Johanneskirche (Stuttgart-West)

Die Johanneskirche ist eine evangelische Kirche im Stadtbezirk West der baden-württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart. Das Bauwerk ist beim Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg als Baudenkmal eingetragen. Sie steht mit ihrem Chor direkt am Feuersee auf einer künstlichen Halbinsel und wird von der Evangelischen Kirchengemeinde Stuttgart-West, die zum Kirchenkreis Stuttgart der Evangelischen Landeskirche in Württemberg gehört, als eine ihrer drei Gemeindekirchen genutzt.

Geschichte

Bereits 1858 wurde ein Stuttgarter Kirchenbau-Verein gegründet, welcher den Bau plante.[1] 1865 bis 1876 wurde die Kirche dann im neugotischen Stil von Oberbaurat Christian Friedrich von Leins unter Bauleiter Theophil Frey und Bauhüttenleiter Fr. Elsäßer erbaut. Am 18. September 1865 erfolgte der erste Spatenstich, die Grundsteinlegung wurde erst am 30. Oktober 1866 gefeiert. Die Einweihung fand am 30. April 1876 statt. Erste Erneuerungsarbeiten leitete 1912 Architekt Richard Böklen.

Das Gebäude ist besonders markant durch ihre städtebaulich hervorgehobene Lage. Die Kirche liegt mit dem Chor auf einer extra dafür angelegten Halbinsel im Feuersee (Löschwasserteich), welcher 1701 oder 1707 ausgegraben wurde.[2] Ursprünglich hatte man einen Standort Silberburg- und Marienstraße ins Auge gefasst, welcher dann aber zugunsten des Feuersees verworfen wurde.[3][4] Die Kirche wurde von Christian Friedrich von Leins „auf dem Wasser“ gebaut, sodass als erstes 660 Pfähle in den See gerammt werden mussten[5]. Die Einturmfassade der Johanneskirche markiert den Beginn der ehemaligen Prachtallee Johannesstraße. Sie war die erste Kircheneinweihung in Stuttgart nach über 400 Jahren.

Der Zweite Weltkrieg sorgte in mehrfacher Hinsicht für Zerstörungen. Einem Bombenangriff vom 11. März 1943 fielen die Kirchenfenster zum Opfer, und im Oktober 1943 brannte durch einen von Luftangriffen auf Stuttgart entfachten Funkenflug der Dachstuhl ab und das Gewölbe stürzte ein.[6] Im Frühjahr 1944 wurde die Turmspitze zerstört. Nach Kriegszerstörung wurde die Kirche äußerlich wiederaufgebaut bis auf den Turmhelm, da nicht genügend Geld vorhanden war. Die zerstörten gotischen Gewölbe wurden allerdings durch moderne und im Kirchenschiff inzwischen durch eine Akustik-Flachdecke ersetzt. Der Kirchturm war vor seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg 66 Meter hoch[7], heute ist er rund 45 Meter hoch.[6] Die „Kirche ohne Spitze“ gilt heute als Mahnmal gegen den Krieg.

Baubeschreibung

Die Wahl des gotischen Stils für die Johanneskirche wurde 1864 nicht mehr explizit begründet, da dieser Stil als selbstverständlich galt. Auch Architekt Leins äußerte sich nicht dazu, außer in Bezug auf die drei mittelalterlichen Hauptkirchen Stuttgarts.

Der Entwurf der Johanneskirche basiert stark auf französischen Kathedralen, was Leins nicht thematisiert, da Gotik in Deutschland als „teutscher Styl“ galt. Obwohl die Kirche Elemente französischer Gotik aufweist, wie ein dreischiffiges Langhaus und ein Kapellenkranz, weichen einige Merkmale ab, um den Bedürfnissen des protestantischen Kirchenbaus gerecht zu werden. Beispielsweise dient der vermeintliche Kapellenkranz als Sakristei und ist vom Innenraum der Kirche getrennt, und die Grundrissproportionen wirken gedrungen. Außerdem sind die Einturmfassade und die großzügigen Treppen untypisch für französische Vorbilder.

Innen zeigt die Kirche frühgotische viergeschossige Strukturen mit weit geöffneten Arkaden und mit Emporen. Die Gestaltungselemente entstammen verschiedenen gotischen Bauten, z. B. die Fensterbögen aus der Normandie und Ziergiebel über Portalen und Fenstern aus Amiens und Paris. Dennoch bleibt die Johanneskirche ein eigenständiger Entwurf, der auf praktischen und ästhetischen Anforderungen des 19. Jahrhunderts basiert und nicht nur eine Kopie französischer Kathedralen darstellt. Leins nutzte sowohl seine Erfahrungen in Paris als auch lokale Einflüsse wie das Freiburger Münster, um die Johanneskirche zu gestalten.

