Jan Ludvík Lukes

Jan Ludvík Lukes (auch Jan Ludevít Lukes; am Standesamt als Jan Evangelista Lukesle eingetragen; * 22. November 1824 in Wildenschwert, Chrudimer Kreis; † 24. Februar 1906 in Prag, Königreich Böhmen) war ein tschechischer Opernsänger (Tenor) und Musikpädagoge. Er zählte zu den bedeutendsten tschechischen Sängern seiner Zeit und wurde wegen seiner Vielseitigkeit geschätzt. Er sang sowohl Volkslieder als auch Konzertarien und Opernpartien. Seine besondere Stärke lag im dramatischen Gesang. Er trug wesentlich zur Förderung der tschechischen Nationalmusik bei.[1][2]

Leben

Jan Ludvík Lukes wurde als Sohn eines Webers geboren und wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Seine erste musikalische Ausbildung erhielt er beim Kantor seines Heimatortes Wildenschwert. Im Alter von neun Jahren wurde er als Sängerknabe in die Abtei St. Thomas in Brünn aufgenommen. Bereits nach kurzer Zeit trat er dort als erster Sopranist auf und übernahm kleine Rollen im Stadttheater, darunter einen der Genien in Mozarts Zauberflöte. Mit Unterstützung der Brünner Augustinerabtei absolvierte er das Gymnasium. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich mit gelegentlichen Auftritten als Musiker. Er erlernte Fagott, Kontrafagott, Posaune, Violoncello und Klavier.[3][4]

1848 zog er nach Wien, wo er ein Jurastudium aufnahm, das er 1853 erfolgreich abschloss. In Wien verdiente er seinen Lebensunterhalt als Hauslehrer und setzte sein Musikstudium fort. Er studierte Gesang beim Kapellmeister Heinrich Proch, später beim italienischen Tenor Giovanni Basadonna und an der Akademie der Tonkunst bei Gustav Barth. Zusätzlich lernte er Italienisch und das Schauspiel.[1][4]

Als Opernsänger debütierte Lukes 1853 am Theater in Olmütz mit der Oper Alessandro Stradella. Er blieb ein halbes Jahr in Olmütz, trat dort in 24 Opern auf und unterrichtete Musik an der städtischen Schule. 1854 holte ihn František Škroup ans Prager Ständetheater, wo er bis 1857 blieb.[1] In Prag erlangte Lukes große Popularität mit der Titelrolle in Škroups Oper Dráteník, die zu einer seiner berühmtesten Rollen wurde.[4] 1857 trat er mit großem Erfolg als Tannhäuser in Richard Wagners gleichnamiger Oper am Wiener Thalia-Theater auf. Gastauftritte führten ihn 1858 nach Brünn, 1859 nach Hannover, sowie 1864 nach Brüssel, Nürnberg und Budapest.[5][6]

Außerdem beschäftigte er sich mit Brauereiwesen. In den Jahren 1857 bis 1860 unternahm er Reisen durch mehrere europäische Länder (Deutschland, England, Belgien, Frankreich, die Schweiz, Savoyen und Tirol) und studierte Chemie und Brauereiwesen. Ein Dreivierteljahr verbrachte er in München, wo er bei Justus von Liebig und bei Kaiser Chemie studierte, praktische Erfahrungen in einer Brauerei sammelte und die Braumeisterprüfung ablegte. 1860 kehrte er nach Prag zurück.[1][4]

Im Jahr 1861 heiratete er in Prag Kateřina, geborene Kučerová, die Tochter des Brauers František Kučera (1807–1862). Er übernahm von seinem Schwiegervater die Brauerei U Raismanů in der Haštalská-Straße 791 in der Prager Altstadt und leitete sie bis 1864.[7] In den Räumen der Brauerei traf sich unter seiner Leitung ein kleiner privater Männerchor. Nach dem Oktoberdiplom von Kaiser Franz Joseph I., das in Böhmen neue Vereinigungsfreiheit brachte, gründete Lukes im selben Jahr den Männergesangsverein Hlahol. Dieser machte sich bald in ganz Böhmen durch seine Aufführungen tschechischer Vokalmusik einen Namen. Von 1861 bis 1863 war Lukes dessen Chorleiter.[8][9]

