Johann Max Emanuel Plenge
Johann Max Emanuel Plenge (* 7. Juni 1874 in Bremen; † 11. September 1963 in Münster) war ein deutscher Soziologe, Volkswirt und bedeutender Propagandaforscher. Er war Schüler von Karl Bücher, Professor für Staatswissenschaften und Volkswirtschaftslehre an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster und unter anderem der Doktorvater von Kurt Schumacher.[1]
Leben
Johann Plenge war ein Sohn des Kaufmanns und Konsuls Heinrich Plenge und dessen Ehefrau Helene Plenge, geborene Wickeland, und wuchs im Großbürgertum auf. Von 1893 bis 1897 studierte er Nationalökonomie an der Universität Leipzig, wo Karl Bücher sein prägender Lehrer war. Das Sommersemster 1895 verbrachte er an der Universität Heidelberg. Am 5. März 1898 wurde er an der Universität Leipzig mit dem Thema „Westerwälder Hausierer und Landgänger“ zum Dr. phil. promoviert. Nach dem Studium absolvierte Plenge von Oktober 1898 an ein Jahr lang seinen Militärdienst beim 9. Rheinischen Infanterie-Regiment Nr. 160 in Bonn.
Nach einem Sommeraufenthalt in Paris im Jahr 1900 trat Plenge seine erste wissenschaftliche Stelle Bei Professor Heinrich Dietzel an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Am 25. April 1903 habilitierte er sich erneut an der Universität Leipzig mit der Arbeit „Gründung und Geschichte des Credit Mobilier. Zwei Kapitel aus Anlagebanken, eine Einleitung in die Theorie des Anlagebankgeschäftes“. Von 1903 bis 1906 unternahm Plenge eine Forschungsreise in die Vereinigten Staaten. Am 13. Dezember 1909 erhielt er eine außerordentliche Professur in Leipzig. Dort befasste er sich vor allem mit Fragen der Geldmarktpolitik und begann sich mit Hegel und Marx auseinanderzusetzen.
Im Frühjahr 1913 erhielt Plenge einen Ruf an die Universität Münster, wo er eine ordentliche Professur erhielt und als Mitdirektor das staatswissenschaftlichen Seminars fungierte. Am 6. August 1913 heiratete er die wie er selbst lutherisch-evangelische Anna Eva Sophie Mittelstaedt († 1946).[2.1]
Plenge gehörte zu den deutschen Intellektuellen, die im Zuge des Augusterlebnisses 1914 den Ersten Weltkrieg als Chance sahen, gesellschaftliche Konflikte und Gräben zu überwinden, und in diesem Zusammenhang Begriffe wie „Volksgemeinschaft“ prägten und die spezifisch deutschen Werte und Tugenden als „Ideen von 1914“ priesen. Plenge gilt nach Steffen Bruendel als Erfinder des Schlagworts Ideen von 1914.[3] In seinem 1916 erschienenen Werk 1789 und 1914 verglich er Wilhelm II. mit Napoleon Bonaparte: „Zum zweiten Male zieht ein Kaiser durch die Welt als Führer eines Volkes mit dem ungeheuren, weltbestürzenden Kraftgefühl der allerhöchsten Einheit.“[4] Während des Krieges kam Plenge in Kontakt mit dem rechtsgerichteten sozialdemokratischen Politiker und Publizisten Konrad Haenisch, in dessen Zeitschrift Die Glocke Plenge mehrfach Beiträge veröffentlichte.[2.2] Über diese Verbindung stand er der nationalistisch orientierten Lensch-Cunow-Haenisch-Gruppe innerhalb der SPD nahe.[2.3]
In seiner Schrift Über den politischen Wert des Judentums aus dem Jahr 1920 vertrat Plenge antisemitische Standpunkte.
