Johanna Louise Pirl
Johanna Louise Pirl (* 7. Mai 1733 in Neuendorf als Johanna Louise Heinze; † 1810 in Neuglobsow) war eine deutsche Glashüttenbetreiberin, die mehrere Glashütten leitete und neu gründete.
Werdegang
Johanna Louise Heinze wurde als Tochter eines Glasmachers geboren, wuchs mit dieser Handwerkskunst auf und erlangte entsprechende fachliche Kenntnisse. Ihr aus Thüringen eingewanderter Vater Johann (Hans) Peter Heinze (1692–1753), der zuvor als Glasmacher in den königlichen Hofmanufakturen Potsdam und Zechlin tätig war, versuchte sich 1752 mit dem Betrieb einer eigenen Grünglashütte im Brandenburgischen Globsow (heute Altglobsow) selbstständig zu machen, scheiterte aber letztlich wegen Geldmangel und starb 1753. Johanna heiratete den als Verwalter eingesetzten Friedrich Gottlieb Pirl (1729–1773) im Jahr 1754, bekam mehrere Kinder und führte die Glashütte gemeinsam mit ihrem Mann.[1][2]
Leitung der Glashütte Globsow
Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1773 übernahm Johanna Louise Pirl die alleinige Leitung des Betriebs[1][3] und stellte Alltagsglas her. In der Glashütte wurde rund um die Uhr im Schichtsystem gearbeitet. In unmittelbarer Nähe zur Hütte lebten etwa zehn bis fünfzehn Glasbläser mit ihren Familien, Gesellen, Lehrlinge sowie weitere Handwerker und Hilfskräfte, für die Unterkünfte gebaut worden waren, und es mussten landwirtschaftliche Flächen zur Verpflegung bestellt werden. Zudem organisierte Johanna Louise Pirl den Verkauf und Transport der Glaswaren und den Holznachschub.[1][2] Über die für zwanzig Jahre geltende 1772 ablaufende Konzession setzte sie sich hinweg und erreichte 1778 eine Verlängerung für weitere 10 Jahre. Der Vertrag erlaubte ihr die Herstellung von grünen Glassorten, dem sogenannten Waldglas, weißem Tafelglas sowie weißem und grünem Apothekenglas und den Handel im In- und Ausland.[4] Unter anderem lieferte sie Apothekenglas an die „Franckeschen Stiftungen Halle“[5] und exportierte grünes und zeitweise auch weißes Tafelglas, Hohlglas und Arzneigläser[4] nach Berlin, Hamburg, England, Holland und auf die Westindischen Inseln.[2]
Als das zum Betrieb der Glashütte benötigte Holz in Globsow verbraucht war, ließ Johanna Louise Pirl 1779 den Hüttenstandort an den drei Kilometer entfernten Dagowsee verlegen, wo Neuglobsow entstand.[2][6] Zur Hütte gehörten 24 Morgen Land in Zeitpacht zur Bewirtschaftung und Versorgung der dort arbeitenden Menschen, 1785 in Erbpacht umgewandelt. 1787 beschäftigte Johanna Louise Pirl 24 Arbeiter, darunter 12 Glasmacher, 1800 waren es 14, 1810 sogar 19 Glasmacher.[4] Johanna Louise Pirl gründete dort auch eine Brauerei und vertrieb das Bier in Flaschen eigener Herstellung.[1][5] In Neuglobsow wurden außerdem Flaschen und Arzneigläser zum Export hergestellt.[3] Nach dem allgemeinen Holzfeuerungsverbot von 1787 betrieb sie die Hütte mit Holz aus Mecklenburg, zuletzt auch mit Torf. Um 1790 übertrug sie die Leitung der Hütte ihrem Schwiegersohn Johann Michael Greiner.[4]
Errichtung weiterer Glashütten
Im sechs Kilometer entfernten Steinförde, das zu dieser Zeit zu Mecklenburg gehörte, eröffnete Johanna Louise Pirl 1780 eine weitere Glashütte. Die Havel nutzte sie für den Absatz per Schiff nach Berlin und Hamburg.[1][2][5]
