Jens-Uwe Niehoff

Jens-Uwe Niehoff (* 31. Januar 1947 in Perleberg) ist ein deutscher Wissenschaftler, Universitätsprofessor und Publizist auf den Gebieten Public Health, Sozialmedizin, Epidemiologie und Medizinsoziologie.

Leben

Niehoff studierte von 1966 bis 1972 Humanmedizin an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nach der Approbation bildete er sich in medizinischer Demografie, Medizinsoziologie, Versorgungsforschung, Gesundheitsökonomie und in der Gesundheitssystemanalytik weiter. Er erwarb 1977 den Facharzt für Sozialhygiene und wurde im gleichen Jahr mit einem Thema zu medizinsoziologischen Methoden der Versorgungsforschung zum Dr. med. promoviert. 1983 habilitierte er sich mit einer Arbeit zur Theorie der epidemiologischen Transition.

Im November 1989 wurde er an der Charité zum Universitätsprofessor berufen. Er ist vermutlich der letzte deutsche Universitätsprofessor für das von Villermè (1782–1863) begründeten medizinischen Forschungs- und Lehrgebiets Sozialhygiene. In der Nachfolge von Alfred Grotjahn, Benno Chajes, Alfred Beyer und Reimer Schorr endet mit ihm die universitäre und fachärztliche Repräsentanz der für Public Heath grundlegenden medizinischen Forschungsfelder in Deutschland. 1991 wurde er von der Medizinischen Fakultät der Charité zum Direktor des Instituts für Sozialhygiene bestellt. Auf seinen Antrag erfolgte zeitgleich die Umbenennung der Forschungs- und -lehrstätte in „Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie“.

1992 arbeitete er als Gutachter für die Kommission der Europäischen Gemeinschaften in Brüssel. Zum Ende des Jahres 1994 verließ Niehoff auf eigene Entscheidung die Charité und forschte und lehrte als Gastwissenschaftler u. a. an der University of California, Los Angeles, dem Centre for Health Administration Studies (heute Center for Climate, Health, and Society (CHAS)) der University of Chicago, dem Department for Public Health der University of Connecticut (Hartford) und war „invited lecturer“ an der RAND Corporation.

Von 1996 bis 2012 unterrichtete er als externer Experte das Fachgebiet Sozialmedizin an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. Seit 1991 hat Niehoff die Weiterbildungsbefugnis zur Erlangung der Zusatzbezeichnung Sozialmedizin zunächst im Auftrag der Landesärztekammern Berlin und Brandenburg, dann zeitweise auch in Mecklenburg-Vorpommern und in Sachsen. 2008 war er Mitbegründer der SalusCon Akademie für Fort- und Weiterbildung im Gesundheitswesen. 2011 bis 2019 forschte und lehrte er als Gastprofessor an mehreren chinesischen Universitäten. Im Jahre 2025 waren 10 seiner Schülerinnen und Schüler Professoren an südostasiatischen Universitäten. Zwischenzeitlich war Niehoff Gutachter und Redaktionsmitglied in sieben deutschen und internationalen Fachzeitschriften.

Forschungsgebiete

Unmittelbar nach Erlangung der Approbation und mit Beginn der Weiterbildung zum Facharzt, wurde ihm die vollständige Verantwortung für eine Studie zu den Arbeitsprofilen der Fachärzte für Allgemeinmedizin übertragen. Die Studie schloss 120 Fachärzte für Allgemeinmedizin und die direkte und standardisierte Beobachtung von ca. 3000 Patientenkonsultationen ein. Die Ergebnisse zu dieser einzigartigen primärmedizinischen Versorgungsstudie waren gegenüber den gesundheitspolitischen Erwartungen dieses in Deutschland neuen Facharztes ernüchternd und stießen auf weltweites Interesse.

1977 übertrug ihm die Medizinische Fakultät die Aufgabe der redaktionellen Vorbereitung einer alle Fachgebiete integrierenden Gesamtentwicklungskonzeption der Charité für die Aufgaben in der medizinischen Versorgung, der Forschungsprofile und für die ärztliche Ausbildung.

Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehörten vor allem präventionskonzeptionelle Studien im Kontext von Absichten, die soziale Prävention durch eine individualisierte prädiktive Medizin sowie die Verhaltensprävention und eine politisch normengebundene Gesundheitserziehung nach Maßgabe des Health Belief Models zu ersetzen. Weitere Schwerpunkte seiner Forschungen waren im Besonderen die Modellierung epidemiologischer Transitionsprozesse, zur Klassifikation von Epidemien, empirische Studien zur sozialbedingten Modifikation der Ontogenese und der Lebensdauer sowie Studien zu prioritären sozialen Präventionsbedarfen im Kontext der sozialen Realitäten in der DDR. Ein Schlüsselthema seiner wissenschaftlichen Arbeit war die Kritik eines endokrinologischen Theorems, das besagte, Hunger in den letzten drei Monaten der fötalen Entwicklung und in den ersten drei postnatalen Lebensmonaten wären ein fundamentaler Ansatz für eine umfassende Prävention der männlicher Homosexualität, der Adipositas, des Diabetes mellitus, der Krankheiten des Herz-Kreislaufsystems und mangelnder körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit. Der in der DDR und später auch im vereinigten Deutschland für dieses Theorem hochdekorierte Autor bewirkte zwar erfolgreich ein Veröffentlichungsverbot der Kritik, konnte aber nicht verhindern, dass von ihm bewirkte entsprechende Leitlinien für die Schwangeren- und Mütterberatung in der DDR wieder außer Kraft gesetzt wurden. Die kritische Analyse dieser teilweise auf Fälschungen beruhenden Leitlinien führten nach der Wiedervereinigung zu Bemühungen der neu gegründeten medizinischen Fakultät, Niehoff die Lehrbefähigung abzuerkennen. Diese Bemühungen scheiterten und führten nach seiner Entscheidung die Charité zu verlassen, zu auch schriftlich dokumentierten Entschuldigungsversuchen und der rückwirkenden erneuten Anerkennung der Habilitationsschrift aus dem Jahre 1982. Ein wesentlicher Grund hierfür waren massive internationale Proteste, u. a. von Mitgliedern des Institute of Medicine der USA und des Karolinska Institutes sowie der von der Medizinischen Fakultät der Charité in Deutschland und in den USA beauftragten peer reviews und erneuten gutachtlichen Bewertung der Habilitationsschrift.

Weitere Schwerpunkte seiner Studien sind global vergleichende Gesundheitssystemanalysen, Konzeptstudien zum akutmedizinischen Versorgungs- und zum Krankheitsfolgenmanagement. Einen besonderen Schwerpunkt bildeten seine Studien zum Wandel sozialepidemischer Potenziale und deren Bedeutung für sozialepidemiologische Transitionsprozesse am Beispiel der AIDS-Epidemie und der Covid 19 Pandemie. Die Ergebnisse fanden ihren Niederschlag in einer von ihm gemeinsam mit seinem Schüler Prof. Boyang Li weiterentwickelten und in den 1970er Jahren originär von B. Kreuz und seinen Mitarbeitern geschaffenen Klassifikation der Epidemien und deren Ursachen sowie ihrem Gegenstück den Regressionen.

Niehoff war u. a. Kooperationspartner des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung Berlin, der Universität Greifswald, der Huazhong University for Sience and Technology Wuhan, der Jiangxi Medical University und der Southwestern University of Finance and Economics (SUFE) Chengdu.

Niehoff war Mitglied mehrerer Redaktionen von Fachzeitschriften und international gutachtlich tätig. In den Jahren 1973 bis 2025 verantwortet Niehoff ca. 360 Publikationen in nationalen und internationalen Fachzeitschriften und ca. 40 Monografien.

