Karl Bruhn (Unternehmer)

Karl Bruhn (* 1869 oder 1870 in Wittenburg; † tot aufgefunden 28. September 1933 in Swinemünde)[1] war ein deutscher Unternehmer im Pelzeinzelhandel. Er war der erste und zu seiner Zeit bekannteste Anbieter billiger Pelzkonfektion. Bruhn erregte mit seinen extrem niedrigpreisigen Pelzmänteln Aufsehen und wurde, wie ein Branchenmitglied meinte, „gewissermaßen vorbildlich für die Berliner Geschäfte“.[2] Im Jahr 1930 ging sein Unternehmen in die Insolvenz.

Allgemein

Als nach dem Ersten Weltkrieg die Wareneinfuhren wieder einsetzten, begann ein neuer Aufstieg der Pelzindustrie. Der Pelzmantel – „einst ein Luxusgegenstand der oberen Zehntausend“ – begann „Gegenstand des täglichen Bedarfs“ zu werden. Ohnehin hätte sich in der Zeit der Hyperinflation (1919–1924) eigentlich niemand einen Pelzmantel leisten können. Bereits im Winter 1921 hatte eine Kritikerin der Modezeitschrift „Elegante Welt“ kommentiert: „Selbst die reichste Kriegsgewinnlergattin kann sich nicht solche [lediglich pelzbesetzten] Prunkstücke kaufen, der Preis für einen edlen Pelz war auf eine Viertelmillion Mark gestiegen“.[3]

Der Pelzmantel verdrängte an Bedeutung langsam die in vielerlei Form getragenen kleineren Pelzaccessoires. Nie zuvor hatte der Pelzmantel in der Branche eine solche Rolle gespielt. Philipp Manes, der von den Nationalsozialisten ermordete Rauchwarenhändler und Chronist der Pelzbranche schrieb: „Seine Popularität förderte ein Mann, der wohl zu den eigenartigsten Persönlichkeiten unserer Branche gehörte“, Karl Bruhn.[4]

Persönliches

Karl Bruhn war in seiner Jugend im Haus Karstadt in Kiel tätig gewesen, dem damaligen Unternehmenssitz, wo er dem „eminent tüchtigen“ Inhaber zur Seite stand. Dieser nahm ihn regelmäßig zum Einkauf nach Berlin mit. Oft packten sie zuhause noch am Sonntag die Koffer aus und zeichneten die Ware aus, um gleich am Wochenanfang mit dem Verkauf beginnen zu können.

Philipp Manes schilderte Bruhn als einen höchst eigenwilligen Menschen, der keinen Widerspruch vertragen konnte und nur seine eigenen Ideen gelten ließ. Bruhn war der Ansicht, nur in einer Verkehrsstraße einen Laden aufzumachen, in unmittelbarer Nähe eines Warenhauses, wo die Menschenmassen hinströmen. Dieses Prinzip führte er konsequent durch.[4]

Karl Bruhn war verheiratet mit Rosa Bruhn geb. Jonas (1875–1933).[5] Er wurde sehr wohlhabend und ließ sich im Grunewald in der Trabener Straße 7 ein Haus bauen, „ein Palais mit fürstlicher Einrichtung“, das mit seinen Terrassen und Gartenanlagen „ein Juwel war“. Er besaß „zwei der schönsten Autos. Da er sich mit keinem Chauffeur vertragen konnte, fuhr er jeden Morgen mit einer Taxe ins Geschäft und ebenso heim, denn er war fast jede Nacht mit seiner Frau erst im Theater und dann ins Monopol oder Adlon“ (beides Hotels mit Gastronomie). Manes stellte fest, Bruhns Leben verschlang große Summen, mehr noch seine Beteiligung an Filmunternehmen, die alle fehlschlugen. Manes schrieb, „Sein Reichtum erzeugte bei ihm – der aus ganz kleinen Verhältnissen stammte – eine Art Größenwahn“. Er beteiligte sich an allen möglichen Unternehmen, „wer ihm schmeichelte und ihn zu nehmen verstand, konnte von ihm alles haben“. Wilhelm Warschauer, früher Reisender der Modefirma Strelitz & Soldin, erhielt von ihm 300.000 Mark zur Eröffnung eines Pelzkonfektionsgeschäfts: „Die Etage mit ihrem Vorführraum war eine Sehenswürdigkeit, gezeigt wurden sechs Kaninmäntel.“ Warschauer erkrankte nach kurzer Tätigkeit an Leukämie, die Firma musste liquidiert werden und Bruhn verlor sein ganzes Geld.[4]

