Johannes Quistorp

Johannes Quistorp (* 14. November 1822 in Greifswald; † 9. Mai 1899 in Stettin; vollständiger Name: Johannes Heinrich Quistorp) war ein deutscher Kaufmann und Unternehmer in der Baustoffindustrie, der als Wohltäter der Stadt Stettin gilt.

Leben

Johannes Quistorp kam 1822 als erster Sohn von Heinrich Quistorp (1783–1853), einem Feldmesser und königlich preußischen Kommissionsrat, und dessen Ehefrau Johanne Quistorp geborene Hecht in Greifswald zur Welt. Seine Brüder waren der Diakonie-Mitbegründer Wilhelm Quistorp (1824–1887) und der Kaufmann und Bankier Heinrich Quistorp (1836–1902). Die Eltern zogen nach Wolgast, wo er seine Jugendzeit verbrachte. Im Alter von sechzehn Jahren begann er eine kaufmännische Lehre im Warengeschäft von J. G. Sohn in Rostock, die er 1842 abschloss. Anschließend arbeitete er als Kaufmannsgehilfe in Rostock und Stralsund.

Im Jahr 1846 zog er nach Stettin, wo er seinen Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger ableistete. Danach war er, wieder als Gehilfe, zunächst bei dem Unternehmen Goldammer & Schleich Nachf. und danach bei der Reederei Rud. Christ. Gribel tätig. 1850 gründete er sein eigenes Geschäft unter der Firma Johs. Quistorp & Co. 1852 heiratete er und wurde im gleichen Jahr königlich hannoverscher Konsul, was er bis zum Ende des Königreichs Hannover 1866 blieb.

1855 kaufte er die große Kreidegrube in Kalkofen und den Kalkofen in Lebbin auf der Insel Wollin und ließ an dessen Stelle eine Zementfabrik errichten. Sie gehörte zu den ersten in Deutschland, die Portlandzement herstellten, und war zeitweise der größte Zementhersteller Europas. Johannes Quistorp gehörte zu den Gründungsmitgliedern des noch heute existierenden Vereins Deutscher Zementwerke e. V. Da die Lebbiner Kalkvorkommen für die Produktion nicht mehr ausreichten, kaufte er Rügener Kreide, die auf dem Wasserweg nach Lebbin geliefert wurde.

Neben der Lebbiner Zementfabrik besaß er noch zwei weitere in Wolgast und Stettin. In Glienken und dem Ueckermünder Ortsteil Berndshof gehörten ihm Ziegeleien. Er war Eigentümer der Schamottefabrik Scholwin bei Pölitz, der Jasmunder Kreidebahn und einer eigenen Reederei. Auf der Insel Rügen besaß er die Güter Dumsevitz, Wittenfelde und Schlitz. Ab 1870 gehörte er dem Verwaltungsrat des Baltischen Lloyd in Stettin an.[1] In den 1870er Jahren überführte er viele seiner Unternehmen in die 1872 von ihm gegründete und in Familienbesitz befindliche Holding-Gesellschaft Pommerscher Industrie-Verein auf Actien (PIV) mit Sitz in Stettin.

Soziales Engagement

Johannes Quistorp gehörte zu den ersten preußischen Fabrikanten, die sich umfangreich um die sozialen Belange ihrer Angestellten und Arbeiter kümmerten. So ließ er in Lebbin 150 Werkswohnungen, ein Witwenhaus, eine Bücherei, einen Vereinssaal und ein Arbeiter-Bildungsinstitut bauen und gründete einen Einkaufsverein, eine zweiklassige Dorfschule und ein Waisenhaus.[2] Für seine Betriebsangehörigen gründete er eine Kranken-, Witwen-, Sterbe- und Unterstützungskasse. Von 1862 bis 1864 verfasste er das Buch Soziale Bestrebungen des Fabrikanten Joh. Quistorp zu Stettin in Preußen für das Wohl seiner Arbeiter, das Dienstanweisungen an seine Angestellten enthielt, wie dieses Wohl zu fördern sei.

