Jacques Accarias de Sérionne
Jacques Accarias de Sérionne (getauft am 9. Oktober 1706 in Châtillon-en-Diois; † um 1792, vermutlich in Wien) war ein französischer Ökonom und Publizist. Accarias vertrat Auffassungen des Klassischen Liberalismus bzw. der Klassischen Nationalökonomie und wird einem Kreis um Vincent de Gournay zugeordnet.[1] In der Wirtschaftsliteratur der Zeit der Aufklärung zählt sein Hauptwerk Les Intérêts des Nations de L’Europe (1766) zu den bedeutenden Schriften, die auf der Grundlage von Empirie die ökonomischen Phänomene des Handels theoriebildend zu ordnen bemüht waren.[2]
Leben
Jacques Accarias war eines von 17 Kindern des Schlosshauptmanns Jean Baptiste Accarias († 1728) und dessen Ehefrau Catherine, einer Tochter des Rechtsanwalts Achille Lagier am französischen Hof. Eine höhere Ausbildung erhielt er in Die. Jura studierte er an der Université de Valence. Um 1732 ging Accarias nach Paris, wo er eine Stelle als Hauslehrer, vielleicht auch als Sekretär, im Haus Metz de Rosnay fand. 1734 erhielt er von seinem Bruder François das Lehen von Sérionne, das der Vater 1706 durch Kauf erworben hatte. 1736 wurde er Anwalt bei den königlichen Räten. Dieses Amt wurde durch das Edikt vom September 1738 abgeschafft. Danach erhielt er ein neues Amt, das er bis Ende 1753 innehatte. Noch 1741 lebte er in der Rue des Fossés Montmartre im Haus Metz de Rosnay und verbrachte seine Ferien im Château d’Eve in der Nähe von Dammartin, einem Anwesen der Familie Metz de Rosnay, wo sich eine bedeutende Bibliothek befand.
Im April 1746 (Vertrag vom 5. April) heiratete er Anne Catherine Balmpain, eine siebzehnjährige Waise, die unter dem Schutz von Marie Elisabeth von Lothringen, Prinzessin von Epinay (1664–1748), stand und eine Mitgift von 140.000 Livre in die Ehe einbrachte. Catherine starb am 29. Januar 1748 kinderlos. Im Juni 1750 heiratete er in zweiter Ehe Anne Madeleine Prospère Lefranc, die Tochter des Gutsherrn Jean Lefranc de Brinpré. Sie hatten einen Sohn, Jean Jacques, der am 15. April 1751 in Paris geboren wurde und später mit seiner Mutter in Frankreich blieb. Dieser einzige Sohn wurde 1785 Sekretär im Büro des Contrôle général und war königlicher Zensor für die Belles-Lettres. Vater und Sohn wurden oft verwechselt.
1746 erwarb Accarias das Amt eines königlichen Sekretärs für 100.000 Livre. Diesem Amt trug ihm jährlich 3.300 Livre ein und verlieh ihm den Adelsstand. Die Mitgift seiner zweiten Frau in Höhe von 20.000 Livre war 1752 noch nicht ausgezahlt worden. 1752 war er Syndikus der Anwälte, als er sich mit Charles Thomas de Beauvisage de Lavault zusammentat, um Kommissar für Realbeschlagnahmungen von Paris zu werden. Er musste beträchtliche Kredite aufnehmen und war Ende 1755 um 247.000 Livre im Debit. Die Zahlungsunfähigkeit von Jacques-Armand Dupin de Chenonceaux trieb ihn in den Bankrott. Von seinen Gläubigern verfolgt, unterzeichnete er am 18. Januar 1758 eine Vermögensabtretung und verließ Frankreich.
Nachdem er sich Ende 1757 in Brüssel niedergelassen hatte, lernte er Johann Karl Philipp Graf Cobenzl kennen, den bevollmächtigten Minister für die Österreichischen Niederlande, der sein Förderer wurde. Ab 1759 veröffentlichte er das Journal du Commerce. Kaiserin Maria Theresia, die ihn für seine Dienste mehrmals mit 100 Pistolen entlohnte, nannte ihn „unseren ordentlichen Sekretär“.
Nachdem er die Zeitung eingestellt hatte, zog Accarias dauerhaft nach Amsterdam. Dort befasste er sich mit Wirtschaft und Handel, vielleicht für die österreichische Regierung oder als Agent von Cobenzl. Im Jahr 1768 wurde er als „ausgebürgert und nach Holland zurückgezogen“ beschrieben. Um 1769 verließ er Holland und ging nach Österreich. In Wien trat er in geschäftlicher Partnerschaft mit dem Unternehmen des Barons Jacques Philippe Ernest Caneau de Beauregard auf, das für eine Peuplierung entlang der Wolga Siedler geworben hatte.[3][4][5][6] Der Wiener Regierung boten sie einige Tausend gestrandete Kolonisten aus Caneaus russischem Siedlungsprojekt für eine Ansiedlung in Ungarn vor. Außerdem wollten sie Finanzmittel für eine Handelsgesellschaft auftreiben, die den Transfer der Siedler und im Gegenzug Exporte aus Ungarn fördern sollte. 1769 ließ die Kaiserin die Gespräche beenden.[7]
Von 1769 bis 1774 war Accarias Kaufmann im Dienste der Familie Batthyány und soll eine finanzielle Stellung in Ungarn erlangt haben. Über sein Lebensende ist praktisch nichts bekannt.
