Johann Stefanović

Johann Stefanović, seit 1853 Ritter von Vilovo (serbisch Јован Стефановић Jovan Stefanović; * 24. Juni 1821 in Crepaja; † 25. März 1902 in Wien) war ein serbischer Offizier und Hydrogeograph. Er diente 1849 als bedeutender Heerführer im serbischen Aufstand während des ungarischen Unabhängigkeitskrieges und tat sich ab den 1870er Jahren durch die Publikation mehrerer Schriften über Flussregulierungen und Hochwasserschutz hervor.

Leben

Herkunft und Privatleben

Als Sohn des Grenzwachtmeisters Damjan Stefanović kam er 1821 im serbischen Dorf Crepaja in der historischen Landschaft Banat zur Welt. Administrativ gehörte die etwa 25 Kilometer nordöstlich von Belgrad gelegene Ortschaft damals innerhalb des Kaisertums Österreich zum Königreich Ungarn und war dort dem Komitat Torontál und auf noch niedrigerer Verwaltungsebene dem Bezirk Antalfalva zugeordnet. Stefanović war griechisch-orientalischer Konfession[1][2] und heiratete am 20. Oktober 1850 die gerade fünfzehnjährige Emilie Tamburic (* 1835) aus Pančevo. Das Paar bekam acht gemeinsame Kinder, von denen fünf das Erwachsenenalter erreichten.[2] Zunächst lebte die Familie in Zemun nahe Belgrad, zog dann aber 1867 nach Wien, um den Kindern eine bessere Ausbildung zu ermöglichen.

Stefanović war mit dem serbischen Schriftsteller Ljubomir Nenadović befreundet, den er während seiner Stationierung in Böhmen kennengelernt hatte, als Nenadović zur gleichen Zeit in Prag studierte.

Militärische Karriere

Beförderungen[3]
  • 1839: Expropriis-Gemeiner
  • 1840: Unterleutnant 2. Klasse
  • 1848: Unterleutnant 1. Klasse
  • 1848: Oberleutnant
  • 1849: Hauptmann 2. Klasse
  • 1851: Hauptmann 1. Klasse
  • 1864: Major

Nachdem er die Militärschule in Pančevo absolviert hatte, trat Stefanović am 2. Februar 1839 im Alter von 17 Jahren als sogenannter Expropriis-Gemeiner in das Linieninfanterieregiment № 57 der kaiserlich-königlichen Armee ein. Im Laufe der nächsten zweieinhalb Jahrzehnte durchlief er diverse Dienstgradstufen und wurde in zahlreichen unterschiedlichen Formation verwendet.[3][1] Unter anderem führte er zwischen 1842 und 1845 militärische Landvermessungen in Böhmen durch und legte 1847 die Prüfung für den Generalstabsdienst ab.

Seine bekanntesten Einsätze hatte er in den Regionen Batschka und Banat während des ungarischen Unabhängigkeitskrieges, der im Rahmen der ungarischen Revolution 1848/1849 entbrannte. Wachsender Nationalstolz der Ungarn (= Magyaren) führte zu einem Aufbegehren gegen die Vorherrschaft der österreichischen Habsburger innerhalb des Kaisertums. Im überschwänglichen Nationalgefühl führten die Magyaren bald Kriege gegen mehrere nicht-magyarische Völker ihres Königreiches – unter anderem auch gegen die Serben, die sich ihrerseits in der Hoffnung auf mehr Autonomie erhoben hatten und sowohl seitens der Österreicher als auch des Fürstentums Serbien (dies war ein weitgehend autonomer Landesteil des Osmanischen Reiches) unterstützt wurden. Stefanović diente in diesem Konflikt als Generalstabsoffizier des serbischen Armeekorps[3] und als Stabschef des Woiwoden Stevan Šupljikac (1786–1848) und des Generals Stevan Knićanin. Anfang Januar 1849 nahm er als Hauptmann 2. Klasse des Tschaikistenbataillons an der für die Serben siegreichen Schlacht von Pančevo. Nur eine Woche später kämpfte er auch in der Schlacht von Vršac und konnte dort durch einen Sturmangriff die bereits eingekesselte und sich im Nahkampf befindende Brigade Knićanins retten.[3] Am 12. März 1849 gelang es ihm in der Schlacht bei Mošorin und Vilovo nahe Titel, den hinsichtlich seiner Truppenstärke überlegenen ungarischen Heerführer Mór Perczel zum Rückzug hinter die örtliche Römerschanze zu zwingen. Nur dadurch war es den Serben anschließend möglich, ihre Stellungen auf dem Titeler Plateau gegen feindliche Angriffe zu behaupten. Noch im gleichen Monat stürmte er mit seinen Soldaten einen strategisch wichtig gelegenen Meierhof in Melenci. Schließlich war er auch noch bei Neuszina erfolgreich, wo er mit nur wenigen Truppen die Ungarn überfiel und sie über den Fluss Temesch zurückdrängte, wobei 200 Gewehre erbeutet werden konnten.[3]

