitglied der jüdischen Gemeinde wurde. Er engagierte sich aktiv in der Bündischen Jugend und stand in seinen letzten beiden Schuljahren an der Spitze der Bayreuther Ortsgruppe des Wandervogels.[4]

1910 begann er, dem väterlichen Wunsch gehorchend, ein Studium der Medizin, das er nach zwei Semestern mit dem Einverständnis seines Vaters abbrach. In den folgenden Jahren studierte der Philosophie sowie im Nebenfach Volkswirtschaftslehre und Kunstgeschichte. An den Universitäten Leipzig, Jena und Marburg zählten Wilhelm Wundt, Rudolf Eucken und Paul Natorp zu seinen Lehrern. Als Mitglied der Akademischen Vereinigung setzte sich Würzburger mit den Thesen des Rassenideologen und Antisemiten Arthur de Gobineau auseinander. Für seine Arbeit über Denken und Anschauung Immanuel Kants erhielt er am 27. Januar 1914 einen Preis der Philosophischen Fakultät der Universität Marburg zugesprochen.[4]

Noch während seines Studiums meldete er sich zu Beginn des Ersten Weltkriegs freiwillig zum Heer, wurde bei der Musterung wegen seines geringen Körpergewichts aber abgewiesen. Als er sich 1916 erneut meldete, wurde er als Soldat angenommen und rückte im Mai jenes Jahres beim 10. Feldartillerie-Regiment ein. Nach der Grundausbildung war er mehrere Monate lang an der Westfront im Fronteinsatz, danach schickte man ihn auf einen Funklehrgang in die Etappe. Eigenen Angaben zufolge habe er von „insgesamt 16 Frontmonaten an unmittelbaren Kriegsschrecken nur drei Tage Trommelfeuer in der Osterschlacht von Arras erlebt“.[4]

Nach dem Krieg kehrte er im Januar 1919 nach Marburg zurück und reichte im selben Jahr seine Doktorarbeit ein. Das Werk mit dem Titel Individualismus und Sozialismus. Abriß einer Grundlegung von Wirtschaft, Politik und Erziehung fand wärmsten Beifall seines Lehrers und maßgeblichen Vertreters der Marburger Schule des Neukantianismus Paul Natorp.[4][Anm. 1]

Einen Monat nach dem Rigorosum heiratete er 1920 seine evangelische Studienfreundin Emilie „Emy“ von Vogelsang (1888–1955). Den Vorschlag des evangelischen Geistlichen, ihn kurz vor der Trauung noch christlich zu taufen, lehnte Würzburger ab. Die Eheleute zogen nach Berlin, wo 1921 das einzige Kind des Paars, Renate, geboren wurde. Würzburger war immer wieder kurzfristig in unterschiedlichen Berufen tätig, so arbeitete er als Angestellter und Archivar in einer Bank und als Referent für staatsbürgerliche Bildung bei der Reichszentrale für Heimatdienst. Mit geringem Erfolg versuchte er sich in der Werbebranche mit dem Vertrieb von Reklame-Trickfilmen.[4]

Daneben begann er eine schriftstellerische Tätigkeit. 1921 schloss er sich dem Schutzverband deutscher Schriftsteller an, wo er mehrere Jahre Mitglied des Hauptvorstands war. Dort lernte er Persönlichkeiten wie Theodor Heuss, Arnold Zweig und Alfred Döblin kennen. 1926 veröffentlichte er sein erstes Buch, Pädagogik. Briefe über die Erziehung in Schule und Haus, das bereits nach vier Monaten ausverkauft war. Dieses Werk ließ den erst wenige Jahre alten Rundfunk auf ihn aufmerksam werden.[4]

Anfang 1927 übernahm Würzburger als Autor Vortragsreihen bei der Sendegesellschaft in Königsberg, der Funk-Stunde Berlin und beim Westdeutschen Rundfunk Köln. In jenem Jahr bot ihm der Rundfunksender Deutsche Welle an, eine Reihe von pädagogischen Vorträgen im Radio zu halten. Dies war der Beginn einer ersten dauerhaften Berufstätigkeit. Schnell zeigte sich, dass er ein Naturtalent im Umgang mit dem Mikrofon war. Er wusste das neue Massenmedium meisterhaft zu nutzen und konnte hervorragend Inhalte vermitteln. Im März 1928 wurde er Mitglied der Programmleitung der Deutschen Welle, im Monat darauf zudem Redakteur der Programmzeitschrift des Senders. 1929 wurde er zum Dozenten für Mikrophonie an der Rundfunkversuchsstelle der Staatlichen Hochschule für Musik in Berlin berufen.[5]

