Jeane Flieser

Jeane Flieser (* 7. Juni 1912 in Kiel als Lieselotte Flieser; † 12. Februar 2007 in Berlin) war eine deutsche Malerin, Grafikerin und Textilkünstlerin und Meisterschülerin Karl Schmidt-Rottluffs.

Leben

Lieselotte Flieser, die ab 1953 offiziell den Vornamen Jeane benutzte, wurde 1912 als einzige Tochter des seit Mai 1911 verheirateten Paars Jacques Leon Hans Flieser (1873–1951) und Lydia Karoline Margareta Scheel (1881–1946) geboren. Ihr Vater war in Lemberg als Sohn einer jüdischen Familie geboren worden, trat als junger Mann in die evangelische Kirche ein und verließ diese wieder 1941.[1.1] Ab 1909 war er als Regisseur und Schauspieler an den Vereinigten Theatern Kiel tätig.[2] Fliesers Mutter war ausgebildete Opernsängerin und stammte aus einem katholischen Kieler Elternhaus. Die ersten Lebensjahre verbrachte das Mädchen in der Schweiz, in Österreich und ab 1918 in Berlin.[1.1]

Erste Kenntnisse im Malen und Zeichnen erhielt Flieser in privatem Unterricht und an der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule in der Eosanderstraße. Über den Beginn ihres Studiums machte Flieser unterschiedliche Angaben, jedoch nahm sie wahrscheinlich 1931 an den Vereinigten Staatsschulen in Berlin ihr Studium der Bildenden Kunst auf. Dort studierte sie bei Georg Walter Rössner, Ludwig Bartning und Hans Meid. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann an den Vereinigten Staatsschulen die antisemitische Hetze. Nach eigenen Angaben besuchte sie auch Kurse bei Max Kaus, der zu dieser Zeit an der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule lehrte. Nach Verhängung der antijüdischen Rassegesetze musste Jeane Flieser 1936 (Exmatrikulation 1937)[3] ihr Studium abbrechen, wahrscheinlich ohne Abschluss. Auch die geplante Heirat mit ihrem damaligen Freund war damit unmöglich geworden.[1.2] Um den Lebensunterhalt für sich und ihre Eltern zu verdienen, bemalte Jeane Flieser zunächst Lampenschirme in einer Emailwerkstatt in Charlottenburg. Ihrem Vater war ein Arbeitsverbot erteilt worden, er musste in einer Schuhfabrik arbeiten und erkrankte in der Folge schwer. Ihre Mutter, die Bibelforscherin war, wurde 1937/38 für sechs Monate inhaftiert und erkrankte dort ebenfalls. Von 1938 bis Mitte 1944 konnte Jeane Flieser mit Unterbrechung als Trickfilm- und Kulissenmalerin für Filmfirmen arbeiten, darunter für die Tobis Filmkunst und die Ufa. Im Juli 1944 erhielt sie von der Reichskulturkammer ein Studien- und Arbeitsverbot im künstlerischen Bereich und konnte ab da nur noch Gelegenheitsarbeiten ausführen. Im Oktober 1944 wurden sie und ihr Vater für die Friedenauer Technischen Werkstätten zwangsverpflichtet. Ab November 1944 tauchten sie in einer Laubenkolonie unter, um der Deportation ihres Vaters zu entgehen. In ihren Aufzeichnungen von 1945 erinnerte sie sich: „Während der Kriegsjahre hatten wir unter ständigen Denunzierungen seitens der Hausbewohner zu leiden. Man verweigerte uns den Luftschutzkeller. Wir mussten in unserer IV. Etagewohnung bleiben, oder konnten vor der eisernen Luftschutztüre sitzen. [...Meine Mutter] wurde von den Menschen wegen ihrer jüdischen Heirat verachtet und bekämpft.“[1.3]

Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde sie ab Juli 1945, wohl auf Vermittlung von Karl Hofer, als Fachlehrerin für Illustration und Portrait an der neu eröffneten Hochschule für bildende Künste angestellt. Schon im Oktober 1945 wurde sie allerdings aufgrund von antisemitischen Intrigen innerhalb des Kollegiums wieder entlassen. Nach dieser Enttäuschung nahm sie im Mai 1947 an der Hochschule wieder ihr Kunststudium auf. Dort gehörte nun neben Max Kaus auch Karl Schmidt-Rottluff zu ihren Lehrern. In der Folge wurde sie bis 1953 seine Meisterschülerin und blieb auch darüber hinaus mit ihm und seiner Frau zeitlebens freundschaftlich verbunden, ebenso wie mit ihrer Kommilitonin und gleichfalls Meisterschülerin Meret Eichler (1928–1998).[1.4] Seit dieser Zeit nahm sie an zahlreichen Ausstellungen in Berlin, München, Bonn, Hamburg und Lübeck sowie an den Landesschauen Schleswig-Holsteinischer Künstler in Kiel teil. Stipendien ermöglichten ihr Studienaufenthalte in Paris, Spanien, Italien und Griechenland. Von 1954 bis 1979 verbrachte sie fast das gesamte Jahr in einem kleinen geerbten Sommerhaus in Kitzeberg an der Kieler Förde. Über Vermittlung von Schmidt-Rottluff wurden ihre Werke 1965 auch von Hanna Bekker vom Rath ausgestellt. In den 1970er Jahren belebte sie durch ein Wiedertreffen bei der GEDOK wieder die Freundschaft mit Ingeborg Leuthold, einer anderen Meisterschülerin Schmidt-Rottluffs.[1]

