Königreich Bagan

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Das Königreich Bagan (burmesisch: ပုဂံပြည် Băgam pyi; wörtlich „Staat Bagan“), auch als Königreich Pagan bekannt, war das erste burmesische Königreich, das die Regionen vereinte, die später das heutige Myanmar bilden sollten. Die 250-jährige Herrschaft von Bagan (Pagan) über das Irrawaddy-Tal und seine Umgebung legte den Grundstein für den Aufstieg der burmesischen Sprache und Kultur, die Ausbreitung der Bamar-Ethnie in Obermyanmar und das Wachstum des Theravada-Buddhismus in Myanmar und auf dem Festland Südostasiens.

Das Königreich entstand aus einer kleinen Siedlung aus dem 9. Jahrhundert in Pagan (dem heutigen Bagan) durch das Volk der Mranma, den Vorfahren der heutigen Bamar. In den folgenden 200 Jahren wuchs das kleine Fürstentum allmählich und annektierte die umliegenden Regionen, bis König Anawrahta in den 1050er und 1060er Jahren das Bagan-Reich gründete und damit vermutlich zum ersten Mal das Irrawaddy-Tal und seine Umgebung unter einer Herrschaft vereinte. Bis zum Ende des 12. Jahrhunderts hatten Anawrahta's Nachfolger ihren Einfluss weiter nach Süden bis in den oberen Teil der Malaiischen Halbinsel, nach Osten mindestens bis zum Saluen-Fluss, weiter nach Norden bis unterhalb der heutigen Grenze zu China und nach Westen bis in den Norden von Arakan und die Chin Hills ausgedehnt. Im 12. und 13. Jahrhundert war Pagan neben dem Khmer-Reich eines der beiden wichtigsten Reiche auf dem südostasiatischen Festland. Ab Mitte des 13. Jahrhunderts setzte jedoch der Niedergang ein. Wiederholte mongolische Invasionen (1277–1301) stürzten 1287 das vier Jahrhunderte alte Königreich, das in verschiedene Kleinstaaten zerbrach.

Geschichte

Entstehung und Frühgeschichte

Das Königreich von Bagan (Pagan) entstand im 9. Jahrhundert im Zentrum des heutigen Myanmar (Birma/Burma) im oberen Irrawaddy-Tal. Vorausgegangen war der Niedergang der Pyu-Stadtstaaten, die bis ins 9. Jahrhundert in Oberbirma existiert hatten. Im Jahr 832 n. Chr. wurde die Pyu-Hauptstadt Halin (Halingyi) durch Einfälle des Königreichs Nanzhao (heutiges Yunnan) zerstört. Diese Invasionen hinterließen ein politisches Vakuum, das die eingewanderten Birmanen (Bamar) nutzten, um am Irrawaddy eine eigene Herrschaft zu begründen.[1] Der Gründungsmythos datiert die Stadt Bagan auf das Jahr 849 n. Chr. mit dem König Pyinbya als erstem Herrscher. Radiokarbondatierung deutet darauf hin, dass die Stadtmauern von Bagan ab ca. 980 errichtet wurden.[2] Die früheste Erwähnung von Bagan in externen Quellen findet sich in Song-chinesischen Aufzeichnungen, die berichten, dass Gesandte aus Bagan im Jahr 1004 die Song-Hauptstadt Bianjing besuchten.[3][4]

Bagan entwickelte sich von einer kleinen Siedlung zu einem befestigten Ort und wurde zum Zentrum eines aufstrebenden birmanischen Kleinkönigreichs und Stadtstaats. Während in Südbirmar die Mon bereits ein Handelsreich etabliert hatten, das die Häfen kontrollierte, dominierten die Bamar den agrarischen Norden; die Mon expandierten damals nicht nach Norden, da ihr Einfluss auf die Küsten und den Seehandel ausgerichtet war. In der Frühzeit Bagans profitierten die Bamar von der Kultur der Pyu und anderer Vorgängervölker.[1] Sie übernahmen Techniken der Bewässerungslandwirtschaft und Elemente indisch-buddhistischer Zivilisation von den Pyu, die bereits zuvor Städte und Pagoden errichtet hatten. Der Theravada-Buddhismus war in dieser Region zwar bekannt, war aber vor dem 11. Jahrhundert nicht dominant, stattdessen mischten sich Mahayana-Buddhismus und hinduistische Einflüsse mit lokalen Ahnen-, Schlangen- und Geister-Kulten.

Bis ins 11. Jahrhundert blieb Bagan ein regionaler Machtfaktor unter mehreren konkurrierenden Kleinstaaten. Dies änderte sich grundlegend, als König Anawrahta im Jahr 1044 in Bagan den Thron bestieg.

