Jean-Baptiste Lynch

Jean-Baptiste Lynch (* 3. Juni 1749 in Bordeaux; † 15. August 1835 in Château Dauzac) war ein französischer Jurist und Politiker irischer Abstammung. Er amtierte während der Endphase des Ersten Kaiserreichs und zu Beginn der Restauration als Bürgermeister von Bordeaux und spielte 1814 eine zentrale Rolle beim politischen Übergang der Stadt von der napoleonischen Herrschaft zu den Bourbonen.[1.1]

In der historischen Forschung gilt Jean-Baptiste Lynch als typischer Vertreter der städtischen Eliten, die während der Übergangszeit zwischen Kaiserreich und Restauration eine pragmatische Politik verfolgten, um wirtschaftliche und kommunale Interessen zu sichern.[2] Sein Handeln wird sowohl als stabilisierend als auch als opportunistisch interpretiert.

Familie, Ausbildung und politische Laufbahn

Jean-Baptiste Lynch entstammte einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie irischer Herkunft, die sich im 18. Jahrhundert in Bordeaux niedergelassen hatte. Jean-Baptistes Vater war der Politiker Thomas-Michel Lynch (1710–1783). Seine Mutter Elisabeth Drouillard (* vor 1728) brachte als Erbin den Besitz des Château Dauzac mit in die Ehe; nach deren Tod erbte Jean-Baptiste dieses.[3] Sie war Tochter des Juraten, also Mitglied des städtischen Magistrats, vergleichbar mit einem Ratsherrn oder Bürgermeister-Stellvertreter, der an der Verwaltung, Rechtsprechung und Repräsentation der Stadt beteiligt war, und Weinhändlers Pierre Drouillard.[4] Die Familie gehörte zur wirtschaftlichen Elite der Hafenstadt und war im internationalen Handel tätig.[5][6] Lynch studierte Rechtswissenschaften und ließ sich als Anwalt nieder. Andere Mitglieder der weit verzweigten Familie betrieben Weingüter im Médoc wie beispielsweise das Château Lynch-Bages und das Château Lynch-Moussas in Pauillac.

Frühe Karriere und Revolution

Lynch wurde bereits 1771 als Conseiller in das Parlament von Bordeaux aufgenommen und war später Président aux requêtes. 1781 vertrat er das Parlament von Bordeaux am Hof Ludwigs XVI. Während der Terrorherrschaft 1793 / 1794 der Französischen Revolution wurde er zeitweise inhaftiert, weil er in Paris lautstark seine Meinung bekundete, als er 1789 seinen Schwiegervater nach Paris begleitete, der zum Abgeordneten der Generalstände gewählt worden war.[7]

Anschließend nahm Lynch zunächst keine führende politische Rolle mehr ein und vermied eine öffentliche Radikalisierung. In der Zeit des Konsulats und des Kaiserreichs wurde er schrittweise in die kommunale Verwaltung von Bordeaux eingebunden. 1809 ernannte ihn die kaiserliche Regierung zum Bürgermeister der Stadt.[8] Lynch folgte im Jahr 1808 auf Laurent Lafaurie-Monbadon, der von der napoleonischen Zentralverwaltung nicht erneut im Amt bestätigt worden war. In der Forschung wird dieser Personalwechsel mit einem allgemeinen Wandel der politischen Erwartungen unter dem Kaiserreich erklärt: Seit etwa 1807 verlangte Paris von den Bürgermeistern großer Städte eine deutlich aktivere und demonstrativ loyalere Unterstützung der imperialen Politik, insbesondere in strategisch wichtigen Handels- und Hafenstädten wie Bordeaux.[9] Vor diesem Hintergrund galt ein stärker lokal orientierter und zurückhaltender Amtsstil zunehmend als unzureichend, was den Weg für Lynchs Ernennung ebnete.