An der Westfälische Wilhelms-Universität gründete er ein Staatswissenschaftliches Institut, das er von 1919 bis 1923 leitete. Diese Phase gilt als seine wissenschaftlich produktivste Zeit.[2.2] Das Institut betrieb unter anderem Propagandaforschung. Der Kaffeefabrikant Ludwig Roselius finanzierte dieses Institut im Jahre 1921 mit 250.000 Reichsmark Grundkapital, 30.000 Mark für Grundanschaffungen und weiteren 100.000 Reichsmark für den Betrieb der ersten fünf Jahre.[5] Dort gründete er auch das erste Universitätsinstitut für Organisationslehre in Deutschland.[1] Dies war allerdings mit einem Statusverlust verbunden, da Plenge zuvor im Rahmen einer Neuordnung der Staatswissenschaften in einem Staatswissenschaftlichen Seminar per Ministererlass aus diesem entfernt wurde.[2.4] Gründe dürften Plenges häufige öffentliche Äußerungen zu politischen Themen, sein auch in wissenschaftlichen Debatten oft harsches Auftreten sowie persönliche Auseinandersetzungen mit anderen Wissenschaftlern an seinem Institut gewesen sein, zumal sein Förderer Haenisch seit 1921 nicht mehr preußischer Kultusminister war.[2.5] Das Institut für Organisationslehre wurde in den folgenden Jahren mehrfach umstrukturiert. Zudem war Plenge zwischen der Verkündung der Seminargründung und der tatsächlichen Eröffnung im Jahr 1925 mehrfach beurlaubt. Erst 1928 erhielt er Mitarbeiter an seinem Institut. In den folgenden Jahren wandte Plenge sich verstärkt der Philosophie der Soziologie zu. Plenge begnngte sich in diesem Verlauf auf eigenen Wunsch mit einer Honorarprofessur.[2.6]
1923 äußerte sich Plenge im Rahmen des Ruhrkampfs auch publizistisch.[2.2]
Im Juli 1933 geriet Plenge erneut in einen öffentlich ausgetregenen Konflikt: In einer Sonderausgabe der Herner Zeitung beanspruchte er, zuerst den Begriff „nationaler Sozialismus“ geprägt zu haben. Daraus entwickelte sich ein publizistischer Streit mit dem NSDAP-Blatt Nationalzeitung, die Plenge als Marxist bezeichnete – in einer Zeit, in der die NSDAP mit der Ausschaltung der letzten links-nationalistischen Kreisen in ihrer Organisation befasst war. Plenge reagierte mit weiteren Veröffentlichungen sowie Briefe an NSDAP-Stellen und das Kultusministerium. Das Ministerium beantwortete diese als störend und anmaßend empfundene Schreiben mit der Schließung von Plenges Institut zum 1. April 1934, offiziell begründet mit Geldknappheit. Zuvor war in Einvernehmen mit der Universitätsleitung geprüft worden, ob Plenge mit der Begründung einer Geisteskrankheit aus seiner Position hätte entfernt werden können, wozu sich aber nicht ausreichend Handhabe fand. Plenge reagierte mit einer erneuten Flut von Briefen, auch an Joseph Goebbels und Adolf Hitler. Er konnte seinen vorläufigen Verbleib in den Institutsräumen erwirken. Mit Erlass am 10. Februar und Wirksamkeit am 18. Mai 1935 wurde er dann aufgrund eines neu erlassenen Gesetzes, das ein Vorgehen gegen unliebsame Professoren erleichterten, vorzeitig und gegen seinen Willen emeritiert. Mit Hilfe der Universitätsgesellschaft Münster erreichte Plenge eine Bewahrung seiner Bibliothek in den Institutsräumen bis zum Jahr 1940.[2.7]
Nach dem Zweiten Weltkrieg bemühte er sich erfolglos um die Wiedereinrichtung seines Instituts in Münster. Diese Versuche bleiben ebenso erfolglos wie seine Bemühungen zur Kontaktaufnahme zur SPD (Kurt Schumacher hatte 1926 bei ihm promoviert). Seine erneute publizistische Tätigkeit blieb überschaubar, nachdem verschiedene Zeitschriften nicht auf seine Angebote der Mitarbeit reagiert hatten. Die Universität Münster würdigte ihn schließlich öffentlich als Emeritus und stellte dem zunehmende Erblindendem eine Schreibkraft zur Verfügung, pflegte jedoch keinen offiziellen kontakt zu ihm.[2.8]
Im Universitätsarchiv Münster befinden sich seine umfangreichen Personalakten. Friedrich August von Hayek charakterisierte Plenge als einen ideologischen Wegbereiter des Nationalsozialismus.[6]
Schriften
- Westerwälder Hausierer und Hausgänger. Duncker & Humblot (= Schriften des Vereins für Socialpolitik 78), Leipzig 1898.
