Jobst Tilmann
Jobst Tilmann (* 1949 in Springe/Hannover) ist ein deutscher bildender Künstler.
Leben
Er absolvierte ein Studium der Freien Kunst an der damaligen Werkkunstschule Hannover bei Günther Wolfram Sellung und Herbert Ribitzki. Von 1972 bis 1977 war er Fachlehrer für Kunsterziehung an allgemeinbildenden Schulen. 1976 hatte er seine erste Einzelausstellung mit Zeichnungen in der Galerie Brusberg in Hannover. Von 1982 bis 2002 lebte und arbeitete er wechselweise in Saint-Restitut und Völksen, zusammen mit der Künstlerin Antje Smollich. Während dieser Zeit arbeitete er mit Galerien in Lyon und Nizza zusammen, ebenso wie mit dem Zentrum für Druckgrafik URDLA[1] in Villeurbanne.
1995 führte ihn ein mehrmonatiger Arbeitsaufenthalt nach Marseille, wo er ein Atelier in der FRICHE DE LA BELLE DE MAI hatte.
Von 2000 bis 2012 lehrte Tilmann an der Fakultät Gestaltung der HAWK Hildesheim. Von 2014 bis 2019 lebte er auf Gut Walshausen und seit 2019 lebt und arbeitet er in Wiedenbrück[2].
Arbeiten
Nach gegenständlich, figürlichen Malereien in den siebziger Jahren ergab sich mit der Umsiedelung nach Frankreich und dem Erleben der örtlichen unterirdischen Kalksteinbrüche eine radikale Neuausrichtung der bildnerischen Konzepte. Unter dem Eindruck der vorgefundenen Situationen wurden alle grundlegenden Fragen nach Fläche, Raum, Proportionen, Oberfläche, Struktur, Regel und Abweichung, Tektonik etc. neu aufgenommen. Arbeit auf Papier war das Hauptarbeitsfeld, begleitet von großformatigen Malereien auf Leinwand.
Wesentliche Referenzräume waren die ablesbare Logik der Arbeitsprozesse und deren Wandel. Auf dieser Basis entwickelte Tilmann eine eigenständige und autonome Bildwelt. Regelhaftigkeit und Orthogonalität sowie deren Störungen waren prägende Charaktere bis zum Beginn der Zweitausender Jahre. Die Hinterfragung dieser Konzepte führte zu einem Paradigmenwechsel. Strenge Ordnungsprinzipien verloren zunehmend an Bedeutung zugunsten sich frei organisierender prozessbasierter Malerei.
Zitate zu seinem Werk 'Ulysse'
- „Die Prozesse umkehren: Nicht im Gedanken der Ordnung beginnen – sondern im scheinbar Ungeordneten, im scheinbar Chaotischen! Die Phänomene nicht von Außen betrachten, sondern von Innen, sie aus ihren Ursprüngen entstehen und sich entwickeln lassen, mitgehen!“
- J. Tilmann 2005
- „... Auch wenn wir in den „Ulysse“-Serien eine Abkehr vom Prinzip der orthogonalen Bildentwicklung beobachten und ihre Entstehung sich ganz anders vollzieht, sie weniger rational und kontrolliert zustande kommen, ist das Prinzip ihrer Genese doch nicht weniger klar zu beschreiben als das der früheren Werke.
- Gegen das Orthogonale, Strenge und Gegliederte setzt er nun das Nicht-Orthogonale und Ungegliederte. Gegenüber dem Primat der Ordnung in den früheren Werken scheint jetzt der Zufall der Vater der Komposition zu sein. Der graue Umriss, ob positiv oder negativ, mit dem Tilmann Formen aus der Farbe herausarbeitet, folgt eher einem Re ex als einem Kalkül. Der Regisseur der neuen Bilder ist viel stärker das Unterbewusstsein des Künstlers als sein Bewusstsein. An dieser Unterscheidung hängt mehr als ein trockener Begriffsformalismus.
- Da geht es um die Befreiung von Gefühlen und Energien, die in der Vergangenheit von einem kühl kalkulierenden Verstand in Schach gehalten wurden ...“
- Michael Stoeber zur Ausstellung ULYSSE, Hannover 2009
Den Farbentwicklungen folgende Interventionen mittels Kontur und deckender Füllung in neutralem Grau übernahmen Aufgaben von Struktur- und Formbildung. Es entstanden so Farbfiguren, die häufig auch in Form von körperlichen Objekten an der Wand oder im Raum ein autonomes Eigenleben entwickeln.