In einer Fachzeitschrift hieß es 1934 rückblickend in einer Abhandlung über die Pelzgeschäfte auf der Leipziger und Friedrichstraße: „Selbst der geschäftstüchtige und vielseitige Karl Bruhn geriet in Konkurs. und nahm ein in der Geschichte unserer Branche ein wohl einzig dastehendes Ende. Er warf sich mit seiner Ehefrau [„mit Stricken zusammengebunden“[4]] in die Fluten der Ostsee, nachdem von seinem Riesenvermögen nichts übrig geblieben war“.[2]

Die Unternehmen

Karl Bruhn übersiedelte nach Berlin und eröffnete unter dem Namen Monopol-Haus auf der Etage in der Leipziger Straße 29, gegenüber dem Kaufhaus Tietz, ein Pelz-, Putz- und Modegeschäft.[6][7] Das Gebäude an der Ecke zur Friedrichstraße war 1908/09 für Moritz Mädler, Lederwaren im sachlichen Jugendstil erbaut worden. Im Erdgeschoss befand sich von 1911 bis 1943 unter anderem eine Filiale des Schuhhauses Stiller, in neuer Zeit das Bekleidungshaus Tandem & Transit.[4][8] Die Pelzwaren bezog er ausschließlich von dem ungarischen, „sehr tüchtigen Fachmann“, Heinrich Rado.[9][4]

Durch einen Einbruch verlor er alles und musste diesen Laden aufgeben. Er eröffnete neu auf der Leipziger Straße, zwischen Friedrichstraße und Mauerstraße, gegenüber dem Restaurant Kempinski. Er verdiente dort ein Vermögen, ebenso wie später sein Nachfolger Schönberger, der erst Federn und dann Pelze verkaufte.[4]

Mit der Anmietung des „teuersten Ladens Berlins“, im Eckhaus Leipziger Straße und Friedrichstraße, riskierte er viel, „sein größter Kummer war, dass er nie die Ecke selbst bekommen konnte“. In zwei breiten Fenstern zeigte er die Pelzwaren, „und von dort aus begann der Siegeszug des billigen Pelzmantels in Deutschland“. Seine Schaufenster mit den lockenden Preisen waren berühmt, „seine Kaninmäntel für 150,- Mark gingen weg wie warme Semmeln“. Die Zwischenmeister und kleine Fabrikanten belieferten ihn gern. Er hatte zwar niedrigste Preisvorstellungen, die er in gleicher Höhe beständig beibehielt, bei bescheidenem Nutzen erhielten die Produzenten jedoch sofort ihr Geld.[4]

Bald ließ er selbst produzieren. Er fuhr zum Pelzhandelszentrum Leipziger Brühl und kaufte dort in großen Stückzahlen ein und ließ sie von Berliner Zwischenmeistern verarbeiten. Auch hier kam ihm bei den Preisverhandlungen seine Sofortzahlungen zugute. Seide und Zutaten bezog er direkt vom Fabrikanten. Seine meist langjährig bei ihm beschäftigten Verkäuferinnen erhielten auf jeden Verkauf Provision, „selten, dass ihnen ein Kunde entging, wer er einmal drin im Laden war, musste kaufen“. War es auch Massenware, so entsprach sie doch dem Kundengeschmack, der jetzt Mäntel haben wollte. In der Brache gab es zeitweilig ein Problem mit sehr attraktiven und trotzdem billigen Gazellenpelzen. Bruhn setzte die durch ihr glasartiges Haar wenig tragfähigen Gazellenmäntel zu Hunderten ab, „es machte ihm nichts aus, wenn nach drei Tagen ein Stück davon zurückgebracht wurde, weil es zu viel Haare gelassen hatte“.[4]