Für 300.000 Mark aus eigenen Mitteln ließ er 1869–1870 das Diakonissen- und Krankenhaus Bethanien bauen, das er 1875 dem Kuratorium der Anstalt übereignete. Nach der Entfestigung Stettins in den 1870er Jahren gründete er die Westend-Baugesellschaft, die auf dem Gebiet der ehemaligen Stadtbefestigung und der von ihm erworbenen Güter Friedrichshof und Eckerberg den Stadtteil Westend (Łękno) errichtete. In Friedrichshof ließ er das Mädchenpensionat und Lehrerinnenseminar „Friedenshof“ und in Eckerberg die Nervenheilanstalt Ernst-Moritz-Arndt-Stift errichten und auf eigene Kosten betreiben. In Heringsdorf ließ er das Haus Elim als Erholungsheim für Diakonissen bauen, das heute ein Behindertenheim beherbergt.

Im Norden Stettins ließ er eine etwa 300 Morgen große Obstplantage mit Park anlegen. Das Sumpfgebiet des Klingenden Beck wurde zum Westend-See umgestaltet. Durch die Öffnung seiner Besitzungen für die Allgemeinheit wurden diese Anlage zu einem Stadtpark Stettins (poln.: Jan Kasprowicz Park).

Ehrungen

In Anerkennung seines wirtschaftlichen und sozialen Engagements wurde ihm am 25. Oktober 1867 der Ehrentitel eines (königlich preußischen) Kommerzienrats verliehen.

Nach seinem Tod ließ sein Sohn Martin Quistorp ihm zu Ehren im Eckerberger Wald Quistorpturm nach einem Entwurf des bekannten Berliner Architekten Franz Schwechten errichten, der 1945 zerstört wurde. Die Gegend um den Turm wurde Quistorp-Park bzw. Quistorpaue (1945–1994 Jasne Błonia) genannt.

Familie

Johannes Quistorp heiratete am 9. Juni 1852 Wilhelmine Caroline Marie genannt Minna Theune (1830–1886), die Tochter des Stettiner Stadtrats und Mitinhaber des Unternehmens Völker & Theune. Mit ihr hatte er drei Töchter und zwei Söhne. Nach dem Tod von Wilhelmine heiratete er zwei Jahre später Mathilde Elisabeth Leidhoff (* 1840) aus Braunschweig. Sein älterer Sohn Heinrich ertrank 1880 bei einem Bootsunglück im Großen Vietziger See, einer Bucht des Stettiner Haffs. Seinem jüngeren Sohn Martin übertrug er um 1890 die Leitung seiner Unternehmen.

Schriften

  • Statut für das Arbeiter-Bildungs-Institut der Pommerschen Portland-Cement-Fabrik zu Lebbin auf Wollin. Stettin 1857.
  • Sociale Bestrebungen des Fabrikanten Joh. Quistorp zum Wohle seiner Arbeiter. 1865.

Literatur

  • Eckhard Wendt: Stettiner Lebensbilder. (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Pommern, Reihe V, Band 40.) Böhlau, Köln / Weimar / Wien 2004, ISBN 3-412-09404-8, S. 368 f.
  • Achim von Quistorp: Beiträge zur Genealogie und Geschichte der Familie Quistorp. Der Stettiner Zweig Berlin 2021. (Auszug Johannes Quistorp (99. Q.) 1822–1899 als PDF-Dokument mit 227 kB)

Einzelnachweise

  1. Otto Glagau: Der Börsen- und Gründungs-Schwindel in Berlin. Paul Frohberg, Leipzig 1877, S. 405. (online)
  2. Friedrich Bartels: An Gottes Segen ist Alles gelegen. Lebbin – eine Topographie des Segens. (mit vielen Fotos)