Juan O’Gorman
Juan O’Gorman (* 6. Juli 1905 in Coyoacán; † 18. Januar 1982 in Mexiko-Stadt) war ein mexikanischer Architekt und Maler. Er gilt als Pionier des Funktionalismus in Mexiko und als eine der zentralen Figuren der mexikanischen Moderne. Internationale Aufmerksamkeit erlangte insbesondere die von ihm entworfene und künstlerisch gestaltete Zentralbibliothek der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM), die 1955 im Katalog der Ausstellung Latin American Architecture since 1945 des Museum of Modern Art (MoMA) in New York vorgestellt wurde. Die Ciudad Universitaria der UNAM, zu deren prägenden Bauwerken die Bibliothek zählt, gehört seit 2007 zum UNESCO-Welterbe.
Leben und Ausbildung
Juan O’Gorman wurde im Stadtteil Santa Catarina in Coyoacán geboren. Er war Sohn des irischstämmigen Ingenieurs und autodidaktischen Malers Cecil Crawford O’Gorman und Encarnación O’Gorman Moreno; sein jüngerer Bruder war der Historiker Edmundo O’Gorman. Er studierte in den 1920er-Jahren Architektur an der Escuela Nacional de Arquitectura, die damals in der Academia de San Carlos untergebracht war und heute Teil der Universidad Nacional Autónoma de México ist. Parallel dazu erhielt er eine künstlerische Ausbildung außerhalb des akademischen Systems und orientierte sich unter anderem an José María Velasco, Dr. Atl, Diego Rivera und Frida Kahlo.
O’Gorman engagierte sich früh politisch auf Seiten der Linken und war bereits zu Beginn der 1930er-Jahre als Hochschullehrer tätig, unter anderem am Instituto Politécnico Nacional, wo er an der Etablierung des Studiengangs Ingenieurarchitekt beteiligt war.
Architektur
Funktionalismus und internationale Einflüsse
O’Gorman wurde maßgeblich durch die Schriften Le Corbusiers, insbesondere Vers une architecture (1923), geprägt und gilt als einer der wichtigsten Vermittler der funktionalistischen Architektur in Mexiko. In späteren Phasen seines Werks lassen sich auch Einflüsse von Frank Lloyd Wright und dessen organischer Architektur erkennen. O’Gorman unterschied innerhalb des mexikanischen Funktionalismus zwischen einer „integralistischen“ Strömung, die Nutzen, Ästhetik und soziale Funktion verband, und einer „radikalen“ Ausprägung, die sich auf die Befriedigung elementarer Bedürfnisse und die ökonomische Effizienz des Bauens konzentrierte.
Frühe Bauwerke
Zu seinen frühen architektonischen Leistungen zählt der Bau der ersten funktionalistischen Wohnhäuser Mexikos. International bekannt wurde das 1931–1932 errichtete Museo Casa Estudio Diego Rivera y Frida Kahlo in San Ángel, ein Doppelhaus mit Ateliers für die beiden Künstler Diego Rivera und Frida Kahlo. Darüber hinaus entwarf O’Gorman zahlreiche Schulbauten; allein in Mexiko-Stadt realisierte er 26 Grundschulen. Weitere bedeutende Projekte waren das neue Gebäude der Banco de México sowie öffentliche Bauten unterschiedlicher Maßstäbe.
Casa O’Gorman im Pedregal
Anfang der 1950er-Jahre errichtete O’Gorman im Stadtteil Jardines del Pedregal de San Ángel sein eigenes Wohnhaus, ein experimentelles, teilweise in das vulkanische Gelände eingebettetes Gebäude, das als „Casa-cueva“ bekannt wurde. Das Haus verband Architektur, Landschaft und symbolische Formen und galt als O’Gormans persönlichstes architektonisches Werk. Es wurde 1969 von den neuen Eigentümern abgerissen.
