Kalvarienberg (Hermann tom Ring)
| Kalvarienberg |
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| Hermann tom Ring, zw. 1550 und 1155 |
| Öl auf Eiche |
| 170,0 × 211,0 cm |
| LWL Museum für Kunst und Kultur, Münster |
Mit Kalvarienberg wird ein von Hermann tom Ring um 1550 geschaffenes Altarwerk im ikonografischen Topos einer Kreuzigungsgruppe bezeichnet. Das 1,70 × 2,11 Meter große Bild entstand vermutlich Anfang der 1550er Jahre. Es befindet sich im Besitz des LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster. Nach einer Restaurierung ist es im letzten Raum der noch zur Mittelaltersammlung zugerechnet werden kann, der aber bereits Werke enthält, die nach und als Ersatz für den durch den Bildersturm der Täufer in Münster zerstörten Kunstwerke entstanden, ausgestellt. Es war wohl Teil eines Altarretabels. Wenn so, dann fehlen die die beiden Seitentafeln. Also mindestens zwei, wenn es sich um einen verschließbaren Wandelaltar handelte, vier Bilder. Das Werk ist signiert auf der Grabplatte mit dem Monogramm Hermanns.
Bildbeschreibung
Aufbau
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Sektoren
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Hauptdiagonalen
Das Bild ist zentralperspektivisch auf den gekreuzigten Jesus ausgerichtet. Er steht mit seinem Körper auf der Bildmitte und seine in der Kreuzigung gestreckten Arme lassen ihn als Erlöser erscheinen. Die Kreuze der beiden Schächer sind nach außen gedreht, was eine erste Rahmung darstellt. Die gesamte Handlung (vor, während und nach) der Kreuzigung findet in der unteren Bildhälfte statt. Hier lenken wieder Diagonalen auf Christus hin. Links der Blick von der Johannes/Mariengruppe über das Pferd des Longinus und seinen Speer. Diese Blickrichtung wird verstärkt durch den Blick der Frau an der linken Bildhälfte, den Blick des Johannes und den Blick des Mannes, links unter dem Kreuz. Rechts die Leiter mit dem Knecht, verstärkt durch Stephaton, mit seiner eindeutigen Zeigegeste. Diese wird wiederum verstärkt durch die Gesten zweier Männer hin zu Jesus am Kreuz. Der Blick von vorne auf das Kreuz ist frei. Auch hier wird der Blick von vorne/unten über die Arma Christi, Maria Magdalena mit nach oben gerichtetem Blick (auch hier verstärkt der Blick des Mannes unter dem Kreuz diese Blickrichtung) auf Christus hin gelenkt. Die Szenen vor und nach der Kreuzigung verleihen dem Bild weitere Tiefe, da sowohl die Stadtansicht, links, als auch die Naturansicht rechts, in der sich die Grabhöhle befindet, den Blick in die Landschaft hinten lenken, was dem Bild weitere Tiefe gibt.
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Diagonale 1
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Diagonale 2
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Goldene_Spirale, rechts
Die verschiedenen Figuren und Bildelemente in Hermann tom Rings Komposition schmiegen sich perfekt an alle Hilfslinien an, die zur optimalen Bildkomposition genutzt werden.
Dargestellte Personen, Gegenstände und Szenen.
Das Gemälde ist nicht nur eine Momentaufnahme, sondern zeigt die Abfolge der Kreuzigung wie sie im Markusevangelium (15,20b–47 ) dargestellt wird.
So sind die Szenen, die sich vor der Kreuzigung zugetragen haben, die Kreuztragung und die Grablegung etwas kleiner, im Hintergrund dargestellt.
Links eine Stadtansicht. Man sieht das Volk aus einem Tor einer beeindruckenden befestigten Stadt strömen. Man sieht Jesus mit dem Kreuz und die beiden Schächer, die ihn gefesselt begleiten. Das Volk verspottet ihn und Simon von Kyrene wird gezwungen ihm beim Kreuztragen zu helfen.(15,21 ) Die Architektur, insbesondere die des an die Befestigungsbauten angebauten Fachwerkbaus mit Backsteinauffachung und der Giebel hinter den Mauern, sind mit spätmittelalterlichen Bauten im Münsterland vergleichbar, ohne konkrete Beispiele darzustellen.[1]
Die Grablegung (15,42–47 ) ist eingebettet in eine bewaldete Felsszenerie, die sich von rechts in die offene Landschaft öffnet. Diese Landschaft ist noch hell, aber von oben setzt bereits die Verdunkelung des Himmels ein.(15,33 ) Über dem Grabeingang befindet sich ein Relief der Erzählung von Jonas und dem Wal. Dies wurde als alttestamentarische Präfiguration auf die Auferstehung Christi gesehen.