Expansion und Blütezeit

König Anawrahta (1044–1077) gilt als Begründer des ersten birmanischen Reiches, da es ihm gelang, Ober- und Unterbirma politisch zu einen. Die überlieferte Geschichte Birmas beginnt im Wesentlichen mit seiner Thronbesteigung.[5] Zunächst sicherte er die Nordgrenze seines Reiches und schloss Bündnisse durch Heiraten mit den benachbarten Shan-Fürstentümern im Osten. Er stärkte die wirtschaftliche Basis Bagans, indem er verfallene Bewässerungssysteme im Kyaukse-Gebiet reparieren und neue anlegen ließ, wodurch die Nahrungsmittelproduktion gesteigert werden konnte. Entscheidend für seine weitere Expansion war Anawrahtas Hinwendung zum Theravada-Buddhismus: Der Überlieferung nach wurde er von dem Mon-Mönch Shin Arahan bekehrt. Anawrahta stilisierte sich fortan zum Verteidiger dieser buddhistischen Glaubensrichtung und sah darin eine ideologische Legitimation, um die Mon-Königreich im Süden zu unterwerfen. Im Jahr 1057 eroberte er die Mon-Hauptstadt Thaton.[1] Mit dem Fall von Thaton unterstellten sich auch die übrigen Mon-Herrscher im Irrawaddy-Delta Anawrahtas Oberhoheit.[6]

Die Eroberung Thatons und der Zugang zu den Häfen des Golfs von Martaban brachten Bagan großen wirtschaftlichen Nutzen und einen Zustrom an Wissen und Kultur. Anawrahta verschleppte den Mon-König Manuha samt Hofstaat, Gelehrten, Handwerkern und Künstlern in seine Hauptstadt.[7] Diese Mon-Spezialisten trugen wesentlich zur Blütezeit des jungen Reiches bei, indem sie ihre Künste, Technologien und das Schriftwissen mitbrachten. So erhielten die Birmanen von den Mon eine literarische Tradition, die Schrift (die frühe birmanische Schrift adaptierte Mon-Zeichen) und verfeinerte Kunstfertigkeiten in Architektur und Kunsthandwerk.[6]

Anawrahtas Reichsausbau legte den Grundstein für zwei Jahrhunderte relativer Stabilität und kultureller Blüte. Bis etwa 1080 hatte Bagan den Großteil des heutigen Staatsgebiets von Myanmar unter Kontrolle. Anawrahtas Nachfolger – insbesondere König Kyanzittha (reg. 1084–1112) und König Alaungsithu (Sithu I., reg. 1112–1167) – konsolidierten das Reich und führten die Politik der Tempelstiftung und Förderung des Buddhismus fort. Unter ihrer Herrschaft erreichte Pagan den Höhepunkt seiner Macht und Prachtentfaltung. Das Königreich kontrollierte nun auch wichtige Küstengebiete in Unterbirma direkt, indem es dort eigene Statthalter einsetzte, um die Hafenstädte und deren Zolleinnahmen zu überwachen. Der Wohlstand Bagans basierte sowohl auf der landwirtschaftlichen Überschussproduktion der zentralen Ebenen (begünstigt durch effiziente Bewässerungssysteme) als auch auf den Erträgen des überseeischen Handels über die eroberten Häfen.

Das Reich erreichte den Höhepunkt seiner politischen und administrativen Entwicklung während der Regierungszeit von Narapatisithu (Sithu II.; reg. 1174–1211) und Htilominlo (reg. 1211–1235). Sithu II. gründete 1174 offiziell die Palastwache, die erste bekannte Aufzeichnung eines stehenden Heeres, und verfolgte eine expansionistische Politik. Während seiner 27-jährigen Herrschaft reichte der Einfluss von Bagan weiter südlich bis zur Straße von Malakka, mindestens bis zum Saluen-Fluss im Osten und bis an die Grenze nach China im Norden.[8][9] Damit gehörte Bagan im 12. und 13. Jahrhundert neben Angkor (Reich der Khmer) zu den beiden dominierenden Reichen Südostasiens.[10]

