Jack Lang
Jack Mathieu Émile Lang ([ʒak lɑ̃g]) (* 2. September 1939 in Mirecourt, Département Vosges) ist ein französischer Politiker. Er war Kultur- sowie Bildungsminister des Landes.
Herkunft und Familie
Lang entstammt einer wohlhabenden Familie mit drei weiteren Geschwistern. Seine Mutter war Katholikin, sein Vater, ein kaufmännischer Direktor, wie sein Großvater entstammten einer jüdischen[1] Familie und waren Mitglieder einer Freimaurerloge. Im Zweiten Weltkrieg engagierte sich sein Vater in der Résistance.[2]
Lang wuchs in Nancy auf, lernte drei Jahre Schauspiel am Conservatoire d'art dramatique seiner Heimatstadt und studierte schließlich am Institut d’études politiques de Paris («Sciences Po») Politikwissenschaft und Öffentliches Recht. Er erwarb den Doktorgrad in beiden Disziplinen.
Er ist seit 1961 mit der ehemaligen Sängerin und Schauspielerin Monique Buczynski verheiratet.[3] Ihre gemeinsamen Töchter, Caroline (* 1961) und Valérie Lang (1966–2013), wurden ebenfalls Schauspielerinnen.
Laufbahn
Sein frühes Interesse für das Schauspiel führte dazu, dass Lang 1963 das Festival de théâtre universitaire de Nancy gründete, das er bis 1973 leitete, und 1972 vom französischen Staatspräsidenten, Georges Pompidou, zum Intendanten des Théâtre national de Chaillot in Paris berufen wurde. 1974 gab er diese Position auf.
Ab 1971 lehrte er Internationales Recht an der Universität Nancy, ab 1976 als Professor. Von 1986 bis 1988 und von 1993 bis 1997 lehrte er an der Universität Paris-Nanterre.
Auf politischem Gebiet war Lang früh Anhänger von Pierre Mendès France. Er engagierte sich Ende der 1960er Jahre bei des linkssozialistischen Parti socialiste unifié (PSU),[4] bevor er 1974 Wahlkampf für den Sozialisten François Mitterrand machte und 1977 Mitglied des Parti socialiste (PS) wurde.[5] Innerhalb des PS übernahm er bald höhere Ämter, u. a. leitete er für die Partei den Europawahlkampf 1979, war danach ihr nationaler Delegierter für Kulturangelegenheiten, wirkte maßgeblich am Wahlsieg Mitterrands bei der Präsidentschaftswahl 1981 mit und war von 1987 bis 1988 Parteisekretär für Kultur und Jugend.
1977 unterschrieb er mit etwa sechzig weiteren bedeutenden französischen Intellektuellen, darunter Simone de Beauvoir, Jean-Paul Sartre, Gilles Deleuze, Guy Hocquenghem, Louis Aragon, Roland Barthes und Philippe Sollers, einen Aufruf zur Entkriminalisierung der Pädophilie, der in den Tageszeitungen Libération und Le Monde veröffentlicht wurde. Initiator des Appells war der mehrfach ausgezeichnete, heute umstrittene Schriftsteller Gabriel Matzneff. Das Engagement in dieser Frage erregte Jahrzehnte später, insbesondere auch im Ausland, lebhaften Widerspruch.[6][7][8][9][10][11][12]
Minister
Einer breiten Öffentlichkeit wurde Jack Lang durch seine Ministerämter bekannt. 1981 wurde er unter Staatspräsident Mitterrand im Kabinett von Premierminister Pierre Mauroy Kulturminister und hatte dieses Amt bis 1986 und nochmals von 1988 bis 1993 inne.
In dieser Funktion rief er 1982 die Fête de la Musique ins Leben und begleitete die Ära Mitterrand mit einer so umfassenden kulturellen Tätigkeit, wie sie vom Kulturministerium seit André Malraux in den 1960er Jahren nicht mehr ausgegangen war. 1984 rief er die Tage der offenen Tür in historischen Sehenswürdigkeiten ins Leben, die seitdem in vielen weiteren Ländern als European Heritage Days und in Deutschland als Tag des offenen Denkmals stattfinden.
Insbesondere hatte Lang Anteil an der architektonischen Gestaltung von Paris. Auf ihn gehen die gläserne Pyramide am Louvre und der neue Triumphbogen, die Grande Arche in La Défense, zurück. Im Rahmen der Dezentralisierung Frankreichs stieß er die Gründung zahlreicher Kulturhäuser in den Provinzen an.
Er sprach sich gegen die Dominanz der amerikanischen Kultur aus und setzte sich für die Stärkung der europäischen unter anderem durch die Quotierung einheimischer und europäischer Filmproduktionen im Fernsehen ein.
Sein Engagement für die Rechte Homosexueller brachte ihm die Kritik konservativer und religiöser Kreise ein.
