Johanna Rebecca Senckenberg
Johanna Rebecca Senckenberg geb. Riese (* 10. Juli 1716 in Frankfurt am Main; † 26. Oktober 1743 ebenda) war die erste Ehefrau des Arztes, Naturforschers und Stifters Johann Christian Senckenberg (1707–1772). Trotz ihrer nur 16-monatigen Ehe hatte sie großen Einfluss auf seinen weiteren Lebensweg und spielte indirekt eine bedeutende Rolle bei der Entstehung der Dr. Senckenbergischen Stiftung, einer der wichtigsten wissenschaftlichen und medizinischen Einrichtungen Deutschlands.[1]
Die Flohkrebs-Art Apotectonia senckenbergae wurde zu Ehren von Johanna Rebecca Senckenberg benannt. Die Artenbezeichnung senckenbergae würdigt ihre Verdienste als Stifterin der Senckenberg-Gesellschaft.[2]
Leben
Johanna „Anna“ Rebecca Senckenberg, geborene Riese, wurde am 10. Juli 1716 in Frankfurt am Main geboren und wuchs als jüngste Tochter einer wohlhabenden Frankfurter Familie auf, die über Generationen hinweg im Goldschmiedehandwerk tätig war. Ihr Vater Johann Christian Riese (1669–1741) war ein angesehener Juwelier, ihre Mutter Anna Margareta Riese, geborene Fende (1680–1746), entstammte ebenfalls einer angesehenen Frankfurter Familie.[1]
Die Familie Riese lebte in der Hasengasse, nahe der Zeil im heutigen Stadtzentrum von Frankfurt am Main. Ihr Haus war ein Eckhaus neben dem Fettmilchplätzchen an der Töngesgasse. Es wurde 1706 von Johann Christian Riese, dem Vater der Familie, gekauft. Beim Großen Christenbrand im Juni 1719 brannte das Haus ab, wurde aber später wieder aufgebaut. Die Familie war über viele Generationen eng mit dem Gold- und Silberschmiedehandwerk verbunden. In fünf Generationen arbeiteten insgesamt 19 Mitglieder der Familie als Goldschmiede.[3]
Johanna Riese wuchs mit acht älteren Geschwistern auf, von denen fünf das Erwachsenenalter erreichten. Ihr späterer Ehemann, Johann Christian Senckenberg, der sie von Kindesbeinen an kannte, beschrieb sie als „ein Kind guter Art“, das eine „liebreiche und ernsthafte Auferziehung Ihrer werthesten [sic] Eltern“ genossen hatte".[4]
Bereits früh besaß Johanna Rebecca Riese ein großes eigenes Vermögen von 30.000 Gulden. Eigentlich hatte sie sich entschlossen nicht zu heiraten und hatte die Vielzahl an Bewerbern stets abgewiesen.[4] Erst als eine Ehe mit dem neun Jahre älteren Arzt Johann Christian Senckenberg (1707–1772) im Raum stand, änderte sie ihre Meinung.[1]
Die Hochzeit der beiden früheren Nachbarskinder – denn Johann Christian Senckenberg war in der Frankfurter Hasengasse Nr. 3 aufgewachsen – wurde von Johanna Rieses Großvater mütterlicherseits, Christian Fende, vorgeschlagen. Er war kaiserlicher Rat, Notar und pietistischer Schriftsteller. Außerdem war er ein Freund von Senckenberg und unterstützte die Verbindung seiner Enkelin mit ihm.
