Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum

Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum ist eine 1783 erschienene Schrift des deutsch-jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn (1729–1786). Das Werk gilt als eine der wichtigsten Schriften der jüdischen Aufklärung (Haskala) und als grundlegender Beitrag zur Philosophie der Religionsfreiheit und Trennung zwischen Staat und Religion.

Entstehungskontext

Jerusalem entstand im Kontext der Debatte über die jüdische Emanzipation in Preußen und Europa. Die Schrift erschien im selben Jahr, in dem der preußische Offizier Christian Wilhelm von Dohm den zweiten Teil seiner Denkschrift Über die bürgerliche Verbesserung der Juden publizierte.[1] Mendelssohn reagierte mit Jerusalem auf zeitgenössische Angriffe, insbesondere auf eine anonyme Schrift des „Forschers nach Licht und Wahrheit“, die ihn aufforderte, entweder das Christentum zu widerlegen oder zum Christentum überzutreten.[2]

Struktur und Inhalt

Das Werk besteht aus zwei Hauptteilen:

Erster Teil: Über religiöse Macht

Der erste Teil behandelt grundsätzliche Fragen des Verhältnisses zwischen Staat und Religion sowie die Gewissensfreiheit.

Mendelssohn argumentiert, dass weder Staat noch Kirche ein Recht haben, Glauben zu erzwingen. Er setzt sich mit den Positionen von Thomas Hobbes, John Locke und Baruch de Spinoza auseinander und entwickelt seine eigene politische Theorie.[3]

Eine zentrale These lautet: „Die Freiheit des Gewissens“ sei das „edelste Kleinod der menschlichen Glückseligkeit“.[4] Mendelssohn warnt davor, dass Staat und Kirche sich meist nur auf Kosten der Gewissensfreiheit einigen: „Und vertragen sie sich, so ist es getan um das edelste Kleinod der menschlichen Glückseligkeit. Denn sie vertragen sich selten anders, als um ein drittes moralisches Wesen aus ihrem Reiche zu verbannen: die Freiheit des Gewissens.“[4]

Zweiter Teil: Über das Judentum

Im zweiten Teil wendet sich Mendelssohn explizit dem Judentum zu. Zur Frage des religiösen Zwangs führt Mendelssohn aus: „Die Religion als Religion kennt keine Strafen, keine andere Buße als die, die der reuevolle Sünder sich freiwillig auferlegt. Sie weiß von keinem Zwang, wirkt nur mit dem Stab gelinde, wirkt nur auf Geist und Herz.“[4]

Zentrale Thesen

  • Trennung von Staat und Religion: Weder der Staat noch die Kirche dürfen Glaubensinhalte mit Zwang durchsetzen: Das Gewissen des Einzelnen ist unantastbar und darf nicht durch äußere Macht gezwungen werden.
  • Judentum als geoffenbarte Gesetzgebung: Im Gegensatz zum Christentum basiert das Judentum nicht auf geoffenbarten Glaubensdogmen, sondern auf geoffenbarten Gesetzen, während die Vernunftwahrheiten allen Menschen gleichermaßen zugänglich sind.
  • Vernunftreligion: Ewige religiöse Wahrheiten sind für alle Menschen durch Vernunft erkennbar.
  • Toleranz und Pluralismus: Mendelssohn fordert religiöse Toleranz für alle Glaubensrichtungen und warnt vor dem Zwang zur Glaubenseinheit.

Rezeption

Zeitgenössische Reaktion

Die unmittelbare Reaktion auf Jerusalem war äußerst verhalten. Das Werk fand bei seiner Veröffentlichung kaum Unterstützung. Aufgeklärte Juden (Maskilim) lehnten Mendelssohns Betonung der Halacha ab, während orthodoxe Juden seine Ablehnung religiöser Zwangsgewalt nicht akzeptieren konnten.[2]

19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert war die Rezeption stark polarisiert:

Positive Würdigung

Nach Mendelssohns Tod wurde er mythisch verklärt. Vertreter der jüdischen Aufklärung lobten seine Lehren. Die nachfolgende Generation, darunter Heinrich Heine und Heinrich Graetz, stilisierte Mendelssohn zum Wegbereiter von der Dunkelheit des Mittelalters ins Licht der Moderne.[5]

Kritik und Ablehnung

Andere Aufklärer wie Salomon Maimon und Saul Ascher lehnten seine Thesen ab und befürchteten den Untergang des Judentums durch Anpassung. In der strengen Orthodoxie war Mendelssohn verpönt: Der Rabbiner Moses Schreiber (Chatam Sofer) warnte seine Gemeindemitglieder, „die Bücher des Rabbi Moses aus Dessau nicht zu berühren“.[6]

Zionistische Kritik

Im frühen Zionismus galt Mendelssohn als Vater der jüdischen Assimilation in Deutschland und wurde ideologisch angefeindet.[7]

Philosophische Wirkung

Trotz aller Kontroversen hatte Mendelssohn großen Einfluss auf die jüdische Emanzipation und nahezu jeden Philosophen des 19. Jahrhunderts in Westeuropa, der über die Rolle der Religion im Staat diskutierte. Seine Ideen von einem toleranten Staat wurden in der französischen Verfassung von 1791 teilweise Realität.[8]

Ausgaben

  • Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum. Maurer, Berlin 1783. Erstausgabe.
  • Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum. Hrsg. von Michael Albrecht. Meiner, Hamburg 2005, ISBN 3-7873-1692-2 (Philosophische Bibliothek. 565.)
  • Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum. In: Sapere Aude! Texte der Deutschen Aufklärung 1783–1789. Epubli, Berlin 2025, ISBN 979-8-26603532-4

Literatur

  • Alexander Altmann: Moses Mendelssohn. A Biographical Study. University of Alabama Press, 1973
  • Dominique Bourel: Moses Mendelssohn. Begründer des modernen Judentums. Aus dem Französischen von Horst Brühmann. Ammann, Zürich 2007. ISBN 978-3-250-10507-7
  • Shmuel Feiner: Moses Mendelssohn. Ein jüdischer Denker in der Zeit der Aufklärung. Aus dem Hebräischen von Inge Yassur. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009. ISBN 978-3-525-35097-3
  • Allan Arkush: Moses Mendelssohn and the Enlightenment. State University of New York Press, 1994

Einzelnachweise

  1. Allan Arkush (Hrsg.): Moses Mendelssohn: Jerusalem, or on Religious Power and Judaism. Brandeis University Press, 1983
  2. a b Moses Mendelssohn auf myjewishlearning.com, abgerufen am 27. Oktober 2025
  3. German History in Documents and Images: Moses Mendelssohn, Jerusalem, or on Religious Power and Judaism (1783)
  4. a b c Moses Mendelssohn: Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum. In: Sapere Aude! Texte der Deutschen Aufklärung 1783-1789. Epubli, Berlin 2025
  5. Bundeszentrale für politische Bildung: Moses Mendelssohn – Wegbereiter des emanzipierten Judentums, 2021
  6. Bundeszentrale für politische Bildung: Moses Mendelssohn – Wegbereiter des emanzipierten Judentums, 2021
  7. Jüdische Allgemeine: »Moses war nicht Nathan«, 3. September 2020
  8. Wikipedia: Jerusalem (Mendelssohn book), Version vom 23. Juli 2025