Johann Balthasar Oppelt

Johann Balthasar Oppelt (* 1743 in Ansbach; Franken–?) war ein deutscher Feinoptiker, Instrumentenbauer und reisender Instrumentenhändler.[1] In den erhaltenen Herstellersignaturen bezeichnet er sich als „Opticus zu Anspach in Francken“.[2]

Figuren wie Johann Balthasar Oppelt zählen zu einer Gruppe häufig namenlos gebliebener Akteure, die jedoch wesentlich zur Technikgeschichte beigetragen und den Zugang zur Welt verändert haben. Unsichtbare Hände nennt Klaus Hentschel diese Kräfte, die in der praktischen physikalischen Forschungs- und Entwicklungsarbeit tätig waren. Sie wurden erst durch eine sozialhistorisch orientierte Geschichtsschreibung wiederentdeckt, die sich von der elitären Biographie einzelner, herausragender Persönlichkeiten löst.[3]

Leben

Johann Balthasar Oppelt wurde 1743 in der Residenzstadt Ansbach geboren. Über das Herkommen seiner Mutter ist nichts bekannt. Sein Vater, Johann Simon Oppelt, war Maurer und Steinbrecher. Auch sein Sohn war zunächst in diesem Gewerbe tätig.[4] Mit 21 Jahren heiratete er die Bauerntochter Anna Elisabeth Rattelmüller (1764). Im Laufe seines Lebens ging er zwei weitere Ehen mit Maria Elisabeth Böttger (vor 1777), wie Anna Maria Schönin aus Moßdorf (1796) ein und wurde Vater von sieben Kindern.

Ausbildung

Der Instrumentenbau war zu Lebzeiten Oppelts kein etabliertes Berufsbild und daher auch keiner Zunft zugeordnet.[5] Wie und wo sich der Maurersohn Kenntnisse und praktische Fertigkeiten im Bereich der Optik und Feinmechanik aneignen konnte, ist nicht bekannt. Auch wissen wir nichts über seine schulische Bildung.[4] Die Berufsbezeichnung Opticus taucht in den Dokumenten zu seiner Person erstmals 1768 auf.[6] Er selbst wirbt damit, gute Zeugnisse von berühmten Professoren der Mathematik vorweisen zu können.[7][8]

Karriere

In seiner beruflichen Praxis als Instrumentenbauer scheint Oppelt zwischen einer Existenz als reisender Schausteller und stationärer Handwerker zu wechseln: 1777 hielt es sich in Begleitung seiner Familie in Neustrelitz auf. Die Taufdokumente seiner Kinder bestätigen jedoch eine stabile Bindung an seine Geburtsstadt, wo er ein eigenes Anwesen und wohl auch eine Werkstatt unterhielt.

Ein Inserat, das er im August 1784 in der in Regensburg erscheinenden Staats-Relation der neuesten europäischen Nachrichten und Begebenheiten aufgegeben hatte, liefert ein authentisches Bild seiner Lebensführung: In einem Wirtshaus logierend, pries er ein mitgeführtes zusammengesetztes Mikroskop wohl feil an, um unbelastet wieder nach Hause zu fahren.[7]

Ein halbes Jahr später, im Dezember 1784, traf Oppelt in Gotha ein. Unter Herzog Ernst II. (Sachsen-Gotha-Altenburg) (1745–1804) hatte sich die thüringische Residenzstadt zu einem Forum der Experimentalphysik mit einem gut ausgestatteten physikalischen Kabinett im Schloss entwickelt und erhielt 1790 mit der Seeberg-Sternwarte eine weitere Attraktion. Herzogliche Mitschriften der Vorlesungen Ludwig Christian Lichtenbergs (1737–1812) haben sich in der Forschungsbibliothek Gotha erhalten, darunter auch die Notizen zu einer Lektion über Mikroskope vom 30. März 1784.[9] An der „physikalischen Stunde“ nahmen zahlreiche Staats- und Hofdiener, wie auch Hofdamen teil. Das große Interesse spiegelte sich bald in dem in Gotha verlegten Magazin für das Neueste aus der Physik und Naturgeschichte.

