Juan Carlos Tabío

Juan Carlos Tabío Rey (* 3. September 1943 in Havanna; † 18. Januar 2021 ebenda) war ein kubanischer Filmregisseur und Drehbuchautor.

Leben

Tabío verließ die Oberschule, um sich im Rahmen der in Kuba stattfindenden Alphabetisierungskampagne dem ersten Kontingent der Alphabetisatoren in Sierra Maestra anzuschließen. Ab 1961 arbeitete er für das Instituto Cubano del Arte e Industria Cinematográficos (ICAIC).[1] Diese Stelle war ihm von einem Freund der Familie vermittelt worden, nachdem sich seine ursprünglichen Pläne für eine diplomatische Laufbahn zerschlagen hatten.[2] 1962 wirkte Tabío als Regieassistent an dem Spielfilm CUBA 58 von José Miguel García Ascot und Jorge Fraga mit. Im Folgejahr legte er mit der Dokumentation Peligro (1963) seine erste eigene Filmarbeit vor. Nach Ableistung des Militärdienstes von 1964 bis 1967 war er als Dokumentarfilm-Regisseur tätig.[1] Insgesamt drehte er über 30 Dokumentarfilme.[3]

Sein Debüt als Spielfilm-Regisseur gab Tabío mit der Verwechslungskomödie Se permuta (1985), in der Rosita Fornés die Hauptrolle spielt. Der Film zeigt neben der Haupthandlung auch erste Auswirkungen der Wirtschaftskrise in Kuba, die sich insbesondere im Wohnungsbau und öffentlichen Verkehr äußerten.[4] Nach Kurzfilmen drehte Tabío die Satire Plaff – oder Zuviel Angst vor dem Leben (1988) mit Daisy Granados in der Hauptrolle. Diese und weitere seiner Spielfilme fanden ein Millionenpublikum in kubanischen Kinos.[5] Tabío wurde bekannt für humorvolle Filme, die gleichzeitig das Ziel verfolgten, die Zuschauer zum Nachdenken über das Gesehene und zum Dialog anzuregen. Er thematisierte, teilweise gesellschaftskritisch, das Alltagsleben in Kuba. Als Filmemacher setzte er auch experimentelle Mittel wie das Durchbrechen der „Vierten Wand“ ein.[2]

Tabío war mit Tomás Gutiérrez Alea befreundet und arbeitete mehrfach mit ihm zusammen. Sie schrieben unter anderem gemeinsam das Drehbuch zu Gutiérrez Aleas Drama Hasta cierto punto (1983), in dem sich ein Theaterregisseur in eine Hafenarbeiterin verliebt. Der internationale Durchbruch kam für Tabío mit der Komödie Erdbeer und Schokolade (1994), welche die Freundschaft zwischen einem Kommunisten und einem homosexuellen Intellektuellen beschreibt. Der Film entstand während der Sonderperiode in Kuba und stellt ein Plädoyer für Toleranz und individuelle Freiheit dar. Gutiérrez Alea hatte ihn zunächst allein begonnen, aufgrund seiner Krebserkrankung stieß dann Tabío als Co-Regisseur hinzu.[3] Erdbeer und Schokolade wurde 1995 als erster kubanischer Film für einen Oscar in der Kategorie Bester Fremdsprachiger Film nominiert.[6] Er brachte seinen beiden Regisseuren den Spezialpreis der Jury bei der Berlinale 1994,[7] den Publikumspreis beim Teddy Award 1994[8] und 1995 einen Goya in der Kategorie Bester iberoamerikanischer Film ein. Auch der letzte Film von Gutiérrez Alea, die Satire Guantanamera, entstand in Kooperation mit Tabío.

