Jean Antoine Joseph de Castrop
Jean Antoine Joseph de Castrop (* 1731; † 20. August 1785) war ein Straßen- und Wegebauingenieur des 18. Jahrhunderts. Er wirkte vor allem im Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach und gehörte zu den frühen Vertretern des systematischen Chausseebaus in Mitteldeutschland. Seine Tätigkeit fällt in die Phase der infrastrukturellen Reformen unter Herzog Carl August und in die Amtszeit Johann Wolfgang von Goethes als Leiter der Wegebaukommission.
Leben und Herkunft
Über Herkunft und Ausbildung Jean Antoine Joseph de Castrops sind nur wenige gesicherte Informationen überliefert. Er ist erstmals 1754 in Kassel urkundlich fassbar, als Verfasser einer technischen Abhandlung über den Bau von Chausseen. Sein Name, der frühe Wirkungsort Kassel sowie die französische Sprache seiner Schrift haben in der Forschung zu der Annahme geführt, dass de Castrop aus einem französisch geprägten Migrantenmilieu stammte, möglicherweise aus dem Umfeld der Kasseler Oberneustadt, einer seit dem späten 17. Jahrhundert bestehenden französisch-reformierten Kolonie.[1]
Eine Geburt in Frankreich oder eine Ausbildung an französischen Ingenieurschulen ist jedoch nicht belegt. Auch eine genealogisch gesicherte Verbindung zu anderen Namensträgern de Castrop im Kasseler Bauwesen lässt sich bislang nicht eindeutig nachweisen.
Fachliche Prägung
De Castrop veröffentlichte 1754 in Kassel eine vollständig französischsprachige Schrift über den Chausseebau (Projet sur la construction des chaussées). Darin beschrieb er den Bau gewölbter, steinerner Kunststraßen mit systematischer Entwässerung und regelmäßiger Unterhaltung.
Die in dieser Schrift dargestellten Prinzipien entsprechen in Aufbau und Terminologie weitgehend der französischen Ingenieurtradition des 18. Jahrhunderts, wie sie sich seit der Mitte des Jahrhunderts im staatlichen Straßenbau Frankreichs entwickelte. Eine direkte institutionelle Verbindung zur École des Ponts et Chaussées ist jedoch nicht nachweisbar.
Tätigkeit im Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach
Nach dem Bekanntwerden seiner Kasseler Schrift wurde de Castrop im mitteldeutschen Raum als Fachmann für den Straßenbau herangezogen. 1756 beauftragte ihn Herzog Ernst August Constantin mit dem Bau einer befestigten Straße von Weimar nach Schloss Belvedere. Die Ausführung dieser Chaussee begründete de Castrops Stellung im Weimarer Wegebauwesen.
In den folgenden Jahrzehnten war er sowohl mit dem städtischen Pflasterbau als auch mit dem überregionalen Straßenbau befasst. 1764 erhielt er den Rang eines Ingenieur-Hauptmanns, was seine Stellung im technisch-militärischen Verwaltungsgefüge unterstreicht. Ab den 1770er-Jahren übernahm de Castrop neben der Bauleitung zunehmend auch administrative Aufgaben, darunter Aktenführung, Berichterstattung und Kostenkalkulation.
Zusammenarbeit mit Goethe
Nach internen Konflikten in der Wegebauverwaltung wurde 1779 Johann Wolfgang von Goethe zum Direktor der Wegebaukommission ernannt. Zwischen Goethe und de Castrop entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit.
Die Aufgabenverteilung war klar strukturiert: Goethe traf die politischen und administrativen Entscheidungen, während de Castrop als technischer Fachmann Planung und Ausführung verantwortete. Gemeinsam inspizierten sie große Teile des Straßennetzes des Herzogtums. Unter ihrer Leitung wurden mehrere wichtige Chausseebauten begonnen, darunter die Verbindungen Weimar–Erfurt, Weimar–Jena und Ilmenau–Martinroda.
Technische Bedeutung
De Castrop gilt als früher Vermittler moderner Chausseebauprinzipien im deutschen Raum. Zu den von ihm vertretenen Grundsätzen gehörten:
- gewölbter Straßenquerschnitt zur Entwässerung
- mehrschichtiger Steinunterbau
- seitliche Entwässerungsgräben
- kontinuierliche Unterhaltung statt rein punktueller Reparaturen
Diese Prinzipien trugen wesentlich zur Verbesserung der ganzjährigen Befahrbarkeit der Straßen im Herzogtum bei.
Tod und Nachwirkung
Jean Antoine Joseph de Castrop starb am 20. August 1785. Sein Tod stellte für Goethe einen erheblichen Einschnitt dar; wenige Monate später bat dieser um Entbindung von der Leitung der Wegebaukommission.
De Castrops Wirken bildete eine wesentliche Grundlage für die Modernisierung des Straßenwesens in Thüringen im ausgehenden 18. Jahrhundert. Dennoch blieb seine Person lange Zeit weitgehend unbeachtet und wurde meist nur im Zusammenhang mit Goethes Verwaltungstätigkeit erwähnt.
Literatur
- Hans Jakob Bürgin: Der Minister Goethe vor der römischen Reise. Seine Tätigkeit in der Wegebau- und Kriegskommission. Weimar 1933. (via-regia.org)
- Stefan Keßler: Johann Wolfgang Goethe – Wegebaudirektor des Herzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach. Bergisch Gladbach 1999. (via-regia.org)
- Goethe-Gesellschaft Eisenach: Goethe als Straßenbaudirektor, Teil 2, 2021.
Einzelnachweise
- ↑ Hans Jakob Bürgin: Der Minister Goethe vor der römischen Reise. Seine Tätigkeit in der Wegebau- und Kriegskommission. Weimar 1933