Es dauerte jedoch bis zum Jahr 1740, bis die Hochzeitspläne konkreter wurden. Die Verlobung verzögerte sich, da Senckenberg ein schwieriges Verhältnis zu seiner verwitweten Mutter Anna Margarethe Senckenberg, geborene Raumburger (1682–1740), hatte. Sie war gegen die Ehe. Nach dem Tod seines Vaters hatte Senckenberg im Elternhaus „Zu den drei kleinen Hasen“ gewohnt, das seine Mutter führte. Er wollte Johanna Rebecca Riese dort als neue Hausherrin einführen.[5] Erst nach dem Tod seiner Mutter im Jahr 1740 konnte er ihr ein erstes Eheversprechen geben.[1]
Doch auch danach blieben Hindernisse und familiäre Widerstände bestehen, die die tatsächliche Hochzeit des Paares weiter verzögerten. Johanna Rieses Vater war schwer krank und wurde von Senckenberg als Arzt behandelt. Trotzdem hatte er Zweifel an der geplanten Ehe und war nicht sicher, ob die Verbindung gut war.[6] Erst nach seinem Tod im Dezember 1741 konnte die Ehe im darauffolgenden Jahr geschlossen werden.[1]
Während der zweijährigen Verlobungszeit trafen sich Johanna Riese und Johann Christian Senckenberg nach dessen eigenen Aufzeichnungen kein einziges Mal persönlich. Trotzdem fühlten sie sich innerlich sehr miteinander verbunden. Johanna Riese soll in dieser Zeit zu Freundinnen gesagt haben, dass sie keinen anderen Mann heiraten wolle, wenn sie Senckenberg nicht bekommen könne.[4]
Mitte 1742 hatte das Warten ein Ende und Johanna Rebecca Riese wurde zu Johanna Rebecca Senckenberg. Der Ehevertrag wurde am 15. Mai 1742 unterschrieben, und die Trauung fand am 7. Juni 1742 im kleinen Kreis durch den Senior Heinrich Andreas Walther, Pfarrer der Barfüßerkirche, statt.[1]
Nach der Hochzeit zog das Paar in das Haus Hasengasse 3, das Senckenberg nach dem Tod seines Vaters zusammen mit seinen beiden Brüdern geerbt hatte. Johanna Rebecca Senckenberg und ihr Mann richteten sich dort gemeinsam ein. Das Erdgeschoss nutzten sie als Wohn- und Arbeitsbereich, in den oberen Stockwerken befanden sich Senckenbergs Bibliothek und seine Sammlungen. Obwohl das Paar wohlhabend war, lebten die Senckenbergs einfach. Sie hatten nur zwei Dienstmädchen und gaben im Jahr etwa 1.000 Gulden für ihren Lebensunterhalt aus – davon bekam allein die Köchin 15 Gulden Lohn.[5]
Die Ehe war zumindest laut Johann Senckenberg glücklich. Er schreibt in dem Nachruf für seine Frau:
Kurz zu sagen: Wir hatten eine recht glückliche Verbindung getroffen, welche in einer wahren Harmonie derer Gemüther [sic] bestand, und in Beförderung unseres gemeinschaftlichen Bestens, vornehmlich in Dingen die Seligkeit betrafen, als unserem Haupt-Endzweck auf dieser Welt.[4]
Im Oktober 1743 bekam das Paar sein erstes Kind. Am 19. Oktober wurde eine Tochter geboren, die den Namen Anna Margarethe erhielt, nach Johanna Senckenbergs Mutter. Johanna Rebecca Senckenberg starb jedoch kurz nach der Geburt, am 26. Oktober 1743, im Beisein ihres Mannes an Kindbettfieber, einer häufigen Todesursache im 18. Jahrhundert. Ihre Tochter überlebte sie nur knapp zwei Jahre und starb im Juli 1745 an einer tuberkulösen Hirnhautentzündung.[1]
Bei ihrer Heirat 1742 brachte Johanna Riese eine Aussteuer von 10.000 Gulden von ihrer Mutter mit. Im Ehevertrag wurde vereinbart, dass der überlebende Partner das gesamte Vermögen des anderen erben sollte, falls die Ehe kinderlos blieb. Nach dem Tod von Johannas Mutter Anna Margareta Riese 1746 erhielt Johann Christian Senckenberg im Rahmen der Erbteilung mit Johannas fünf noch lebenden Geschwistern etwa 15.175 Reichstaler (etwa 22.762 Gulden) aus dem Erbe seiner verstorbenen Frau.[1]
Deren Vermögen von über 30.000 Gulden bildete zusammen mit den Einkünften ihres Mannes die Grundlage für die Stiftungssumme von 100.000 Gulden, mit der Johann Christian Senckenberg die „Dr. Senckenbergische Stiftung“ gründete. Die Stiftung wurde zu einem wichtigen Vermächtnis und trug dazu bei, dass der Name Senckenberg, den Johanna Rebecca Senckenberg nur kurz mit ihrem Ehemann teilen konnte, über Jahrhunderte mit wissenschaftlicher Forschung verbunden blieb.[1]