Eine weitere solche Präfiguration ist die Eherne Schlange. Hinter den Kreuzen über einer Art Bogenkonstruktion unter der das Volk aus der Stadt zum Kreuz schreitet, ist, einem monumentalen Kalvarienberg gleichend, eine Figurengruppe abgebildet. In der Mitte ein kreuzähnliche Konstruktion mit der aufgehängten Schlange, flankiert von Moses, mit den Gesetzestafeln und Aaron mit Mitra, als Symbol des Priesteramtes. Zu ihren Füßen, die geschwächten Israeliten, die durch die Schlange geheilt werden sollen.
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Kreuztragung
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Eherne Schlange
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Grablegung
Die Kreuze sind, für Hermann tom Ring typisch, am Boden als aus dem Boden wachsende Baumstämme dargestellt, die erst im oberen Bereich die typisch gezimmerte Kreuzform ausbilden. Die Gekreuzigten sind nackt, mit einem Lendenschutz bekleidet. Sie sind bezeichnet mit Iesus Nazarenus [Rex Judacorum], Dismas, zu Jesus' Rechten und Gestas zu seiner Linken. Am Fuß des Kreuzes sitzt Maria Magdalena das Kreuz umklammernd. Vor ihr sind Teile der Arma Christi, der mit saurem Wein getränkte Stock und die dazugehörige Zinnkanne, im Korb sind Bohrer, Hammer, Zange und Würfel, und Jesus' Kleidung.(15,23–28 )
Der Stock mit dem Essigschwamm leitet schon zu den detaillierten Szenen über. Es handelt sich um in der Bibel beschriebene Szenen, die aber auch in späteren Heiligenlegenden, wie der Legenda aurea weiter ausgeschmückt wurden und so den handelnden Personen Namen zuordneten und sie als Heilige besonders hervorhob. Was die entsprechende prominente Darstellung auf solchen Andachtsbildern erklärt. So erhält die Person mit dem Essigschwamm den Namen Stephaton. Dieser steht, in hellem Gewand, am Fuß der Leiter auf dem der Knecht steht, der mit einer Keule die Gliedmaßen von Jesus brechen soll.(27,48 ) Mit ihm korrespondiert auf der linken Seite der Soldat, der Jesus in die Seite stach, um zu attestieren, dass dieser tot sei, damit ihm nicht, wie den beiden Schächern die Beine gebrochen werde.(19,32-36 ) Die spätere Legende macht ihn zum Centurio Longinus. Dieser war blind, aber die Wundflüssigkeit machte ihn sehend und er wurde zu einem Glaubenszeugen. Entsprechend ist er hier auf einem Pferd dargestellt. Wegen seiner Blindheit wird er assistiert von einem geharnischten Soldaten, der ihm den Speer führt, um ihn in Jesus' Seite zu stechen.
Alle vier Evangelien erzählen von den Frauen, die Jesus gefolgt waren und bei der Kreuzigung anwesend waren. Hermann stellt sie im linken, vorderen Bereich dar.(27,55-56 ), (15,40–41 ), (23,49 ) Unter besonderem Bezug auf das Johannes Evangelium als Dreiergruppe mit Maria, Johannes und Maria Kleophae. Die dort ebenfalls erwähnte Maria Magdalena befindet sich unter dem Kreuz. (19,25-27 ) Eine weitere Frau steht einzeln, am linken Bildrand.
