Jean Kambanda
Jean Kambanda (* 19. Oktober 1955) ist ein ehemaliger ruandischer Politiker der Partei Mouvement démocratique républicain (MDR). Während des Völkermordes von 1994 war er Premierminister Ruandas. Er ist der erste und einzige ehemalige Regierungschef, der sich seit der Einführung des Verbots des Völkermordes durch die Vereinten Nationen 1951 dieses Verbrechens schuldig bekannt hat.
Leben
Beruf
Kambanda hat einen akademischen Abschluss als Wirtschaftsingenieur. Von Mai 1989 bis April 1994 arbeitete er bei der Union des Banques Populaires du Rwanda (UBPR), einer ruandischen Bankkette, und stieg dort zum Direktor auf.[1][2]
Politische Karriere
Kambanda war an der Gründung der Oppositionspartei Mouvement démocratique républicain (MDR) im Jahr 1991 beteiligt. Er galt in Ruanda als relativ moderater Politiker.[1]
Am 9. April 1994, zwei Tage nachdem die ehemalige Premierministerin Agathe Uwilingiyimana ermordet worden war, wurde Kambanda Premierminister. Der Posten des Premierministers in der Übergangsregierung war der Oppositionspartei MDR versprochen worden. Kambanda bekam das Amt anstelle des ursprünglich vorgesehenen Kandidaten Faustin Twagiramungu. Dabei übersprang er mehrere Ebenen in der Parteihierarchie. Er war zuvor stellvertretender Vorsitzender des MDR-Ortsvereins in Butare gewesen.[1]
Während des Völkermordes verbreitete Kambanda Aufforderungen zur Gewalt,[1] er sagte zum Beispiel: „Völkermord ist im Kampf gegen den Feind gerechtfertigt.“ Er blieb über die 100 Tage des Völkermordes bis zum 19. Juli 1994 im Amt. Nach seinem Rücktritt floh er aus dem Land.[3]
Verurteilung
Kambanda wurde am 18. Juli 1997 in Kenia verhaftet und dem Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda (ICTR) übergeben.[3] Das Gericht beschuldigte ihn der Verbreitung von Waffen und Munition in Butare und Gitarama mit dem Wissen, dass diese Waffen für Massaker an Zivilisten eingesetzt wurden.
Bei seinem ersten Auftritt vor dem Tribunal im tansanischen Arusha am 1. Mai 1998 bekannte sich Kambanda schuldig.[4][5] Sein Anwalt forderte eine zweijährige Haftstrafe.[1]
Am 4. September 1998 wurde er vom ICTR zu lebenslanger Haft verurteilt. Er wurde folgender Verbrechen für schuldig befunden:[2]
- Völkermord und Zustimmung zum Völkermord
- öffentliche Aufforderung zum Völkermord
- Unterstützung des Völkermordes
- Unterlassung seiner Aufgabe als Premierminister, den Völkermord zu verhindern
- Verbrechen gegen die Menschlichkeit in zwei Fällen
Am 19. Oktober 2000 wurde das Urteil im Berufungsverfahren bestätigt[5] und am 9. Dezember 2001 wurde Kambanda zusammen mit fünf weiteren Verurteilten von der UN-Haftanstalt in Arusha nach Bamako in Mali verlegt, um dort seine Haftstrafe zu verbüßen.[6]
Privates
Kambanda ist Vater zweier Kinder.[3]
Weblinks
- Der Fall Jean Kambanda Website zum Internationalen Strafgerichtshof für Ruanda (englisch)
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e Peter Böhm: Lebenslang für den Völkermord-Premier. In: taz.de. 5. September 1998, abgerufen am 22. Dezember 2025.
- ↑ a b Rwanda Tribunal Hands Down Life Sentence for Crimes of Genocide Committed by Former Rwandan Prime Minister. In: press.un.org. 4. September 1998, abgerufen am 22. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ a b c How Prime Minister Jean Kambanda Poisoned Academicians. In: africa-press.net. 12. April 2022, abgerufen am 22. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ Ex-Rwandan Prime Minister Jean Kambanda pleads guilty to genocide. In: unictr.irmct.org. 1. Mai 1998, abgerufen am 22. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ a b Jean Kambanda (ICTR-97-23): Appeal Judgement. (PDF; 2,58 MB) Abgerufen am 22. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ Former Prime Minister and five other convicts sent to prison in Mali. In: unictr.irmct.org. 11. Dezember 2001, abgerufen am 22. Dezember 2025 (englisch).