Johann Wolfgang Brügel

Johann Wolfgang Brügel (* 3. Juli 1905 in Auspitz, Mähren; † 15. November 1986 in London) war ein tschechoslowakischer Jurist, Publizist und Übersetzer, der 1940–45 und erneut ab 1946 in Großbritannien lebte. Er war Staatsbediensteter der Ersten Tschechoslowakischen Republik und in der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (DSAP) aktiv, im Exil während des Zweiten Weltkriegs gehörte er zur Zinnergruppe. Später veröffentlichte er Werke vor allem zum Verhältnis zwischen Deutschen und Tschechen und zur Zeitgeschichte der Tschechoslowakei und Mitteleuropas.

Leben

Johannes Brügel, Sohn des Richters Julius Brügel, wuchs als Angehöriger der deutschen Bevölkerungsgruppe und der katholischen Konfession in Brünn auf, und hatte nach dem Zerfall der Habsburgermonarchie ab 1919 die Staatsbürgerschaft der Tschechoslowakei. Er studierte ab 1923 Rechtswissenschaften an der Deutschen Universität Prag, wo er 1928 mit dem Doktorgrad (JUDr.) abschloss. Er war Mitglied der Sozialistischen Jugend (SJ), der Vereinigung deutscher sozialdemokratischer Akademiker und trat 1924 der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (DSAP) bei.[1] Nach dem Studium wurde er 1929 Staatsbeamter beim Gericht in Brünn, von 1930 bis 1938 war er Privatsekretär des DSAP-Vorsitzenden Ludwig Czech in dessen Funktion als Minister für Sozialfürsorge (bis 1934), für öffentliche Arbeiten (bis 1935) bzw. für Gesundheit. Daneben entwickelte er eine rege journalistische Tätigkeit. Nach dem Ausscheiden Czechs und der DSAP (wie auch der übrigen deutschen Parteien) aus der Regierung im April 1938 diente er wieder als Beamter im Sozialministerium.[2]

Nach der Zerschlagung und Besetzung der Tschechoslowakei durch NS-Deutschland emigrierte er im April 1939 nach Frankreich und schrieb unter dem Pseudonym Walter Brünner in deutschsprachigen sozialistischen Zeitschriften. Gemeinsam mit Leopold Goldschmidt und Walter Kolarz verfasste er ein Memorandum (Le probléme du transfert de population), in dem sie sich schon damals gegen eine sowohl in tschechoslowakischen als auch sudetendeutschen Exilgruppen diskutierte Umsiedlung von Bevölkerungsgruppen wandten. Nach der Kapitulation Frankreichs floh er im Juli 1940 weiter nach Großbritannien. Dort war er Mitunterzeichner des Gründungsaufrufs der DSAP-Auslandsgruppe, der von Josef Zinner angeführten „Zinnergruppe“, die (im Gegensatz zur größeren Treugemeinschaft sudetendeutscher Sozialdemokraten um Wenzel Jaksch) loyal zur tschechoslowakischen Exilregierung von Edvard Beneš stand. Brügel war 1941–1944 Redakteur der von der Zinnergruppe herausgegebenen Sozialistischen Nachrichten und arbeitete als Beamter der tschechoslowakischen Exilregierung in London. Er schrieb auch für englischsprachige Zeitschriften wie The Contemporary Review. Brügels Mutter Irene starb 1943 in der Gefangenschaft im Ghetto Theresienstadt.[3] Er heiratete die ebenfalls aus der Tschechoslowakei emigrierte, promovierte Medizinerin Josephine Liebstein, die aus einer deutsch-jüdischen Familie stammte und in London als Ärztin arbeitete. Das Paar bekam 1943 einen Sohn und 1945 eine Tochter.[1]

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs berief der tschechische Sozialdemokrat Bohumil Laušman Brügel 1945 zurück in die Tschechoslowakei und übertrug ihm die Leitung einer Abteilung im Wirtschaftsministerium. Unterdessen wurden jedoch zu seinem Entsetzen fast alle Deutschen – auch die demokratisch gesinnten – aus der Tschechoslowakei vertrieben. Angesichts der antideutschen Stimmung, die auch seine eigene Position unhaltbar machte, ließ sich Brügel von seinem Minister im November 1946 auf eine Mission nach London entsenden, von der er nicht zurückkehrte. Diese Entscheidung wurde durch den Februarumsturz der Kommunisten 1948 bestärkt und er blieb dauerhaft in Großbritannien.[4]

Dort arbeitete er als Korrespondent von Schweizer sozialistischen Zeitungen sowie als Übersetzer und Dolmetscher für die Sozialistische Internationale und den Internationalen Bund Freier Gewerkschaften. Von 1953 bis 1956 war er beim Monitoring Service, dem „Abhördienst“ des britischen Rundfunks BBC tätig, der in der Zeit des Kalten Kriegs Rundfunk- und Presseausstrahlungen aus dem Ostblock überwachte und auswertete. Ab 1958 arbeitete Brügel für die von seinem Freund Alfred Wiener begründete Wiener Library zur Dokumentation des Nationalsozialismus und Holocaust.[5] Als freiberuflicher Autor verfasste zahlreiche Studien auf dem Gebiet der Zeitgeschichte und übersetzte unter anderem Werke des britischen Historikers und Holocaustforschers Gerald Reitlinger ins Deutsche. Neben der britischen Staatsangehörigkeit, die er seit 1940 hatte, nahm er 1959 die deutsche an.[1] Der österreichische Staatspräsident Rudolf Kirchschläger zeichnete Brügel 1976 mit dem Professorentitel aus.[6]