Jeane Flieser war bis in die 1990er Jahre künstlerisch aktiv. Sie starb 2007 in Berlin.[1.5]

Künstlerisches Wirken

Jeane Flieser begann früh künstlerisch tätig zu werden, das erste von ihr erhaltene Selbstporträt stammt von 1928, als sie 16 Jahre alt war. Ihr erstes Medium war die Ölmalerei und Grafik, doch schuf sie auch Kunstwerke in anderen Medien, so bekam sie etwa 1950 den Auftrag für ein Glasfenster für den Convent der Arbeitsgemeinschaften für christliche Kunst. Von 1961 bis 1979 schuf Jeane Flieser zahlreiche Wandbehänge in einem abgewandelten Klosterstich, den sie von Karl Schmidt-Rottluff lernte. Sie schuf mehrere Wandbehänge für die öffentliche Hand der Stadt Kiel. Ihre Kunst wurde einerseits vom deutschen Expressionismus, andererseits ab den 1980er Jahren von der Erinnerung an ihre Verfolgung während der NS-Zeit sowie von Zerstörung, Verlust und Trauer geprägt.[1]

Als Illustratorin fertigte sie Zeichnungen für Zeitschriften, Kinder- und Jugendbücher.

Bilder von Jeane Flieser sind im Handel fast nicht erhältlich, da große Teile ihres Werkes sich in öffentlichem Besitz befinden. Besonders das Spätwerk von Jeane Flieser befindet sich fast geschlossen im Besitz des Landesmuseums Schloss Gottorf in Schleswig.[4]

Ausstellungen (Auswahl)

Mitgliedschaften

Illustrationen

  • Beten dröög: Vun Adebar bet Zippel. Een lütten Lex to'n Smustern un Grienen. Flensburg 1969.
  • Föhr erzählt: Sagen, Geschichten, Anekdoten. Itzehoe 1969.
  • Sylt erzählt Sagen, Geschichten, Anekdoten. Sylt 1972.
  • Die Halligen, Nordstrand und Pellworm erzählen. Münsterdorf 1980.
  • Amrum erzählt: Sagen, Geschichten, Anekdoten. Itzehoe 2000.

Werke (Auswahl)

Literatur

  • Jeane Flieser, Ölbilder, Grafik: Ausstellung vom 4.10. – 27.10.1985. Berlin 1985.
  • Ulrike Wolff-Thomsen: Lexikon schleswig-holsteinischer Künstlerinnen. Hrsg.: Städtisches Museum Flensburg. Westholsteinische Verlagsanstalt Boyens & Co., Heide 1994, ISBN 3-8042-0664-6, S. 109–111.
  • Brigitte Wetzel: Jeane Flieser zum 85. Geburtstag: mit meiner Arbeit Zeitzeuge sein (Ausstellungskatalog). Jüdisches Museum, Rendsburg 1997.
  • Jeane Flieser 1912–2007. Erfrischende Heiterkeit, bissiger Humor, stille Tragik, hg. von Sabine Behrens und Henning Repetzky, Ausst.-Kat. Künstlermuseum Heikendorf-Kieler Förde, Heikendorf 2025.

Einzelnachweise

  1. a b Jeane Flieser 1912–2007. Erfrischende Heiterkeit, bissiger Humor, stille Tragik, hg. von Sabine Behrens und Henning Repetzky, Ausst.-Kat. Künstlermuseum Heikendorf-Kieler Förde, Heikendorf 2025.
    1. a b S. 9.
    2. S. 12.
    3. S. 15.
    4. S. 20f.
    5. S. 60.
    6. S. 22.
    7. S. 40.
  2. Frithjof Trapp, Bärbel Schrader, Ingrid Maaß, Dieter Wenk (Hrsg.): Biographisches Lexikon der Theaterkünstler. Walter de Gruyter, 2013, ISBN 3-11-095969-0, S. 256 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  3. Opfer von Diskriminierung und Unrecht in der NS-Zeit – Universität der Künste Berlin. Abgerufen am 11. September 2020.
  4. eART.de Jeane Flieser. Abgerufen am 11. September 2020.
  5. SLUB Dresden: Ausstellung bildender Künstler. Abgerufen am 27. März 2024 (deutsch).
  6. Jeane Flieser | artnet. Abgerufen am 11. September 2020.