Selbst im Ausland erkannte man Würzburger als versierten Fachmann an. Bei aller Begeisterung erkannte er aber auch die Gefahren, die bei falscher Nutzung von dem neuen Medium ausgingen. Darum reklamierte er nachdrücklich den Rundfunk für die Volksbildung, wobei sein Bildungsbegriff – über historische und schöngeistige Darbietungen hinaus – von der Wirklichkeit der Sozialverhältnisse und des Arbeitslebens ausging. Auf dem Gebiet des Schulfunks leistete er Pionierarbeit.[4]

NS-Zeit

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten setzte Würzburgers Karriere ein abruptes Ende. Bereits im September 1932 war er auf Intervention eines preußischen Staatssekretärs entlassen worden, wogegen er sich vor dem Arbeitsgericht noch erfolgreich zur Wehr setzen konnte.[4] Im März 1933 verlor der Sozialdemokrat[2] durch das Berufsverbot für Juden endgültig seine Anstellung bei der Deutschen Welle und musste mit Frau und Tochter nach Bayreuth zurückkehren. Ohne eigenes Einkommen war er auf die Hilfe seines Vaters angewiesen. Im September jenes Jahres konnte er Kontakte zum Internationalen Institut für Mikrophonforschungen in Paris knüpfen. Es begann eine wissenschaftliche Kooperation, die einen Austausch mit dem Schweizer Rundfunk möglich machte. Mehrmals reiste er in der Folgezeit nach Paris und Basel und hielt als international anerkannter Rundfunkexperte wissenschaftliche Vorträge. Diese Vernetzung mit dem Ausland rettete ihm womöglich das Leben.[5]

In Bayreuth erlebte er die Missachtung vieler einstiger Bekannter, im August 1934 wurde er von fünf Männern zusammengeschlagen, die ihn als „Saujud“ beschimpften.[6] Am 21. Januar 1936 wurden den Bayreuther Juden die Reisepässe entzogen. Noch am selben Tag verfasste Würzburger ein Schreiben, in dem er um die Rückgabe seines Passes bat, da Auslandsreisen für das Überleben seiner Familie unentbehrlich seien. Die Arbeit in Deutschland war ihm ja nicht mehr erlaubt. Tatsächlich wurden ihm berufliche Reisen prinzipiell genehmigt, jedoch sollte er in jedem Einzelfall einen Nachweis liefern, dass die Reise unbedingt notwendig sei.[5] Am 28. März 1936 erhielt er Pass und Visum für die Dauer eines Aufenthalts in der Schweiz. Die Radio-Genossenschaft Basel hatte ihn zu einem Vortrag eingeladen und diesen in der Schweizer Radio-Zeitung an markanter Stelle angekündigt.[4]

Aus der Schweiz kehrte Würzburger nicht mehr in das nationalsozialistische Deutschland zurück. Er arbeitete dort beim Rundfunk und als Journalist, zudem verfasste er mehrere Bücher. Wegen der einengenden Auflagen der Landesbehörden konnte er seinen schriftstellerischen Ambitionen nur teilweise nachkommen; so durfte er zum Beispiel von 1941 an keine Rundfunkkritiken mehr schreiben, die bis dahin einen wesentlichen Teil seines Einkommens ausgemacht hatten.[2] Seine Aufenthaltsbewilligung war begrenzt und musste regelrecht „erkauft“ werden, in seinen Pass stanzte man ein „J“ für Jude ein. Ab 1938 musste er vor jedem Vortrag bei der Fremdenpolizei um Genehmigung nachsuchen. Ohne die ideelle und materielle Unterstützung treuer Freude hätte die Familie Würzburger die Emigrationsjahre kaum unbeschadet überstanden. Die Erfahrung der „Diskrepanz zwischen Polizei und Bürgerschaft, zwischen der Instituition und den Menschen außerhalb der Institution“ nannte er in seinen Erinnerungen „emigranteskes Grunderlebnis“.[4]

Im Rahmen der Weltausstellung konnte Würzburger 1937 einer Einladung nach Paris folgen und mit drei Referaten an der Internationalen Tagung für Radiofragen teilnehmen.[4] Sein Werk Der Angefochtene aus dem Jahr 1940 über den Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi verschaffte ihm beim Schweizer Publikum einen Namen. 1944 veröffentlichte er Erziehung nach dem Evangelium und 1945 den Roman Im Schatten des Lichtes, der Bezüge zu seiner eigenen Biografie aufweist.