Schaffen und Wirken
Johanna Rebecca Senckenberg, geborene Riese, galt als gläubige, bescheidene Frau, die sich still um andere kümmerte. Ihr Ehemann Johann Christian Senckenberg erinnerte sich später voller Ehrfurcht an sie: „Was vor Vergnügen und Segen ich in dieser wohlgerathenen, aber sehr kurzen Ehe genossen, kann ich nicht aussprechen“.[4]
Johanna Senckenberg hatte einen starken Einfluss auf die Weltanschauung ihres Mannes und veränderte seine Wahrnehmung deutlich. Vor 1742 konzentrierten sich seine Tagebücher auf seine eigenen Sorgen und Beobachtungen. Nach der Heirat wandte er seinen Blick zunehmend auf andere Menschen. Er begann, deren Tugenden und Frömmigkeit zu beurteilen, und engagierte sich stärker für das Wohl anderer.[7]
Johanna lebte ein Leben geprägt von Frömmigkeit und Ordnung und war in ihrem Umfeld in jeder Hinsicht ein Vorbild. „Sie lehrte die Nothwendigkeit gutes zu tun und Ordnung zu halten mit Ihrem eigenen Exempel“.[4] Ihre Tugendhaftigkeit schien für sie ganz selbstverständlich zu sein, wie Senckenberg weiter betonte: „Man konnte eigentlich an Ihr mercken [sic], daß das Gute Ihr zur Gewohnheit und Natur geworden und Sie ganz durchdrungen habe“.[4]
Johanna stand weltlichen Reichtümern skeptisch gegenüber. Wohlstand sah sie eher als Last denn als Privileg. Schon früh lehnte sie ihren hohen gesellschaftlichen Status als Tochter eines wohlhabenden Juweliers ab, um Gott näher zu sein.[4] Sie lebte sehr bescheiden, kleidete sich schlicht, aber ordentlich: „Sie war nicht prächtig, auch nicht niederträchtig, hielt sich, wie dem Gemüthe, so ebenfalls dem Leibe nach, der an sich selbst von guter Gestalt war, sehr reinlich“.[4] Auch ihre Ernährung war einfach; sie begnügte sich mit Wasser und schlichten Speisen.[4]
Johanna setzte sich aktiv für Bedürftige ein. Sie spendete regelmäßig, prüfte jedoch vorher die Ursachen ihrer Not. „Am allerwenigsten konnte sie heuchlerische heilige Faullenzer vertragen, welche vieles vom Guten schwatzen, aber nicht thun“.[4] Menschen, die nur vorgaben, bedürftig zu sein, gewährte sie keine finanzielle Hilfe, sondern erteilte ihnen eine „gute Lection“.[4]
Obwohl Johanna ein Leben in tiefer Frömmigkeit führte, war sie von Todesahnungen begleitet. Sie trug stets einen Trauerring mit einem emaillierten Totenkopf und der Inschrift „Non est mortale quod opto“ (Es ist nicht sterblich, was ich wünsche). Schon vor ihrer Schwangerschaft sagte sie wiederholt: „Ich werde bald sterben, ich werde gewiß sterben, Sie werden es sehen, daß es wahr ist“. Jeden Montag ließ sie Chorschüler ein Sterbelied vor ihrem Haus singen.[4]
In ihren letzten, von Krankheit geprägten Tagen blieb Johanna fest in ihrem Glauben. Als sie ihr Ende nahen spürte, sagte sie in einem letzten Gespräch mit ihrem Ehemann ruhig: „Ich sterbe von Herzen gern, und ist nichts das mich hält“.[4]
Der Tod Johannas hinterließ einen tiefen Eindruck bei ihrem Ehemann. In der Nacht nach ihrer Beerdigung am 29. Oktober 1743 berichtete Senckenberg von ungewöhnlichen Ereignissen: Während er mit seinem Bruder über die Unsterblichkeit der Seele sprach, klopfte es dreimal an der Tür – obwohl niemand zu sehen war. Das Klopfen wiederholte sich, als eine Magd beim Abräumen von Speisen anwesend war, und schließlich dreimal am Sargdeckel, als sie die Verstorbene noch einmal betrachteten. Senckenberg notierte dazu: „Was nachher weiter geschehen, behalte ich für mich, weil es mich allein angehet“.[8]
Aus Trauer und zum Andenken ließ Johann Christian Senckenberg nach Johannas Tod Porträts von ihr und ihrer gemeinsamen Tochter anfertigen. Die Gemälde schufen die Frankfurter Maler Franz Lippold und Anton Sturm, und sie wurden im Wohnzimmer seines Hauses „Zu den drei kleinen Hasen“ aufgehängt.