Oppelt begegnete in Gotha einem gut informiertem residenzstädtischen Publikum mit einem ausgeprägten Schaubedürfnis und Freude an der gemeinsamen Schaffung von Wissen durch eigene Beobachtung. Erfolgreich gestaltete er den Verkauf als gesellschaftliches Ereignis mit hoher Öffentlichkeitswirksamkeit: In einer Art Warenlotterie, die in der Tradition von Glücksspielen anzusiedeln ist, verloste er am 15. Dezember 1784 im Gründungslokal der Gothaer Freimaurerloge, dem „Gasthaus zum Mohren“ ein Microscopium compositum. Dass eine Hofdame Gewinnerin war, zeugt von einem gleichberechtigten Zugang beider Geschlechter zu diesem Wissensraum.[10] Andere potentielle Kunden suchte Oppelt auch in privatem Ambiente auf.[11]

Mit dieser Verkaufsstrategie zog der Ansbacher Instrumentenbauer 1785 weiter nach Weimar. Dort fand er in dem Landesherrn Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach (1757–1818) und in Johann Wolfgang von Goethe prominente Käufer und Liebhaber. Als der Dichter sich ab 1791 der Farbenlehre widmete, entlieh er der herzoglichen Bibliothek in Weimar das „große Oppeltsche Mikroskop“. Vermutlich stammte es aus dem Besitz der Herzoginmutter Anna Amalia.[12] Weitere Stationen um die Mitte der 80er Jahre waren Coburg, wo Oppelt an ein akademisches Gynnasium verkaufen konnte[13] und Hildesheim. Dort finden wir ihn erneut in der Umgebung einer Freimaurerloge.[14] Es folgten Aufenthalte in Kleve (1792), Augsburg (1796), München (1795) und Wien (1797), wo er im inneren Graben, dem städtischen Hauptschauplatz residierte und ein ausgeklügeltes Subskriptionsverfahren anwandte.[14][15][16]

Im Jahre 1800 lieferte Oppelt ein Microsopium compositum, nun mit sieben Gläsern, an den Direktor der physikalischen Klasse der Königlichen Akademie der Bildenden Künste und Mechanischen Wissenschaften zu Berlin. Der Ansbacher Instrumentenbauer hoffte jedoch vergebens auf eine feste Anstellung. Gleichwohl ließ er sich in Berlin nieder. Eine seiner Töchter, Hedwig Wilhelmina Christina, heiratete dort den ortsansässigen Mechanicus George Christoph Müller im Oktober 1800. Die Spuren Oppelts verlieren sich jedoch.

Instrumente aus der Werkstatt des Johann Balthasar Oppelt

In einer Annonce in den Wöchentlichen Gothaischen Anfragen und Nachrichten vom 28. Januar 1785 bietet Oppelt Liebhabern seine individuellen Dienste in der Verfertigung optischer Instrumente an. Er wirbt mit einem breiten Produktpalette und erklärt die jeweiligen Vorzüge seiner Erzeugnisse. Dazu zählen verschiedene Mikroskope, wie Micoscopia Solaria, Microscopia composita, Conservations-Brillen von Englischen Kießling, Ferngläser, Lesegläser, Gläser zum Miniaturmahlen, Camera obscura und anderes.[8] Die Annonce vermittelt nicht nur eine authentische Vorstellung seiner Verkaufspraxis in einem städtischen Wirtshaus, sondern auch ein treffliches Bild seines Repertoires und den erweiterten Möglichkeiten, Welt und Kosmos visuell zu erfahren. Nur wenige seiner Instrumente haben sich erhalten.

Erik Liebscher gelang es, 11 Mikroskope zu identifizieren, die sich Oppelt zuschreiben lassen.[17] Sieben davon sind mit einer Signatur versehen. Aufgrund von Materialien und Bauart lassen sich zwei Typen unterscheiden:

  • Papp-Mikroskope: Die früheren Mikroskope sind mit einem Holzstativ, vermutlich aus Birnenholz, versehen, während der Tubus aus Pappe gefertigt ist und das in Gold geprägte Herstellersignet trägt. (München, Deutsches Museum, und Cambridge)
  • Drei-Säulen-Mikroskope: Ab 1788 liefert Oppelt Exemplare aus höherwertigen Materialien. Aus Messing gefertigt, zeichnen sich diese Apparaturen durch eine Trage-Konstruktion mit drei Säulen aus. Das Vorbild dazu lieferte der englische Instrumentenmacher John Marschall.[18] Manche der Oppeltschen Mikroskope fußen auf einem Holzkästchen mit einer Schublade, um Präparate und Linsen aufzubewahren (München Bayerisches Nationalmuseum, Leiden, Rouen, London, Berkeley).

