Kämpfe um Diyarbakır (1515)
Die Kämpfe um Diyarbakır und die umliegenden Gebiete Kurdistans im Jahr 1515 stehen im Zusammenhang mit den militärischen Auseinandersetzungen zwischen dem Osmanischen Reich unter Sultan Selim I. und dem iranischen Safawidenreich unter Schah Ismail I. im östlichen Anatolien und Obermesopotamien (Osmanisch-Safawidische Kriege).[1] Genauer fanden sie im Rahmen von İdris-i Bitlisîs Bemühungen statt, nach der von den Osmanen gewonnenen Schlacht bei Tschaldiran 1514 die kurdischen Emire (Häuptlinge) und ihre Stämme auf die Seite der Osmanen zu bringen. Im Verlauf gelang es den Osmanen mithilfe kurdischer Verbände, Diyarbakır unter ihre Kontrolle zu bringen, von wo aus sie in der Folge das Eyâlet Diyarbakır aufbauten.
Hintergrund
Die Gegend um Diyarbakır zählte zum Grenzland zwischen dem Osmanischen Reich und den iranischen Herrschern und war deshalb umkämpft. Kurdische Herrscher oder Häuptlinge wechselten offenbar häufig die Seiten.[2]
1514 brach Sultan Selim I. zu einem Feldzug gegen die iranischen Safawiden auf. Daraufhin zog sich der persische Gouverneur von Diyarbakır, Muhammed Han Ustaclu, aus der Stadt zurück. Die Einwohner der Stadt öffneten daraufhin demonstrativ die Tore der Stadt und erklärten ihre Treue zum osmanischen Sultan, obwohl Diyarbakır nicht direkt auf der Route der osmanischen Armee lag. Wenig später konnte der Sultan in der Schlacht von Tschaldiran (23. August 1514) einen entscheidenden Sieg erringen. In der Folge gelang es seinem General, dem Kurden İdris-i Bitlisî, auf diplomatischem Weg einige der kurdischen Emirate für die osmanische Sache zu gewinnen, insbesondere weiter im Osten.[3] Jedoch blieb die Region in Diyarbakır ein strategisch umkämpftes Gebiet zwischen Osmanen und Safawiden.
Belagerung von Diyarbakır
1515 ernannte der persische Schah Qara Han (Ustacalı Karahan) zum neuen Gouverneur von Diyarbakır, das die Perser zu diesem Zeitpunkt jedoch gar nicht kontrollierten. Qara Han sammelte deshalb eine safawidische Armee aus Kräften, die noch in Hasankeyf, Mardin, Urfa und Ergani weilten. Damit belagerten sie die Stadt, deren Bewohner Hilferufe an den in Amasya befindlichen Sultan schickten. Dessen Heere waren jedoch zunächst in andere Kämpfe eingespannt. Im Sommer 1515 schickte er schließlich seinen General Bıyıklı Mehmet Pascha zum Entsatz. In der Zwischenzeit war es İdris-i Bitlisî gelungen, eine große kurdische Streitmacht aus verschiedenen kurdischen Gruppen zusammenzuziehen. Gemeinsam mit Mehmet Paschas Truppen gelang es ihnen, eine persische Verstärkungstruppe zu besiegen.
Als sie schließlich mit weiteren Truppen unter dem General Sadi Pascha aus Amasya auf Diyarbakır vorrückten, flohen die Truppen des Qara Han Richtung Mardin, und am 10. September 1515 war Diyarbakır zurück in den Händen der Osmanen und ihrer kurdischen Verbündeten. Erst 1516 wurden die persischen Truppen, die sich aus Diyarbakır zurückgezogen hatten, in einer Schlacht bei Kızıltepe entscheidend zurückgedrängt, erneut unter führender Beteiligung der kurdischen Stämme. In der Folge wurde Mehmet Pascha der erste osmanische Gouverneur des Eyâlet Diyarbakır; er arbeitete eng mit einigen kurdischen Führern zusammen.[4]
Quellen
Zur Darstellung dieser Ereignisse werden oft safawidische Chroniken herangezogen. Besonders wichtig ist auch die osmanische Chronik des İdris-i Bitlisî, der selbst als General an den Ereignissen teilnahm.[5] Auch bei Hoca Sadeddin Efendi finden sich Informationen. Auch kurdische Quellen wie das Scherefname des kurdischen Historikers und Dichters Şerefhan (Ende des 16. Jahrhunderts) stehen zur Verfügung.[6]
Literatur
- Kumiko Saito: The Ottoman Conquest of the Diyarbakir Region in the Early 16th Century. In: Shigaku Zasshi. Band 109, Nr. 8, 2000, S. 1492–1518, DOI:10.24471/shigaku.109.8_1492 (japanisch).
- Martin van Bruinessen: The Ottoman Conquest of Diyarbekir and the Administrative Organisation of the Province in the 16th and 17th Centuries. In: Hendrik Boeschoten, Martin van Bruinessen (Hrsg.): Evliya Çelebi in Diyarbekir. The relevant section of the Seyahatname. Herausgegeben mit Übersetzung, Kommentar und Einleitung. Band 1, 1988, ISBN 978-90-04-66074-8, S. 13–28, doi:10.1163/9789004660748_007.
Einzelnachweise
- ↑ Mehman Süleymanov: Şah İsmayılın xarici görünüşü. In: Proceedings of 1st International Shah Ismail Khatai Symposium. Namiq Musalı, 18. Dezember 2024, S. 79–98, doi:10.59402/ees02202408.
- ↑ Martin van Bruinessen: The Ottoman Conquest of Diyarbekir and the Administrative Organisation of the Province in the 16th and 17th Centuries. In: Hendrik Boeschoten, Martin van Bruinessen (Hrsg.): Evliya Çelebi in Diyarbekir. The relevant section of the Seyahatname. Herausgegeben mit Übersetzung, Kommentar und Einleitung. Band 1, 1988, ISBN 978-90-04-66074-8, S. 13–28, doi:10.1163/9789004660748_007, hier S. 13.
- ↑ Martin van Bruinessen: The Ottoman Conquest of Diyarbekir and the Administrative Organisation of the Province in the 16th and 17th Centuries. In: Hendrik Boeschoten, Martin van Bruinessen (Hrsg.): Evliya Çelebi in Diyarbekir. The relevant section of the Seyahatname. Herausgegeben mit Übersetzung, Kommentar und Einleitung. Band 1, 1988, ISBN 978-90-04-66074-8, S. 13–28, doi:10.1163/9789004660748_007, hier S. 15.
- ↑ Abfolge der Ereignisse nach Martin van Bruinessen: The Ottoman Conquest of Diyarbekir and the Administrative Organisation of the Province in the 16th and 17th Centuries. In: Hendrik Boeschoten, Martin van Bruinessen (Hrsg.): Evliya Çelebi in Diyarbekir. The relevant section of the Seyahatname. Herausgegeben mit Übersetzung, Kommentar und Einleitung. Band 1, 1988, ISBN 978-90-04-66074-8, S. 13–28, doi:10.1163/9789004660748_007, hier S. 16.
- ↑ Kumiko Saito: The Ottoman Conquest of the Diyarbakir Region in the Early 16th Century. In: Shigaku Zasshi. Band 109, Nr. 8, 2000, S. 1492–1518, DOI:10.24471/shigaku.109.8_1492.
- ↑ Zum Quellenkontext generell Mehmet Mehdi İlhan: Studies in the Medieval History of Diyarbekr Province: Some Notes on the Sources and Literature. In: Nisan. Band 206/53, 1989, S. 199–231 (doi:10.37879/belleten.1989.199; online).