Johann Friedrich Schweinitz
Johann Friedrich Schweinitz (* 16. Juni 1708 in Friedebach, Thüringen; † 10. Juli 1780 in Pyrmont) war ein deutscher Musikdirektor, Organist, Dirigent, Pädagoge, Komponist und Chorleiter. Er wirkte maßgeblich am Aufbau des musikalischen Lebens der Universität Göttingen und war über vier Jahrzehnte prägende Figur der Kirchenmusik in Göttingen.[1]
Leben
Johann Friedrich Schweinitz war der Sohn des Schullehrers und Organisten Hans Friedrich Schweinitzer.[2] Von ihm erhielt er in Friedebach seinen ersten Musikunterricht. Bereits während seiner Schulzeit am Gymnasium Casimirianum in Coburg gründete er mehrere Collegia Musica, wie eine anonyme Laudatio im Pädagogischen Jahrbuch von Jeremias Nicolaus Eyring (1783) nahelegt.[3]
1732 immatrikulierte sich Schweinitz als studiosus iuris an der Universität Leipzig. Der damalige Rektor der Thomasschule, Johann Matthias Gesner, bezeichnete ihn später in einem Empfehlungsschreiben als „Discipel von dem berühmten Herrn Bach in Leipzig“.[4] Es wird angenommen, dass Schweinitz in dem von Johann Sebastian Bach geleiteten Collegium Musicum mitwirkte. Dokumentiert ist Schweinitz auch als Notenkopist: von seiner Hand überliefert ist eine im Violinschlüssel notierte Violoncello-piccolo-Stimme zur Bachkantate Er rufet seinen Schafen mit Namen (BWV 175), die wahrscheinlich anlässlich einer Wiederaufführung des Werkes zu Pfingsten 1734 oder 1735 geschrieben wurde.[5][6]
1735 wechselte Schweinitz an die neu gegründete Georg-August-Universität Göttingen. Dort regte er unmittelbar nach seiner Immatrikulation die Gründung eines Collegium Musicum an, dessen erste Aufführungen bereits im Januar 1736 dokumentiert sind.[1.1] Bei der Inaugurationsfeier der Universität 1737 gestaltete Schweinitz mit diesem Ensemble den gesamten musikalischen Rahmen. Gesner würdigte die Leitung der Universitätsmusik bei diesen Feierlichkeiten in der Biographia Academica Gottingensis als Schweinizius nostrum („unsern Schweinitz“).[7]
Ab 1738 übernahm Schweinitz neben der Leitung des Collegiums Musicum die Aufgaben des Organisten an St. Johannis und an der Universitätskirche. 1743 wurde er zum Cantor figuralis der Stadtschule berufen. Er behielt aber die Leitung des Collegiums bei. 1750 erhielt er die offizielle Genehmigung, den Titel Director musicis („Musikdirektor“) zu führen. Auch nach seinem Rückzug aus der Universitätsmusik 1767 führte er den Titel Director academicus musices bis zu seinem Tod weiter.[1.2] Vielleicht wegen seiner angegriffenen Gesundheit – er litt an Arthritisschüben und Schwindelanfällen[1.3] – wurde jedoch die Leitung der akademischen Konzerte Georg Philipp Kress als Konzertmeister übertragen. Nach dessen Tod 1779 bewarb sich Johann Nikolaus Forkel als dessen Nachfolger, womit es vorübergehend zwei Musikdirektoren der Universitätsmusik gab.[8] Zu Schweinitz’ Nachfolger als Stadtkantor wurde Carl Friedrich Ernst Rudorff gewählt.[9] Johann Friedrich Schweinitz starb im Juli 1780 bei einem Kuraufenthalt in Pyrmont und wurde dort auch begraben.[1.3]
Werke
Von Schweinitz’ kompositorischem Werk sind im Archiv des Konservatoriums Brüssel neun Kirchenkantaten in Abschriften überliefert:[10][11]
- Jauchzet ihr Völker, Kantate zu Weihnachten (JFS-WV 1)[12]
- Ich bin der Erste und der Letzte, Kantate zu Ostern (JFS-WV 7)[13]
- Wer ist der, der von Edom kömmt, Kantate zu Ostern (JFS-WV 8)[14]
- Auf Christi Himmelfahrt allein, Kantate zu Himmelfahrt (JFS-WV 9)[15]
- Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, Kantate zu Pfingsten (JFS-WV 10)[16]
- Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, Kantate zu Pfingsten (JFS-WV 11)[17]
- Gott der Vater, wohn uns bei, Kantate zu Trinitatis (JFS-WV 12)[18]
- Auf, redliche Bürger, ermuntert die Herzen, Kantate zur Ratspredigt (JFS-WV 50 inc.)[19]
- Er hat seinen Engeln befohlen, Kantate zu Michaelis (JFS-WV 14)[20]
Von Schweinitz sind ferner mindestens 22 meist weltliche Kantaten als Titel nachgewiesen, die Kompositionen sind jedoch verschollen.[1.4] Davon sind in der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen 18 Werke durch Textdrucke nachgewiesen.[21]
Zur Trauerfeier für Gerlach Adolph von Münchhausen am 28. Dezember 1770 komponierte Schweinitz die Kantate Ach, was für Töne auf einen Text von Abraham Gotthelf Kästner.[22] Die Komposition ist verschollen; erhalten blieb die Zweitvertonung, die Johann Nikolaus Forkel für eine Erinnerungsfeier zum zweijährigen Todesgedenken am 26. November 1772 komponierte.[23][24]
Die aus den in Brüssel identifizierten Werken stammende Kantate Jauchzet ihr Völker wurde 2021 vom Göttinger Barockorchester unter der Leitung von Antonius Adamske aufgenommen und erschien beim Label Coviello auf CD.[25]
Literatur
- Daniela Garbe, Bernd Wiechert: Director musices, Organist und Kantor Johann Friedrich Schweinitz. Ein Beitrag zur Musikgeschichte Göttingens im 18. Jahrhundert. In: Göttinger Jahrbuch. Band 37, 1989, S. 71–90.
- Bernd Wiechert: Noch einmal: Johann Friedrich Schweinitz. In: Göttinger Jahrbuch. Band 41, 1993, S. 133–136.
- Hans-Joachim Schulze: A Disciple of the Famous Herr Bach in Leipzig. In: Gregory G. Butler, George B. Stauffer, Mary Dalton Greer (Hrsg.): About Bach. University of Illinois Press, Urbana/Chicago 2008, ISBN 978-0-252-03344-5, S. 81–88; proquest.com (Subskriptionszugriff).
- Rudolf Schmidt: Johann Friedrich Schweinitz. Neun Kirchenkantaten in Brüssel nachgewiesen. In: Göttinger Jahrbuch. Band 59, Göttingen 2011, S. 83–86.
- Hans-Joachim Schulze: Der unterschätzte Bach-Schüler. Johann Friedrich Schweinitz. In: ders.: Bach-Facetten. Essays – Studien – Miszellen. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig und Carus, Stuttgart 2017, ISBN 978-3-374-04836-6/ISBN 978-3-89948-297-3, S. 229–239.
- Bernd Koska: Bachs Privatschüler. In: Bach-Jahrbuch. Band 105, 2019, S. 13–82, hier S. 36 f.; eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche.
- Hans-Joachim Schulze: Bachs Privatschüler – Eine Nachlese. In: Bach-Jahrbuch. Band 106, 2020, S. 45–61, hier S. 53 f.; eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche.
- Antonius Adamske: Krise der Ämter – Konnex der Akteure: Studien zur Göttinger Musikgeschichte vor 1800. V&R Unipress, Göttingen 2023, ISBN 978-3-8471-1595-3, S. 250–329 u. passim.
Weblinks
- Normdatensatz und Druckschriften von und über Johann Friedrich Schweinitz im VD 18.
- Werke von und über Johann Friedrich Schweinitz in der Deutschen Digitalen Bibliothek
- Antonius Adamske: Schweinitz, Johann Friedrich. In: Laurenz Lütteken (Hrsg.): MGG Online (Abonnement erforderlich).
- Johann Friedrich Schweinitz. In: Deutsche Biographie (Index-Eintrag).
- Johann Friedrich Schweinitz. Informationen im Portal Bach digital des Bach-Archivs Leipzig
- Johann Friedrich Schweinitz. Bach Cantatas Website (englisch).
Einzelnachweise
- ↑ Daniela Garbe, Bernd Wiechert: Director musices, Organist und Kantor Johann Friedrich Schweinitz. Ein Beitrag zur Musikgeschichte Göttingens im 18. Jahrhundert. In: Göttinger Jahrbuch. Band 37. Göttingen 1989, ISBN 3-88452-367-8, S. 71–90.
