Jean Seitlinger
Jean Seitlinger (* 16. November 1924 in Saint-Louis-lès-Bitche, Département Moselle; † 1. September 2018 in Rohrbach-lès-Bitche, Moselle)[1] war ein französischer christdemokratischer Politiker. Er war von 1956 bis 1962 und von 1973 bis 1997 Abgeordneter in der Nationalversammlung sowie von 1979 bis 1984 Mitglied des Europäischen Parlaments.
Frühes Leben und Familie
Jean Seitlinger stammte aus Lothringen. Nach dem Schulabschluss am Lycée in Sarreguemines studierte er an der Universität Paris Rechtswissenschaften. Im Zweiten Weltkrieg wurde sein Heimatort von NS-Deutschland besetzt und als Teil des CdZ-Gebiets Lothringen zur Annexion vorbereitet. Er floh nach Haute-Savoie, ging in den Untergrund (maquis) und leistete Widerstand gegen die deutschen Besatzer. Nach dem Krieg promovierte er zum Doktor des Rechts und praktizierte als Rechtsanwalt in Sarreguemines.[2]
Jean Seitlinger war verheiratet mit Georgette (geborene Undreiner). Das Paar hat zwei Kinder.[1]
Politische Karriere
Nationale Ebene
Im Jahr 1949 trat er dem christdemokratischen Mouvement républicain populaire (MRP) bei, dessen Parteiverband auf Arrondissement-Ebene er ab 1954 vorstand. Als Abgeordneter des Département Moselle wurde er 1956 erstmals in die französische Nationalversammlung gewählt. Nach Inkrafttreten der Verfassung der Fünften Republik und Einführung des Mehrheitswahlrechts gewann er 1958 das Direktmandat im 7. Wahlkreis von Moselle und saß bis 1962 im Parlament. Ab 1959 war er stellvertretender Vorsitzender der Parlamentsfraktion und ab 1962 Mitglied des Exekutivausschusses des MRP. Bei den Parlamentswahlen 1962 und 1967 unterlag er in seinem Wahlkreis dem Kandidaten der Gaullisten.
Das MRP löste sich 1967 zugunsten des Centre démocrate auf. Von diesem wiederum spaltete sich 1969 das Centre démocratie et progrès (CDP) ab, dem Seitlinger anschließend angehörte. Bei der Parlamentswahl 1973 gewann Seitlinger in zweiten Wahlgang mit rund 600 Stimmen Vorsprung vor dem bisherigen Wahlkreisabgeordneten Étienne Hinsberger von der gaullistischen UDR und wurde erneut in die Nationalversammlung gewählt. Dieser gehörte er während der folgenden sechs Legislaturperioden ununterbrochen bis 1997 an.
Die beiden christdemokratischen Parteien Centre démocrate und CDP fusionierten 1976 zum Centre des démocrates sociaux (CDS), dessen Mitglied Seitlinger dadurch wurde. Das CDS wiederum war ab 1978 Bestandteil des bürgerlichen Parteienbündnisses Union pour la démocratie française (UDF), in dessen Fraktion er fortan saß. Nach dem vorübergehenden Wechsel zum Verhältniswahlrecht 1986 und der Rückkehr zur Mehrheitswahl 1988 vertrat er den 5. Wahlkreis von Moselle.[3] Das gaullistische RPR stellte bei den Wahlen 1981, 1988 und 1993 keinen Gegenkandidaten auf. Bei der Parlamentswahl 1997 trat der mittlerweile 72-jährige Seitlinger nicht mehr an. Sein Wahlkreis ging im Zuge der „rosa Welle“ an den Kandidaten der Sozialisten.
Kommunale und Départementebene
Von 1958 bis 1970 und von 1977 bis 1994 war Seitlinger Vertreter des Kantons Rohrbach-lès-Bitche im Generalrat des Départements Moselle (Conseil général de la Moselle). Im Jahr 1977 wurden außerdem zum Bürgermeister seines Heimatortes Rohrbach-lès-Bitche gewählt und blieb dies drei Amtsperioden lang bis 1995.
Europäische Ebene
Von 1976 bis 1983 war Seitlinger erster Generalsekretär der Europäischen Volkspartei, der Föderation christdemokratischer Parteien der EG-Staaten. Bei der ersten direkten Europawahl im Juni 1979 wurde er auf der UDF-Liste in das Europäische Parlament gewählt und vertrat dort Frankreich bis 1984. Er saß in der EVP-Fraktion (1983–84 Mitglied des Fraktionsvorstandes), war Mitglied im Institutionellen bzw. Politischen Ausschuss des Parlaments und stellvertretender Vorsitzender der Delegation für die Beziehungen zu Japan.[4]
Ehrungen
Das „Collège Jean Seitlinger“ in Rohrbach-lès-Bitche trägt Seitlingers Namen.
Werke
- mit Hans August Lücker: Robert Schuman und die Einigung Europas. Bouvier Verlag, Bonn 2000, ISBN 978-3-416-02891-2
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ a b Jean Seitlinger, fervent défenseur de l'Europe, n'est plus. In: Le Républicain Lorrain. 2. September 2018, abgerufen am 17. Juli 2023.
- ↑ Biographie Jean Seitlinger, Assemblée nationale.
- ↑ Jean Seitlinger, Französische Nationalversammlung, abgerufen am 17. Juli 2023
- ↑ Jean Seitlinger, Europäisches Parlement, abgerufen am 17. Juli 2023