Am 1. Advent 1936 trat zum er zum evangelischen Glauben über und ließ sich taufen. Seine Frau und seine Tochter siedelten 1938 bzw. 1937[4] dauerhaft in die Schweiz über. Auf der Suche nach dem Mann, der für den Tod seines Vaters Albert verantwortlich war,[Anm. 2] war Würzburger im Juni 1947 erstmals wieder in Bayreuth. Dort wohnte er der Verhandlung über die Entnazifizierung Winifred Wagners vor der Spruchkammer bei.[6]

Nachkriegszeit

Auf Einladung des Bayreuther Oberbürgermeisters Oscar Meyer kehrte Würzburger 1948 in seine Heimatstadt zurück. Er wurde zum Leiter des städtischen Kulturamts und der Volkshochschule berufen und legte entscheidende Grundsteine für das Wiederaufleben der Kultur. So begründete er das Internationale Jugendfestspieltreffen, den Stadtjugendring und die Fränkischen Festwochen. Ihm ist zu verdanken, dass das Markgräfliche Opernhaus nicht zum reinen Museum, sondern weiterhin bespielt wurde. Durch seine Kontakte in der Welt des Rundfunks gelang es ihm, eine Bezuschussung der ersten Nachkriegsfestspiele durch die ARD zu erwirken, ohne die eine Wiederbelebung der Richard-Wagner-Festspiele kaum möglich gewesen wäre. Zudem setzte er sich dafür ein, die Festspiele in der Hand der Familie Wagner zu belassen.

Ungeachtet der düsteren Vergangenheit der ehemaligen Gauhauptstadt Bayreuth hatte sich Würzburger für eine Rückkehr entschieden und seiner Heimatstadt große Dienste im Bereich der Kultur und der Bildung erwiesen.[5] Sein wissenschaftlicher Nachlass wird in der Universitätsbibliothek Bayreuth aufbewahrt.

Im Jahr 1958 ging Würzburger in den Ruhestand[6] und zog 1959 zur Familie seiner Tochter in die Schweiz. Er arbeitete wieder ausschließlich als Schriftsteller und war noch lange Jahre als ständiger Autor für den WDR, den SDR und den SFB tätig. Vier Monate vor der Vollendung seines siebenundachtzigsten Lebensjahrs starb er in Hausen am Albis im Kanton Zürich.[2] Die Urne mit seinen sterblichen Überresten wurde im Stadtfriedhof Bayreuth beigesetzt.

Werke

  • Pädagogik – Ein Jahresring Briefe über die Erziehung in Schule und Haus. Deutsche Buch-Gemeinchaft, Berlin 1926.
  • Er spricht / Du hörst. Fernschul-Verlag, Jena 1930.
  • Der Angefochtene. Zwingli, Zürich 1940.
  • Erziehung nach dem Evangelium. Zwingli, Zürich 1944.
  • Im Schatten des Lichtes. Pan-Verlag, Zürich 1945.
  • Ein Jud – was ist das? Notizen eines Betroffenen. 1974.

Hörspiele (Auswahl)

Quelle: ARD-Hörspieldatenbank

Anmerkungen

  1. Die Marburger Schule des Neukantianismus ist nicht identisch mit der Marburger Schule
  2. Gemeint ist der „arische“ Nachfolger seines Vaters in der Leitung des Sanatoriums Herzoghöhe

Einzelnachweise

  1. Erinnerungen an ein jüdisches Leben in: Nordbayerischer Kurier vom 9. Mai 2025, S. 12.
  2. a b c d Karl Würzburger bei rundfunkundgeschichte.de, abgerufen am 22. November 2025
  3. Die Ärztefamilie Würzburger und das Sanatorium Herzoghöhe bei bayreuth.de, abgerufen am 21. November 2025
  4. a b c d e f g h i j k l Rainer-Maria Kiel: Im Schatten des Lichtes (Nachwort). C. u. C. Rabenstein, Bayreuth 1997, ISBN 3-928683-15-2, S. 337 ff.
  5. a b c d Karl Würzburger und sein Einsatz für Kultur und Bildung in Bayreuth bei bayreuth.de, abgerufen am 21. November 2025
  6. a b c „Du Saujud!“ – über einen kleinen Mann, der ein großer Bayreuther war in bayreuther-tagblatt.de, abgerufen am 22. November 2025