Joseph Anton Scherrer

Joseph Anton Scherrer, auch Joseph Anton Scherrer-Füllemann (* 17. oder 18. November 1847 in Itaslen bei Bichelsee; † 8. September 1924 in Mammern; heimatberechtigt in Kirchberg), war ein Schweizer Jurist und Politiker.

Leben

Herkunft und Ausbildung

Joseph Anton Scherrer stammte aus einer Kleinbauernfamilie: Sein Vater Alois Scherrer war Kleinbauer und Wirt; seine Mutter hiess Waldburga (geb. Hollenstein). Sein Bruder war der Jurist und Politiker Paul Scherrer.

Am 2. Oktober 1876 heiratete er Philippine, die Adoptivtochter von Christoff Füllemann, womit er den Familiennamen Scherrer-Füllemann annahm; ihre gemeinsame Tochter war die Malerin Hedwig Scherrer.

Er verstarb während eines Erholungsaufenthaltes in Mammern.

Scherrer erhielt seine schulische Bildung durch verschiedene höhere Schulen. Er besuchte die Kantonsschule Frauenfeld, die Klosterschule (siehe Stiftsschule Einsiedeln) in Einsiedeln und das Jesuitenkollegium (siehe Stella Matutina) in Feldkirch. Von 1867 bis 1869 studierte er Rechtswissenschaften an der Universität München und der Universität Basel.

Berufliche Laufbahn

Nach seinem Studium liess sich Scherrer als Rechtsanwalt nieder. Bis zu seinem Umzug nach St. Gallen im Jahr 1886 war er als Anwalt in Sulgen tätig und betrieb nebenbei eine Landwirtschaft. In St. Gallen praktizierte er seit 1886 als Rechtsanwalt; unter anderem war Max Gmür in seiner Kanzlei tätig. Später, von 1897 bis 1909, wirkte er als Kassationsrichter des Kantonsgerichts.[1]

Politische Tätigkeiten auf kantonaler Ebene

Scherrer entwickelte sich zu einem führenden Kopf der Demokratischen und Arbeiterpartei St. Gallens. Von 1891 bis 1894 gehörte er dem Regierungsrat des Kantons an und leitete dabei das Justizdepartement; 1893 erfolgte seine Wahl zum Landammann.[2]

Sein bedeutendster Beitrag zur kantonalen Politik war seine federführende Rolle bei der Kantonsverfassungsrevision von 1890. Das im Wesentlichen auf ihn zurückgehende Revisionsprogramm setzte er gemeinsam mit den Konservativen durch. Von 1889 bis 1890 amtete er als Verfassungsrat, und von 1895 bis 1921 wirkte er als Kantonsrat; in dieser Zeit übte er viermal das Amt des Präsidenten aus.

Nationalrat und nationale Politik

Von 1890 bis 1922 vertrat Scherrer den Kanton St. Gallen als demokratischer Nationalrat. Während dieser langen Amtszeit engagierte er sich besonders für Fragen der Demokratisierung und der sozialen Gerechtigkeit.

Ein Hauptanliegen Scherrers war die Einführung des Proporzes auf Kantons- und Bundesebene; 1908 wurde er zum Vizepräsidenten und 1913 zum Präsidenten des Komitees für die Nationalratsproporz-Initiative gewählt.[3][4] Darüber hinaus setzte er sich für die Volkswahl des Bundesrates ein – eine radikaldemokratische Forderung, die seiner Zeit voraus war.

Als Vertreter der sozialpolitischen Gruppe (1899 erfolgte die Bestellung zum Präsidenten der Gruppe)[5] des Nationalrats warb er für die Schaffung von Bundesmonopolen zur Stärkung der wirtschaftlichen Kontrolle des Staates. 1902 forderte er die Errichtung einer Staatsbank[6], 1908 ein eidgenössisches Getreidemonopol und 1910 eine Schweizer Hypothekenbank. 1900 stellte er eine Motion zur Erhöhung der Anzahl der Bundesräte, und 1919 forderte er die Totalrevision der Bundesverfassung. Im Jahr 1920 war er Präsident des Komitees Pro Vorarlberg (siehe Geschichte Vorarlbergs). Diese 1919 gegründete Organisation strebte aufgrund der wirtschaftlichen Not nach dem Ersten Weltkrieg den Beitritt Vorarlbergs zur Schweiz an, scheiterte jedoch mit diesem Vorhaben.

Charakteristisch für Scherrers politischen Kurs war seine gemässigte Haltung in wirtschaftlichen und sozialpolitischen Fragen. Obwohl er progressive Reformen unterstützte, distanzierte er sich bewusst von klassenkämpferischen Strömungen.

1922 teilte er mit, dass er aus Alters- und Gesundheitsgründen nicht mehr für den Nationalrat kandidieren werde.[7]

Internationales Engagement

Über die nationale Politik hinaus engagierte sich Scherrer international für den Frieden. Er war Gründer und Präsident der Schweizer Sektion der Interparlamentarischen Union und von 1902 bis 1922 Mitglied des Rats der Interparlamentarischen Union.

Während und nach dem Ersten Weltkrieg gehörte er zu den führenden Befürwortern der internationalen Friedensbewegung. Insbesondere warb er für den Beitritt der Schweiz zum Völkerbund.[8]

Mitgliedschaften

Das Zentralkomitee der Schweizerischen Demokratischen Partei wählte ihn 1905 zum Präsidenten.[9]

1919 rief er den Christlichsozialen Arbeiterbund der Schweiz (CAB) ins Leben.[10]

Literatur

Einzelnachweise

  1. St. Gallen. In: Der Bund. Erstes Blatt, 23. Juni 1897, S. 4, abgerufen am 12. Januar 2026.
  2. St. Gallen. In: Zürcher Oberländer. 19. Mai 1893, S. 3, abgerufen am 12. Januar 2026.
  3. Schweiz. In: Briger Anzeiger. 25. November 1908, S. 2, abgerufen am 12. Januar 2026.
  4. Eidgenossenschaft. In: Oberländer Tagblatt. 13. Mai 1913, S. 2, abgerufen am 12. Januar 2026.
  5. Schweiz. In: Berner Tagwacht. 9. Dezember 1899, S. 2, abgerufen am 12. Januar 2026.
  6. Die Bundesbank. In: Der Bund. 22. März 1903, S. 2, abgerufen am 12. Januar 2026.
  7. Er will nicht mehr. In: Berner Tagwacht. 22. August 1922, S. 2, abgerufen am 12. Januar 2026.
  8. St. Gallen. In: Grütlianer. 20. Dezember 1919, S. 2, abgerufen am 12. Januar 2026.
  9. Schweiz. demokratische Partei. In: Bieler Tagblatt. 20. Juni 1905, S. 2, abgerufen am 12. Januar 2026.
  10. Markus Rohner: Christlichsoziale Bewegung. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 26. Mai 2008, abgerufen am 11. Januar 2026.