Zehn Jahre später nahm Stefanović als Hauptmann 1. Klasse mit dem Infanterieregiment № 35 auch am Sardinischen Krieg teil, der 1859 zwischen Österreich auf der einen sowie Sardinien und Frankreich auf der anderen Seite in Oberitalien ausgetragen wurde. Hierbei kam er auch während der Entscheidungsschlacht von Solferino zum Einsatz. Zuletzt gehörte er dem Infanterieregiment № 73 an und trat 1864 im Dienstgrad eines Majors in den Ruhestand.

Wissenschaftliche Karriere

Nach seiner militärischen Karriere bildete er sich autodidaktisch[1] zu einem international anerkannten[4] Fachmann für Hydrographie und Hydrogeographie weiter. In seinen Forschungen und Publikationen beschäftigte er sich vor allem mit der Wechselhaftigkeit fluvialer Landformen,[4] mit den Entstehungsbedingungen von Hochwassern[4] und mit Flussregulierungen in Ungarn. Stefanović galt als früher Verfechter des naturnahen Wasserbaus.[1] Ab Anfang der 1870er Jahre warnte er eindringlich vor einer seiner Meinung nach von der Theiß ausgehenden akuten Überschwemmungsgefahr für die Stadt Szeged[4] im Komitat Csongrád und schlug den Bau eines Kanals zur Entlastung des Flusses vor. Zwar wurde dieser Plan 1871 sogar dem ungarischen Reichstag vorgelegt, zu einer Umsetzung kam es letztlich jedoch nicht. Noch vor Ende des Jahrzehnts ereignete sich am 12. März 1879 tatsächlich ein katastrophales Hochwasser in Szeged, wobei ein Großteil der Stadt zerstört wurde und etwa 165 Menschen ihr Leben verloren.

Stefanović war unter anderem Mitglied der kaiserlich-königlichen Geographischen Gesellschaft und gehörte Josef von Doblhoff-Diers Wissenschaftlichem Klub an.

Engagement in der serbischen Nationalbewegung

Er galt als enger Vertrauter des serbischen Rechtsanwaltes, Politikers und Publizisten Svetozar Miletić. So war er beispielsweise Mitglied in dessen Serbischer nationaler freisinniger Partei und veröffentlichte eine regelmäßige Kolumne in dessen Zeitung Zastava (de.: Die Flagge). Beide arbeiteten so eng zusammen, dass er manchmal mit dem Spitznamen „Miletićs Garibaldi“ bedacht wurde. Stefanovićs Haus in Wien wurde zu einem Treffpunkt der serbischen Intelligenzija und er selbst war 1874 Abgeordneter der serbischen Volkskirchenversammlung des Metropolitanats in Sremski Karlovci. Die Stadt war damals kultureller Mittelpunkt der unter österreichischer Hoheit lebenden Serben und die Volkskirchenversammlung war deren wichtigste Institution, die sowohl über kirchliche aber auch über weltliche Dinge entschied.

Auszeichnungen

Publikationen (Auswahl)

Mehrere von Stefanovićs Fachaufsätzen wurden zusätzlich als sogenannte „Separatabdrucke“ monographisch im A. Hartleben’s Verlag veröffentlicht. Um Dopplungen zu vermeiden, wird in solchen Fällen hier jeweils nur die Erstpublikation angegeben.

