J. Elmer Spyglass

James Elmer Spyglass (* 1. November 1877 in Springfield, Ohio; † 16. Februar 1957 in Schwalbach am Taunus) war ein US-amerikanischer Sänger. Er verbrachte den größten Teil seines Lebens in Europa und war nach Ende des Zweiten Weltkriegs für das Generalkonsulat der Vereinigten Staaten im deutschen Frankfurt am Main tätig. 1954 wurde ihm von der Stadt Schwalbach am Taunus die Ehrenbürgerschaft verliehen.

Biographie

Jugend und Ausbildung

James Elmer Spyglass wurde als James Elmer Johnson geboren. Er wuchs bei Pflegeeltern auf, von denen er später adoptiert wurde. Vermutlich war er ein außereheliches Kind des Vaters seiner Pflegemutter Elizabeth Spyglass (1847–1915), geborene Johnson, somit ihr Halbbruder.[2] Der Vater Augustus Spyglass (1846–1925), ein ehemaliger Buffalo Soldier, arbeitete als Schmied, war nebenberuflich Organist seiner Kirchengemeinde und unterrichtete James ab dem Alter von vier Jahren im Orgelspiel, mit 14 Jahren sang der Sohn im Kirchenchor. Als Schüler arbeitete er in verschiedenen Jobs – Kellner, Packer, Küchenhilfe, Pflücker – und gab das gesamte Geld, das er verdiente, für Musikunterricht und Musikalien aus.[3] Schon vor Aufnahme seines Musikstudiums in Toledo, Ohio, im Jahr 1905 trat er als Sänger mit der Stimmlage Bariton und Chorleiter auf. 1901 organisierte er in Buffalo ein „Sängerfest“.[4] 1906 heiratete er Mary Alice Stewart, die Ehe ging nach wenigen Jahren auseinander.[2]

Leben in Europa

1906 reiste Spyglass nach England, um dort Gesang zu studieren. Doch seine Ersparnisse und das Geld, das Freunde und Förderer für ihn gesammelt hatten, waren aufgebraucht, ehe er einen Studienplatz gefunden hatte, so dass er Engagements als Sänger, der sich selbst am Klavier begleitete, in Music Halls annahm. Mit dem Rest seines Geldes reiste er nach Antwerpen. Dort erhielt er sein erstes Engagement in einem Café. Er trat mit einer Damenkapelle auf und war so erfolgreich, dass er, obwohl klassisch ausgebildet, seine Karriere in den Bereichen der „Leichten Muse“ fortsetzte.[2]

J. Elmer Spyglass tourte fortan durch alle Länder und Regionen, in deren Sprachen er singen konnte: Englisch, Französisch, Deutsch, Italienisch, Holländisch, Dänisch und den Dialekten der Hessen, Bayern, Sachsen, Berliner und Rheinländer. Dazu kamen Gastspielreisen in die Tschechoslowakei, nach Ungarn, Skandinavien und möglicherweise nach Russland. Den größten Teil seines Repertoires bildeten populäre Lieder sowie beliebte Opernarien, aber auch Spirituals.[4]

Zwischen 1907 und 1914 trat er in Frankfurt auf.[4] Ende August 1907 gastierte er im Café van Dyk, Neue Zeil 21; möglicherweise trat er auch schon früher in der Stadt auf, denn Die Fackel vom 6. April 1907 erwähnte, dass ein „Negersänger“ im „Kabarett Oskar Klein“ zu hören gewesen sei. Über den Auftritt im August 1907 schrieb der Rezensent der Fackel: „(...) für seine hübschen Lieder dankt man ebenfalls mit lebhaftem Händeklatschen dem Negersänger Mr. Spyglass, der aber durchaus keine Niggersongs, sondern vornehme Kunstleistungen bringt.“[4] Auch stand er im „Klein Cabaret“ in der Kaiserstraße, im „Intimen Theater“ und im „Trocadero“ auf der Bühne.[2]