Gotischer Dom am Wasser (Schinkel)
Die Kathedrale (Friedrich)

Die Johanneskirche in Stuttgart wurde städtebaulich besonders hervorgehoben, indem sie auf einer Halbinsel im Feuersee platziert wurde. Dies betont die romantische Idealvorstellung einer erhöhten und freigestellten Kirche, ähnlich den Vorstellungen der Gotik und Romantik, die oft Kirchenbauten in landschaftlich dominanten Lagen oder durch Freistellung von umliegender Bebauung zeigten. Beispiele solcher idealisierter Darstellungen sind Werke von Friedrich Schinkel (Gotischer Dom am Wasser, 1813) und Caspar David Friedrich (Die Kathedrale, um 1818). Im Feuersee wurde später noch eine Fontäne installiert, deren Wasserunruhe allerdings die ursprünglich beabsichtigte Spiegelbildwirkung verzerrt.

Die Johanneskirche steht auf einem kreuzförmigen Grundriss.[8] Der fünfteilige Chor, wurde aufgrund städtebaulicher Gegebenheiten an der Achse der Johannesstraße nach Südost ausgerichtet. Das Längs- und Querschiff bilden in der Mitte einen achteckigen Raum, der für die Gottesdienste genutzt wird.

Ausstattung

Die Prinzipalien Kanzel, Altar und Taufstein haben die Kriegszerstörungen im Wesentlichen unbeschadet überstanden, das Orgelgehäuse in veränderter Form. Die Grundform der von vier verschiedenfarbigen Marmorsäulen getragenen Kanzel mit ihrem Korb über einer Luther-Statue und seiner von Säulchen getrennten Blendarkaden-Brüstung mit Adler-Lesepult könnte toskanische Vorbilder in Pisa und Siena gehabt haben. Der verloren gegangene Schalldeckel war aus Eichenholz mit Golddekor gearbeitet. Die Altarmensa und der Taufstein stehen ebenfalls auf Marmorsäulen beziehungsweise auf Sandstein-Halbsäulen. Die Bildhauer der zahlreichen bauzeitlichen Steinskulpturen und der späteren, kurz nach der Jahrhundertwende geschaffenen bauplastischen Gestaltungen sind alle bekannt.[9]

Das ikonografische Programm der bauzeitlichen, aber durch den Krieg zerstörten Glasgemälde geht auf Empfehlungen und die Vermittlung des württembergischen Vereins für christliche Kunst zurück. Eher untergeordnete Maßwerkfenster wurden mit teppichartigen Ornamenten oder einfach in Kathedralglas gestaltet, die bildlich gestalteten Fenster wurden von Entwurfskünstlern und Historienmalern entworfen (Bernhard von Neher mittleres Chorfenster: unten Abendmahl, darüber Kreuzigung; Karl Christian Schmidt) und von den wenigen damals tätigen Glasmalerei-Werkstätten ausgeführt: Gerner in Obertürkheim, Gotthilf Wilhelm in Stuttgart, Wilhelm Jahn in Heilbronn.[10] Diese Glasgemälde wurden im Jahre 1897 von Rudolf Yelin d. Ä. durch zwei seitliche Chorfenster ergänzt (links: oben Geburt Christi, unten Kindersegnung; rechts: oben Himmelfahrt, unten Auferweckung der Tochter des Jairus), gefertigt in der Münchner Werkstatt van Treeck.[11] Auch dieses Fenster ist kriegszerstört.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die drei zerstörten Chorfenster 1969 durch Rudolf Yelin d. J. jeweils mit einer Gestaltung in Kreuzform ersetzt: links die menschliche Schuldgeschichte im Alten Testament (Kain und Abel), darüber Gesetzestafeln und siebenarmiger Leuchter; in der Mitte Jesu Kreuzigung und seine Königskrone; rechts die menschliche Schuldgeschichte im Neuen Testament (Steinigung des Stephanus), darüber himmlisches Jerusalem als Symbol für die vollendete Gemeinde.[12][13] Dazu kamen von ihm noch 1977 in der östlichen Seitenkapelle ein Fenster mit den vier Evangelistensymbolen sowie Alpha & Omega und 1980 in der westlichen Seitenkapelle ein Fenster mit dem großen Gastmahl.[14] In diesen Jahren wohl schuf Adolf Valentin Saile noch zwei kleine Maßwerkverglasungen links und rechts in den Portaltympana der Eingangshalle (Christus der gute Hirte; Senfkorngleichnis).