Johanna Louise Pirl erhielt 1789 einen Erbpachtvertrag für ein 28 Morgen großes Grundstück im Oranienburger Forst an der Havel bei Friedrichsthal, auf dem sie 1790 eine Hütte gründete und mit Glasmachern aus Altglobsow und Mecklenburg besetzte. 1792 beschäftigte sie 10 Glasarbeiter und 1804 schon 28 Glasarbeiter. Um den Wald vor weiterer flächendeckenden Abholzung zu schützen, war 1787 die Holzfeuerung in Glashütten durch ein Forstgesetz verboten worden. Daher wurde die Hütte mit über Finowkanal, Havel und Oder antransportierter Steinkohle aus Schlesien befeuert,[1][5][7] konnte den vollen Betrieb wegen Verzögerung der Steinkohlenlieferung jedoch erst im Sommer 1792 aufnehmen. Hergestellt wurde grünes Hohlglas, hauptsächlich „Berliner Quartbouteillen“ und Arzneigläser.[6][8]
Eine letzte Glashütte baute Johanna Louise Pirl in Neufriedrichsthal (heute Ujście in Polen) in der Provinz Posen und verkaufte das Glas von dort aus bis nach Warschau.[1][5] Sie starb 1810.
Nach dem Tod von Johanna Louise Pirl führte ihr Enkel Johann Carl „Karl“ Leopold Greiner den Betrieb in Friedrichsthal ab 1816 in Erbpacht, ab 1830 als Eigentümer, bis zu seiner Schließung im Jahr 1842.[7][8] In Erbpacht betrieben weitere ihrer Nachfahren die Glashütten noch bis fast 1900 weiter.[2] Die Glashütte Globsow bestand insgesamt von 1752 bis 1779 und weiter am neuen Standort bis etwa 1900.[6]
Ehrungen und Gedenken
Johanna Louise Pirl wurde mit der Aufnahme in das Projekt FrauenOrte Brandenburg des Frauenpolitischen Rates Land Brandenburg ausgezeichnet, das Leben und Wirken bedeutender Frauen in der brandenburgischen Geschichte sichtbar macht. Wie auch in anderen nationalen Projekten der Frauenorte werden Frauen in Deutschland und ihr Lebenswerk als historische Vorbilder geehrt.[9] Die Gedenktafel befindet sich in der Seestraße gegenüber Nr. 10a im Großwoltersdorfer Ortsteil Altglobsow. ()[1]
Von Mitte Januar bis Ende März 2025 wurde die Sonderausstellung „Frauen machen Geschichte. FrauenOrte Brandenburg“ im ReMO – Regionalmuseum Oberhavel gezeigt, in der das Wirken von Johanna Louise Pirl als einer von 17 Lebenswegen von Frauen dargestellt war.[10]
Glasfunde in Museen
Einige Funde, die sich anhand der Glasmarken den Glashütten von Johanna Luise Pirl zuordnen lassen, werden in Museen ausgestellt. Glasmarken wurden als Erkennungszeichen ihrer Produktionsstätte durch Abdrücke von Ton-, meist aber von Messingstempeln auf einen auf den frisch geblasenen Glaskörper gesetzten Glastropfen hergestellt.[11] In der Zeit von 1752 bis 1814 gesetzte Glasmarken aus Alt- und Neuglobsow werden als Bodenfunde auch heute noch freigelegt. „Es existieren verschiedene Varianten, etwa hinsichtlich der Schreibweise der Manufaktur GLOBSOW, GLOBSO, GLOBROW, GLOBBOW oder GLOBSW. Manche Marken tragen eine Krone (vermutlich bereits Neuglobsow), den preußischen Adler oder Nummern, die für diejenigen Glasmacher stehen, die für die zu kennzeichnenden Flaschen verantwortlich waren.“[2] „Die frühen Marken aus Friedrichsthal können anhand der Schreibweise der zusammengezogenen Buchstaben „I“ und „E“ im bekrönten Namen „FREDRICHSTHAL“ in die Zeit vor 1800 datiert werden“.[7] Ab 1796 findet sich das Herstellerjahr auf den Siegeln.[12]
Im über 220 Jahre alten Glasmacherhaus Neuglobsow, einem Fachwerkhaus mit Inschriftenbändern, das von den Glasmacherarbeitern und deren Familien bewohnt wurde, befindet sich ein Glasmuseum mit der Ausstellung „Zwölf Geschichten vom Glas“. Die Ausstellung informiert über die Gründung Neuglobsows, die Arbeit der Glasmacher und das Leben von Johanna Luise Pirl. Gezeigt werden neben anderen Exponaten aus der ehemaligen Globsower Glashütte auch die „Quartbouteille“, eine preußische Bierflasche, die mit „GLOBSOW No. 1“ signiert ist.[13] Im Kreismuseum Bischofsburg Wittstock befinden sich mehrere Glasmarken aus der Glashütte Globsow,[14] ebenso im Museum für Stadtgeschichte in Templin.