- Gründung und Geschichte des Crédit Mobilier. Zwei Kapitel aus Anlagebanken, eine Einleitung in die Theorie des Anlagebankgeschäftes (= Habilitation Leipzig). Laupp, Tübingen 1903 (Reprint: Detlev Auvermann, Glashütten im Ts. 1976)
- Marx und Hegel. Laupp, Tübingen 1911.
- Von der Diskontpolitik zur Herrschaft über den Geldmarkt. Springer, Berlin 1913.
- Der Krieg und die Volkswirtschaft. Borgmeyer, Münster 1915.
- 1789 und 1914: Die symbolischen Jahre in der Geschichte des politischen Geistes. Springer, Berlin 1916.
- Die Revolutionierung der Revolutionäre. Der Neue Geist, Leipzig 1918.
- Zur Vertiefung des Sozialismus. Der Neue Geist, Leipzig 1919.
- Über den politischen Wert des Judentums. Essen 1920 (PDF Uni Frankfurt).
- Deutsche Propaganda, [1922], ²1965.
- Die Altersreife des Abendlandes. Robert Kämmerer, Düsseldorf 1948.
- Cogito ergo sumus. Eine Auswahl aus den Schriften. Hrsg. von Hanns Linhardt, Duncker & Humblot, Berlin 1964.
Literatur
- Klaus Ansorg: Johann Plenges Sozialismusvorstellungen und ihre Rezeption in der Sozialdemokratie während des Ersten Weltkrieges, R. G. Fischer, Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-88323-546-6.
- Werner Bode: Die Darstellung der Organisationslehren von Johann Plenge und Heinrich Nicklisch und die Betrachtung dieser Lehren im Hinblick auf die Organisationslehre der Unternehmung. Dissertation, Hochschule Wirtschaft Mannheim, 1965.
- Steffen Bruendel: Volksgemeinschaft oder Volksstaat. Die „Ideen von 1914“ und die Neuordnung Deutschlands im Ersten Weltkrieg. Akademie Verlag, Berlin 2003, ISBN 3-05-003745-8.
- Michael Busch: Organisation durch Propaganda. Zur Begründung der Massenbeeinflussung bei Johann Plenge. In: Medien & Zeit, Jg. 22 (2007), Heft 2, S. 15–30.
- Michael Busch: Der Gesellschaftsingenieur Johann Plenge (1874–1963) (= Veröffentlichungen des Universitätsarchivs Münster, Band 13), Aschendorff, Münster 2019, ISBN 978-3-402-15895-1.
- Michael Busch: „Ich will nützen.“ Intellektuelle Selbstwirksamkeit und Institution im Wirken des Gesellschaftsingenieurs Johann Plenge (1874–1963). In: Martin Kintzinger, Wolfgang Eric Wagner (Hrsg.): Intellektuelle. Karrieren und Krisen einer Figur vom Mittelalter bis zur Gegenwart, (= GUW. Veröffentlichungen der Gesellschaft für Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte, Band 17). Schwabe, Basel 2023, ISBN 978-3-7965-4755-3, S. 183–229.
- Sara-Marie Demiriz: Aus den „Ideen von 1914“. Der Staatswissenschaftler Johann Plenge und seine Institute an der Universität Münster. In: Hans-Ulrich Thamer und andere (Hrsg.): Die Universität Münster im Nationalsozialismus. Kontinuitäten und Brüche zwischen 1920 und 1960 (= Veröffentlichungen des Universitätsarchivs Münster, Band 5). Aschendorff, Münster 2012, ISBN 978-3-402-15884-5, S. 1083–1112.
- Sara-Marie Demiriz: Zum Gedenken an Johann Plenge, 2017, Gedenkblatt im Rahmen des Projekts „flurgespräche“, aufgerufen am 24. November 2017.
- Manfred Hermanns: Sozialethik im Wandel der Zeit. Schöningh, Paderborn 2006, ISBN 3-506-72989-6, insbesondere S. 125–127 und 132–143.
