Jakob Jatzwauk

Jakob Jatzwauk (sorbisch Jakub Wjacsławk; * 15. Februar 1885 in Horka bei Kamenz; † 3. September 1951 in Bautzen) war ein sorbischer Bibliothekar, Bibliograph und Slawist.

Leben

Jakob Jatzwauk war der Sohn des Steinbrucharbeiters und Häuslers Michael Jatzwauk (Michał Wjacsławk) aus Horka und dessen Ehefrau Katharina geb. Skala (Kata Skalic), einer Schwester des Bautzener Domdekans Jakub Skala. Er wurde nach Besuch der katholischen Bürgerschule in Bautzen 1899 in die Gymnasialpräparanda des katholischen Lehrerseminars in Bautzen aufgenommen und besuchte ab 1900 als Alumnus des Wendischen Seminars das Staatsobergymnasium Prag-Kleinseite. Von 1907 bis 1910 studierte er Theologie, Philosophie und Slawistik an der deutschen Karl-Ferdinands-Universität in Prag und anschließend Geschichte und Germanistik in Leipzig, wo er 1912 mit der Arbeit „Die Bevölkerungs- und Vermögensverhältnisse der Stadt Bautzen zu Anfang des 15. Jahrhunderts“[1] zum Dr. phil. promovierte.[2]

Von 1913 bis 1945 arbeitete Jatzwauk an der Königlichen Öffentlichen Bibliothek Dresden (ab 1918 Sächsische Landesbibliothek) als Wissenschaftlicher Hilfsarbeiter, Bibliotheksassistent und ab 1921 als Landesbibliothekar. Gemeinsam mit Rudolf Bemmann gab er 1918 den Band I,1 der Bibliographie der sächsischen Geschichte heraus. Nach dem Weggang Bemmanns 1918 führte Jatzwauk dieses Projekt ehrenamtlich weiter. Allein seinem Engagement ist es zu danken, dass zwischen 1918 und 1945 weitere Bände erscheinen konnten: 1921 Band I,2; 1923 Band II; 1928 bzw. 1932 die Bände III,1 und III,2. Der Band III,3, der Bibliografien für die Städte Leipzig, Dresden und Chemnitz enthalten sollte, konnte bis 1945 nicht erscheinen.

„Bereits 23 Jahre lang habe ich Zeit, Mühe und Kraft diesem einst so groß angelegten Werke geopfert, einer Arbeit, die leider nicht immer die Unterstützung der maßgebenden Stellen gefunden hat. Ja, ich darf wohl behaupten, daß dieses Werk der Vergessenheit anheimgefallen wäre, wenn ich nicht immer wieder versucht hätte, diese oder jene Instanz zur Weiterführung der Bibliographie zu ermuntern oder sie dafür zu interessieren.“

Jakob Jatzwauk: Kurzer Abriß der Geschichte der Sächsischen Bibliographie, 1936:[3.1]

Für die Nachträge zur Bibliographie der sächsischen Geschichte begann Jatzwauk bereits 1918 auf eigene Faust in seiner freien Zeit die täglichen Neuzugänge der Bibliothek aufzunehmen. Bis 1936 hatte er auf diese Weise 38.000 Titel gesammelt.[3.2]

Jakob Jatzwauk engagierte sich seit seiner Studienzeit in Leipzig und bis in seine letzten Jahre in Bautzen für den Erhalt der sorbischen Kultur und die Pflege der sorbischen Sprache. Seine zahlreichen Veröffentlichungen zur Geschichte und Literatur der Sorben, die in den 1920er Jahren in deutscher und sorbischer Sprache erschienen, markieren den Beginn der sorbischen sozialhistorischen Forschung.[4] Von bleibender Bedeutung sind vor allem seine Bibliographien des sorbischen Schrifttums. Nach einem Jahr intensiver Arbeit in seiner Freizeit[5] veröffentlichte er 1924 den Katalog der wendischen Abteilung der Bibliothek der Gesellschaft Maćica Serbska.[6] 1929 erschien die Wendische (Sorbische) Bibliographie.[7]

Wegen seines Engagements für die Sorben beantragte das Sächsische Kultusministerium, unter Mitwirkung von Fritz Fichtner, im Februar 1938 bei der Geheimen Staatspolizei Ermittlungen gegen Jatzwauk. Im Mai beantragte der Reichsstatthalter Martin Mutschmann beim Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, Jatzwauk in einen anderen Teil Deutschlands zu versetzen. Doch trotz dieser Stimmung gegen ihn und der Veränderung des politischen Klimas in der Landesbibliothek blieb er in Dresden, widerstand dem politischen Druck und trat auch jetzt nicht in die NSDAP ein.[4]