Die Blütezeit Bagans war geprägt von intensiver Bautätigkeit und kultureller Synthese. In der Hauptstadt entstanden unzählige buddhistische Tempel und Pagoden; der Theravada-Buddhismus wurde zur leitenden Religion und prägte Hof und Gesellschaft. Zeitgenössische Berichte schildern Bagan als beeindruckende Metropole voller Pagoden. Marco Polo hörte im 13. Jahrhundert von der Größe und dem Reichtum Bagans, der ihm von Reisenden geschildert wurde.[10] Schätzungen zufolge wurden in der Bagan-Ebene während der Dynastie über 10.000 buddhistische Kultbauten errichtet, von denen heute noch etwa 2500 als Ruinen erhalten sind.[11] Allein zur Zeit des Mongolenüberfalls (Ende 13. Jh.) sollen 3000–4000 Tempel und Klöster in Pagan bestanden haben.[10] Darüber hinaus pflegte Bagan internationale Beziehungen zu anderen buddhistischen Reichen: Mit dem singhalesischen König Vijayabāhu von Polonnaruwa (Ceylon) stand Anawrahta in Kontakt. 1071 schickte er Mönche nach Sri Lanka, um bei der Wiederbelebung des dortigen Buddhismus zu helfen, wofür er als Dank eine Kopie einer berühmten Buddha-Reliquie (Zahn Buddhas) erhielt, die er in der Shwezigon-Pagode von Bagan feierlich deponieren ließ.[6]

Niedergang und Untergang

Sithu II. gelang es, durch seinen Erfolg beim Staatsaufbau Stabilität und Wohlstand im gesamten Königreich zu schaffen. Seine unmittelbaren Nachfolger Htilominlo und Kyaswa (reg. 1235–1249) konnten von den stabilen und wohlhabenden Bedingungen leben, die er ihnen hinterlassen hatte, ohne selbst viel zum Staatsaufbau beitragen zu müssen.[12] So regierte Htilomino kaum selbst. Als frommer Buddhist und Gelehrter gab der König das Kommando über die Armee ab und überließ die Verwaltung einem Rat aus Ministern.

In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts geriet das Bagan-Reich in eine Phase des Niedergangs. Ein wesentlicher innenpolitischer Faktor war die fortschreitende Aushöhlung der königlichen Ressourcen durch religiöse Stiftungen: Über Generationen hatten Könige und wohlhabende Eliten große Ländereien, Arbeitskräfte und finanzielle Mittel als fromme Stiftungen an buddhistische Klöster und den Sangha (Mönchsorden) übertragen. Diese Ländereien waren von Steuern befreit, so dass im 13. Jahrhundert ein beträchtlicher Teil der landwirtschaftlichen Überschüsse dem direkten Zugriff des Staates entzogen war.[10] Gleichzeitig blieb die Legitimität von Königtum und Gesellschaft in den Augen der Bevölkerung davon abhängig, dass der König als Beschützer des Buddhismus weiterhin großzügig die Religion förderte und auch die Könige selbst versuchten sich durch Spenden an den Klerus eine günstige Reinkarnation im nächsten Leben zu sichern, sodass bis ca. 1280 bereits ein Drittel bis zwei Drittel des Landes in Oberbirma an den Klerus vergeben war.[13] Dieses Dilemma schwächte die Zentralgewalt zusehends: Die Krone konnte ihren weltlichen Verpflichtungen, insbesondere der Finanzierung von Verwaltung und Heer, immer weniger nachkommen. Die Loyalität mancher Adliger und Militärführer gegenüber dem König nahm ab, was in Thronstreitigkeiten und Regionalaufständen zum Ausdruck kam.

Hinzu kamen externe Bedrohungen. Bereits seit Mitte des 13. Jahrhunderts drangen Tai-Völker aus dem Norden in das birmanische Hochland vor, und im Süden regten sich die unterworfenen Mon. Vor allem aber tauchte eine neue Großmacht an der Nordgrenze auf: Das Mongolenreich (Yuan-Dynastie) unter Kublai Khan hatte in den 1250er Jahren das benachbarte Nanzhao erobert. Damit verlor Bagan seinen schützenden Puffer im Norden und grenzte direkt an das Einflussgebiet der Mongolen, welche begannen Tribut von Bagan zu fordern. Der letzte bedeutende König Pagans, Narathihapate (reg. 1254–1287), lehnte diese Forderungen aus Stolz ab. In den Jahren 1277 bis 1287 kam es deshalb zu mehreren Mongoleninvasionen in das Gebiet von Pagan. Ob die Mongolen die Hauptstadt Bagan selbst erreichten oder sie nur indirekt zu Fall brachten, ist in der Forschung umstritten.[10]