Die Erinnerung an seine verstorbene Ehefrau begleitete Senckenberg sein Leben lang. Fast dreißig Jahre nach ihrem Tod, trotz zweier weiterer Ehen, ließ er sich 1772 in einem Totengewand bestatten, das aus Johannas Brautkleid gefertigt worden war.[9]
Auch für ihre Familie spielte Johanna eine wichtige Rolle. Jeder ihrer drei Brüder erinnerte sich in Reden und Gedichten an sie bei ihrer Beerdigung. Ihr Bruder Friedrich Jacob Riese ehrte sie mit einem besonders bewegenden Trauergedicht:
In dessen wohnt in unsern Herzen
Der Abdruck deiner Trefflichkeit
Der ist in tausendfachen Schmerzen
Die dieses herbe Klagelied weiht
Ruh Du indes im kühlen Schatten
Ruh wohl! Ruft unsre Treu zuletzt.
Wann sich bey uns, und Deinem Gatten
Einst das betrübte Herz gesetzt.
Dann wird Dein werthes Angedenken
Uns ein erneut Vergnügen schenken.[10]
Johanna Rebecca Senckenberg erregte zu Lebzeiten nur wenig öffentliches Aufsehen, doch ihr Wirken hinterließ Spuren. Ihr Einfluss auf ihren Ehemann, ihre selbstlose Frömmigkeit und ihr Engagement für andere prägten ihr Umfeld nachhaltig.
Weiteres
Im Jahr 2025 wurde die Tiefseeart Apotectonia senckenbergae (eine Art der Gattung Apotectonia) nach Johanna Rebecca Senckenberg benannt. In der Originalbeschreibung heißt es:
This species’ epithet honours Johanna Rebecca Senckenberg (1716–1743) (maiden name: Riese) from Frankfurt am Main, Germany, who not only guided her husband Johann Christian Senckenberg (1707–1772) in spiritual and charitable matters, but also provided an inheritance that constituted nearly one-third of the funds establishing the Senckenberg Society for Nature Research. Through her much more well-known husband, she was a naturalist and benefactor who supported science and medicine, founding the Dr. Senckenberg Foundation, which later led to the forming of the Senckenberg Society for Nature Research.[2]
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e f g h i Kapp, Luisa: Senckenberg, Johanna Rebecca. In: Frankfurter Personenlexikon. Frankfurter Bürgerstiftung, 28. Mai 2025, abgerufen am 9. September 2025.
- ↑ a b Ocean Species Discoveries 13–27 — Taxonomic contributions to the diversity of Polychaeta, Mollusca and Crustacea. In: Biodiversity Data Journal. Abgerufen am 20. Oktober 2025 (englisch).
- ↑ Johann Jakob Riese, Ein Jugendfreund Goethes. In: Genealogisches Jahrbuch. Band 21. Degener & Co., 1981, S. 211.
- ↑ a b c d e f g h i j k l m n Senckenberg, Johann Christian: Nachricht von Seiner Ehefrauen/ Johanna Rebecca, Gebohrnen Riese, Christlichen Leben Und Seligen Tode. Frankfurt am Main 1743, S. 3–15.
- ↑ a b Bauer, Thomas: Johann Christian Senckenberg: eine Frankfurter Biographie 1707 - 1772. Societäts-Verlag, Frankfurt am Main 2007, S. 92 f.
- ↑ De Bary, August: Johann Christian Senckenberg: (1707 - 1772) ; sein Leben auf Grund der Quellen des Archivs der Dr. Senckenbergischen Stiftung. Kramer, Olms 2004, S. 144.
- ↑ De Bary, August: Johann Christian Senckenberg: (1707 - 1772) ; sein Leben auf Grund der Quellen des Archivs der Dr. Senckenbergischen Stiftung. Kramer, Olms 2004, S. 238.
- ↑ Senckenberg, Johann Christian: Nachricht von Seiner Ehefrauen/ Johanna Rebecca, Gebohrnen Riese, Christlichen Leben Und Seligen Tode. Frankfurt am Main 1743, S. 21 f.
- ↑ De Bary, August: Johann Christian Senckenberg: (1707 - 1772) ; sein Leben auf Grund der Quellen des Archivs der Dr. Senckenbergischen Stiftung. Kramer, Olms 2004, S. 144.
- ↑ Trauer-Gedichte: Erbauliche Gedanken Über Die Worte: Non Est Mortale, Quod Opto. Das/ Was Ich Wünsche/ Stirbet Nicht. Welche in Dem Ring Befindlich Gewesen, Den Die Selige Täglich Getragen. 1743, S. 26.