Josef Vietze

Josef Vietze (* 26. September 1902 in Obergrund, Bezirk Rumburg, Nordböhmen; † 24. Oktober 1988 in Bischofswiesen) war ein deutscher Maler und Graphiker.[1]

Familie und Jugend

Josef Vietze wuchs in ärmlichen Verhältnissen in nordböhmischen Obergrund (Horní Podluží) bei Warnsdorf (Varnsdorf) auf. Der Vater war Kutscher, die Mutter Hausfrau mit 6 Kindern, für die Josef als ältestes Kind zusätzliche Pflichten übernehmen musste. Er konnte die „Bürgerschule“ besuchen, zuletzt mitten im Ersten Weltkrieg. Nach absolviertem Schulabschluss 1916 entschied er sich für eine Ausbildung zum Lithografen bei der Druckerei E. Strache in Warnsdorf. Nach Abschluss der Lehrzeit arbeitete er über mehrere Jahre in lithografischen Betrieben in Krakau und in Böhmisch Leipa (Česká Lípa), 1924 unterbrochen durch den Dienst in Budweis beim tschechoslowakischen Militär. Sein Ziel war es, sich an der Kunstakademie in Prag zu bewerben, um eigenständig künstlerische Arbeiten zu entwerfen. 1929 schließlich bestand Vietze die Aufnahmeprüfung an der Akademie der Bildenden Künste Prag (Akademie výtvarných umění v Praze).[2]

Studienzeit und Lehrtätigkeit

Schwerpunkt seiner Ausbildung war das Studium an der Spezialabteilung für Grafik bei Heinrich Hönich und später der figuralen Malerei bei Vratislav Nechleba.[3] Mit beiden verband Vietze eine enge Freundschaft. Mit Hönich verbrachte er oft die Semesterferien zum Landschaftsmalen im Isergebirge (Schwarze Stolpich). Mehrere Preise und Kunststipendien führten ihn u. a. nach Dresden, Berlin sowie Florenz und Paris. Von 1935 bis 1945 erhielt er den Auftrag, den jeweiligen Rektor der Karls-Universität in Prag lebensgroß in Öl zu portraitieren.

Das Portrait des stellvertretenden Reichsprotektors von Böhmen und Mähren Reinhard Heydrich entstand 1939. Es war 1941 im „Haus der deutschen Kunst“ in München ausgestellt. Im Jahr darauf wurde hier die „Wollsachensammlung“, ein großformatiges Ölgemälde Vietzes, gezeigt. Sicher passten die künstlerisch klassischen und naturalistischen Landschaftsbilder und die detailgetreue Ausarbeitung seiner Portraits durchaus in den Zeitgeist des dritten Reiches.[4]

1940 wurde er durch die Protektoratsregierung in Prag zum ordentlichen Professor der Akademie für bildende Künste ernannt. Voraussetzung hierfür war sein Eintritt in die NSDAP. 1941 heiratete er Konstanze Lopatta in ihrer Heimatstadt Leitmeritz (Litoměřice). Zwei Töchter, Waltraut und Gerhild kamen in Prag zur Welt.

Neben der Lehrtätigkeit – mit einer Unterbrechung (Einzug zur Wehrmacht 1943 als Kriegsmaler in die Ukraine) – entstanden bis 1945 noch zahlreiche Ölgemälde, Grafiken und Aquarelle. Der Verbleib der meisten Arbeiten im heutigen Tschechien ist derzeit nicht mehr zu eruieren.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Vietze, wie viele deutsche Professoren, interniert und im Gefängnis Pankrác zu Zwangsarbeit verpflichtet.

Es war dem persönlichen Einsatz seines früheren tschechischen Lehrers an der Akademie, Vratislav Nechleba zu verdanken, dass er nach Monaten entlassen wurde. Die wieder zusammengeführte Familie wurde aus der Tschechoslowakei ausgewiesen. Nach mehreren Stationen in Westdeutschland kam sie schließlich nach Bayern und dort ins Berchtesgadener Land.[5]

Neubeginn im Berchtesgadener Land

Bewerbungen um eine Stelle an einer Kunstakademie scheiterten und so musste Vietze selbständig tätig sein – in einer Zeit, als kaum jemand Geld für Kunst zur Verfügung hatte und die Familie um zwei weitere Kinder, Ulrike und Werner angewachsen war, halfen gute Freunde und Tauschgeschäfte bis Mitte der 50er Jahre, den spärlichen Lebensunterhalt zu sichern.