Am rechten vorderen Rand ist Hauptmann dargestellt, der erkannte, dass der Gekreuzigte Gottes Sohn ist und das gegenüber den Umstehenden bezeugt. (27,54 ), (15,39 ), (23,47 ) Laut Robert Nissen handelt es sich um ein Selbstbildnis Hermanns.[2]
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Der Hauptmann, der erkennt, dass Jesus Gottes Sohn ist. (Matth. 34,54; Mark 15,35; Luk. 23,47)
Material und Zustand
Das Gemälde ist aus 7 Eichenholzbrettern zusammengesetzt. Diese wurden dendrochronologisch untersucht. Die Bretter IV-VII stammen von einem Baum. Als Herkunftsort ist Westdeutschland angegeben. Das früheste Fälldatum ist 1530, wobei das rekonstruiert ist, da bei Gemäldetafeln das Splintholz vom Kernholz getrennt wird. Der jüngste Jahresring ist bei Brett VII auf 1460 datiert, bei Brett I auf 1523.[3]
Hermann wendet die damals üblichen Techniken der Tafelmalerei an. Die verleimten Holzbretter wurden mit einem weißen Malgrund versehen. Auf diesen wurde mit einem Reißstift unter Zuhilfenahme von Reißschiene, Winkel und Stechzirkel der Bildraum in Zentralperspektive vorgezeichnet. Darauf wurden vorgefertigte Entwürfe mit einer Lochpause aufgetragen. Das heißt die Zeichnung mit der Vorlage wird mit feinen Nadeln durchlöchert, diese aufgelegt und mit feiner gemahlener Holzkohle bestäubt. Hier wurden oft Vorlagen aus Kupferstichen übernommen, was auch erklärt, weshalb einige der Figuren nicht perspektivisch ins Bild eingebunden sind. Geräte, wie Stangen und Lanzen werden zu diesem Zeitpunkt mit Lineal oder freihändig auf dem Untergrund skizziert.
Die Maltechnik Hermanns ist die Primamalerei, also dass die gewünschte Farbe direkt aufgetragen wird. Bei auf Distanz zu betrachtenden Gemälden kommen Flach- und Rundpinsel zum Einsatz. Aber bei ihm werden durch Retouchen weitere Akzente und Schattierungen gesetzt.[4]
Das Werk war sehr stark abgerieben, so dass teilweise die Untermalung durchschien. Besser erhalten war die Kreuztragung, sowie der Mann an der Leiter und der Gute Hauptmann. Die Baumgruppen im Hintergrund waren fast ganz abgerieben. Kleine Fehlstellen waren über die ganze Tafel verstreut. Die einzelnen Bretter waren verzogen, so dass sich an den Stoßkanten Lücken bildeten.
Einordnung in das Werk Hermann tom Rings
Von Hermann tom Ring sind vornehmlich Porträts und religiöse Bilder erhalten. Ilja M. Veltman weist darauf hin, dass er als Sohn eines Malers dessen Werk größtenteils durch den Bildersturm der Münsteraner Täufer zerstört worden ist, ein besonderes Ziel verfolgte, die Kirchen seiner Heimatstadt mit Altarwerken, Gedenktafeln und anderen Kunstwerken auszustatten.[5] Zwischen den Künstlern in Westfalen und den Niederlanden bestand ein reger Austausch und Veltman geht von einer Gesellenreise in die Niederlande, nach einer ersten Ausbildung bei seinem Vater, zwischen 1538 und 1542 aus.
Westfälische Maler orientierten sich zu dieser Zeit an ihren niederländischen Kollegen aus den nördlichen und südlichen Niederlanden, die laut Veldmann eine reichere Maltradition hatten. Mit dem Niederdeutschen hatte man damals, mit den östlichen Niederlanden eine gemeinsame Sprache, die auch in den restlichen Niederlanden verstanden wurde.[6]
Veldman weist insbesondere auf die Verwendung von Typologien (Präfigurationen) in Hermanns Werken hin, für die es für diesen Zeitraum, in den Niederlanden noch viele Beispiele gab. Aertgen van Leydens Triptychon mit der Kreuzigung (Kunstsammlung, Gemäldegalerie, Kassel, Stand 1996) könnte als Anregung für Hermann gedient haben. Sowohl was die Komposition der Kreuzigungsszene angeht, als auch für die Verwendung von Typologien. Der von hinten gesehene Mann auf dem Schimmel mit dem Speer, die Gruppe mit Johannes und Maria und der Hauptmann und Stephaton,allekompositorisch an derselben Stelle und doch ein gänzlich eigenständiges Werk.[7]
Für Veldman ist der Kalvarienberg in seinem Ausmaß und seiner Vielfigürlichkeit, die interessanteste Version dieses Themas in Hermanns Werk. Sie hebt die monochrome Farbgebung in rot und braun hervor, sowie die dramatische Beleuchtung.[8]
Provenienz
Der Auftraggeber, der Aufstellungsort und die Aufstellungssituation, also in welchem Zusammenhang diese Altartafeln zu etwaigen Seitentafeln stand, ist nicht bekannt. Erster bekannter neuzeitlicher Besitzer war Franz Thelen. Von wem dieser das Werk erstand und wo es sich zwischen seiner Aufstellung, der Säkularisation, in der viel kirchliche Kunst in die Hände privater Sammler gelangte und wann Thelen es erwarb, ist nicht bekannt. 1851 verkaufte er es an Caspar von und zur Mühlen. Von der Familie von und zur Mühlen, Bösensell erwarb das Museum das Gemälde.