Nach fachlicher Einschätzung lief das Geschäft immer glänzend, reichte nur zum Schluss nicht mehr für die gesteigerten Ausgaben. Als er schließlich den Grundbesitz abstoßen wollte, fand sich für das Millionenobjekt kein Käufer. Auch alle anderen Versuche sich zu sanieren schlugen fehl und er musste sich 1930, einem Krisenjahr nicht nur der Pelzbranche, für zahlungsunfähig erklären. Sein Name steht an letzter Stelle einer Auflistung der 37 deutschen Pelzfirmen, die in jenem Jahr insolvent wurden,[4][10] das Ladenlokal stand 1941 immer noch leer. Die Zahlungseinstellungen der Firma beendete auch die dreißigjährige Zusammenarbeit der Inhaber der Berliner Pelzkonfektionsfirma Freystadt & Westmann, die nach einem Vergleich mit ihren Gläubigern ihr Unternehmen auflösten.[11]

Commons: Karl Bruhn – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. Sterbeurkunde Nr. 228 vom 29. September 1933, Standesamt Swinemünde, Kreis-Usedom-Wollin. In: ancestry.de (kostenpflichtig). Abgerufen am 6. Oktober 2025.
  2. a b Ohm: Aus der Reichhauptstadt. In: Deutsche Kürschner-Zeitschrift Nr. 10, 5. April 1934, Verlag Arthur Heber & Co., Berlin, S. 283–289.
  3. Uwe Westphal: Berliner Konfektion und Mode, 1936–1939, Die Zerstörung einer Tradition. Edition Hentrich Berlin, 1986, S. 74, ISBN 3-926175-04-4.
  4. a b c d e f g h i j Philipp Manes: Die deutsche Pelzindustrie und ihre Verbände 1900-1940, Versuch einer Geschichte. Band 1, Berlin 1940. Durchschrift des Originalmanuskripts, S. 147–150 (Kollektion G. & C. Franke).
  5. Sterbeurkunde Nr. 229 vom 29. September 1933, Standesamt Swinemünde, Kreis Usedom-Wollin. In: ancestry.de (kostenpflichtig). Abgerufen am 6. Oktober 2025.
  6. Archivale. Herrenausstatter am Kurfürstendamm 13 Hans Wincenty: Monopol-Haus Inh. Karl Bruhn; Pelz-, Putz- und Modewaren Deutsche Digitale Bibliothek. Abgerufen am 27. April 2025.
  7. Berliner Adreßbuch, Ausgabe 1925, S. 376 (privat, Trabener Straße 7), S. 517 (Firma). Abgerufen am 28. September 2025
  8. Martin Mende: Leipziger Straße. Die „prachtvollste ihrer Straßen“ - Berlins Leipziger Straße. Ein Spaziergang. Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins, Januar 2015. Abgerufen am 25. September 2025.
  9. Rado Pelzwaren-Fabrik, Dateien auf wikimedia.commons
  10. Philipp Manes: Die deutsche Pelzindustrie und ihre Verbände 1900-1940, Versuch einer Geschichte. Band 3, Berlin 1941. Durchschrift des Originalmanuskripts, S. 30 (→ Inhaltsverzeichnis).
  11. Philipp Manes: Die deutsche Pelzindustrie und ihre Verbände 1900-1940, Versuch einer Geschichte. Band 4, Berlin 1940. Durchschrift des Originalmanuskripts, S. 114–115, 148 (→ Inhaltsverzeichnis).