Zitat zu seinem Werk 'Anfang ohne Ende'
- „Die Malerei selbst ist zum Steinbruch geworden, in dem Tilmann nicht nur markante Formen, sondern eigene Objekt-Charaktere findet. Diese aus der Leinwand nun vollends herauszuschneiden, aus der Einheit des Bildzusammenhangs zu lösen und ihnen zur eigenen Existenz in Holz, Karton, Stahl oder Polsterstoffen zu verhelfen, scheint indexikalisch mit dem ‚zur Welt kommen‘ in den Steinbrüchen verbunden.“
- Michael Stockhausen in der Monografie ANFANG OHNE ENDE, Kunstmuseum Ahlen 2019
Ausstellungen (Auswahl)
Jobst Tilmann realisierte zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen in Frankreich und Deutschland.
Einzelausstellungen
- 1976: Galerie Brusberg, Hannover
- 1987: Galerie Lydie Rekow, Lyon
- 1996: Galerie Evelyne Canus, La Colle-sur-Loup und Paris
- 2002: "VOYAGE" (mit Robert Schad) Kunstverein Münsterland, Coesfeld
- 2009: "ULYSSE", Städtische Galerie KUBUS, Hannover
- 2011: "l'appétit vient en mangeant", Kunstverein Gütersloh
- 2013: "TRANS", Galerie im Stammelbachspeicher, Hildesheim
- 2020: "Anfang ohne Ende", Retrospektive, Kunstmuseum Ahlen[3]
- 2023: "Aufstellung - Malerei", Treppenhausgalerie im Elsbachhaus Herford[4]
- 2023: "Fällt (nicht) vom Himmel", Carlernst-Kürten-Stiftung Unna[5]
Gruppenausstellungen
- 1974: "KUNST 74", Haus der Kunst, München
- 1980: "Energie unserer Zeit", Orangerie Hannover
- 1988: "Contemporary Artprints of the World", International Artcenter Kyoto
- 1997: "Was so’n bisschen Farbe ausmacht", Galerie Voss, Dortmund
- 2000: "DREI", Smollich, Möllers, Tilmann, Städtische Galerie KUBUS, Hannover
- 2001: "POESIMAGE", URDLA in Villeurbanne, La Maison des Arts d’Évreux
- 2003: "BEZIEHUNGSWEISE", mit Antje Smollich, Künstlerhaus Göttingen
- 2010: "Landpartie", Westdeutscher Künstlerbund, Museum Abtei Liesborn
- 2015: "Bolero", TORUN Ankara und Başkent-Universität, Ankara
- 2016: Biennale de livres d’artistes, Vauvert (Gard)
- 2021: "Bolero", Centre André Malraux, Rouen
- 2021: "Flüchtige Blicke", Herforder Kunstverein / Kulturbeutel Herford
- 2023: "Vis-a-Vis", Sammlung Kunstmuseum Ahlen[6]
Veröffentlichungen
- "Jobst Tilmann - Anfang ohne Ende" Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung Kunstmuseum Ahlen, Februar 2020, 216 Seiten, Verlag Kettler in Bönen, ISBN 978-3-86206-806-7
- "Jobst Tilmann - Robert Schad" Begleitbuch zur Ausstellung VOYAGE[7] Kunstmuseum Ahlen, 8.09.2002 – 27.10.2002, Verlag Kettler in Bönen
Einzelnachweise
- ↑ URDLA - Jobst Tilmann (abgerufen am 20. Dezember 2025)
- ↑ Biografie - Jobst Tilmann (abgerufen am 16. Dezember 2025)
- ↑ Westfälische Nachrichten - Jobst Tilmann im Kunstmuseum Ahlen (abgerufen am 20. Dezember 2025)
- ↑ Westfalen Blatt - Jobst Tilmann zeigt in Herford Kunst, die dem Zufall folgt (abgerufen am 20. Dezember 2025)
- ↑ 7. Mai bis 1. Oktober 2023 Jobst Tilmann Fällt (nicht) vom Himmel. Bilder und Dinge.
- ↑ art is next - Vis-a-vis. Treffpunkt Sammlung (abgerufen am 20. Dezember 2025)
- ↑ Archiv des Kunstmuseums Ahlen, VOYAGE (abgerufen am 16. Dezember 2025)