Jean Trembley (Kaufmann)

Jean Trembley (* 15. Mai 1719 in Genf; † 1791 vermutlich in Saint-Domingue) war ein Genfer Politiker, Kaufmann sowie Sklaven- und Plantagenbesitzer.

Leben

Herkunft und Familie

Jean Trembley entstammte der Genfer Patrizierfamilie Trembley[1]. Als neuntes Kind des dreizehn Kinder umfassenden Haushalts des Jean-Jacques Trembley (* 26. September 1676 in Genf; † 31. März 1763 ebenda)[2][3], der als Kleinrat, Beisitzer, Gerichtsschreiber, Generalkommissar und Generalprokurator tätig war, wuchs Jean in einem Milieu auf, das ihm Zugang zu politischen und kommerziellen Netzwerken bot. Seine Mutter war Jeanne-Elizabeth, Tochter von Pierre Perdriau, ebenfalls ein Kleinrat, und dessen Ehefrau Adrienne (geb. De la Rive).

Die Familie war vielfältig vernetzt: Jean war ein Enkel des Politikers und Juristen Michel Trembley (1631–1713)[4], Neffe des Juristen und Politikers Jean Trembley (1674–1745)[5] und Cousin bedeutender aufklärerischer Denker wie des Naturwissenschaftlers Charles Bonnet sowie des Theologen und Naturwissenschaftlers Abraham Trembley und des Juristen Jacques-André Trembley (1714–1763)[6].

Zu seinen Vorfahren zählten der Politiker, Chronist und Diplomat Michel Roset (1534–1613)[7] und der Politiker Claude Roset (1500–1555)[8].

Er blieb zeit seines Lebens unverheiratet.

Ausbildung und frühe Karriere

Entgegen den Erwartungen seiner sozialen Position konnte Jean Trembley kein Studium der Medizin und Naturwissenschaften in Genf absolvieren. Fehlende finanzielle Mittel – möglicherweise aufgrund der Aufteilung des Erbes unter mehreren Söhnen – zwangen ihn, alternative Wege zu suchen. Stattdessen knüpfte er an familiäre Verbindungen in La Rochelle an, wo bereits Familienmitglieder im Handel tätig waren. 1744 versuchte sich Jean Trembley dort als Kaufmann zu etablieren.

Der Handel verlief jedoch nicht nach seinen Vorstellungen. Während dieser Zeit gelang es ihm jedoch, 1752 als Mitglied in den Genfer Rat der Zweihundert aufgenommen zu werden – ein Zeichen seiner gesellschaftlichen Anerkennung und seines Standes in der Genfer Oligarchie, obwohl sein wirtschaftlicher Erfolg begrenzt blieb.

Migration nach Saint-Domingue

Der ausbleibende Erfolg im europäischen Überseehandel bewog Trembley zu einem drastischen Schritt. 1754 wanderte er in die französische Kolonie Saint-Domingue (das heutige Haiti) aus, die damals in europäischen Augen als die Perle der Antillen galt und enormes Wohlstandspotenzial versprach. Mit bescheidenen Mitteln ausgestattet, erwarb und pachtete er dort kleinere Plantagen.

Plantagenwirtschaft und wirtschaftliche Aktivitäten

Auf seinen Saint-Domingue-Plantagen kultivierte Trembley unter Einsatz von Sklavenarbeit Indigo und Baumwolle an – die wirtschaftlichen Grundpfeiler der Kolonie. Obwohl Saint-Domingue während des 18. Jahrhunderts als wirtschaftliches Eldorado galt, in dem schnelle Vermögen gemacht werden konnten, blieben die Gewinne aus Trembleys 35-jähriger Plantagenwirtschaft bescheiden. Dies deutet auf verschiedene geschäftliche Schwierigkeiten.[9]