Narathihapate starb 1287, der Überlieferung nach floh er vor den heranrückenden Mongolen aus Pagan und wurde wenig später von einem seiner eigenen Söhne vergiftet. Mit dem Ende Bagans verlor Birma seine Einheit: Das Reich zerfiel in zahlreiche kleinere Herrschaftsgebiete, die in den folgenden 250 Jahren um die Vorherrschaft rangen. In Zentralbirma etablierte sich zunächst eine neue Dynastie in Myinsaing, während in Unterbirma ein neues Mon-Königreich (Hanthawaddy in Bago/Pegu) entstand. Erst im 14. Jahrhundert gelang mit der Gründung des Königreichs Ava (1364) wieder eine gewisse politische Stabilisierung Oberbirmas. Bagan wurde von einer Großstadt zu einem kleinen Ort und im 15. Jahrhundert schließlich komplett aufgegeben. Sein Erbe (Kultur, Sprache und Religion) prägte Birma allerdings weit über den Untergang des Reiches hinaus. Auch wurde die Bagan-Linie von späteren burmesischen Dynastien bis hin zur letzten burmesischen Dynastie Konbaung beansprucht, die sich nicht nur kulturell auf diese bezogen, sondern sich auch als deren Abkömmlinge bezeichneten.[14]

Staatsaufbau und Verwaltung

Die Regierung von Bagan lässt sich allgemein durch das Mandala-System beschreiben, in dem der Herrscher direkte politische Autorität in der Kernregion (pyi, wörtlich „Land“, ပြည်) ausübte und weiter entfernte Regionen als tributpflichtige Vasallenstaaten (naingngans, wörtlich „eroberte Länder“, နိုင်ငံ) verwaltete. Im Allgemeinen schwächte sich die Autorität der Krone mit zunehmender Entfernung vom Hauptort ab. Der König war der absolute Souverän und oberste Gesetzgeber, Richter und Feldherr des Reiches. Seine direkte Machtfülle erstreckte sich vor allem auf das Kernland in Oberbirma, während entferntere Regionen als tributpflichtige Vasallenreiche verwaltet wurden. Das Kerngebiet umfasste den trockenen Zentralraum (Dry Zone) mit Bagan und den wichtigsten Bewässerungsregionen Kyaukse und Minbu, wo die bevölkerungsreichsten und ertragreichsten Landstriche lagen.[15][16]

Die entfernteren Region der Peripherie – etwa die Küstengebiete von Unterbirma, die Tenasserim-Halbinsel, Arakan sowie die Bergländer der Chin, Kachin und Shan – wurden in Form von Vasallenstaaten verwaltet. Dort setzte Bagan teils einheimische Fürsten, teils vom König ernannte Statthalter (häufig Fürsten oder Minister) als Verwalter ein. Diese lokalen Herrscher hatten aufgrund der Distanz zum Zentrum eine relativ große Autonomie in inneren Angelegenheiten: Sie übten vor Ort die höchsten Verwaltungs-, Gerichts- und Militärfunktionen aus und führten eigene Hofhaltungen. Von ihnen wurde vor allem die regelmäßige Entrichtung von Tributzahlungen und die Anerkennung der Oberhoheit Bagans erwartet. Direkte Eingriffe des Königshofes in die lokalen Strukturen blieben selten und beschränkten sich meist auf Fälle von Rebellion oder strategisch motivierten Neuordnungen. Durch die Einsetzung von Statthaltern anstelle von unabhängigeren einheimischen Adeligen versuchte der Königshof mit der Zeit seine Kontrolle auch in der Peripherie zu verstärken, auch wenn das Bagan-Reich nie ein moderner Zentralstaat wurde.[15][16]

Die königliche Autorität schwächte sich in den weiter entfernten Naingngans weiter ab: Arakan, Chin Hills, Kachin Hills und Shan Hills. Dies waren tributpflichtige Gebiete, über die die Krone nur eine „weitgehend rituelle“ oder nominelle Souveränität hatte. Im Allgemeinen erhielt der König von Pagan regelmäßig nominelle Tribute, hatte jedoch „keine substanzielle Autorität“, beispielsweise in Fragen wie der Auswahl von Stellvertretern, Nachfolgern oder der Höhe der Steuern.[16] Bagan hielt sich weitgehend aus den Angelegenheiten dieser abgelegenen Staaten heraus und griff nur ein, wenn es zu offenen Aufständen kam, wie beispielsweise in Arakan und Martaban Ende der 1250er Jahre oder im nördlichen Kachin-Gebirge im Jahr 1277.