Später inszenierte Tabío unter anderem den Spielfilm Kubanisch Reisen (2000), dessen Drehbuch er zusammen mit Senel Paz (dem Autor von Erdbeer und Schokolade) und Arturo Arango schrieb. Mit Arango arbeitete er noch bei zwei weiteren Filmen zusammen. Seine letzte Regiearbeit leistete er als einer der sieben Regisseure des Episodenfilms 7 Tage in Havanna. Sein am Wochentag Samstag spielendes Filmsegment Dulce amargo gewährt einen Einblick in das Leben einer Frau, die sich neben ihren beiden Jobs der Produktion von Süßigkeiten verschrieben hat. 7 Tage in Havanna lief unter anderem bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 2012.[9]

2014 wurde Tabío mit dem Nationalen Filmpreis Kubas ausgezeichnet.[10] Neben der Filmarbeit lehrte er auch, so war er im Rahmen von Workshops und Mentoring-Programmen für die Internationale Hochschule für Film und Fernsehen in San Antonio de los Baños tätig.[11] Er starb 2021 im Alter von 77 Jahren in Havanna.[2][5]

Filmografie (Auswahl)

  • 1963: Peligro
  • 1973: Miriam Makeba (Kurzfilm)
  • 1974: Soledad Bravo (Kurzfilm)
  • 1975: Sonia Silvestre (Kurzfilm)
  • 1983: Hasta cierto punto
  • 1985: Se permuta
  • 1986: La Dolly back (Kurzfilm)
  • 1987: La entrevista (Kurzfilm)
  • 1988: Plaff – oder Zuviel Angst vor dem Leben (Demasiado miedo a la vida o Plaff)
  • 1994: El elefante y la bicicleta
  • 1994: Erdbeer und Schokolade (Fresa y chocolate)
  • 1995: Guantanamera
  • 1998: Lorca en La Habana (Fernsehkurzfilm)
  • 1998: Enredando sombras
  • 2000: Kubanisch Reisen (Lista de espera)
  • 2002: Chicho Ibáñez (Kurzfilm)
  • 2003: Aunque estés lejos
  • 2008: El cuerno de la abundancia
  • 2011: 7 Tage in Havanna (7 días en La Habana), Episode Dulce amargo
  • 2019: Insumisa

Einzelnachweise

  1. a b Juan Carlos Tabío Rey. In: Peter B. Schumann: Kino in Cuba: 1959–1978. Hrsg. von d. Westdt. Kurzfilmtagen Oberhausen. Vervuert, Frankfurt 1980, ISBN 3-921600-09-X, S. 302.
  2. a b c El hombre que guionó pueblo y regaló sonrisas: Juan Carlos Tabío (1943–2021). In: La diaria. 22. Januar 2021. Abgerufen am 8. Januar 2026.
  3. a b Juan Carlos Tabío, in memoriam. In: cinemateca.org.uy. Abgerufen am 8. Januar 2026.
  4. Laura Becquer: Juan Carlos Tabío, el cineasta que reflejó a Cuba desde el humor. In: SWI swissinfo.ch. 18. Januar 2021. Abgerufen am 9. Januar 2026.
  5. a b Rolando Pérez Betancourt: Juan Carlos Tabío and the perfection he leaves us. In: Granma. 27. Januar 2021. Abgerufen am 8. Januar 2026.
  6. Strawberry and Chocolate (1993). In: pstlala.oscars.org. Abgerufen am 8. Januar 2026.
  7. 44. Internationale Filmfestspiele Berlin. In: berlinale.de. Abgerufen am 8. Januar 2026.
  8. Fresa y chocolate. In: teddyaward.tv. Abgerufen am 8. Januar 2026.
  9. 2012 Official Selection. In: festival-cannes.com. Abgerufen am 8. Januar 2026.
  10. Juan Carlos Tabío tot. Er brachte „Erdbeer und Schokolade“ ins Kino. In: Stuttgarter Zeitung. 19. Januar 2021. Abgerufen am 8. Januar 2026.
  11. Despedimos a Juan Carlos Tabío. In: eictv.org. Abgerufen am 8. Januar 2026.