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e f g h Johanna Louise Pirl. Glashüttenbesitzerin und -gründerin, 1733 – 1810. In: FrauenOrte Land Brandenburg. Abgerufen am 16. November 2025
- ↑ a b c d e f g Brandenburgisches Glas. Siegel der Glashütte Globsow aus dem 18. Jahrhundert. In: museum-digital. Abgerufen am 16. November 2025
- ↑ a b Johanna Louise Pirl. Podcast der Universität Potsdam als Teil des Projektes „Wege unsichtbarer Heldinnen“. In: FrauenOrte Land Brandenburg. Abgerufen am 16. November 2025
- ↑ a b c d Gerrit Friese, Karin Friese: Glashütten in Brandenburg. Stadt- und Kreismuseum Eberswalde-Finow (Hrsg.): Heimatkündliche Beiträge 1, 1992, S. 46–50. Abgerufen am 16. November 2025
- ↑ a b c d e FrauenOrte-Tafel für Johanna Louise Pirl. In: FrauenOrte Land Brandenburg. Abgerufen am 16. November 2025
- ↑ a b c Gerrit Friese, Karin Friese: Glashütten in Brandenburg. Stadt- und Kreismuseum Eberswalde-Finow (Hrsg.): Heimatkündliche Beiträge 1, 1992, S. 86–87. Abgerufen am 16. November 2025
- ↑ a b c Brandenburgisches Glas. Siegel der Glashütte Friedrichsthal aus dem 18. Jahrhundert. In: museum-digital. Abgerufen am 16. November 2025
- ↑ a b Gerrit Friese, Karin Friese: Glashütten in Brandenburg. Stadt- und Kreismuseum Eberswalde-Finow (Hrsg.): Heimatkündliche Beiträge 1, 1992, S. 51–53. Abgerufen am 16. November 2025
- ↑ FrauenOrte Land Brandenburg. In: FrauenOrte Land Brandenburg. Abgerufen am 16. November 2025
- ↑ Sonderausstellung "Frauen machen Geschichte. FrauenOrte Brandenburg". In: ReMO - Regionalmuseum Oberhavel. Abgerufen am 16. November 2025
- ↑ Gerrit Friese, Karin Friese: Glashütten in Brandenburg. Stadt- und Kreismuseum Eberswalde-Finow (Hrsg.): Heimatkündliche Beiträge 1, 1992, S. 5. Abgerufen am 16. November 2025
- ↑ Brandenburgisches Glas. Glasmarke aus Friedrichsthal, 1790–1796. In: museum-digital. Abgerufen am 16. November 2025
- ↑ Grün wie der Wald – Glasraritäten aus Neuglobsow. In: Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz des Landes Brandenburg (Hrsg.): Ein Jahrbuch für das Land. 2025. 2024, S. 28. Abgerufen am 16. November 2025
- ↑ Die Grande Dame der Glasmanufaktur – Handwerk um 1800. In: FER Female Economic Revision. Abgerufen am 17. November 2025