Administrativ war das Reich hierarchisch gegliedert. Oberhalb der Dorfgemeinschaften (in den Dörfern, ywa) und den Städten (myo) bestanden größere Verwaltungseinheiten, oft als Provinzen (taing) bezeichnet. Zeitweise werden in Inschriften bis zu 14 Taing-Provinzen erwähnt.[17] Zur Zeit König Sithu I. (Alaungsithu, reg. 1112–1167) wurde erstmals eine Sammlung königlicher Rechtsprechungen erstellt, die als Präzedenzfälle für Gerichte dienen sollten. Zudem wurden feste hohe Ämter geschaffen, etwa ein Oberrichter und ein Ministerpräsident, was auf eine fortschreitende Institutionalisierung hindeutet. Um 1211 bildete sich aus dem informellen Kronrat ein ständiges Gremium, das sogenannte Hluttaw, heraus, ein Geheimes Königliches Konzil, das den König bei Regierungsentscheidungen beriet. In den folgenden Jahrzehnten gewann das Hluttaw erheblich an Einfluss und übernahm zunehmend auch militärische Planungen und Verwaltungsaufgaben.[18] Die mächtigen Minister am Hof wurden in dieser Spätphase sogar zu Königsmachern, deren Unterstützung für den Thronantritt unerlässlich war.

Militär

Das Militär bestand aus einer kleinen stehenden Gardetruppe in der Hauptstadt und im Kriegsfall aus großen Kontingenten von Wehrpflichtigen. Die Rekrutierung folgte dem Kyundaw- oder Ahmudan-System, bei dem lokale Führer je nach Bevölkerungszahl ihrer Gebiete eine bestimmte Anzahl von Soldaten für Feldzüge zu stellen hatten. Die erste konkrete Erwähnung einer dauerhaften Militärstruktur in den burmesischen Chroniken stammt aus dem Jahr 1174, als Sithu II. die Palastwache gründete – „zwei Kompanien, eine innere und eine äußere, die in Reihen hintereinander Wache standen“. Die Palastwache wurde zum Kern, um den sich in Kriegszeiten die Massenarmee versammelte. Der Großteil der Feldarmee diente in der Infanterie, aber die Männer für die Elefantentruppe, die Kavallerie und die Marine wurden aus bestimmten Dörfern rekrutiert, die sich auf die jeweiligen militärischen Fertigkeiten spezialisiert hatten.[19][20] Verschiedene Quellen und Schätzungen beziffern die militärische Stärke Bagans auf 30.000 bis 60.000 Mann. Eine Inschrift von Sithu II., der das Reich zu seiner größten Ausdehnung führte, beschreibt ihn als Herr über 17.645 Soldaten, während eine andere von 30.000 Soldaten und Reitern unter seinem Kommando spricht.[21]

Bevölkerung

Verschiedene Schätzungen beziffern die Bevölkerung des Bagan-Reiches auf zwischen einer und zweieinhalb Millionen[22], aber die meisten Schätzungen gehen von einer Bevölkerung zwischen eineinhalb und zwei Millionen in seiner Blütezeit aus.[23] Die Zahl würde eher am oberen Ende liegen, wenn man davon ausgeht, dass die Bevölkerung des vorkolonialen Burma relativ konstant geblieben ist. Die Bevölkerungsgröße im Mittelalter blieb über viele Jahrhunderte hinweg tendenziell unverändert. Zum Vergleich lag die Bevölkerung des mittelalterlichen Englands bei etwa 2,25 Millionen zwischen dem 11. und 16. Jahrhundert, und die Bevölkerung Chinas schwankte bis zum 17. Jahrhundert 13 Jahrhunderte lang zwischen 60 und 100 Millionen.[22] Pagan war mit einer geschätzten Bevölkerung von 200.000 Einwohnern vor den mongolischen Invasionen die bevölkerungsreichste Stadt und eine der größten Städte des Mittelalters.[24]

Während seiner Blütezeit vom 11. bis 13. Jahrhundert vereinte das Baganische Königreich verschiedene Ethnien und Regionen unter seiner Herrschaft. Die Trägerkultur des Reiches waren die Bamar (Birmanen), die im Laufe der Jahrhunderte aus dem nördlichen Hinterland eingewandert waren. Die Hauptsprache der herrschenden Klasse war Burmesisch, eine tibeto-burmanische Sprache, die sowohl mit der Pyu-Sprache als auch mit der Sprache der herrschenden Klasse von Nanzhao verwandt war. Inschriften belegen, dass Burmesisch erst zu Beginn des 12. Jahrhunderts und möglicherweise sogar erst Ende des 12. Jahrhunderts zur Lingua franca des Königreichs wurde, als Pyu und Mon im offiziellen Gebrauch an Bedeutung verloren. Mon überlebte aufgrund seines kulturellen Prestiges, während Pyu ausstarb.[25][26] Durch die kulturelle Vorherrschaft der Burmesen kam es mit der Zeit zu einer Assimilierung der Völker im Irrawaddy-Tal. Die Pyu gingen so in den Bamar auf[27], während die Mon als eigenständige Ethnie erhalten blieben. Ebenfalls eigenständig blieben die Stämme im Hochland und den Randgebieten des Reiches.

