Karel Švenk

Karel Švenk, gebürtig Karel Schwenk (* 17. März 1917 1 in Prag, Österreich-Ungarn; † 1. April 1945 bei Karlsberg[1]) war ein tschechischer Komiker und Kabarettist. Er gehörte politisch dem linken Spektrum an und war als Autor, Komponist, Regisseur und Schauspieler aktiv und nahm bei der Gestaltung des kulturellen Lebens im Ghetto Theresienstadt eine führende Rolle ein.

Leben

Švenk war eines von fünf Kindern des Schneidermeisters Rudolf Schwenk und dessen Frau Klara Schwenk (geborene Koralek) und hatte drei Schwestern und einen Bruder. Von seiner Familie überlebte lediglich eine Schwester den Holocaust. Seine Eltern staben in Auschwitz.[2] Er war ein talentierter Musiker und Schriftsteller und gehörte zu den Begründern des Avantgarde-Theaters. Bereits in den 1930er Jahren trat er als Pianist im Klub der verlorenen Talente (tschechisch Klub zapadlých talentů) auf oder hatte bei Auftritten auf politischen Veranstaltungen Bühnenerfahrungen gesammelt. Er komponierte Lieder und schrieb die Texte dazu oder eigenständige Gedichte, Sketche und Episoden und führte aus Regie. Zum Ende der Unabhängigkeit des tschechoslowakischen Staatsverbandes und zu Beginn des Zweiten Weltkriegs war er in Prag und in der tschechischen Provinz ein gefeierter Komiker.

Švenk wurde im November 1941 mit dem ersten Transport nach Theresienstadt deportiert, wo er auch Komponisten Rafael Schächter traf. Im Ghetto Theresienstadt gehörten sie zu den führenden Persönlichkeiten. Gemeinsam realisierten sie seit 1942 Kabarettprogramme mit Musik für die sogenannten „Kameradschaftsabende“, die sich an der Lagerrealität orientierten. Švenk war zudem der Autor des „Theresienstädter Marsches“,[3] der, ähnlich wie das Dachau-Lied Arbeit macht frei von Jura Soyfer und Herbert Zipper, zur „inoffiziellen Lagerhymne“ wurde, mit der er unter den Mithäftlingen berühmt wurde. Im Herbst 1942 wurde die Pseudodokumentation Theresienstadt 1942 aufgeführt, in der er neben dem Puppenspieler Otto Neumann und der Tänzerin Kamila Rosenbaumová vor der Kamera stand. Švenks satirische, antinazistische Kabarettrevue Der letzte Radfahrer wurde bereits nach der Kostümprobe von der Lagerleitung zensiert und kam dort nicht zur Aufführung.

Zu seinen letzten Rollen als Darsteller zählte sein Auftritt als Diener Vespone in der Premiere der Oper La serva padrona des italienischen Komponisten Giovanni Battista Pergolesi, in der Karel Berman die Regie führte. Rafael Schächter begleitete die Aufführung am Klavier und Hans Krása am Cembalo. Weitere Rollen übernahmen die Sopranistin Marion Podolier (1906–1976)[4] und der Sänger Bedřich Wolfgang Borges (1909–1993). Karel Berman schrieb dazu in seinen später verfassten Memoiren:

„Es war die letzte Premiere, die ich gemeinsam mit Frantisek Zelenka vorbereitete […] nach drei Aufführungen wurde unser Ensemble liquidiert.“[5]

Anfang Oktober 1944 wurde Švenk nach Auschwitz deportiert und kam einem Monat später in eine Fabrik nach Meuselwitz bei Leipzig. Dort litt er unter der schweren körperlichen Arbeit und der mangelhaften Ernährung. Das Lager wurde im April 1945 aufgrund der heranrückenden Alliierten evakuiert. Švenk wurde in einen Deportationszug mit dem Zielort Mauthausen Mauthausen in einen Viehwaggon gesteckt und starb während der Fahrt dorthin. Er soll von Mitgefangenen bei Karlsberg neben den Bahngleisen beigesetzt worden sein.[6]

Werke (Auswahl)

  • 1942: Ztratila se menážkarta (‚Die verlorene Essensmarke‘)
    • Das Lied Všechno jde (‚Alles geht‘) entwickelte sich als „Theresienstädter Marsch“ zur inoffiziellen Lagerhymne und wurde auch ins Deutsche übersetzt.
  • 1943: Revue Ať žije život (‚Es lebe das Leben‘), in der er auch selbst auftrat.
  • Všechno jde aneb Totéž, ale jinak (‚Alles geht oder Dasselbe in Grün‘)
  • 1944: Poslední cyklista aneb Bořivoj a Mánička (‚Der letzte Radfahrer oder Bořivoj und Mánička‘)
  • Arrangement der Musik für die Kinderoper Broučci (‚Glühwürmchen‘) nach Buch von Jan Karafiát. Er begleitete die Aufführung am Klavier.

