John Vanderpoel
John Henry Vanderpoel, geboren als Johannes (Jan) van der Poel (* 15. November 1857 in Haarlemmermeer, Niederlande; † 2. Mai 1911 in St. Louis, Missouri) war ein niederländisch-amerikanischer Maler, Zeichner und Kunstpädagoge. Er wurde vor allem durch seine Lehrtätigkeit am Art Institute of Chicago und durch sein 1907 veröffentlichtes Lehrbuch The Human Figure bekannt.[1]
Leben
John Vanderpoel wurde 1857 in Haarlemmermeer als Sohn von John und Maria Vanderpoel (geb. van Nes) geboren. Sein Vater war im Flachshandel tätig. Nach dem Tod seiner Frau wanderte er im Jahr 1868 mit seinen zehn Kindern in die Vereinigten Staaten aus und ließ sich in Chicago nieder. Die Familie lebte zunächst in bescheidenen Verhältnissen im Stadtteil „Little Bohemia“. John Vanderpoel zeigte schon früh künstlerisches Talent. Seine ersten Zeichenstunden erhielt er in den Niederlanden, später in Chicago von einem niederländisch-böhmischen Architekten, den sein Vater engagiert hatte. Zusätzlich besuchte er Zeichenkurse der Chicagoer Turngemeinde. Lehrer erkannten seine Begabung und ermöglichten ihm ein Stipendium an der Chicago Academy of Design. Dort studierte er unter anderem bei Lawrence Carmichael Earle, James Farrington Gookins, Henry Fenton Spread und Christian F. Schwerdt. Nach der Umorganisation der Akademie im Jahr 1879 in die Chicago Academy of Fine Arts (später Art Institute of Chicago) wurde Vanderpoel zunächst Assistent und schließlich Dozent für Zeichnen. 1880 war er bereits Instructor in Drawing. 1885 erhielt er ein Reisestipendium und studierte an der Académie Julian in Paris bei Gustave Boulanger und Jules-Joseph Lefebvre. Er gehörte zu den wenigen amerikanischen Studierenden, deren Arbeiten an der Akademiewand ausgestellt wurden. Studienreisen führten ihn außerdem nach München, Italien und regelmäßig in die Niederlande.[2]
Nach seiner Rückkehr im Jahr 1888 wurde Vanderpoel leitender Lehrer für Figuren- und Konstruktionszeichnen am Art Institute of Chicago und unterrichtete dort 22 Jahre lang. Zu seinen Schülern gehörten zahlreiche spätere Künstler und Lehrende des Instituts. Er unterrichtete das anatomische und konstruktive Zeichnen mit besonderer Strenge und galt als zentraler Vertreter der akademischen Zeichentradition in den Vereinigten Staaten. Sein Name war eng mit dem Art Institute verbunden, das er zu einem der führenden Ausbildungsorte des Landes machte. Neben dem Unterricht engagierte er sich in verschiedenen Kunstvereinigungen, darunter die Chicago Art League (Mitbegründer 1880), die Society of Western Artists (ab 1896) und die Municipal Art League.[2]
Er wirkte als Juror zahlreicher Kunstausstellungen, war Mitglied von Kommissionen zur Förderung der Bildenden Kunst und 1893 Juror der World’s Columbian Exposition in Chicago. Neben seiner Lehrtätigkeit führte er ein Atelier und stellte regelmäßig in Chicago und im Mittleren Westen aus. Seine Gemälde umfassten Porträts, Figurenbilder und Landschaften. Viele seiner Arbeiten entstanden während Sommeraufenthalten in Wisconsin (Delavan) und Michigan (St. Joseph, Petoskey). Zwischen 1904 und 1906 veröffentlichte John Vanderpoel eine Artikelserie über das Zeichnen des menschlichen Körpers im Magazin Brush and Pencil. Diese bildete die Grundlage für sein 1907 erschienenes Lehrbuch „The Human Figure“, das zu einem der einflussreichsten Zeichenhandbücher seiner Zeit wurde. Bis 1921 erschienen zehn Auflagen mit insgesamt etwa 45.000 verkauften Exemplaren. Das Buch wird bis heute verlegt und zählt zu den Standardwerken der Zeichenpädagogik.[2]
Neben seiner Tätigkeit als Lehrer arbeitete Vanderpoel als Wandmaler, Illustrator und Kunstkritiker. Zu seinen Wandgemälden gehörten The Vintage Festival (Hotel Alexander, Los Angeles, 1906) und eine Serie großformatiger Dekorationen für das College Theatre in Chicago (1907). 1910 verließ er das Art Institute of Chicago, um die Leitung der Kunstabteilung der Art Institute of the American Woman’s League in University City, Missouri, zu übernehmen. Dort entwickelte er ein umfangreiches Fernunterrichtsprogramm für Zeichen- und Figurenstudien. Während dieser Zeit erlitt er einen ersten Herzinfarkt, arbeitete jedoch weiter an seinen Unterrichtsplänen und Wandmalereien. Am 1. Mai 1911 starb John Henry Vanderpoel schließlich an einem weiteren Herzinfarkt in University City.[2]
Werk
John Vanderpoel war ein produktiver Maler. Er zeigte fünf Gemälde auf der World’s Columbian Exposition 1893 und erhielt eine Bronzemedaille auf der Louisiana Purchase Exposition im Jahr 1904. Er gilt als eine der zentralen Figuren der Kunstpädagogik im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten um 1900 und hatte einen nachhaltigen didaktischen Einfluss auf Generationen amerikanischer Künstler. Das von ihm herausgegebene Buch „The Human Figure“ wurde von unterschiedlichen Künstlern wie Joaquín Sorolla y Bastida und Georgia O’Keeffe geschätzt. Zu seinem Gedenken wurde in Chicago das Vanderpoel Memorial Art Museum gegründet, das einen Teil seiner Arbeiten und Lehrmaterialien bewahrt. Zu seinen Schülern zählten J. C. Leyendecker, Frederick Carl Frieseke und Georgia O’Keeffe, die ihn in ihrer Autobiografie als einen der wenigen wahren Lehrmeister würdigte.[2]
Werke (Auswahl)
-
Selbstporträt (um 1900)
-
The Perplexing Problem
-
Sunlight and Shadow (1898)
-
Portrait of a Lady (um 1900)
-
Frauenakt, Kohlezeichnung für das Wandgemälde, The Vintage Festival, aus: The Human Figure (1907)
-
Charcoal Drawing of Female Torse, Separating Front From Side Through Strong Light and Shade (1907)
-
Tone Drawing in Charcoal of Female Figure, aus: The Human Figure (1907)
Literatur
- The Human Figure – Life drawings for Artists (Classic treatment by a master teacher features 430 pencil and charcoal illustrations depicting fundamental features of human anatomy. Topics include shading, curvature, proportion, foreshortening, muscular tension, and much more), Dover Publicatons, New York, 2016.
- Emmanuel Bénézit: Dictionary of artists. Band 14: Valverde – Zyw. Paris, 2006.
- Hans Vollmer: Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. Vierunddreissigster Band. Urliens – Vzal, Leipzig 1940.