Während seine geschichtlichen Werke Brügel den Respekt angelsächsischer sowie tschechischer Historiker eintrugen, stand er oft im Widerspruch zur Erinnerungspolitik der sudetendeutschen Vertriebenenorganisationen und ihres Umfelds. So kritisierte er die Verwendung der Bezeichnung „sudetendeutsch“ für die deutschsprachige Bevölkerung der böhmischen Kronländer bzw. der Tschechoslowakei, welche zuerst von Deutschnationalen verwendet wurde und vor dem Krieg von vielen Sozialdemokraten abgelehnt worden sei. Den Ausdruck „Volksgruppe“ lehnte Brügel als einen „von den Nazis in die Begriffswelt eingeschmuggelten“ Begriff ab; ebenso das Wort „Austreibung“, in dem er ein „nationalistisches Propagandaschlagwort“ sah, „das zu verwenden ich mich sträube“ – stattdessen bevorzugte er den nach seinem Urteil sachlicheren Begriff „Aussiedlung“.[7]

Drei Jahre nach seinem Tod am 15. November 1986 in London wurde Brügel 1989 zum Ehrenbürger seiner Geburtsstadt Hustopeče (Auspitz) ernannt. Im Jahre 1991 wurde er mit dem Masaryk-Orden ausgezeichnet.

Seine Tochter Irene Bruegel (1945–2008) wurde in Großbritannien als Ökonomin und Stadtplanerin, sozialistische und feministische Aktivistin sowie Gründerin der Gruppe Jews for Justice for Palestinians bekannt.[8]

Schriften (Auswahl)

  • Tschechen und Deutsche. 1918–1938. Nymphenburger Verlagshandlung, München 1967
  • Friedrich Adler vor dem Ausnahmegericht 18. und 19. Mai 1917. Hrsg. und eingeleitet von J. W. Brügel. Wien : Europa Verlag, 1967
  • Czechoslovakia before Munich : The German minority problem and British appeasement policy. Cambridge University Press, London 1973
  • (Herausgeber): Stalin und Hitler. Pakt gegen Europa. Europa-Verlag, Wien 1973, ISBN 3-203-50452-9
  • Tschechen und Deutsche. 1939–1946. Nymphenburger Verlagshandlung, München 1974, ISBN 3-485-03543-2
  • Zur Geschichte der Zinnergruppe, hrsg. für die Arbeitsgemeinschaft ehemaliger deutscher Sozialdemokraten in der Tschechoslowakei von Rudolf Zischka, Tann/Niederbayern, ohne Jahr

Literatur

  • Werner Röder, Herbert A. Strauss (Hrsg.): Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933. Band 1: Politik, Wirtschaft, Öffentliches Leben. Saur, München 1980, S. 99.
  • Stanley B. Winters: J. W. Brügel ein Achtziger. Rückblick auf eine ereignisreiche Laufbahn. In: Bohemia. Band 27, 1986, S. 110–116 (Digitalisat).
  • Brügel, Johann Wolfgang, in: Leopold Grünwald: In der Fremde für die Heimat: sudetendeutsches Exil in Ost und West. Fides, München 1982, S. 133.

Einzelnachweise

  1. a b c Werner Röder, Herbert A. Strauss (Hrsg.): Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933. Band 1: Politik, Wirtschaft, Öffentliches Leben. Saur, München 1980, S. 99.
  2. Stanley B. Winters: J. W. Brügel ein Achtziger. Rückblick auf eine ereignisreiche Laufbahn. In: Bohemia, Band 27 (1986), S. 110–116, hier S. 111.
  3. Stanley B. Winters: J. W. Brügel ein Achtziger. Rückblick auf eine ereignisreiche Laufbahn. In: Bohemia, Band 27 (1986), S. 110–116, hier S. 110.
  4. Stanley B. Winters: J. W. Brügel ein Achtziger. Rückblick auf eine ereignisreiche Laufbahn. In: Bohemia, Band 27 (1986), S. 110–116, hier S. 113–114.
  5. Stanley B. Winters: J. W. Brügel ein Achtziger. Rückblick auf eine ereignisreiche Laufbahn. In: Bohemia, Band 27 (1986), S. 110–116, hier S. 114–115.
  6. Stanley B. Winters: J. W. Brügel ein Achtziger. Rückblick auf eine ereignisreiche Laufbahn. In: Bohemia, Band 27 (1986), S. 110–116, hier S. 114.
  7. Eva Hahn, Hans-Henning Hahn: Die Vertreibung im deutschen Erinnern. Legenden, Mythos, Geschichte. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2010, S. 534.
  8. Sue Himmelweit, Simon Mohun: Obituary: Irene Bruegel. Academic and activist against injustice. In: The Guardian, 15. Oktober 2008.