Der letzte Radfahrer

Das Stück Der letzte Radfahrer (tschechisch Poslední cyklista), ein Stück über „die Radfahrer, die die Schuld an allem tragen“, entstand in Theresienstadt wurde jedoch nach der Generalprobe durch den Jüdischen Ältestenrat wegen seines zu deutlichen antinazistischen Inhalts verboten.

Das Stück handelt von einem Diktator, der die Radfahrer für alle Probleme seines Landes verantwortlich macht. Er verbannt alle, die nicht beweisen können, dass ihre Vorfahren seit mindestens sechs Generationen zu Fuß unterwegs waren. Als ein unerschrockener Radfahrer rebelliert, wird in einen Käfig gesperrt, und von der Bevölkerung verspottet.[7]

  • Nach notwendigen Bearbeitungen wurde es 1961 im Theater Rokoko in Prag uraufgeführt und gehörte über ein Jahr lang zum dortigen Repertoire.[8]
  • In den frühen 2000er Jahren rekonstruierte die Dramatikerin Naomi Patz das Stück, das auf unterschiedlichen Bühnen in den Vereinigten Staaten aufgeführt wurde.[9]

Film

Literatur

  • Schwenk (Švenk), Karel. In: Terezin = Terezín. Council of Jewish communities in the Czech lands, Prag 1965, S. 324 (englisch, Textarchiv – Internet Archive – Leseprobe).
  • Joža Karas: The Light Muse in Terezín. In: Music in Terezín 1941–1945. Beaufort Books, New York 1985, ISBN 0-8253-0287-0, S. 143–156, hier 143–146 (englisch, Textarchiv – Internet Archive – Leseprobe, mit Foto auf S. 142).
  • Kay Weniger: Zwischen Bühne und Baracke. Lexikon der verfolgten Theater-, Film- und Musikkünstler 1933 bis 1945. Mit einem Geleitwort von Paul Spiegel. Metropol, Berlin 2008, ISBN 978-3-938690-10-9, S. 334.
  • Brigitte E. Jirku: Diese Tage in Terezín – an den Grenzen des ‚Darstellbaren’. In: Christine Meyer, Anna Gvelesiani (Hrsg.): Postmemory und die Transformation der deutschen Erinnerungskultur (= Medien und kulturelle Erinnerung. Band 11). De Gruyter Brill, Berlin 2024, ISBN 978-3-11-078378-0, doi:10.1515/9783110783803-009.
Commons: Karel Švenk – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Kay Weniger: Zwischen Bühne und Baracke. S. 334. „bei Karlsberg, bei einem Transport von Meuselwitz nach Mauthausen“
  2. The Last Cyclist – Part 1 rickontheater.blogspot.com.
  3. Sarah Nathan-Davis: Theresienstadt:. In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart : allgemeine Enzyklopädie der Musik. Sachteil 9: Sy–Z. Bärenreiter, Kassel / New York 1994, ISBN 3-7618-1128-4, 1. Theresienstadt und das nationalsozıalistische Lagersystem. – II. Musik in den Lagern und in Theresienstadt. – III. Kompositorische Rezeption, Sp. 562–572, hier Sp. 570 (Textarchiv – Internet Archive – Leseprobe, übersetzt von Friedrich Geiger).
  4. Podolier, Marion ghetto-theresienstadt.de.
  5. Hannelore Brenner-Wonschick, Loes Dillen: Die Mädchen von Zimmer 28: Freundschaft, Hoffnung und Überleben in Theresienstadt. Droemer, Antwerpen 2005, ISBN 3-426-27331-4, S. 298 (Textarchiv – Internet Archive – Leseprobe, Teilübersetzung ins Niederländische: eine Untersuchung über das „Vorzeige-Ghetto“ Theresienstadt).
  6. E. Offenthaler: Švenk (Schwenk), Karel (Karl) (1917–1945), Kabarettist, Schauspieler und Komponist. In: Österreichisches Biographisches Lexikon und biographische Dokumentation. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2003, ISBN 978-3-7001-3213-4, doi:10.1553/0x0031ae11.
  7. Madeleine Albright, Bill Woodward: Prague winter : a personal story of remembrance and war, 1937–1948. Harper, New York 2012, ISBN 978-0-06-203031-3, S. 268 (englisch, Textarchiv – Internet Archive – Leseprobe).
  8. Schwenk (Švenk), Karel. In: Terezin = Terezín. Council of Jewish communities in the Czech lands, Prag 1965, S. 324 (englisch, Textarchiv – Internet Archive – Leseprobe).
  9. The Last Cyclist thelastcyclist.com (englisch).

Anmerkungen

1 
oftmals wird 1907 als Geburtsjahr angegeben