Monographien

  • Stefanović: Die Erlebnisse eines kaiserlich-königlichen Offiziers im österreichisch-serbischen Armee-Corps in den Jahren 1848 und 1849. Commissionsverlag von Albert Wenedikt, 1861, 208 Seiten.
  • Stefanović: Offenes Wort eines österreichischen Kriegsmannes. Brief eines noch Lebenden an seinen verstorbenen Freund Pönitz über die letzten Kriege Europa’s und ihre Rückwirkung auf die militärisch-politischen Verhältnisse Oesterreichs. Verlag von F. B. Geitler, 1871, 45 Seiten.
  • Stefanović: Die Fels-Engen des Kazan und die Donau- und Theiss-Regulirung. A. Hartleben’s Verlag, 1879, 103 Seiten.
  • Stefanović: Die Trockenlegung des Werschetz-Alibunarer Morastes und der Canal Szatmár-Arad-Palanka. Selbstverlag, 1882.
  • Stefanović: Ungarns Stromregulierungen. A. Hartleben’s Verlag, 1883, 109 Seiten.

Fachaufsätze

  • Stefanović. Die Entsumpfung der Niederungen der Theiss und des Banats. In: Mitteilungen der Kaiserlich-Königlichen Geographischen Gesellschaft in Wien. Band 17 (Band 7 der neuen Folge), 1874, Seiten 193–227 & 272–276.
  • Stefanović: Ueber die Ursachen der Katastrophe von Szegedin. In: Mitteilungen der Kaiserlich-Königlichen Geographischen Gesellschaft in Wien. Band 22 (Band 12 der neuen Folge), 1879, Seiten 193–208 & 245–247.
  • Stefanović: Die Hochfluthen der Ströme Oesterreich-Ungarns im Winter 1879–80. In: Mitteilungen der Kaiserlich-Königlichen Geographischen Gesellschaft in Wien. Band 23 (Band 13 der neuen Folge), 1880, Seiten 212–232.
  • Stefanović: Die Hochwasser-Verhältnisse des Winters 1880/81. In: Mitteilungen der Kaiserlich-Königlichen Geographischen Gesellschaft in Wien. Band 24 (Band 14 der neuen Folge), 1881, Seiten 121–126.
  • Stefanović: Ueber das seitliche Rücken der Flüsse. In: Mitteilungen der Kaiserlich-Königlichen Geographischen Gesellschaft in Wien. Band 24 (Band 14 der neuen Folge), 1881, Seiten 167–187.
  • Stefanović: Vergleichende Pegelstandstafeln über das Steigen und Fallen der Donau. In: Danubius – Organ für den Verkehr und die wirtschaftlichen Interessen der Donauländer. Band 4, 1888, Seiten 400–408.
  • Stefanović: Die Entsumpfung und Regulierung des südöstlichen niedrigsten Theiles Syrmiens. In: Danubius – Organ für den Verkehr und die wirtschaftlichen Interessen der Donauländer. Band 18, 1902.

Einzelnachweise

  1. a b c d Biographische Informationen über Stefanović. Abgerufen auf biographien.ac.at (Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950) am 18. Oktober 2025.
  2. a b Alexander von Dachenhausen: Genealogisches Taschenbuch der Adeligen Häuser. Jahrgang 18, Verlag von Friedrich Irrgang, 1893, Seiten 596–597.
  3. a b c d e Constantin von Wurzbach: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich, enthaltend die Lebensskizzen der denkwürdigen Personen, welche seit 1750 in den österreichischen Kronländern geboren wurden oder darin gelebt und gewirkt haben. Band 37: Stadion–Stegmayer. k.k. Hof- und Staatsdruckerei, 1878, Seiten 305–306.
  4. a b c d „Geographische Nekrologe. Todesfälle.“ In: Deutsche Rundschau für Geographie und Statistik. Jahrgang 24, Heft 8, Mai 1902, Seite 376.