Wirtschaft

Die Bevölkerungsstruktur Bagans war stark agrarisch geprägt. Der Großteil der Einwohner lebte auf dem Land in Dorfgemeinschaften und betrieb Reisfeldbau oder Handwerk. Die Könige förderten gezielt die Besiedlung neuer Gebiete (etwa trockener Ebenen westlich des Irrawaddy) durch die Anlage von Bewässerungsnetzen und die Zuteilung von Land an Siedler. Dies führte zu einer Ausweitung des Ackerlandes. In den Kernregionen Kyaukse und Minbu, wo künstliche Kanäle das Wasser aus Flüssen auf die Felder leiteten, entstand eine besonders hohe Bevölkerungsdichte und produktive Landwirtschaft. Diese Überschüsse bildeten das Rückgrat der städtischen Entwicklung Bagans. Die Hauptstadt selbst profitierte nicht nur von diesen Agrarüberschüssen, sondern auch vom überregionalen Handel: Über den Flusshafen Thiripyissaya (nahe Pagan flussabwärts gelegen) wurde Überseehandel mit Indien, Sri Lanka und anderen Teilen Südostasiens betrieben.[1] Luxusgüter, Handelswaren und Tribut strömten so nach Pagan und ermöglichten den Unterhalt des Hofes, des Heeres und der zahlreichen Tempel. Neben der Hauptstadt bestanden Städte wie Prome, Pegu (Bago) und Thaton, die zeitweise bedeutende regionale Zentren waren.

Kultur

Architektur

Bagan ist bis heute berühmt für seine einzigartige religiöse Architektur mit tausenden von Sakralbauten. Tausende buddhistische Monumente, vor allem Ziegel-Stupas, Tempel und Klöster, entstanden in der Umgebung Bagans innerhalb von rund 250 Jahren. Die Könige und Eliten stifteten diese Bauten in der religiösen Überzeugung, durch Großzügigkeit Verdienste (puñña) für einen besseren Wiedergeburtszyklus zu erwerben. Jeder Herrscher der Bagan-Dynastie ließ mindestens einen monumentalen Tempel errichten, teils mit politischer Symbolik. So schuf König Narapatisithu im späten 12. Jahrhundert mit dem Mahabodhi-Tempel eine Nachbildung der indischen Mahabodhi-Pagode von Bodhgayā, um Bagan als neues Zentrum des Theravāda-Buddhismus zu manifestieren.[28]

In der Bagan-Periode bildete sich ein eigenständiger burmesischer Architekturstil heraus. Architektonisch zeichnen sich die Bagan-Tempel durch bemerkenswerte Innovationen aus. Erstmals in Südostasien wurde der echte Gewölbebogen aus Ziegelsteinen verwendet, was den Bau weitläufiger Innenräume und hoher Tempelhallen ermöglicht. Viele der großen Tempel besaßen einen massiven Hauptstupa oder waren als mehrstöckige, begehbare Turmtempel (gu) mit Innenräumen konzipiert – oft reich verziert mit Stuckdekor und glasierten Terrakotta-Reliefs an den Außenwänden. Die Innenwände waren häufig mit farbigen Fresken ausgemalt, und im Zentrum stand eine monumentale Buddha-Statue aus Ziegel und Stuck, die vergoldet und von Baldachinen und Vorhängen geschmückt war. In Nischen und auf Altären wurden zusätzlich zahlreiche kleinere Buddha-Bildnisse aus Bronze, Holz, Silber oder Gold aufgestellt.[28] Auch wenn die bewegliche Ausstattung heute größtenteils verloren ist, beeindrucken die Tempelruinen von Bagan weiterhin durch ihre Ausmaße und Baukunst. Die hohe Dichte an Sakralbauten, über 3.500 Ruinen sind bis heute erhalten, macht die Ebene von Bagan zu einer der bedeutendsten archäologischen Kulturlandschaften Asiens.[29]

Sprache und Schrift

Im Königreich etablierte sich erstmals das Altbirmanische als Literatursprache und Verwaltungssprache. Während des 11. Jahrhunderts befand sich die Schriftsprache der Bamar noch in der Entstehungsphase, und die Könige ließen Inschriften zunächst in etablierten Kultursprachen wie Sanskrit, Pali oder Alt-Mon eingravieren. Vor allem unter König Kyansittha (reg. 1084–1113) gewann die Mon-Sprache an Einfluss und diente anfangs als bevorzugte Schrift- und Kultursprache am Hof, bevor sie im 12. Jahrhundert durch das Birmanische ersetzt wurde.[28] Die Mehrsprachigkeit wurde durch Stätten wie die Myazedi-Inschrift dokumentiert.