Als Verleger und Autor einer niederländischen Wirtschaftsgeschichte wurde Elie Luzac (1721–1796) bekannt, der Accarias’ Werk La Richesse de la Hollande mit eigenen Beiträgen unter dem Titel Hollands Rijkdom, behelzende den oorsprong van den koophandel en van de magt van dezen staat (1780–1783) ins Niederländische übersetzte.
Veröffentlichungen (Auswahl)
- Journal de commerce, ab Dezember 1761 Journal de commerce et d’agriculture, in Brüssel von Januar 1759 bis Dezember 1762 herausgegebene Monatsschrift.
- Almanach des négociants. Brüssel 1762.
- Le Commerce de la Hollande, ou Tableau des Hollandois de le quatre parties du Monde. 3 Bände Amsterdam 1765–1768 (Google Books).
- Les Intérêts des Nations de L’Europe dévelopés relativement au Commerce. Leiden 1766 (Google Books).
- Die Vortheile der Völker durch die Handlung. Leipzig 1766 (Google Books).
- Historia de los intereses de comercio de todas las naciones de Europa en las cuatro partes del mundo. Madrid 1772.
- La Richesse de l’Angleterre. Wien 1771 (Google Books).
- La Vraie Richesse de L’Etat. Wien 1774 (Google Books).
- Liberté de penser et d’écrire. Wien 1775 (Google Books).
- La Richesse de la Hollande. London 1778 (Google Books).
- L’Ordre Moral, ou le Développement des Principales Loix de la Nature. Augsburg 1780 (Google Books).
- Situation Politique Actuelle de L’Europe, considérée relativement à L’Ordre Moral. Augsburg 1781 (Google Books).
Literatur
- Serionne, Jacques Accarias de. In: Biographie universelle ancienne et moderne. Band 42: Sen–Sok. Michaud, Paris 1825, S. 74 (Google Books).
- Constantin von Wurzbach: Serionne, Joseph Accarias. In: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich. 34. Theil. Kaiserlich-königliche Hof- und Staatsdruckerei, Wien 1877, S. 148 (Digitalisat).
- Joseph Accarias: Un publiciste dauphinois du XVIIIe siècle. Jacques Accarias de Sérionne. Sa famille, sa vie, ses ouvrages. In: Bulletin de l’Académie delphinale. 4. Folge, Band III, 1889, Grenoble 1890, S. 487–533 (Google Books).
- Hervé Hasquin: Jacques Accarias de Sérionne, économiste et publiciste français au service des Pays Bas autrichiens. In: Etudes sur le XVIIIe siècle. Brüssel 1974, Band I, S. 159–170.
- Hervé Hasquin: Jacques Accarias de Serionne et le Journal du Commerce. Un publiciste français au service de l’Autiche. In: Hervé Hasquin: Population, commerce e religion au siècle des Lumières. Edition de l’Universite de Bruxelles, Brüssel 2008, S. 155–167.
- Antonella Alimento: Raynal, Accarias de Sérionne et le Pacte de la Famille. In: Antonella Alimento, Gianluigi Goggi (Hrsg.): Autour de l’Abbé Raynal. genèse et enjeux politique de l’Histoire de deux Indes. Centre International d’Étude du XVIIIe Siècle, Ferney-Voltaire 2018, ISBN 978-2-84559-126-4, S. 33–45 (PDF).
Weblinks
- Jacques Accarias de Serionne, Eintrag im Portal dictionnaire-journalistes.gazettes18e.fr (Dictionnaire des journalistes 1600–1789)
- Jacques Accarias de Sérionne, genealogisches Datenblatt im Portal gw.geneanet.org
Einzelnachweise
- ↑ Eva Piirimäe: Herder and Enlightenment Politics. Cambridge University Press, 2023, ISBN 978-1-009-26386-3, S. 119 (Google Books)
- ↑ Hans-Jürgen Lüsebrink: (Re)Inventing a New Economic Encyclopedia. The Stranding of Abbé Mollet’s Ambitious Nouveau Dictionaire de Commerce (1769). In: Linn Holmberg, Maria Simonsen (Hrsg.): Stranded Encyclopedias, 1700–2000. Exploring Unfinished, Unpublished, Unsuccessful Encyclopedic Projects. Palgrave Macmillan, Cham 2021, ISBN 978-3-030-64299-0, S. 76 f. (Google Books)
- ↑ Aus den Papieren Jacob von Stählins. Ost-Europaverlag, Königsberg i. Pr./Berlin 1926, S. 333 (Google Books)
- ↑ Барон де Кано де Борегард, Biografie im Portal rauschenbach.ru, abgerufen am 12. Oktober 2025
- ↑ Genealogische en Heraldische Bladen. Maandblad voor geslacht-, wapen- en zegelkunde. Centraal bureau voor genealogie en heraldiek, Band 8 (1913), S. 270
- ↑ Johannes Kufeld: Die deutschen Kolonien an der Wolga. Historischer Forschungsverein der Deutschen aus Russland, 2000, ISBN 978-3-0000-7316-8, S. 60, 77, 114
- ↑ Simon Adler: Politische Ökonomie in der Habsburgermonarchie 1750–1774. Der Beitrag von Ludwig Zinzendorf. Springer Gabler, Cham 2025, ISBN 978-3-031-88123-7, S. 230 (Google Books)