Im Kabinett Pierre Bérégovoy war er vom 3. April 1992 bis 29. März 1993 „Superminister“ für Bildung und Kultur im Rang eines Staatsministers.
Von 1994 bis 1997 war er Mitglied des Europäischen Parlaments.
Im Zuge einer Regierungsumbildung des Kabinetts Jospin wurde er im März 2000 nochmals Bildungsminister und blieb es bis zum Rücktritt der Regierung im Mai 2002.
Weitere politische Ämter
Von 1989 bis 2001 war Lang Bürgermeister von Blois. Danach war er von 2002 bis 2012 Abgeordneter in der Nationalversammlung für den Wahlkreis 6 des Départements Pas-de-Calais.
Im Jahr 2010 ernannte ihn UN-Generalsekretär Ban Ki-moon zum UN-Sonderberater für den Kampf gegen die Piraterie im Seeverkehr.[13]
2013 trat er an die Spitze des Institut du monde arabe.[14] In der französischen Presse wurde ihm 2015 vorgehalten, er verteidige Saudi-Arabien und Katar gegen den Vorwurf, den islamistischen Terror zu unterstützen, weil diese Länder an der Finanzierung des Instituts beteiligt seien.[15]
Auszeichnungen
1991 erhielt er den Orden wider den tierischen Ernst des Aachener Karnevalvereins.
Schriften
- La langue arabe, trésor de France. 2020 (Pressetext)
Film
- 2009: Elektrokohle (Von Wegen). Dokumentation, Deutschland 2009, 91 Minuten, Buch und Regie: Uli M Schueppel
- 2011: Jack Lang – Kultur macht Politik. Schauspieler, Pädagoge, Minister. Dokumentation, Frankreich, 2011, 43 Minuten, Buch und Regie: Marie-Eve Chamard und Philippe Kieffer, Produktion: ARTE France, deutsche Erstausstrahlung: 19. Juni 2011, Inhaltsangabe.
- 2012: Und nebenbei das große Glück (Un bonheur n’arrive jamais seul)
Weblinks
- Jack Langs Blog
- Literatur von und über Jack Lang im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Jack Lang in der Abgeordnetendatenbank des Europäischen Parlaments
Einzelnachweise
- ↑ Gay activist with Jewish roots to head Arab World Institute. In: Jewish Telegraphic Agency. 27. Januar 2013, abgerufen am 20. Januar 2019 (amerikanisches Englisch).
- ↑ «Jack Lang – Kultur macht Politik.» (Seite nicht mehr abrufbar, festgestellt im April 2018. Suche in Webarchiven) Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. ARTE France, 19. Juni 2011
- ↑ Marie Delarue: Les aventures de Lang de Blois. Enquêtes. Jacques Grancher, Paris 1995, Kapitel 1: Je est un autre.
- ↑ Christoph Kalter: Die Entdeckung der Dritten Welt. Dekolonisierung und neue radikale Linke in Frankreich. Campus Verlag, Frankfurt/New York 2011, S. 323.
- ↑ Jack Lang. In: TéléObs, abgerufen am 19. August 2019.
- ↑ Pascale Hugues: Es war verboten, zu verbieten. In: Die Zeit vom 25. Januar 2020, S. 53.
- ↑ Dominique Perrin: « Les temps ont changé, il est devenu indéfendable » : dans un contexte post-#metoo, le malaise Gabriel Matzneff. In: lemonde.fr. 23. Dezember 2019, abgerufen am 6. März 2025 (französisch).
- ↑ Julian Bourg: 18 Boy Trouble: French Pedophiliac Discourse of the 1970s. In: From Revolution to Ethics: May 1968 and Contemporary French Thought, S. 204–218. Montreal: McGill-Queen's University Press, 2007. https://doi.org/10.1515/9780773552463-022
- ↑ Pädophilie in Frankreich: Autor schreibt über Sex mit Kindern. In: faz.net. 16. Januar 2020, abgerufen am 6. März 2025.
- ↑ Robin Andraca: Matzneff : les signataires d'une pétition pro-pédophilie de 1977 ont-ils émis des regrets ? In: liberation.fr. Abgerufen am 11. März 2025 (französisch).
- ↑ Philippe Brenot: Matzneff, Duvert et la cause pédophile ! In: lemonde.fr. 4. Januar 2020, abgerufen am 11. März 2025 (französisch).
- ↑ Avec Gabriel Matzneff, le choc de deux époques - Le Temps. 30. Dezember 2019, ISSN 1423-3967 (letemps.ch [abgerufen am 11. März 2025]).
- ↑ Piraterie : le Français Jack Lang nommé Conseiller spécial de l'ONU Cenre d’actualités de l’ONU, 26. August 2010.
- ↑ Jack Lang devient le nouveau président de l’Institut du monde arabe, hemonde.fr, 25. Januar 2013.
- ↑ Jörg Altwegg: Für Aleppo sterben? Jack Lang führt französische Kulturschaffende in den Krieg nach Syrien. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. Februar 2016, S. 9.