Biblioteca Central der UNAM
Als sein bedeutendstes architektonisches und künstlerisches Werk gilt die Biblioteca Central der Ciudad Universitaria der UNAM (1951–1953), die in Zusammenarbeit mit Gustavo Saavedra und Juan Martínez de Velasco entstand. O’Gorman entwarf die monumentalen Mosaikmurale, die alle vier Fassaden des Gebäudes bedecken und eine Gesamtfläche von rund 4000 Quadratmetern umfassen. Die Darstellungen thematisieren die präkolumbianische, koloniale und moderne Geschichte Mexikos sowie die Rolle der Universität. Die Mosaike bestehen aus Millionen farbiger Natursteine aus verschiedenen Regionen des Landes.
Malerei und Wandkunst
Neben seiner architektonischen Tätigkeit war O’Gorman als Maler und Wandkünstler tätig. Er schuf zahlreiche großformatige Murale mit historischen und gesellschaftlichen Themen, unter anderem im Museo Nacional de Historia im Castillo de Chapultepec, im Aeropuerto Internacional de la Ciudad de México sowie im Gebäude der Secretaría de Comunicaciones y Transportes. Sein bekanntestes Gemälde ist das Wandbild „Independencia“ (1960–1961) im Castillo de Chapultepec. Darüber hinaus fertigte er auch Malerei auf Leinwand an.
1971 wurde O’Gorman Mitglied der Academia de Artes. 1972 erhielt er den Premio Nacional de Bellas Artes.
Fotografien
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Biblioteca Central der UNAM mit den von Juan O’Gorman gestalteten Mosaikmurales
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Mural Retablo de la independencia im Castillo de Chapultepec
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Confluencia de Civilizaciones en las Américas, San Antonio (Texas)
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Historia de Michoacán, Mural in der Biblioteca Pública Gertrudis Bocanegra, Pátzcuaro
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Außenansicht des Museo Casa Estudio Diego Rivera y Frida Kahlo
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Kaktusmauer zwischen den Grundstücken der Häuser von Diego Rivera, Frida Kahlo und Juan O’Gorman (Pedregal de San Ángel)
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Grab von Juan O’Gorman in der Rotonda de las Personas Ilustres (Mexiko)
Tod
Juan O’Gorman nahm sich am 18. Januar 1982 nach langer Depression das Leben. Wenige Monate später wurde er in der Rotonda de las Personas Ilustres in Mexiko-Stadt beigesetzt.
Literatur
- Henry-Russell Hitchcock: Latin American Architecture since 1945. New York: The Museum of Modern Art, 1955.
- Ida Rodríguez Prampolini: Juan O’Gorman. Arquitecto y pintor. México: UNAM / Instituto de Investigaciones Estéticas, 1983.
- Juan O’Gorman; Ida Rodríguez Prampolini; Olga Sáenz; Elizabeth Fuentes Rojas (Hg.): La palabra de Juan O’Gorman. México: UNAM, 1983.
- Marta Olivares Correa: Juan O´Gorman: arquitecto funcionalista radical. In: Diseño y Sociedad (UNAM), Nr. 28–29, 2011.
- Javier Jerez González: Juan O’Gorman. Formas de no ser arquitecto. In: rita_ Revista Indexada de Textos Académicos, Nr. 4, 2015.
- Alejandro Bosqued Navarro: El sistema de escuelas primarias de Juan O'Gorman. Dissertation, Universidad Politécnica de Madrid, 2016.
- Juan O’Gorman: Autobiografía. México: UNAM.
- UNAM: La Biblioteca Central y su mosaico de piedras naturales.
- Valentina Di Liscia: The Contentious History of a Lost Cave House in Mexico City. Hyperallergic, 2022.
- Encyclopaedia Britannica: Juan O’Gorman.
Weblinks
- Museum of Modern Art (MoMA): Latin American Architecture since 1945
- UNESCO World Heritage Centre: Central University City Campus of the UNAM
- INBA: Museo Casa Estudio Diego Rivera y Frida Kahlo
- gob.mx (Cultura): La memoria de la Casa-cueva de Juan O’Gorman
- Academia de Artes: Juan O’Gorman
- ArchDaily: UNAM Central Library / Juan O’Gorman
- Google Arts & Culture: Diego Rivera & Frida Kahlo House-Studio Museum
- Internet Archive: Latin American Architecture since 1945
- UNAM – Dirección General de Bibliotecas
- Encyclopaedia Britannica: Juan O’Gorman