Seine Amtszeit fiel in eine Phase erheblicher wirtschaftlicher Belastungen. Besonders die Kontinentalsperre wirkte sich stark auf den Seehandel und die Hafenwirtschaft von Bordeaux aus.[10]

Auch die Mandate im Rat des Départements waren wegen der politischen Instabilität keineswegs sicher. So wurde er am 21. März 1814 in der laufenden Legislaturperiode beispielsweise statt Bruslé de Valsuzenay für eine Sitzungswoche interimistisch eingesetzt.[11]

Regimewechsel 1814 und Restauration

Im März 1814 distanzierte sich Lynch öffentlich von Napoleon Bonaparte und beteiligte sich maßgeblich an der politischen Neuorientierung der Stadt. Er unterstützte die Übergabe Bordeaux’ an die Truppen der antifranzösischen Koalition und proklamierte im Namen der Stadt die Rückkehr der Bourbonen sowie die Anerkennung von Ludwig XVIII. als König von Frankreich.[12] Damit gehörte Bordeaux zu den ersten größeren französischen Städten, die sich offen zur Restauration bekannten.[13]

Während der Herrschaft der Hundert Tage verlor Lynch sein Amt vorübergehend. Ludwig XVIII. empfing Lynch im Palais des Tuileries und verlieh ihm das Großkreuz der Ehrenlegion. Doch Lynch floh nach Großbritannien, weil der zurückgekehrte Napoleon verkündete, allen zu vergeben außer Lynch und Joseph Henri Joachim Lainé, die seine beiden „größten Feinde“ seien. Lainé war als Präsident der Abgeordnetenkammer von Bordeaux aus klar gegen Bonaparte aufgetreten, indem er die Gesetzmäßigkeit der Regierung Napoleons öffentlichkeitswirksam bestritten und sich anschließend in die Niederlande abgesetzt hatte. Ein halbes Jahr später konnte er sich wieder als Präsident der Deputiertenkammer installieren.[1.2]

Nach der endgültigen Niederlage Napoleons wurde Lynch politisch rehabilitiert und blieb eine einflussreiche Persönlichkeit des liberal-royalistischen Bürgertums in Bordeaux, ohne erneut eine vergleichbare Schlüsselrolle zu übernehmen.[14] Er hatte keine politischen Ämter mehr inne. Er war Träger der Großkreuzes der Légion d’honneur.

Commons: Jean-Baptiste Lynch – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. Louis-Gabriel Michaud (Hrsg.): Biographie universelle ancienne et moderne, Bd. 24, Paris 1819.
    1. S. 480–482
    2. S. 558–562
  2. Philippe Vigier: La France de 1814 à 1848, Paris 1991, ISBN 978-285962011-0, S. 41–43.
  3. Château Dauzac.
  4. François-Joseph d’Arcy: Trois familles commerçantes de Galway à Bordeaux au 18e siècle: Lynch, Kirwan, French (première partie) Amitiés Généalogiques Bordelaises, Bulletin de Liaison n°: 110, 25. November 2014, ISSN 2108-3738, S. 11.
  5. Archives municipales de Bordeaux, Fonds Maires de Bordeaux, dossiers biographiques, 18.–19. Jahrhundert.
  6. Bordeaux restaure la monarchie en France. Association Pour le retour à Saint-Denis de Charles X et des derniers Bourbons.
  7. Michel Colle: Bernadau, le mal-aimé des historiens. Revue Historique de Bordeaux et du Département de la Gironde, Les Dossiers d’Aquitaine, Bordeaux 2015.
  8. Archives municipales de Bordeaux, Série D (Administration municipale), registres des nominations, Anfang 19. Jahrhundert.
  9. Les notables girondins et le pouvoir municipal sous l’Empire, Revue historique de Bordeaux, 2006.
  10. François Crouzet: La crise de l’économie bordelaise sous le blocus continental, in: Annales. Économies, Sociétés, Civilisations, Jg. 13, 1958, S. 241–260.
  11. Ludovic Taris: 1815 ou « l’année sans pareille » du Conseil général de la Gironde. Revue historique de Bordeaux et du département de la Gironde, Année 2020 Nr. 26, S, 258, Fußnote 13.
  12. Proclamation de Bordeaux en faveur de Louis XVIII (mars 1814), Archives municipales de Bordeaux, Série FF (Police, affaires politiques), 1814.
  13. Jean Tulard: La chute de l’Empire, Paris 1985, ISBN 978-213042197-1, S. 312–314.
  14. Jean-Claude Caron: La France de la Restauration, Paris 1998, ISBN 978-213047472-0, S. 97–99.