Die birmanische Schrift, ein rundliches Alphabet (Abugida), leitet sich historisch von der Schrift der Mon ab, welche ihrerseits auf südindischen Vorlagen (Pallava-Schrift) fußt. Diese Schrift war gut an das Beschreiben von Palmblättern angepasst und wurde fortan zur Aufzeichnung von Königsinschriften und religiösen Texten genutzt. Gleichzeitig blieb die altindische Sprache Pali in Bagan von großer Bedeutung: Pali diente als Sakralsprache des Theravāda-Buddhismus und als Sprache der Gelehrsamkeit. In den Klöstern und Bildungseinrichtungen wurde Pali gelehrt, und es entwickelte sich als lingua franca für die vielen ausländischen Mönche und Pilger, die im 12.–13. Jahrhundert nach Bagan kamen.[28]

Religion

Die vorherrschende Religion im Baganischen Königreich war der Buddhismus in der Theravāda-Tradition mit synkretistischen Elementen anderer buddhistischer Traditionen und indigener Glaubensvorstellungen. König Anawrahta, der als erster Reichseiniger Myanmars gilt, wurde der Überlieferung nach von einem Mon-Mönch zum Theravāda-Buddhismus bekehrt. Zuvor war in Bagan eine synkretistische Form des Mahayana- und Tantrischen Buddhismus verbreitet, die als Ari bezeichnet wurde. Anawrahta machte den Theravāda-Glauben zur Staatsreligion und förderte ihn konsequent, unter anderem indem er in die Lehren auch im Mon-Land und in Sri Lanka verbreitete.[6] Wirtschaftlich und kulturell sehr einflussreich war das Mönchtum. In Bagan und den wichtigsten Provinzzentren förderten buddhistische Tempel eine zunehmend ausgefeilte Pali-Gelehrsamkeit, die sich auf Grammatik und philosophisch-psychologische (abhidhamma) Studien spezialisierte und Berichten zufolge die Bewunderung singhalesischer Experten gewann. Neben religiösen Texten lasen die Mönche von Pagan Werke in verschiedenen Sprachen über Prosodie, Phonologie, Grammatik, Astrologie, Alchemie und Medizin und entwickelten eine unabhängige Schule für Rechtswissenschaften. Die meisten Studenten und wahrscheinlich auch die führenden Mönche und Nonnen stammten aus aristokratischen Familien.[26]

Trotz der Etablierung des Theravāda-Buddhismus blieben andere religiöse Traditionen im Volk lebendig. Insbesondere der einheimische Nat-Kult – der Glaube an mächtige Geisterwesen (Nats), die Naturphänomene und Orte bewohnen – war tief in der Bevölkerung verankert. Anawrahta erkannte, dass sich dieser Volksglauben nicht vollständig unterdrücken ließ und integrierte ihn in die offizielle Religion.[30] Der Legende nach ließ er alle regionalen Nat-Heiligtümer zerstören, doch als sich der Kult nicht ausrotten ließ, schuf er einen geordneten Nat-Pantheon: Er bestimmte 37 Hauptnats, angeführt von Thagyamin (einer synkretistischen Gestalt basierend auf Indra/Śakra), und stellte sie hierarchisch unter den Schutz des Buddhas. Fortan wurden die Nats als untergeordnete spirituelle Wesen angesehen, die man zwar weiter verehrte und besänftigte, jedoch im Rahmen des buddhistischen Weltbildes.[31]

Erbe

Rückblickend wird das Königreich Bagan häufig als Wiege der burmesischen Kultur und Nation bezeichnet. Dies bezieht sich vor allem auf die religiöse und kulturelle Grundlage, die in jener Epoche gelegt wurde. Ohne die Vereinigung der Bamar, Pyu und Mon unter einer buddhistischen Monarchie im 11.–13. Jahrhundert ist die Entstehung eines gemeinsamen burmesischen Identitätsbewusstseins kaum denkbar. Die intensive Bautätigkeit und die Etablierung des Theravada-Buddhismus unter den Pagan-Königen schufen ein kulturelles Erbe, das bis heute die nationale Identität Myanmars prägt.[11][32] Der Großteil der burmesischen Bevölkerung bekennt sich nach wie vor zum Theravada-Buddhismus, nutzt die in Pagan entwickelte Schrift und verehrt vielfach die gleichen Heiligtümer und Traditionen. Der burmesische Historiker Thant Myint-U fasst zusammen: „Das Reich Nanzhao war an den Ufern des Irrawaddy gestrandet und fand dort ein neues Leben, verschmolz mit einer bestehenden, alten Kultur und schuf eines der beeindruckendsten kleinen Königreiche der mittelalterlichen Welt. Aus dieser Verschmelzung gingen das burmesische Volk und die Grundlagen der modernen burmesischen Kultur hervor.“[33]