- ↑ Hans-Joachim Schulze: Bachs Privatschüler – Eine Nachlese. In: Bach-Jahrbuch. Band 106, 2020, S. 45–61, hier S. 53 f.; eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche.
- ↑ J. N. Eyring: Pädagogisches Jahrbuch, darin einzelne Erziehungsanstalten beschrieben und über besondere Gegenstände der Erziehung Betrachtungen angestellt werden. Drittes Stück, 1783, S. 7 (Digitalisat in der Google-Buchsuche).
- ↑ Johann Matthias Gesner: Schreiben an die Stadt Celle. Göttingen 18. Januar 1745. Stadtarchiv Celle, Signatur: 17 B 154. Auszugsweise abgedruckt in: Hans Joachim Schulze (Hrsg.): Bach-Dokumente. Band 5: Dokumente zu Leben, Werk und Nachwirken Johann Sebastian Bachs: 1685–1800. Neue Dokumente, Nachträge und Berichtigungen zu Band I–III. Bärenreiter, Kassel 2007, ISBN 978-3-7618-1867-1, Nr. B 527a.
- ↑ Peter Wollny: About Bach. Hrsg. von Gregory G. Butler, George B. Stauffer und Mary Dalton Greer. University of Illinois Press, Urbana/Chicago 2008; [Rezension]. In: Bach-Jahrbuch. Band 95, 2009, S. 243–246, hier S. 245; doi:10.13141/bjb.v20091872.
- ↑ D-B Mus.ms. Bach St 22 [Originalquelle]. Informationen im Portal Bach digital des Bach-Archivs Leipzig
- ↑ Johann Matthias Gesner: Biographia Academica Gottingensis. Hrsg.: Jeremias Nicolaus Eyring. Nr. III. Göttingen 1769, S. 272 und 279, urn:nbn:de:gbv:3:1-661412-p0324-6.
- ↑ Axel Fischer: Das Wissenschaftliche der Kunst: Johann Nikolaus Forkel als Akademischer Musikdirektor in Göttingen. V&R Unipress, Göttingen 2015, ISBN 978-3-8471-0370-7, S. 172.
- ↑ Antonius Adamske: Krise der Ämter – Konnex der Akteure: Studien zur Göttinger Musikgeschichte vor 1800. V&R Unipress, Göttingen 2023, ISBN 978-3-8471-1595-3, S. 340–343.
- ↑ Hans-Joachim Schulze: A Disciple of the Famous Herr Bach in Leipzig. In: Gregory G. Butler, George B. Stauffer, Mary Dalton Greer (Hrsg.): About Bach. University of Illinois Press, Urbana/Chicago 2008, ISBN 978-0-252-03344-5, S. 81–88, hier S. 85; proquest.com (Subskriptionszugriff).
- ↑ Rudolf Schmidt: Johann Friedrich Schweinitz. Neun Kirchenkantaten in Brüssel nachgewiesen. In: Göttinger Jahrbuch. Band 59. Göttingen 2011, S. 83–86, hier S. 86.
- ↑ RISM ID: 700001107
- ↑ RISM ID: 700001108
- ↑ RISM ID: 700001109
- ↑ RISM ID: 700001110
- ↑ RISM ID: 700001111
- ↑ RISM ID: 700001112
- ↑ RISM ID: 700001113
- ↑ RISM ID: 700001114
- ↑ RISM ID: 700001115
- ↑ Digitalisate von Werken Johann Friedrich Schweinitz’, Göttinger Digitalisierungszentrum der SUB Göttingen
- ↑ Abraham Gotthelf Kästner: Cantate bey der Trauerfeyerlichkeit der Georg Augustus Universität über das Absterben ihres ersten Curators Sr. Excellenz des wohlseeligen Premierministers Freyherrn von Münchhausen. Jn der Universitätskirche den 28. December 1770 aufgeführet. In: ders.: Vermischte Schriften. Zweyter Theil. Richter, Altenburg 1772, S. 182–184; digitale-sammlungen.de.
- ↑ Augsburgische Ordinari Postzeitung, Nro. 3. Montag, den 4. Jan. Anno 1773, S. 4, als Digitalisat, abgerufen am 13. November 2025.
- ↑ RISM ID: 464140254
- ↑ Göttinger Barockorchester: Göttinger Weihnachtskantaten. Coviello 2021, covielloclassics.de, abgerufen am 13. November 2025