Johanna Thal

Johanna Thal, geboren als Martha Johanna Wulkan, (geboren am 19. September 1886 in Mährisch-Ostrau, Österreich-Ungarn; gestorben im Juli 1944 in Auschwitz) war eine österreichische Modejournalistin und langjährige Leiterin des Moderessorts der Mode- und Gesellschaftszeitung Die Dame, dem Leitmedium des deutschen Modejournalismus während der Weimarer Republik. Außerdem verantwortete Johanna Thal lange Zeit die Modebeilagen der B.Z. am Mittag. Nach Emigration und Deportation wurde sie 1944 in Auschwitz ermordet. Ihr Wirken als einflussreiche Modejournalistin geriet viele Jahre in Vergessenheit.[1]

Leben

Johanna Thal entstammte einer jüdischen, nicht religiösen Familie. Sie war die Tochter von Selma geb. Proskauer und ihrem Ehemann Jakob Wulkan und wuchs in wohlhabenden Verhältnissen auf. Sie hatte einen jüngeren Bruder und eine weitverzweigte Familie, die vor allem in Galizien lebte. 1901 beendete sie die Handelsschule für Mädchen.[2]

Ihre erste Ehe mit Josef Taussig (1875 – 1941) führte sie im Jahr 1912 nach Wien, aus dieser Zeit sind bereits erste Artikel für das Neue Wiener Tagblatt und die Neue Freie Presse unter Pseudonym belegt. 1914 ließ sich das Paar scheiden. Im selben Jahr zog Johanna Thal nach Berlin, wo ihr Bruder und einige der Verwandten mütterlicherseits lebten. Ab 1916 veröffentlichte sie als Journalistin im Ullstein-Verlag für Die Dame, die Tageszeitung B.Z. am Mittag und andere Ullstein-Publikationen. Sie gehörte dort mit ihren Kolleginnen Elsa Herzog, Ruth Goetz, Ola Alsen und Johanna Gerstel zu den einflussreichsten Mode- und Gesellschaftsjournalistinnen jener Zeit.[1]

Ab 1922 war sie in zweiter Ehe mit dem zwölf Jahre älteren Journalisten – und Mitarbeiter von Max Reinhardt am Deutschen Theater – Julius Hirsch verheiratet, der für die Wiener Neue Freie Presse, die B.Z. am Mittag sowie die Berliner Morgenpost arbeitete sowie Generalsekretär des Deutschen Bühnenvereins war.[1][2] Kennengelernt hatten sie sich vermutlich bereits Jahre zuvor in Wien.[2]

Das Paar hatte zwei Söhne, Friedrich Hirsch, geboren 1923 und Heinrich Hirsch, bekannt als David Hurst, geboren 1926.[3]

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 verlor ihr Ehemann Julius Hirsch seine Anstellung. Johanna Thal konnte nur noch kurzzeitig für Ullstein publizieren und arbeitete dann kurzzeitig für den Jüdischen Kulturbund.[2]

Im Herbst 1935 emigrierte die Familie nach Wien, nachdem die Aufenthaltsgenehmigung für sie als Österreicher nicht verlängert worden war. Nach dem Anschluss Österreichs 1938 verschlechterten sich auch dort die Lebensverhältnisse. Julius Hirsch erhielt eine Beschäftigung in der Auswanderungsabteilung der Israelitischen Kultusgemeinde, wo er Kontakt zur Zentralstelle für jüdische Auswanderung hatte.

Das Ehepaar entschloss sich 1939, die beiden Söhne mit einem Kindertransport nach England zu schicken, wo die Jungen getrennt voneinander in England und auf einem Landgut in Irland überlebten.[1]

Im August 1942 wurden Johanna Thal und Julius Hirsch ins Ghetto Theresienstadt transportiert, wo Julius Hirsch im November 1942 verstarb. Johanna Thal wurde am 18. November 1942 ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert, wo sie im Juli 1944 ermordet wurde.

In Erinnerung an Johanna Thal wurde im Jahr 2025 in der Regensburger Straße 9 in Berlin-Wilmersdorf, wo die Familie 1924 gewohnt hatte, ein Stolperstein gesetzt.[2]

Wirken als Modejournalistin

Wie es zu ihrem Pseudonym Johanna Thal kam, ist bislang unbekannt.

Sie galt in der Weimarer Republik als eine sogenannte „Neue Frau“, die unter Pseudonym arbeitete, die geschieden war und erneut verheiratet mit zwei Kindern und einem christlichen Kindermädchen ihren Arbeitsalltag in leitender Stellung und ihren Privatalltag meisterte.

Überliefert ist, dass sie zum „Modestab der Dame“ gehörte, wie Ullstein profunde Texte über neue Modetrends und Materialien schrieb, dass sie trotz fortgeschrittener Schwangerschaft zu Modenschauen nach Paris reiste und darüber berichtete und kurz nach der Geburt ihres zweiten Sohnes beim „Ball der Mode“ und der Wahl der „Berliner Modekönigin“ im der Jury mitwirkte.[1]

In zahlreichen Artikeln und Texten brachte sie der Leserschaft ihre Beobachtungen von Trends aus den Berliner Modeateliers zwischen Tiergartenviertel und Hausvogteiplatz sowie Paris nahe, mit Eleganz und Humor, anspruchsvoll und freigeistig.

In ihrem Text „Vorteilhaftes und Unvorteilhaftes in der Mode“ vom 28. Februar 1930 heißt es beispielsweise: „Es ist somit kaum möglich, einen Knigge für vorteilhafte und unvorteilhafte Kleidung aufzustellen. Wollen Frauen das Problem lösen, dann können sie nur eines tun: an sich selbst arbeiten, ihren Geschmack verfeinern und nicht den Ehrgeiz haben, unbedingt modisch auszusehen. Modern aussehen ist mehr.“[3]

Der Ullsteinverleger Heinz Ullstein bezeichnete Johanna Thal als „eine unserer prominentesten Mitarbeiterinnen der Mode“. Aus den Unterlagen des Ullstein-Archivs geht hervor, dass sie 15.000 Reichsmark pro Jahr verdiente.[1]

Publikationen

Viele Dokumente und Texte des Ullstein-Archivs sind aufgrund der Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg unwiederbringlich verloren. Die vom Textarchiv der Axel Springer SE digitalisierten Ullstein-Blätter weisen 13 Artikel von Johanna Thal für 1920 in der B.Z. am Mittag sowie 64 in der Dame zwischen 1919 und 1930 nach. Johanna Thal veröffentlichte zudem bis zum Februar 1933 ungezählte weitere Artikel unter ihrem Kürzel J. Th.[3]

Literatur

  • Gesa Kessemeier: Modestadt Berlin. Geschichte der Berliner Konfektion und Modesalons 1836–1936. 50 Porträts. Hentrich & Hentrich, Leipzig 2025, ISBN 978-3-95565730-7.

Einzelnachweise

  1. a b c d e f Gesa Kessemeier: Modestadt Berlin. Geschichte der Berliner Konfektion und Modesalons 1836–1936. Henztrich & Hentrich, Leipzig 2025, ISBN 978-3-95565-730-7, S. 153–154.
  2. a b c d e Stolpersteine Regensburger Str. 09. Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdor, abgerufen am 16. Dezember 2025.
  3. a b c Lars-Broder Keil: Die Frau, die „DIE DAME“ prägte. In: inside.history. Axel Springer SE, 19. März 2021, abgerufen am 16. Dezember 2025.