Bei allen Geräten handelt es sich um zusammengesetzte Mikroskope: Sie verfügen über zwei Linsen mit größerer Brennweite. Der Tubus mit den Linsen kann an einer Stativstange auf und ab geschoben werden. Auf halber Höhe befindet sich der Objekttisch mit dem Objektträger. Über einen dreh und schwenkbaren Beleuchtungsspiegel lässt sich Licht bündeln und auf das Präparat lenken.

In der Geschichte der Mikroskope gilt Antoni van Leeuvenhoek (1632–1723) als Pionier. Seine Erfindung blieb jedoch eine herausragende Einzelleistung. Erst im 18. Jh. machte sich innerhalb der europäischen Gelehrtengemeinschaft ein allgemeines Interesse an Mikroskopen breit. Man fand Gefallen an jenen neuen Objekten, Lebewesen und Räumen, die nun sichtbar gemacht werden konnten. Die hohe Nachfrage nach Mikroskopen führte zu einer Optimierung in der Wahl der Herstellungsmaterialien. An den Mikroskopen Oppelts lässt sich dies gut beobachten: Messing und andere Kupferlegierungen lösen Werkstoffe wie Holz, Pappe oder Pergament ab.[19] Doch die Mikroskope des 18. Jh. befriedigten nicht nur funktionelle Zwecke. Sie dienten zugleich pädagogischen wie ästhetischen Schau- und Zeigebedürfnissen. Darüber hinaus trugen sie als kostspielige Prestigeobjekte zum Ansehen ihrer Besitzer bei und spiegelten deren Teilhabe an wissenschaftlichen Diskursen ihrer Zeit.

Sammlungen

  • Berkeley

University of California , Golub Collections

  • Cambridge

Whipple Museum of the History of Science (University of Cambridge)

  • Leiden

Rijksmuseum Boerhaave

  • London

Science Museum (Henry Wellcome)

  • München

Bayerisches Nationalmuseum

  • Inv.nr. Phys 290 (Standort: Schulmuseum Ichenhausen)[20]

Das von dem Ansbacher Optiker J. B. Oppelt im Jahr 1795 gefertigte Mikroskop enthielt ursprünglich in der Schublade des Unterbaus eine Sammlung von zwölf Brettchen mit Holzpräparaten, die – wohl zu Zwecken der im Unterricht geübten Holzbestimmung – der Untersuchung mittels Mikroskop dienten.

Zusammengesetztes Mikroskop, auf rot gefasstem Holzkästchen mit Schublade, mit dreh- und schwenkbarem Beleuchtungsspiegel. Zubehör: Sechs Präparate in Holz- und Messingträgern, drei Glaslinsen.

Deutsches Museum, Gründungssammlung[21]