Ein bedeutender Wendepunkt war die kurzlebige Handelspartnerschaft mit dem französischen Plantagenbesitzer Charles-Léon Guiton de Maulévrier, der aus der Gegend von Saintes stammte und durch seine Hochzeit mit Marie-Victoire[10] (geb. de Beaumont), Witwe von Jean-François (Louis-Joseph) Auguste, Robuste de Frédilly[11], Plantagenbesitzer wurde.[12] Von 1776 bis 1777 betrieben die beiden gemeinsam eine Indigoplantage. Diese Partnerschaft endete unglücklich und irritierte Trembley erheblich – er erlebte seinen Partner als hart, profitgierig und moralisch fragwürdig. Diese Erfahrung prägte offenbar sein Verständnis von ethischer Geschäftstätigkeit.

Wissenschaftliche Interessen und der Cercle des Philadelphes

Jenseits seiner Plantagen-Aktivitäten entwickelte sich Trembley zu einem engagierten Naturbeobachter und Wissenschaftler. Er betrieb Insekten- und Pflanzenbeobachtungen, führte Wetteraufzeichnungen durch und investierte etwa zehn Jahre seiner Zeit in die Erforschung von Bewässerungsmöglichkeiten für die Artibonite-Ebene, Saint-Domingues grösste und trockenste Region – ein Projekt, das sowohl wissenschaftliche Neugier als auch praktische koloniale Entwicklungsinteressen widerspiegelt.

Unter anderem beschäftigte er sich auch intensiv mit dem Mesmerismus.[13][14]

1784 gehörte Trembley zu den Gründungsmitgliedern der Gelehrtengesellschaft Cercle des Philadelphes[15], einer wissenschaftlichen Gesellschaft, die auf Saint-Domingue gegründet wurde und während des 18. Jahrhunderts die einzige Institution dieser Art in den französischen Kolonien bleiben sollte. Diese Mitgliedschaft verdeutlicht Trembleys Integration in die intellektuelle Elite der Kolonie und sein ernsthaftes Engagement für wissenschaftliche Unternehmungen.

Moralische Positionen zur Sklaverei

Die umfassendste Dokumentation von Trembleys Denken bietet sein Briefwechsel mit seinem Cousin Charles Bonnet aus den Jahren 1785 bis 1791.[16][17] Diese Korrespondenz offenbart einen Mann, der sich bewusst mit den moralischen Implikationen seiner wirtschaftlichen Aktivitäten auseinandersetzte.

Trembleys Position zur Sklaverei war widersprüchlich und im Kontext seiner Zeit bemerkenswert. Obwohl er die Sklaverei grundsätzlich verurteilte, verliess er sich gleichzeitig auf diese Institution für seinen wirtschaftlichen Wohlstand. Gegenüber seinem Geschäftspartner Charles-Léon Guiton de Maulévrier setzte er auf eine alternative Methode der Sklavenhaltung: Die Versklavten sollten sanft und menschlich zur Arbeit angehalten werden, und Strafen sollten nur begründet und in angemessenem Verhältnis zu den Verfehlungen ausgesprochen werden. Diese Haltung repräsentiert eine aufklärerische Kritik an der Brutalität des Systems, ohne es grundlegend infrage zu stellen.

Trembleys langfristige Vision bestand darin, die Sklaverei schrittweise und allmählich zu eliminieren. In der Zwischenzeit plädierte er für Sanftheit in der Praxis gegenüber versklavten Menschen, lehnte aber ihre unmittelbare Emanzipation ab. Als Plantagenbesitzer, dessen Wohlstand auf Sklavenarbeit beruhte, überwand er diesen moralischen Widerspruch nie. Seine Briefe belegen jedoch, dass er sich dieser Widersprüche bewusst war – ein Bewusstsein, das viele seiner Zeitgenossen nicht teilten oder zumindest nicht dokumentierten.