Im Juni 1913 trat der „brillante Negertenor“ in Budapest im Jardin de Paris auf,[5] im März 1914 im dortigen Jardin d’Hiver.[6] Im April 1914 schloss in Wien ein Auftritt im Bierkabarett Simplicissimus an.[1]

Von 1914 bis 1925 lebte Spyglass in den Niederlanden und hatte eine einheimische Lebenspartnerin.[2] 1915 erhielt er dort Besuch von seinem Vater aus den USA. 1921 vermeldete das Rotterdamsch Nieuwsblad, der „bekannte Negerbariton J. Elmer Spyglass“ habe in Rotterdam ein Hutgeschäft eröffnet.[7] Er arbeitete weiterhin als Sänger und trat etwa gemeinsam mit dem Ensemble „Cabaret Artistique“ von Jean-Louis Pisuisse auf. Anfang der 1920er Jahre tourte er durch Niederländisch-Indien (heute Indonesien). In Paris trat er beispielsweise mit Mistinguett und Sarah Bernhardt auf, in Berlin mit Otto Reutter. In München war er Partner von Liesl Karlstadt und Karl Valentin. Während eines seiner seltenen Besuche in den USA hieß es in einer Konzertankündigung in der Zeitung The New York Age vom 5. September 1912, er sei „vielleicht der beste lyrische Bariton unter den Afroamerikanern“.[4] Zum Dank an sein Publikum in den Niederlanden komponierte und textete er ein Lied mit dem Titel „Waardering“.[4][8]

Späte Jahre

Im April 1927 ist ein Auftritt im Wiener Moulin Rouge belegt, wo er beworben wurde als „fescher Neger, einer jener Negertenöre, die jetzt außerordentlich en vogue sind“.[9]

Um 1932 beendete Spyglass seine Bühnenkarriere und mietete sich in einer Pension in Frankfurt-Sachsenhausen ein. Deren Wirtin Helene Patt wurde seine Lebensgefährtin; das Paar blieb bis zum Tod von Spyglass zusammen.[10] 1944 wurden Patt und er in Frankfurt ausgebombt, und sie zogen Ende März 1944 nach Schwalbach am Taunus, wo Freunde lebten. Als 1945 die US-Armee dort einrückte, löste es bei den Soldaten großes Erstaunen aus, dass ein Schwarzer die nationalsozialistische Herrschaft offenbar unbehelligt überstanden hatte.[4] Nach eigenen Aussagen hatte er in dieser Zeit nie Probleme wegen seiner Hautfarbe oder seiner Nationalität, musste sich lediglich einmal wöchentlich bei der Polizei melden.[11] In einem Interview mit einer Wochenzeitung für Afroamerikaner gab er seine Erklärung dafür: „Vielleicht lag es daran, dass ich seit 1907 immer wieder dort gelebt hatte. (...) Ich kannte das ganze alte Frankfurt, von den Bankdirektoren bis hin zur Polizei. Und ich habe mich nie in die Politik eingemischt.“[4] Auch sei ihm von den Einwohnern nie ein Vorwurf gemacht worden für die Zerstörungen, die doch von Bombern aus den USA angerichtet wurden.[2]

Schon im letzten Kriegsjahr half Spyglass bei der Beseitigung von Trümmern und der Bergung von Toten. In der Nachkriegszeit setzte er sich für die Belange seiner Schwalbacher Mitbürger beim US-amerikanischen Militär ein.[3] Er gab bis zu 200 Schülern Englischunterricht – Kindern kostenlos – und sammelte Geld für Bedürftige. Auf dem nahegelegenen Camp Eschborn organisierte er Weihnachtsfeiern.[12] Von 1946 bis zum Eintritt in den Ruhestand 1953 arbeitete er als Empfangschef beim US-amerikanischen Konsulat in Frankfurt. Zu seinem 75. Geburtstag im Jahre 1952 sang er noch einmal im Radio.[2] Ein Manuskript seiner Erinnerungen mit dem Titel Where there’s a will there’s a way (Wo ein Wille, ist ein Weg), an denen er Ende der 1940er Jahre schrieb und die gleichzeitig in einem amerikanischen und einem deutschen Verlag erscheinen sollten, gilt als verloren.[4]