Siehe auch

Literatur

  • Michael Aung-Thwin: Pagan. The Origins of Modern Burma. University of Hawaii Press, Honolulu HI 1985, ISBN 0-8248-0960-2.
  • Tilman Frasch: Pagan: Stadt und Staat (= Beiträge zur Südasienforschung. Bd. 172) Steiner, Stuttgart 1996, ISBN 3-515-06870-8 (Zugleich: Heidelberg, Universität, Dissertation, 1994).
  • Victor B. Lieberman: Strange Parallels: Southeast Asia in Global Context, c. 800–1830, Band 1, Integration on the Mainland. Cambridge University Press, 2003, ISBN 978-0-521-80496-7.
  • Harvey, G. E., History of Burma: From the Earliest Times to 10 March 1824. London: Frank Cass & Co. Ltd, 1925.

Einzelnachweise

  1. a b c d Myanmar - Pyu State, Ancient Cities, Irrigation | Britannica. 11. November 2025, abgerufen am 13. November 2025 (englisch).
  2. Michael Aung-Thwin: The Mists of Ramanna: The Legend that was Lower Burma. University of Hawai'i Press, 2005, S. 38 (google.de [abgerufen am 13. November 2025]).
  3. Michael Aung-Thwin: Pagan: The Origins of Modern Burma. University of Hawaii Press, 1985, ISBN 978-0-8248-0960-7, S. 21 (google.de [abgerufen am 13. November 2025]).
  4. Arlo Griffiths, Amandine Lepoutre: Campā Epigraphical Data on Polities and Peoples of Ancient Myanmar. In: Journal of Burma Studies. Band 17, Nr. 2, 2013, ISSN 2010-314X, S. 373–390 (jhu.edu [abgerufen am 13. November 2025]).
  5. G. E. Harvey: History of Burma: from the earliest times to March 1824. 1925, S. 19 (archive.org [abgerufen am 13. November 2025]).
  6. a b c d Anawrahta | Biography, King, & Myanmar | Britannica. Abgerufen am 13. November 2025 (englisch).
  7. Myanmar Institut für Asien- und Afrikawissenschaften Philosophische Fakultät III der Humboldt-Universität zu Berlin. S. 75
  8. Michael Aung-Thwin: Pagan: The Origins of Modern Burma. University of Hawaii Press, 1985, ISBN 978-0-8248-0960-7, S. 197 (google.de [abgerufen am 13. November 2025]).
  9. Victor Lieberman: Strange Parallels: Volume 1, Integration on the Mainland: Southeast Asia in Global Context, c.800-1830. Cambridge University Press, 2003, ISBN 978-0-521-80496-7, S. 90–94 (google.de [abgerufen am 13. November 2025]).
  10. a b c d e Myanmar - Unification, Ethnic Groups, Buddhism | Britannica. 11. November 2025, abgerufen am 13. November 2025 (englisch).
  11. a b Kingdom of Pagan | Ministry Of Information. Abgerufen am 13. November 2025.
  12. Aung-Thwin (1985): S. 26
  13. Lieberman (2003): S. 119–120
  14. Aung-Thwin (1985): S. 196–197
  15. a b Aung-Thwin 1985: 99–101
  16. a b c Lieberman (2003): S. 112–113
  17. Aung-Thwin (1985): S. 104–105
  18. Htin Aung (1967): S. 55
  19. Harvey (1925): S. 323–324
  20. Wil O. Dijk: Seventeenth-century Burma and the Dutch East India Company, 1634-1680. NUS Press, 2006, ISBN 978-9971-69-304-6 (google.de [abgerufen am 13. November 2025]).
  21. Aung-Thwin (1985): S. 93, 163
  22. a b Aung-Thwin (1985): S. 95–96
  23. Aung-Thwin (1985): S. 71
  24. Helmut Köllner, Axel Bruns: Myanmar (Burma). Hunter Publishing, Inc, 1998, ISBN 978-3-88618-415-6 (google.de [abgerufen am 13. November 2025]).
  25. Htin Aung (1967): S. 51–52
  26. a b Lieberman (2003): S. 114–116
  27. The Irrawaddy: Ancient Buddhist Relics Returned by Locals. In: The Irrawaddy. 12. November 2012, abgerufen am 13. November 2025 (amerikanisches Englisch).
  28. a b c d Imperial Kingdoms in Southeast Asia: The Case of Bagan (Pagan)
  29. UNESCO World Heritage Centre: Bagan. Abgerufen am 13. November 2025 (englisch).
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