Orgel

Die ursprüngliche Orgel wurde 1876 durch Friedrich Weigle erbaut und kostete damals 35.000 Mark.[15][16] Diese wurde im Krieg beschädigt. 1948 wurde die Orgel mit wesentlichen Bestandteilen, wie die Windladen und Teile des Pfeifenwerks der ursprünglichen Orgel wiederaufgebaut. Die Orgel besitzt 58 Register und 3 Manuale. Sie wurde von dem Orgelbau Mühleisen 2005 erneuert.[17]

Disposition der Orgel (2005)

I Hauptwerk C–g3
01. Prinzipal 16′
02. Quintatön 0 16′
03. Prinzipal 08′
04. Gedackt 08′
05. Gemshorn 08′
06. Salicional 08′
07. Oktave 04′
08. Nachthorn 04′
09. Quinte 0223
10. Oktave 02′
11. Mixtur VI 02′
12. Scharff III–IV 01′
13. Kornett IV–V 04′
14. Fagott 16′
15. Trompete 08′
16. Klarine 04′
II Positiv C–g3
17. Lieblich Gedackt 08′
18. Spitzflöte 08′
19. Prinzipal 04′
20. Rohrflöte 04′
21. Oktave 02′
22. Quintflöte 0 0113
23. Schweizerpfeife 01′
24. Scharff IV 01′
25. Sesquialter II 0223
26. Klarinette 08′
III Schwellwerk C–g3
27. Pommer 16′
28. Prinzipal 08′
29. Flöte 08′
30. Quintatön 08′
31. Dulcian 08′
32. Oktave 04′
33. Blockflöte 04′
34. Querflöte 04′
35. Nasat 0223
36. Oktave 02′
37. Gemshorn 02′
38. Terzflöte 0135
39. Sifflöte 01′
40. Schreipfeife III
41. Mixtur V
42. Terzzimbel III 0016
43. Dulcian 16′
44. Oboe 08′
Tremulant
Pedal C–f1
45. Kontrabass 32′
46. Prinzipalbass 16′
47. Violonbass 16′
48. Subbass 16′
49. Oktavbass 08′
50. Flötenbass 08′
51. Oktavbass 04′
52. Bauernflöte 02′
53. Hintersatz V 04′
54. Posaune 16′
55. Trompete 08′
56. Klarine 04′
57. Cornett 02′
58. Basszink IV 0513
  • Koppeln:
    • Normalkoppeln: II/I, III/I, III/II, I/P, II/P, III/P
    • Suboktavkoppeln: III/III
    • Superoktavkoppeln: III/P
  • Spielhilfen: Setzerkombination (14336 Kombinationen), Pleno, Tutti, Crescendowalze, Koppeln aus der Walze, Prinzipalchor aus der Walze, Weitchor aus der Walze, Zungen aus der Walze, Zungeneinzelabkommen

Glocken

Das erste Geläut der Kirche hatte die Tonfolge c′ e′ g′ c′′.[18] Im Ersten Weltkrieg wurde die kleinste Glocke abgegeben. Die drei anderen folgten im Zweiten Weltkrieg.

Nr. Name der Glocke Schlagton Gusszeitpunkt Gießer, Gussort Gewicht ca. Durchmesser
1 Dominika cis′ 1953 Glockengießerei Kurtz, Stuttgart 1926 kg 1462 mm
2 Betglocke dis′ 1953 Glockengießerei Kurtz, Stuttgart 1352 kg 1304 mm
3 Schiedglocke fis′ 1953 Glockengießerei Kurtz, Stuttgart 765 kg 1090 mm
4 Taufglocke gis′ 1953 Glockengießerei Kurtz, Stuttgart 548 kg 971 mm

Statuen

In der Kirche befinden sich einige Statuen der Apostel.