Am 16. Februar 1957 starb J. Elmer Spyglass im Alter von 79 Jahren in seiner Wohnung an Herzversagen. Das amerikanische Generalkonsulat wurde am Nachmittag des 21. Februar geschlossen, damit die Mitarbeiter an der Trauerfeier auf dem Frankfurter Hauptfriedhof teilnehmen konnten.[13] Der Leichnam wurde eingeäschert und die Urne auf seinen Wunsch hin auf dem Friedhof von Yellow Springs in der Nähe des Familiengrabs beigesetzt.[2][14]

Ehrungen

Zum Dank für seine Hilfeleistungen in den Kriegs- und Nachkriegsjahren wurde James Elmer Spyglass 1954 die Ehrenbürgerschaft der Stadt Schwalbach verliehen; bei der Feierstunde im historischen Gasthof „Mutter Krauss“ war der US-amerikanische Generalkonsul Montagu Pigott anwesend. Darüber wurde auch in US-Zeitungen berichtet, etwa unter der Überschrift „Ohio Negro Made an Honorary Citizen of West German Town“.[15] Auch lobte die Stadt 1975 einen Preis für multikulturelle Verdienste aus, die „Elmer-Spyglass-Plakette“.[16] An seinem letzten Wohnhaus (Steinweg 7) wurde 2013 eine Gedenktafel angebracht,[4] und das Haus ist Station bei Stadtführungen.[17]

Commons: J. Elmer Spyglass – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b Simplicissimus Bierkabaret. In: Illustrirtes Wiener Extrablatt, 1. April 1914, S. 16 (online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/iwe
  2. a b c d e f g h Richard Peters: J. Elmer Spyglass. In: Historische Gesellschaft Eschborn. Abgerufen am 11. Oktober 2025.
  3. a b Elmer Spyglass. In: schwalbach.de. 11. Oktober 2025, abgerufen am 11. Oktober 2025.
  4. a b c d e f g h i j Hans Pehl: Spyglass, James Elmer. In: Frankfurter Personenlexikon. Abgerufen am 11. Oktober 2025.
  5. Jardin de Paris. In: Pester Lloyd, 8. Juni 1913, S. 12 (online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/pel
  6. Jardin d’Hiver. In: Pester Lloyd, 3. März 1914, S. 10 (online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/pel
  7. Spyglass en dameshoeden! In: Rotterdamsch Nieuwsblad. 7. März 1921 (kb.nl [abgerufen am 12. Oktober 2025]).
  8. Oud-Utrecht: Spyglass Waardering auf YouTube, 25. November 2019, abgerufen am 30. Oktober 2025 (Laufzeit: 10:50 min).
  9. Das April-Programm im Moulin Rouge. In: Die Stunde, 7. April 1927, S. 6 (online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/std
  10. Laut der Sterbeurkunde von Spyglass war das Paar verheiratet.
  11. Will Long: J. Elmer Spyglass teaches Germans about democracy (1947) – Black Central Europe. In: blackcentraleurope.com. 13. März 2017, abgerufen am 11. Oktober 2025 (englisch).
  12. Chris Higmann: James Elmer Spyglass —Honorary Citizen of Schwalbach. In: higman.de. Abgerufen am 12. Oktober 2025.
  13. Famed Negro Dead at 79. In: The Indiana Gazette. 21. Februar 1957.
  14. James Elmer Spyglass (1877-1957) – Find a Grave Gedenkstätte. In: de.findagrave.com. Abgerufen am 11. Oktober 2025.
  15. Tom Stone: Ohio Negro Made an Honorary Citizen of West German Town. In: The Daily Reporter. 2. Dezember 1954 (englisch, newspapers.com).
  16. Verleihung der Elmer-Spyglass-Plakette an die Flüchtlingshilfe Schwalbach am Taunus e.V. In: schwalbach.de. 11. Oktober 2025, abgerufen am 11. Oktober 2025.
  17. Stadtrundgang. In: schwalbach.de. 12. Oktober 2025, abgerufen am 12. Oktober 2025.