Veröffentlichungen (Auswahl)

  • Bemerkungen zur ätiopathogenetischen Relevanz der prä- und frühpostnatalen Ernährung. Kritik der Studien von Prof. Dr. G. Dörner, Teil 1–3, Berlin, 1980, Expertise vorgelegt der Medizinischen Fakultät der Humboldt-Universität Berlin und dort im Archivbestand.
  • mit F. Schneider: Risikofaktoren und Dilemmata ihrer Bewertung. In: D. Borgers, M. Berger (Hrsg.): Cholesterin – Risiko für Prävention und Gesundheitspolitik. Blackwell-Verlag, Berlin 1995, ISBN 3-89412-212-9, S. 76–84.
  • mit D. Borgers: Die Weltgesundheitslage. In: Weltprobleme, Globale Herausforderungen an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. Schriftenreihe der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildung, 1995.
  • Gesundheitssicherung – Gesundheitsversorgung – Gesundheitsmanagement. Grundlagen, Ziele, Aufgabe, Perspektiven. Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Berlin 2008, ISBN 978-3-939069-48-5.
  • mit Waleed Abdul Wahab Al Ansari und M.-E. Niehoff.: Healthcare Management goes global. 1. Auflage. Saluscon-Akademie Verlag, Berlin 2017, ISBN 978-3-9819813-0-8.
  • mit W. Hoffmann und M.-E. Niehoff: Kompendium der Sozialmedizin. Band 1–10, 1. Auflage. SalusCon Akademie Verlag. Berlin 2018–2019:
    • Heft 1: Eine Übersicht. ISBN 978-3-948267-12-4.
    • Heft 2: Demografische Grundlagen der Sozialmedizin. ISBN 978-3-9819813-8-4.
    • Heft 3: Epidemiologische Grundlagen der Sozialmedizin. ISBN 978-3-948267-00-1.
    • Heft 4: Grundzüge einer Allgemeinen Sozialmedizin. ISBN 978-3-948267-02-5.
    • Heft 5: Sozialmedizin und Gesundheitsökonomie. ISBN 978-3-948267-08-7.
    • Heft 6: Spezielle Sozialmedizin. ISBN 978-3-9819813-2-2.
    • Heft 7: Sozialmedizin und Versorgungsforschung. ISBN 978-3-9819813-4-6.
    • Heft 8: Soziale Prävention. ISBN 978-3-948267-04-9.
    • Heft 9: Krankenversorgung: Konzepte und Entwicklungen. ISBN 978-3-948267-06-3.
    • Heft 10: Perspektiven der Sozialmedizin. ISBN 978-3-948267-10-0

Herausgeberschaften (Auswahl)

  • mit Th. Elkeles, R. Rosenbrock und F. Schneider (Hrsg.): Prävention und Prophylaxe. Sigma-Verlag, Berlin 1991, ISBN 3-89404-105-6.
  • mit B. Braun: Sozialmedizin und Public Health: ein Wörterbuch zu den Grundlagen der Gesundheitssicherung, der Gesundheitsversorgung, des Gesundheitsmanagement, der Steuerung und der Regulation im Gesundheitswesen. 2. Auflage. Nomos Verlag, Baden-Baden 2010, ISBN 978-3-8329-4025-6.
  • Sozialmedizin systematisch. 3. Auflage. UNI-Med Verlag Bremen, London/Boston 2011, ISBN 978-3-8374-1283-3.
  • mit Liang Zhang und J. Breinlinger: Healthcare Management: The global Perspektive. China, 2015, ISBN 978-7-03-042201-9. (chinesisch, englisch)
  • mit W. Hoffmann und M.-E. Niehoff: Kompendium der Sozialmedizin. Band 1–10, 1. Aufl., Saluscon-Akademie Verlag, Berlin 2018/2019
  • mit B. Braun, Niehoff M.-E., F. Welti: Sozialmedizin und Public Health. 3. Auflage 2025, Nomos Verlag, Baden-Baden, ISBN 978-3-8329-4025-6.
  • mit Li, Boyang: Epidemics and Regressions. 1. Aufl., Saluscon-Akademie Verlag, Berlin 202, ISBN 978-3-948267-15-5
Commons: Jens-Uwe Niehoff – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charité: Geschichte der Sozialmedizin in Berlin. Abgerufen am 6. August 2019.