Johanna Stahl

Johanna Stahl, genannt Henny Stahl (geb. 16. März 1895 in Würzburg; gest. 17. Juni 1943 in Auschwitz) war eine deutsche Frauenrechtlerin, Wirtschaftswissenschaftlerin und Politikerin.[1][2]

Leben und Familie

Johanna Stahl (genannt Henny) wurde als sechstes Kind des Fabrikanten und Händlers für Kurz- und Strumpfwaren Samuel und seiner Ehefrau Regina, geb. Bodenheimer, geboren. Die Familie war jüdisch, der Vater Samuel stammte aus Sommerhausen und Johannas Mutter Regine aus Hessen.

Stahl besuchte die Sophienschule in Würzburg. Das Abitur legte sie im Sommer 1914 als Externe am Realgymnasium ab. Anschließend studierte sie zunächst an der Universität in Würzburg Germanistik und ab 1917 Volkswirtschaftslehre an der Universität Frankfurt am Main. Neben ihrem Studium arbeitete sie in Würzburg und Frankfurt im Versorgungsamt. Im Herbst 1924 kehrte sie nach Würzburg zurück; 1925 wurde sie promoviert. In ihrer Doktorarbeit hatte sich die Autorin mit den sozialen Folgen von Ratenkäufen und deren Reform beschäftigt. In Würzburg lebte sie wieder bei ihrer Mutter und ihren Geschwistern Eugen und Jenny.

Politischer Werdegang

Stahl wurde in der liberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) aktiv. 1929 kandidierte sie für den Stadtrat und erlangte einen Stellvertreterplatz. Von 1929 bis 1933 redigierte Johanna Stahl die Bayerische Frauenzeitung, die im Verlag des Würzburger Generalanzeigers erschien. Gelegentlich schrieb sie für die liberale Frankfurter Zeitung. Daneben publizierte sie wissenschaftliche Artikel, beispielsweise in der Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung. Sie organisierte Vortragsreihen und hielt Vorträge, etwa zum Fürsorgewesen und über die Stellung der Frau im Recht. Sie publizierte fast immer unter dem Namen Henny Stahl.

Auch in der jüdischen Gemeinde versuchte sie, Frauenrechte zu erringen und forderte das passive Wahlrecht für Frauen, was abgelehnt wurde. Auf Vorschlag der Orthodoxen fand sich jedoch schließlich eine Kompromisslösung, wie sie für die „Würzburger Orthodoxie“ typisch war: Frauen konnten in Kommissionen gewählt werden und als deren Mitglieder an Beratungen des Vorstands zum Sachgebiet der jeweiligen Kommission teilnehmen.

Nach Beginn der Zeit des Nationalsozialismus durfte Stahl ab 1933 nicht mehr als Journalistin arbeiten. Sie war deshalb ab 1934 im „Büro für Beratung und Wirtschaftshilfe“ im jüdischen Gemeindezentrum in Würzburg tätig. Stahl beriet diejenigen, die aus ihren Berufen gedrängt wurden und in soziale Not gerieten, und die, die sich angesichts der Verfolgungspolitik zur Emigration entschlossen. 1938 überlegte Stahl, nach Paris auszuwandern, wo ihr Bruder Leo lebte.

Am 17. Juni 1943 wurde sie von Würzburg ins KZ Auschwitz verschleppt[3] und dort vermutlich unmittelbar nach der Ankunft ermordet. Der Deportation war eine mehrmonatige Haft vorausgegangen.

Erinnerungszeichen

Literatur

  • Roland Flade: Johanna (Henny) Stahl (1895–1943). Journalistin, Volkswirtschaftlerin, Sozialarbeiterin (Würzburg), in: ders., Jüdische Familiengeschichten aus Unterfranken, Würzburg 2015, S. 244–249.
  • Rotraud Ries: Johanna (Henny) Stahl (1895–1943) – eine jüdische Journalistin der bürgerlichen Frauenbewegung, online-Biographie auf Bavaria Judaica, 2023
  • Rotraud Ries: Schreiben für Wissen und Ermutigung, in: Main-Post, 27. Januar 2023; online unter: Journalistin aus Würzburg und Akteurin der Frauenbewegung: Henny Stahl und die „Bayerische Frauenzeitung“, in: Main-Post-online, 25. Januar 2023.
  • Henny Stahl: Würzburg, in: Die örtliche und soziale Herkunft der öffentlich unterstützten Personen, insbesondere der verwahrlosten Familien. 1. Preisaufgabe der Sächsischen Landeswohlfahrtsstiftung, Leipzig/Berlin 1927, S. 167–204.
  • Reiner Strätz: Biographisches Handbuch Würzburger Juden 1900–1945. Mit einer wissenschaftlichen Einleitung von Herbert A. Strauss. Red. Bearbeitung: Hans-Peter Baum u. a., Teilbde 1–2, Würzburg 1989 (Veröffentlichungen des Stadtarchivs Würzburg, Bd. 4), Teilbd. 2, S. 575.
  • Christine Weisner: Wer war Henny? Die Namensstifterin des Johanna-Stahl-Zentrums für jüdische Geschichte und Kultur in Unterfranken, in: Kulturgut. Magazin für die Kulturregion Würzburg, H. 5, April 2011, S. 64 f.
Commons: Johanna Stahl – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Namensgeberin. Johanna-Stahl-Zentrum, Würzburg, abgerufen am 5. Oktober 2025.
  2. Riccardo Altieri: Johanna Stahl. Wirtschaftswissenschaftlerin – Politikerin – Frauenrechtlerin. In: Jüdische Miniaturen. 1. Auflage. Band 298. Hentrich & Hentrich, Leipzig 2022, ISBN 978-3-95565-540-2.
  3. DocID: 11195205. In: Online-Archiv der Arolsen Archives. Abgerufen am 5. Oktober 2025.
  4. Dr.-Johanna-Stahl-Straße. In: WürzburgWiki. 12. November 2024, abgerufen am 5. Oktober 2025.