  • Inv.nr. 13446
  • Inv.nr. 56876
  • Rouen

Musée Flaubert et d`Histoire de la Médecine,

  • Zusammengesetztes Mikroskop 1791

Literatur

  • Klaus Hentschel (Hrsg.): Unsichtbare Hände. Zur Rolle von Laborassistenten, Mechanikern, Zeichnern u. a. Amanuenses in der physikalischen Forschungs- und Entwicklungsarbeit. GNT Publishing GmbH, Diepholz 2008, ISBN 978-3-928186-85-8.
  • Constanze Herrmann: Das Physikalische Kabinett zu Görlitz und das wissenschaftliche Vermächtnis des Adolph Traugott von Gersdorf. Erfassung und wissenschaftsgeschichtliche Einordnung der physikalischen Instrumente und Gerätschaften unter besonderer Berücksichtigung der Forschungen auf elektrostatischem Gebiet. In: Neues Lausitzisches Magazin: Beiheft 16. Verlag Gunter Oettel, Görlitz 2016, ISBN 978-3-944560-27-4.
  • Christoph Streckhardt: Jean-Antoine Nollet und die physikalischen Kabinette des 18. Jahrhunderts. In: Christoph Streckhardt für die Friedenstein Stiftung Gotha (Hrsg.): „Gotha vorbildlich!“ Modellsammlungen um 1800. Friedenstein Stiftung Gotha, Gotha 2018, ISBN 978-3-940998-44-6, S. 46–61.
  • Erik Liebscher: Zwischen Wirtshaus und Akademie. Die Mikroskope des reisenden Optikers J.B. Oppelt. In: Julia A. Schmidt-Funke, Gunhild Berg und Martin Mulsow (Hrsg.): Das Schloss als Hörsaal Ludwig Christian Lichtenbergs Vorlesung über die Naturlehre und die residenzstädtische Wissensproduktion um 1800. Franz Steiner, Stuttgart 2021, ISBN 978-3-515-12664-9, S. 109–144.
  • Matthias Rekow und Erik Liebscher: Ein Kabinett für den Herzog? Die Gothaer Sammlung mathematisch physikalischer Instrumente. In: Julia A. Schmidt-Funke, Gunhild Berg und Martin Mulsow (Hrsg.): Das Schloss als Hörsaal, Ludwig Christian Lichtenbergs Vorlesung über die Naturlehre und die residenzstädtische Wissensproduktion um 1800. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2021, ISBN 978-3-515-12664-9, S. 319– 389.
  • Frank Matthias Kammel (Hrsg.): Wissensdurst und Aufklärung, Das physikalische Kabinett der Universität Würzburg, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Bayerischen Nationalmuseum München 05.06.2025-11.01.2026. Verlag Bayerisches Nationalmuseum, München 2025, ISBN 978-3-925058-94-3.

Einzelnachweise

  1. Erik Liebscher: Zwischen Wirtshaus und Akademie. Die Mikroskope des reisenden Optikers J. B. Oppelt Das Schloss als Hörsaal: Ludwig Christian Lichtenbergs Vorlesung über die Naturlehre und die residenzstädtische Wissensproduktion um 1800. In: Julia A. Schmidt-Funke, Gunhild Berg und Martin Mulsow (Hrsg.): Das Schloss als Hörsaal: Ludwig Christian Lichtenbergs Vorlesung über die Naturlehre und die residenzstädtische Wissensproduktion um 1800 (= Gothaer Forschungen zur frühen Neuzeit). Band 19. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2021, ISBN 978-3-515-12664-9, S. 109–144.
  2. Deutsches Museum Digital – Gründungssammlung. Abgerufen am 15. September 2025.
  3. Klaus Hentschel [Hrsg]: Unsichtbare Hände. Zur Rolle von Laborassistenten, Mechanikern, Zeichnern u.a. Amanuenses in der physikalischen Forschungs- und Entwicklungsarbeit. GNT-Verlag, Diepholz/Stuttgart/Berlin 2008, ISBN 978-3-928186-85-8.
  4. a b Liebscher 2021, S. 116
  5. Liebscher 2021, S. 118
  6. Liebscher 2021, S. 117
  7. a b Staats-Relation der neuesten europäischen Nachrichten und Begebenheiten. 1784 ## 06.08.1784. 6. August 1784, abgerufen am 23. Oktober 2025.
  8. a b Jakob Mevius [Hrsg.]: Wöchentliche Gothaische Anfragen und Nachrichten. Gotha 28. Januar 1785, OCLC 648883110, S. 24.
  9. Liebscher 2021, S. 123, Anm. 72
  10. Liebscher 2021, S. 126–128
  11. Liebscher 2021, S. 126, Anm. 94
  12. Liebscher 2021, S. 129
  13. Liebscher 2021, S. 132
  14. a b Liebscher 2021, S. 133
  15. ANNO, Wiener Zeitung, 1797-06-10, Seite 15. Abgerufen am 24. Oktober 2025.
  16. ANNO, Wiener Zeitung, 1797-06-14, Seite 16. Abgerufen am 24. Oktober 2025.
  17. Liebscher 2021, S. 130
  18. Zur Entwicklung neuartiger Mikroskope in England durch John Yarwell and John Marshall: Molecular Expressions Microscopy Primer: Museum of Microscopy - Eighteenth Century Microscopes
  19. Liebscher 2021, S. 115
  20. Mikroskop. Abgerufen am 25. Oktober 2025 (englisch).
  21. Deutsches Museum Digital – Gründungssammlung. Abgerufen am 1. November 2025.