Literatur
- Peter Klein: Dendrochonologische Untersuchungen an Gemäldetafeln der Malerfamilie tom Ring. In: Angelika Lorenz (Hrsg.): die Maler tom Ring. Band I. Bonifatius Druck Buch Verlag, Paderborn 1996, ISBN 3-88789-122-8, S. 212–215.
- Eleonore Roskamp-Klein: Licht und Schatten. In: Angelika Lorenz (Hrsg.): die Maler tom Ring. Band II. Bonifatius Druck Buch Verlag, Paderborn 1996, ISBN 3-88789-122-8, S. 172–187.
- Ilja M.Veldmann: Die religiösen Bilder des Hermann tom Ring und seine Beziehung zur niederländischen Kunst. In: Angelika Lorenz (Hrsg.): die Maler tom Ring. Band I. Bonifatius Druck Buch Verlag, Paderborn 1996, ISBN 3-88789-122-8, S. 48–75.
- Ilja M.Veldmann: Kalvarienberg. In: Angelika Lorenz (Hrsg.): die Maler tom Ring. Band II. Bonifatius Druck Buch Verlag, Paderborn 1996, ISBN 3-88789-122-8, S. 318–319.
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Ulrich Grossmann: Die Maler tom Ring und die Architektur. In: Angelika Lorenz (Hrsg.): die Maler tom Ring. Band I. Bonifatius Druck Buch Verlag, Paderborn 1996, ISBN 3-88789-122-8, S. 168.
- ↑ Rober Nissen: Über einige Selbst- und Familienbildnisse der tom Ring. In: Verein für Geschichte und Altertumskunde Westfalens, Abt. Münster e.V.; LWL-Museum für Kunst und Kultur/Westfälisches Landesmuseum (Hrsg.): Westfalen - Hefte für Geschichte, Kunst und Volkskunde. Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Altertumskunde Westfalens, des LWL-Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte, des LWL-Amts für Denkmalpflege in Westfalen und des LWL-Museums für Archäologie. Band 40, 1962, S. 308–310.
- ↑ Peter Klein: Dendrochonologische Untersuchungen an Gemäldetafeln der Malerfamilie tom Ring. In: Angelika Lorenz (Hrsg.): die Maler tom Ring. Band I. Bonifatius Druck Buch Verlag, Paderborn 1996, ISBN 3-88789-122-8, S. 212.
- ↑ Eleonore Roskamp-Klein: Licht und Schatten. In: Angelika Lorenz (Hrsg.): die Maler tom Ring. Band II. Bonifatius Druck Buch Verlag, Paderborn 1996, ISBN 3-88789-122-8, S. 172–187.
- ↑ Ilja M.Veldmann: Die religiösen Bilder des Hermann tom Ring und seine Beziehung zur niederländischen Kunst. In: Angelika Lorenz (Hrsg.): die Maler tom Ring. Band I. Bonifatius Druck Buch Verlag, Paderborn 1996, ISBN 3-88789-122-8, S. 49.
- ↑ Ilja M.Veldmann: Die religiösen Bilder des Hermann tom Ring und seine Beziehung zur niederländischen Kunst. In: Angelika Lorenz (Hrsg.): die Maler tom Ring. Band I. Bonifatius Druck Buch Verlag, Paderborn 1996, ISBN 3-88789-122-8, S. 50.
- ↑ Ilja M.Veldmann: Die religiösen Bilder des Hermann tom Ring und seine Beziehung zur niederländischen Kunst. In: Angelika Lorenz (Hrsg.): die Maler tom Ring. Band I. Bonifatius Druck Buch Verlag, Paderborn 1996, ISBN 3-88789-122-8, S. 63.
- ↑ Ilja M.Veldmann: Die religiösen Bilder des Hermann tom Ring und seine Beziehung zur niederländischen Kunst. In: Angelika Lorenz (Hrsg.): die Maler tom Ring. Band I. Bonifatius Druck Buch Verlag, Paderborn 1996, ISBN 3-88789-122-8, S. 63.