Ab 1864 wandte er sich erneut der Oper zu und nahm Engagements in Brüssel und Budapest wahr. Gastauftritte führten ihn nach Breslau und Dresden. Im Dezember 1865 sang er in Prag den Don Giovanni. Im darauffolgenden Jahr nahm er ein Engagement am Prager Interimstheater beim Kapellmeister Bedřich Smetana an und blieb dort bis 1873. Smetana vertraute ihm unter anderem die Titelrolle in seiner Oper Dalibor an, die am 11. Mai 1868 zur Grundsteinlegung des Prager Nationaltheaters uraufgeführt wurde.[3][8] Seine besondere Stärke lag im dramatischen Gesang. Seine Darstellung des Finns in Glinkas Ruslan und Ljudmila wurde zum Urbild des slawischen dramatischen Gesangs. Auch die tschechische Nationalmusik war ihm wichtig. Auf seinen zahlreichen Konzertreisen durch Böhmen und Mähren widmete er sich dem tschechischen und slawischen Liedgut.[1]

1873 zog sich Lukes von der Bühne zurück. Seit 1860 hatte er Privatunterricht erteilt, 1873 berief ihn Smetana zum Lehrer an der Opernschule des Interimstheaters. Nach deren Auflösung gründete er 1875 eine eigene Gesangsschule, in der er eine ganze Generation von Sängern ausbildete, darunter viele spätere Mitglieder des Ensembles der Nationaloper.[3]

Jan Ludvík Lukes starb am 24. Februar 1906 in Prag und wurde im Familiengrab auf dem Stadtfriedhof in Ústí nad Orlicí beigesetzt. Er war Ehrenmitglied mehrerer Gesangsvereine, von denen einige, darunter der Verein seiner Heimatstadt Ústí nad Orlicí, seinen Namen trugen. Im Jahr 1949 wurde an seinem Geburtshaus in der Lukesova-Straße 313 eine Gedenktafel angebracht.[8]

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Einzelnachweise

  1. a b c d e Jan Ludv. Lukes. In: Květy. Ročník 4 Číslo 10. Praha 9. März 1869, S. 78 (tschechisch, digitalniknihovna.cz).
  2. Jan L. Lukes. In: Humoristické listy. Ročník 24 Číslo 30. Praha 29. Juli 1882, S. 240 (tschechisch, digitalniknihovna.cz).
  3. a b c Jitka Ludvová: Lukes, Jan Ludevít. In: Česká divadelní encyklopedie. Národní institut pro kulturu, 2006, abgerufen am 10. Januar 2026 (tschechisch).
  4. a b c d Jan L. Lukes. In: Světozor. Ročník 5 Číslo 48. Praha 1. Dezember 1871, S. 570 (tschechisch, digitalniknihovna.cz).
  5. Lukes, Jan Ludevít; ursprünglich Lukesle (1824-1906), Tenor und Gesangspädagoge. In: Österreichisches Biographisches Lexikon. Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage, abgerufen am 10. Januar 2026.
  6. Alexander Rausch: Lukes (eig. Lukesle), Jan Ludevít. In: Oesterreichisches Musiklexikon online. 2004, abgerufen am 10. Januar 2026.
  7. Jaromír Kazda: František V. Kučera – Biografie. csfd.cz, abgerufen am 12. Januar 2026 (tschechisch).
  8. a b c Jitka Melšová: Ústecké kalendárium – listopad 1999. usti.cz, archiviert vom Original am 13. August 2014; abgerufen am 10. Januar 2026 (tschechisch).
  9. Rudolf Lichtner (Hrsg.): Památník zpěváckého spolku Hlaholu v Praze, vydaný na oslavu 50tileté činnosti, 1861–1911. Hlahol, Praha 1911, Kapitola Ustavení se spolku, S. 12–13 (tschechisch, online – deutsch: Denkschrift des Prager Gesangsvereins Hlahol, herausgegeben zur Feier der 50jährigen Tätigkeit, 1861–1911).