Galerie

Literatur

  • Johannes Merz: Die Johanneskirche in Stuttgart; in: Christliches Kunstblatt, 43. Jahrgang, Heft 4, Seite 45–58, Stuttgart 1901.
  • 100 Jahre Johanneskirche Stuttgart - 25. April 1976; Hg. Evangelische Johannesgemeinde Stuttgart-West, Stuttgart 1976.
  • Eva-Maria Seng: Der Evangelische Kirchenbau im 19. Jahrhundert. Die Eisenacher Bewegung und der Architekt Christian Friedrich von Leins, Tübinger Studien zur Archäologie und Kunstgeschichte 15. Tübingen 1995, S. 535–694 (dazu Bilderseiten 97–138, Abb. 284–411).
  • Thomas Schall: Die Johanneskirche am Feuersee Stuttgart. Ein Kirchenführer. Reutlingen 2000.
  • Norbert Bongartz: Vom edlen Wettbewerb der Konfessionen beim Kirchenbau in Stuttgart - Zur Baugeschichte der Matthäuskirche; Benefiz-Vortrag zur Förderung ihrer Innenrenovierung am 13.7.2010, Stuttgart 2010.
  • Hermann Ehmer: Werdende Großstadt – wachsende Kirche. Die kirchliche Entwicklung Stuttgarts zwischen Reichsgründung und Erstem Weltkrieg; in: Blätter für württembergische Kirchengeschichte, 113. Jg. Stuttgart 2013, Seite 227–274.
  • Dr. Norbert Bongartz: Zur Baugeschichte der Johanneskirche, Festvortrag zum 100-jährigen Jubiläum 25.4.1976 - Typoskript, vom Verfasser durchgesehen und überarbeitet im Nov. 2013;. Hrsg.: Landesdenkmalamt Stuttgart. 25. April 1976 (kirchen-online.org [PDF]).
  • Jörg Widmaier: Kirche stellt sich quer – Die Suche nach dem „idealen“ evangelischen Kirchenbau in Baden-Württemberg; in: Denkmalpflege in Baden-Württemberg. Nachrichtenblatt der Landesdenkmalpflege 46. Jg., Nr. 4/2017, Stuttgart 2017, Seite 244–249 [248].
  • Anette Pelizaeus: Johanneskirche am Feuersee. In: Stadtarchiv Stuttgart: Digitales Stadtlexikon, publiziert am 15. November 2024.
Commons: Johanneskirche – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Stuttgart · Johanneskirche. 19. Dezember 2013, abgerufen am 9. Juni 2024.
  2. Stephanie Dewald, Katharina Wagner: Der Feuersee in Stuttgart - Ein Ort voller Geschichte(n). edit - Studierendenmagazin der Hochschule der Medien, 24. Januar 2018, abgerufen am 8. Juni 2024.
  3. Jahresberichte des Stuttgarter Kirchenbau Vereins. Abgerufen am 8. Juni 2024.
  4. Blätter für württembergische Kirchengeschichte. In: 113. Jahrgang 2013. Verlag Chr. Scheufele (Stuttgart), 2013, abgerufen am 8. Juni 2024.
  5. Johanneskirche am Feuersee - Internationale Bachakademie Stuttgart (Memento vom 9. Mai 2021 im Internet Archive)
  6. a b Jürgen Bock: Johanneskirche: Gestutzter Turm gilt als Mahnmal gegen Krieg - Stuttgart. In: stuttgarter-nachrichten.de. 22. Februar 2015, abgerufen am 5. März 2024.
  7. http://www.kirchen-online.org/kirchen--kapellen-in-stuttgart/stuttgart---johanneskirche.php
  8. Johanneskirche. Abgerufen am 2. Juni 2024.
  9. Seng, Kirchenbau 1995, S. 658–663.
  10. Glasmalerei von Wilhelm Jahn in Heilbronn a. N. - Referenz-Broschüre, Heilbronn o. J. [1895], S. 3.
  11. Johannes Merz: Die Johanneskirche in Stuttgart; in: Christliches Kunstblatt, 43. Jahrgang, Heft 4, Stuttgart 1901, S. 54 f.
  12. Claudia Lamprecht: Rudolf Yelin (1902–1991) - Werkverzeichnis der baugebundenen Arbeiten; o. O. (Stuttgart), o. J. (1991), S. 109 f.
  13. Ein Vandalismusschaden vom Advent 2021 wurde bis Juli 2022 von der Werkstatt Saile behoben.
  14. Claudia Lamprecht: Rudolf Yelin (1902–1991) - Werkverzeichnis der baugebundenen Arbeiten; o. O. (Stuttgart), o. J. (1991), S. 110.
  15. Evang. Johanneskirche, Stuttgart. orgelbau-muehleisen.de, abgerufen am 8. Juni 2024.
  16. Johanneskirche Stuttgart WEIGLE-Orgel, op. 82, 1876 III/P 48, Kegelladen. Abgerufen am 9. Juni 2024.
  17. Stuttgart, Johanneskirche. organindex.de, abgerufen am 8. Juni 2024.
  18. mittagsglocke: Stuttgart-West (D), ev. Johanneskirche – Einzel- und Vollgeläut. 17. Juli 2022, abgerufen am 8. Juni 2024.

Koordinaten: 48° 46′ 24″ N, 9° 9′ 52,7″ O