Späte Jahre

Der Briefwechsel mit Charles Bonnet offenbart darüber hinaus Trembleys tiefe Verbundenheit mit Saint-Domingue und seine erfolgreiche Integration in die dortige koloniale Gesellschaft. Seine Sorgen und Interessen konzentrierten sich weniger auf rein geschäftliche Angelegenheiten als vielmehr auf wissenschaftliche Fragen und Fragen der Landerschliessung. Sein Leben in der Karibik war das eines etablierten, wissenschaftlich interessierten Kolonialisten.

Trembleys genaues Todesdatum und die Umstände seines Todes 1791 blieben unscharf – es wird vermutet, dass er in Saint-Domingue starb; eventuell verstarb er während des Sklavenaufstand 1791 (siehe Haitianische Revolution).[18]

Literatur

Einzelnachweise

  1. Salomon Rizzo, Ernst Grell: Trembley. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 25. Februar 2014, abgerufen am 15. November 2025.
  2. Historisches Familienlexikon der Schweiz - Familienübersicht. Abgerufen am 15. November 2025.
  3. Généalogie de Jean Jaques Trembley (3). Abgerufen am 15. November 2025 (französisch).
  4. Salomon Rizzo, Ernst Grell: Michel Trembley. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 25. Februar 2014, abgerufen am 15. November 2025.
  5. Salomon Rizzo, Ernst Grell: Jean Trembley. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 25. Februar 2014, abgerufen am 15. November 2025.
  6. René Sigrist, Ernst Grell: Jacques-André Trembley. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 23. Januar 2012, abgerufen am 15. November 2025.
  7. Béatrice Nicollier, Ernst Grell: Michel Roset. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 25. Mai 2012, abgerufen am 15. November 2025.
  8. Béatrice Nicollier, Ernst Grell: Claude Roset. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 25. Mai 2012, abgerufen am 15. November 2025.
  9. Thomas David, Bouda Etemad, Janick M. Schaufelbuehl: Schwarze Geschäfte: Die Beteiligung von Schweizern an Sklaverei und Sklavenhandel im 18. und 19. Jahrhundert. Limmat Verlag, 2023, ISBN 978-3-03855-269-7 (google.de [abgerufen am 15. November 2025]).
  10. Généalogie de Marie-Victoire de Beaumont. Abgerufen am 15. November 2025 (französisch).
  11. Généalogie de Jean-François "Louis-Joseph" Auguste, Robuste de Frédilly. Abgerufen am 15. November 2025 (französisch).
  12. Hermann Kellenbenz: Von den karibischen Inseln. In: Jahrbuch für Geschichte von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft Lateinamerikas. 1969, abgerufen am 15. November 2025.
  13. Karol Kimberlee Weaver: Medical Revolutionaries: The Enslaved Healers of Eighteenth-century Saint Domingue. University of Illinois Press, 2006, ISBN 978-0-252-07321-2 (google.de [abgerufen am 15. November 2025]).
  14. Elizabeth Maddock Dillon, Michael Drexler: The Haitian Revolution and the Early United States: Histories, Textualities, Geographies. University of Pennsylvania Press, 2016, ISBN 978-0-8122-4819-7 (google.de [abgerufen am 15. November 2025]).
  15. Collection: Cercle des Philadelphes du Cap François Collection | American Philosophical Society Manuscript Collections Search. Abgerufen am 15. November 2025.
  16. Chronique bibliographique pour 1970. In: Bulletin de la SHAG: revue annuelle de la Société d'histoire et d'archéologie de Genève. Band 14, Nr. 3, 1968 (e-periodica.ch [abgerufen am 15. November 2025]).
  17. Gabriel Debien: Les travaux d'histoire sur Saint-Domingue, chronique (1954-1956). In: Outre-Mers. Revue d'histoire. Band 44, Nr. 155, 1957, S. 165–222, doi:10.3406/outre.1957.1278 (persee.fr [abgerufen am 15. November 2025]).
  18. Daniel Nordmann: Kolonialismus ohne eigene Kolonien? In: Applied History «Von der europäischen Expansion zur globalen Gleichzeitigkeit». Abgerufen am 15. November 2025.