Es folgte die Zeit mehrerer guter Portraitaufträge (Rektoren der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Julius-Maximilians-Universität Würzburg und RWTH Aachen), sowie Personen des öffentlichen Lebens, die zu einem deutlichen Aufschwung führten. 1949 trat Vietze der von Constantin Gerhardinger neu gegründeten Münchner Künstlergenossenschaft kgl.priv.1868 bei. Bis Anfang der 1980er Jahre war Vietze in München regelmäßig bei den Jahresausstellungen im Haus der Kunst vertreten.

17 Jahre lang war er Vorsitzender des Berchtesgadener Künstlerbunds, wobei er auch hier an den jährlichen Ausstellungen teilnahm und gute Kontakte zu hier ansässigen Künstlern pflegte.

Ausstellungen in Traunstein und in der Torhalle auf der Fraueninsel im Chiemsee beschickte er zudem häufig mit seinen Werken.

In seiner neuen Heimat in Bayern änderte sich sein Stil noch mehr zu realistischer, naturalistischer Ausführung. Es entstanden zahllose Landschaftsmotive in den Berchtesgadener Alpen, natürlich oft mit dem Watzmann im Hintergrund, der bei der Kundschaft besonders beliebt war. Stillleben mit Wiesenblumen oder Alpenblumen gehörten ebenso zu seinem Repertoire, wie zahlreiche Portraits von Berchtesgadener „Dirndln“ in ortsüblicher Tracht, oder Köpfe von Bauern oder Jägern mit Hut und Gamsbart.

Auf Urlaubsreisen entstanden noch Aquarelle sowie Rötelzeichnungen. Grafiken hat er allerdings in seinem zweiten Lebensabschnitt nicht mehr erstellt.

Vietze starb am 24. Oktober 1988 in seiner zweiten Heimat in Bischofswiesen.[6]

Portraits bekannter Personen

Portraits in seiner Prager Zeit

Portraits in der Nachkriegszeit

Archivierte Werke in folgenden Galerien

Auszeichnungen und Preise

  • 1935–1940: Stipendien für Studienreisen nach Berlin, München, Dresden, Florenz und Paris

Literatur

  • Erich Bachmann, Festschrift „Malerei von wissenschaftlicher Sachlichkeit“ zu Vietzes 65. Geburtstag, 1967.
  • Ausstellungskataloge: Haus der (deutschen) Kunst, München, 1941, 1942 und 1950 bis 1980
  • Der Maler und Graphiker Josef Vietze: Ölgemälde – Graphiken – Aquarelle – Zeichnungen. Josef Vietze, 1982, Eigenverlag.
  • Ursula Peters, GNM Nürnberg 2010: Moderne Zeiten. Die Sammlung 20. Jhr., S. 185; Ms. zu Vietze. Ölgemälde „Winter-Wollsachensammlung“ von Josef Vietze 1942.
  • Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler des 20. Jahrhunderts, Bd. 6. 1999 [1953]. Hrsg. Hans Vollmer. ISBN 3-86502-127-1.
  • „100 Jahre Josef Vietze (1902–2002). Gedächtnisausstellung im Nationalparkhaus Berchtesgaden vom 27.09.–14.11.2002“. Ausstellungskatalog, 2002. Hrsg. Werner Vietze. Druck: Berchtesgadener Anzeiger.

Einzelnachweise

  1. Hans Vollmer (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler des 20. Jahrhunderts. 6 ("Nachträge H bis Z"). dtv, München, ISBN 3-86502-127-1.
  2. Josef Vietze: Der Maler und Graphiker Josef Vietze: Ölgemälde - Graphiken - Aquarelle - Zeichnungen. Eigenverlag, Druck: Berchtesgadener Anzeiger., Bischofswiesen 1982, S. 7–11.
  3. Hans Vollmer (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der bildenden Künstler des 20. Jahrhunderts. 6 ("Nachträge H bis Z"), ISBN 3-86502-127-1.
  4. Ursula Peters (GNM Nürnberg): Moderne Zeiten. Die Sammlung 20. Jhr. In: Manuskript zu Vietze. Ölgemälde „Winter-Wollsachensammlung“ von Josef Vietze 1942. Nürnberg 2010.
  5. Josef Vietze: Der Maler und Graphiker Josef Vietze: Ölgemälde - Graphiken - Aquarelle - Zeichnungen. Eigenverlag, Druck: Berchtesgadener Anzeiger., Bischofswiesen 1982, S. 13–15.
  6. Werner Vietze: 100 Jahre Josef Vietze (1902-2002). Gedächtnisausstellung im Nationalparkhaus Berchtesgaden vom 27.09.-14.11.2002. Hrsg.: Werner Vietze. Bischofswiesen 2002, S. 13–31.