- Peter Hoeres: Der Krieg der Philosophen. Die deutsche und britische Philosophie im Ersten Weltkrieg. Schöningh, Paderborn 2004, ISBN 3-506-71731-6.
- Dirk Kaesler: Plenge, Johann Max Emanuel. In: Neue Deutsche Biographie. (NDB). Band 20. Duncker & Humblot, Berlin 2001, ISBN 3-428-00201-6, S. 530–531 (deutsche-biographie.de).
- Joachim Müller: Die „Ideen von 1914“ bei Johann Plenge und in der zeitgenössischen Diskussion. Ein Beitrag zur Ideengeschichte des Ersten Weltkrieges. Ars Una, Neuried 2001, ISBN 3-89391-116-2.
- Konrad Pfaff: Johann Plenge zum 75. Geburtstag. In: Zeitschrift für philosophische Forschung. Bd. 5, H. 1 (1950), S. 121–126.
- Bernhard Schäfers: Johann Plenge als Wegbereiter der Organisationssoziologie und des organisatorischen Zeitalters. In: Karl Acham, Stephan Moebius (Hrsg.): Soziologie der Zwischenkriegszeit. Ihre Hauptströmungen und zentralen Themen im deutschen Sprachraum, Band 2. Springer VS, Wiesbaden 2022, S. 361–373.
- Bernhard Schäfers: Plenge, Johann. In: Wilhelm Bernsdorf, Horst Knospe (Hrsg.): Internationales Soziologenlexikon. Band 1: Beiträge über bis Ende 1969 verstorbene Soziologen. 2. neubearb. Aufl. Enke, Stuttgart 1980, ISBN 3-432-82652-4, S. 333 ff.
- Bernhard Schäfers (Hrsg.): Soziologie und Sozialismus. Organisation und Propaganda. Abhandlungen zum Lebenswerk von Johann Plenge. Geleitwort Leopold von Wiese; Anhang: Johann Plenge, Obtinenz und Realität. Enke, Stuttgart 1967.
- Axel Schildt: Ein konservativer Prophet moderner nationaler Integration, Biographische Skizze des streitbaren Soziologen Johann Plenge (1874–1963). In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Jg. 35 (1987), S. 523–570.
- Leopold von Wiese: Erinnerungen an Johann Plenge. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 15 (1963), Heft 4.
Weblinks
- Literatur von und über Johann Max Emanuel Plenge im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Übersicht der Lehrveranstaltungen von Johann Max Emanuel Plenge an der Universität Leipzig (Wintersemester 1901 bis Wintersemester 1912)
- Johann Max Emanuel Plenge im Professorenkatalog der Universität Leipzig
- Marx oder Kant? von Johann Plenge in Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft / Zeitschriftenband (1910) S. 213/239
- Nachlassstücke von Johann Plenge in der Staats und Universitätsbibliothek Bremen (PDF; 104 kB)
Einzelnachweise
- ↑ a b Hans-Albrecht Koch: In den großen Schlachten. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. September 2024, S. 12.
- ↑ Sara-Marie Demiriz: Zum Gedenken an Johann Plenge, 2017, Gedenkblatt im Rahmen des Projekts „flurgespräche“.
- ↑ Steffen Bruendel: Die Geburt der „Volksgemeinschaft“ aus dem „Geist von 1914“. Entstehung und Wandel eines „sozialistischen“ Gesellschaftsentwurfs. In: Zeitgeschichte-online, Dossier: Fronterlebnis und Nachkriegsordnung. Wirkung und Wahrnehmung des Ersten Weltkriegs, Mai 2004, S. 6 (online, abgerufen am 30. September 2024).
- ↑ Johann Plenge: 1789 und 1914. Berlin 1916, S. 15, zitiert nach Willibald Gutsche, Fritz Klein, Kurt Petzold: Der Erste Weltkrieg. Ursachen und Verlauf. Köln 1985, S. 70.
- ↑ Thymian Bussemer: Propaganda: Konzepte und Theorien. VS, Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2., überarb. Aufl. 2008, S. 117.
- ↑ Friedrich August von Hayek: The Road to Serfdom. George Routledge & Sons, 1944, Reprint: New York 2001, ISBN 978-0-415-25389-5, S. 175–178 (PDF)