Beim Bombenangriff auf Dresden im Februar 1945 verlor Jatzwauk seine Wohnung. Im Oktober 1945 zog er nach Bautzen, wo er am 1. Oktober die Leitung des Stadtarchivs sowie der Städtischen Büchereien zu Bautzen übernahm und den Zusammenschluss der drei selbständigen Bibliotheken (Volksbücherei, Stadtbibliothek und Gersdorfsche Bibliothek) organisierte.[8] 1949 wurde er zum Leiter des Staatsfilialarchivs Bautzen ernannt.[9]

1946 wurde Jatzwauk Vorsitzender der wissenschaftlichen Gesellschaft Maćica Serbska und 1950 ordentliches Mitglied der Historischen Kommission der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. Eine Berufung als Direktor an die Universitätsbibliothek Leipzig, verbunden mit einer Professur für Bibliothekswissenschaft, lehnte er 1948 und nochmals 1950 aus gesundheitlichen Gründen ab.[2]

1950 vollendete er das Manuskript für die zweite, erweiterte Auflage der Sorbischen (wendischen) Bibliographie, die nun 7580 Titel umfasste, aber erst nach seinem Tod erscheinen konnte.[10] Im Vorwort hatte er noch die Hoffnung geäußert, für die Bibliographie demnächst auch in Prag, Posen, Warschau und Belgrad Studien treiben zu können.

Jakob Jatzwauk starb 1951 im Alter von 66 Jahren in Bautzen.

Literatur

  • Martin Reuther: Jakob Jatzwauk zum 65. Geburtstag, in: Zentralblatt für Bibliothekswesen 64/1950, H. 5/6, S. 163–167.
  • Martin Reuther: Jakob Jatzwauk: Eine Würdigung, in: Zentralblatt für Bibliothekswesen 65/1951, H. 11/12, S. 407–415.
  • Karin Müller-Kelwing: Zwischen Kunst, Wissenschaft und Politik. Die Staatlichen Sammlungen für Kunst und Wissenschaft in Dresden und ihre Mitarbeiter im Nationalsozialismus. Böhlau, Köln 2020, ISBN 978-3-412-51863-9, Jakob Jatzwauk: S. 364–366.

Einzelnachweise

  1. Staatsbibliothek Berlin: Digitalisat der Dissertation, abgerufen am 9. August 2025. (S. 91 nennt er die „k. k. deutsche Karl Ferdinand-Universität“).
  2. a b Peter Kunze: Jakub Wjacsławk (Jakob Jatzwauk). In: Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde (Hrsg.): Sächsische Biografie.
  3. Jakob Jatzwauk: Kurzer Abriß der Geschichte der Sächsischen Bibliographie. In: Sächsische Landesbibliothek Dresden (Hrsg.): Festschrift Martin Bollert zum 60. Geburtstage. Jeß, Dresden 1936, S. 38–48 (slub-dresden.de).
    1. S. 38
    2. S. 47
  4. a b Karin Müller-Kelwing: Zwischen Kunst, Wissenschaft und Politik. Die Staatlichen Sammlungen für Kunst und Wissenschaft in Dresden und ihre Mitarbeiter im Nationalsozialismus. Böhlau, Köln 2020, ISBN 978-3-412-51863-9, S. 364--366.
  5. Otto Lehmann: Rezension [der Wendischen Bibliographie]. In: Zeitschrift für Slavische Philologie. Band 7, Nr. 3/4, 1930, S. 528, JSTOR:24000391 („Er [Jatzwauk] mußte ein ganzes Jahr lang fast täglich nach seiner Dienstzeit von Dresden nach Bautzen fahren, um hier in den Nachtstunden seine Arbeit durchzuführen.“)
  6. Jakub Wjacsławk/Jacob Jatzwauk: Katalog serbskeho wotdźěla knihownje Maćicy Serbskeje / Katalog der wendischen Abteilung der Bibliothek der Gesellschaft Maćica Serbska. Verlag der Maćicy Serbskeje, Bautzen 1924, 154 Seiten, online SLUB Dresden
  7. Jakob Jatzwauk: Wendische (Sorbische) Bibliographie. Markert & Petters, Leipzig, 1929. (= Veröffentlichungen des Slavischen Instituts an der Friedrich-Wilhelm-Universität Berlin. Band 2)
  8. Michael Letocha: Der Bibliothekar und Bibliograph Jakob Jatzwauk, SLUB-Kurier (2001)3, S. 13–14.
  9. Geschichte des Staatsfilialarchivs Bautzen
  10. Jakub Wjacsławk/Jacob Jatzwauk: Serbska Bibliografija / Sorbische (wendische) Bibliographie. (= Berichte über die Verhandlungen der Sächsischen Akadmie der Wissenschaften zu Leipzig, Philologisch-historische Klasse. Band 98, Heft 3), Akademie-Verlag, Berlin 1952, Reprint 2021 bei Dokumen.pub