Jean-Noël Jeanneney
Jean-Noël Jeanneney (* 2. April 1942 in Grenoble, Frankreich) ist ein französischer Historiker, parteiloser Politiker und Kulturfunktionär[1]. Er lehrte ab 1977 als Professor für Neueste Geschichte am Institut d’études politiques de Paris (Sciences Po). Von 1991 bis 1993 war er Staatssekretär für Außenhandel bzw. Kommunikation in der französischen Regierung. Von 2002 bis 2007 war Jeanneney Direktor der Französischen Nationalbibliothek in Paris.[2]
Leben und Wirken
Jeanneneys Vater Jean-Marcel Jeanneney und sein Großvater Jules Jeanneney waren wichtige Personen des politischen Lebens in Frankreich. Jeanneney besuchte die Schule in Grenoble, wurde 1961 an der École normale supérieure in Paris aufgenommen und schloss 1964 das Diplom des Institut d’études politiques de Paris (Sciences Po) ab. 1965 bestand er die Agrégation (Staatsprüfung für das höhere Lehramt) in Geschichte.
Nach einer Weltreise und dem Militärdienst wurde er 1969 wissenschaftlicher Assistent und 1972 Maître-assistant für Neueste Geschichte an der erst wenige Jahre zuvor gegründeten Universität Paris X Nanterre[3]. Dort schloss er 1975 bei René Rémond das Doctorat d’État (entspricht etwa einer Habilitation) über den Lothringer Stahlindustriellen und Politiker François de Wendel sowie das Verhältnis von Geld und Macht in der Dritten Französischen Republik ab.
Jeanneney wurde 1977 als Universitätsprofessor für Neueste Geschichte an das Institut d’études politiques de Paris berufen. Schwerpunkt seiner Forschung und Veröffentlichungen ist die politische Geschichte, Kultur- und Mediengeschichte des 20. Jahrhunderts. Neben zahlreichen Büchern war er 1973 bis 2009 auch Autor einer Reihe von Fernsehdokumentationen zu Geschichtsthemen.
Er war von 1982 bis 1986 Präsident von Radio France und Radio France Internationale, danach von 1988 bis 1989 Präsident der Mission du bicentenaire de la Révolution française (Zweihundertjahr-Feier für die Französische Revolution). Als parteiloser, aber der Parti socialiste nahestehender Politiker war Jeanneney während der zweiten Präsidentschaft François Mitterrands Staatssekretär für Außenhandel (1991–1992) und Staatssekretär für das Kommunikationswesen (1992–1993). Von 1992 bis 1998 gehörte er außerdem dem Regionalrat von Franche-Comté an. Ab 2002 war er der Präsident der Bibliothèque nationale de France (BnF) und ging im Jahr 2007 in den Ruhestand.
Anlässlich einer von ihm initiierten Ausstellung in der BnF 2006 über die „Aufklärung – Ein Erbe für morgen“ äußerte Jeanneney sich zur Bedeutung dieser Epoche für die Gegenwart. Fundamentalistische Angreifer gegen die Aufklärung, getrieben von Obskurantismus und Fanatismus, würden dem Westen einen Kampf auf Leben und Tod liefern. Aus seiner Sicht besteht die Gefahr, dass Aberglauben und Vorurteile zu einer neuen Barbarei verschmelzen, die bisher als überwunden gilt. Deshalb müsse das antiklerikale Erbe der Aufklärung – Voltaire nannte es Écrasez l’infâme, „Zerschmettert das Niederträchtige“ – der Gegenwart angepasst werden, um dem neuen Islamismus entgegenzutreten. Der Westen solle neue Lebenskraft in der Gedankenwelt der Aufklärung suchen. Sie habe in den drei Generationen vor der Französischen Revolution die bis dahin gültigen moralischen und politischen Überzeugungen durch Neues ersetzt.
Ferner kritisierte Jeanneney das Digitalisierungsvorhaben von Google (Google Book Search) und lehnt dessen kommerzielle Verwertung ab. Stattdessen schlug er im Jahre 2006 eine „digitale europäische Bibliothek“ vor, die von den jeweiligen Mitgliedsstaaten getragen wird und keinen ökonomischen Zwängen unterliegt. Ein entsprechendes Projekt begann 2007 unter deutlicher französischer Beteiligung und ging 2008 unter dem Namen Europeana online.
Auszeichnungen
- 1990: Ritter der Ehrenlegion[4]
- 2015: Komtur des Ordre des Arts et des Lettres[5]
- Großoffizier des Ordre national du Mérite[6]
- 2023: Prix Saint-Simon für Le rocher de Süsten. Mémoires II, 1982–1991. De Radio France au Bicentenaire de la Révolution[7]
Schriften (Auswahl)
- François de Wendel en république, l’argent et le pouvoir, 1914–1940. Thèses: Lettres (= Diss. phil.), 1975, Neuauflagen
- Charles Rist: Une saison gatée. Journal de la guerre et de l’occupation. (Eine schlechte Zeit. Tagebuch des Krieges und der Besatzung) Hg. und Anm. Jean Noêl Jeanneney. Fayard, Paris 1983, ISBN 2-213-01264-4 (französisch)
- Quand Google défie l’Europe. Plaidoyer pour un sursaut. Mille et Une Nuits, Paris 2005, ISBN 2-84205-912-3
- Googles Herausforderung. Für eine europäische Bibliothek. Übers. Sonja Finck, Nathalie Mälzer-Semlinger. Vorwort des Autors zur dt. Ausg.; Nachwort Klaus-Dieter Lehmann, Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Wagenbach, Berlin 2006 ISBN 3-8031-2534-0
- Eintrag im OPAC der SUB Göttingen zu diesem Werk, Kurztext: Zusammenfassung und Bedeutung für das öffentliche Bibliothekswesen
- Le passé dans le prétoire: L’historien, le juge et le journaliste. Seuil, Paris 1998 (Über die Prozesse gegen französische Kriegsverbrecher, siehe Maurice Papon)
- Le Rocher de Süsten. Mémoires 1942-1982. Seuil, Paris 2020, ISBN 978-2021461510 (erhielt 2023 den Literaturpreis Prix Saint-Simon)
Weblinks
- Werke von Jean-Noël Jeanneney bei Open Library
- Deutschlandradio Kultur: Warnung vor einer nordamerikanischen Hegemonie, 15. März 2006 (über das Google-Buch)
Einzelnachweise
- ↑ Jean-Noël Jeanneney de septembre 1982 à décembre 1986. Abgerufen am 13. Januar 2026 (französisch).
- ↑ FranceArchives: Jeanneney, Jean-Noël (1942-....). In: FranceArchives. Portail national des Archives. Französische Republik, 2014, abgerufen am 14. Juni 2025 (französisch).
- ↑ Jeanneney, Jean Noël. 8. Februar 2017, abgerufen am 13. Januar 2026 (französisch).
- ↑ Légifrance: Ordre de la Légion d'honneur, Décret du 14 avril 1990 portant promotion et nomination. Abgerufen am 10. November 2021 (französisch).
- ↑ Ministère de la Culture: Nomination dans l'ordre des Arts et des Lettres janvier 2015. Archiviert vom am 11. Juli 2021; abgerufen am 10. November 2021 (französisch).
- ↑ Légifrance: Décret du 13 novembre 2014 portant élévation aux dignités de grand'croix et de grand officier. Abgerufen am 10. November 2021 (französisch).
- ↑ Prix Saint-Simon, Lauréat 2023 auf livreshebdo.fr, abgerufen am 28. November 2023.