J. D. 'Okhai Ojeikere

J. D. 'Okhai Ojeikere (Ovbionu-Emai) (* 1930 in Nigeria; † 2. Februar 2014 in Lagos, Nigeria[1]) war ein nigerianischer Fotograf,[2] der durch die Aufnahmen der einzigartigen Frisuren nigerianischer Frauen bekannt wurde.[3] Er gilt als einer der bedeutendsten Fotografen Afrikas und schuf mit Serien zu Frisuren, Kopfbedeckungen, Porträts und moderner Architektur eine visuelle Chronik der gesellschaftlichen und politischen Umbrüche Nigerias seit den 1950er-Jahren.[1][4]

Leben und Werk

J.D.'Okhai Ojeikere, auch Ojomu Emai genannt, wurde 1930 in einem ländlichen Gebiet im Südwesten Nigerias geboren und wuchs in einem kleinen Dorf im Westen des Landes auf.[5][1] 1950, im Alter von zwanzig Jahren, begann er mit einer Kodak Brownie D zu fotografieren, obwohl Fotografie in seinem Dorf keineswegs üblich war.[6][1] Ein Cousin riet ihm zum Kauf der Kamera, brachte ihm die Grundlagen bei, und Ojeikere entwickelte sein Talent anschließend als Autodidakt weiter.[7][8]

In den frühen 1950er-Jahren bewarb er sich hartnäckig beim State Ministry of Information in Ibadan um eine Stelle als Assistent im Fotolabor, und 1954 begann er dort als Dunkelkammerassistent in der Fotografieabteilung zu arbeiten.[9][1][8] Kurz nach der Unabhängigkeit Nigerias erhielt er eine Stelle als Fotograf bei der Western Nigerian Broadcasting Service, der ersten Fernsehstation des Landes, und arbeitete dort Anfang der 1960er-Jahre.[10][1][8] 1963 zog er nach Lagos und arbeitete bis 1975 bei der Werbeagentur West Africa Publicity, bevor er sein eigenes Studio Foto Ojeikere eröffnete.[11][8] Er lebte und arbeitete bis zu seinem Tod in Lagos.[12][1]

Im Jahr 1967 wurde Ojeikere Mitglied des Nigerian Arts Council, der Festivals für bildende und darstellende Kunst organisierte, und nutzte diese Tätigkeit, um sich verstärkt der Dokumentation nigerianischer Kultur zu widmen.[13][8][1] Über den Arts Council unterstützte er die Kunstszene seines Heimatlandes und setzte sich für die Sichtbarkeit zeitgenössischer nigerianischer Kunst ein.[4] Ojeikere beschrieb die frühen Jahre der Unabhängigkeit als Zeit großer Hoffnungen, in der viele glaubten, ein rohstoffreiches Land könne seinen eigenen Weg gehen, sah diese Träume jedoch durch Tribalismus und aufeinanderfolgende Militärdiktaturen zerstört.[1] Zugleich kritisierte er, dass der Staat sich kaum um die Förderung der Künste kümmere und es trotz großer privater Vermögen an tragfähigen Institutionen für Kunst und Kultur fehle.[1]

In der Folge der Kolonialzeit begann Ojeikere bereits in den 1950er-Jahren, den gesellschaftlichen Wandel in Nigeria mit der Kamera zu begleiten, vom Alltagsleben im Dorf über Universitätscampus bis hin zu städtischen Szenen in einer Nation im Umbruch.[4] Für über sechs Jahrzehnte dokumentierte er unterschiedlichste Facetten des Landes – von Theateraufführungen und Festivals über Kinder und Landschaften bis zur Architektur – und schuf so ein häufig als anthropologische Studie beschriebenes Bild Nigerias in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.[4] Neben Aufnahmen des täglichen Lebens hielt er den Modernisierungsschub nach der Unabhängigkeit fotografisch fest, etwa neue Flughäfen, Banken, Industriebauten, Wohnhäuser und das Nationale Theater in Lagos.[1][4] In seinem privaten Architekturarchiv bewahrte er auch Aufnahmen von Termitenhügeln auf, die er scherzhaft als „erste Wolkenkratzer“ bezeichnete.[1]

Hairstyles und andere Serien

Seit den späten 1960er-Jahren arbeitete Ojeikere an der Serie Hairstyles, mit der er nach seinem Beitritt zum Nigerian Arts Council begann und die zu seinem bekanntesten Werk wurde.[1][8] Die Serie umfasst rund tausend Schwarzweißfotografien afrikanischer Frisuren, die er meist von hinten oder aus leicht versetztem Blickwinkel aufnahm.[1][4] Über mehrere Jahrzehnte hinweg porträtierte er dabei eine Vielzahl komplexer Flecht- und Zopffrisuren, die von alltäglichen Stylings bis zu aufwendig konstruierten, skulpturalen Formen reichen.[8][4] Ojeikere fand diese „artsy sculptures“ auf der Straße, bei der Arbeit, auf Hochzeiten und in Büros und beschrieb sie als kurzlebige „Skulpturen für einen Tag“, die er mit der Kamera bewahren wollte.[14][8][4]

Im Laufe seiner Karriere verlagerte er die Entstehung der Hairstyles zunehmend ins Studio, wo er zur Hervorhebung der skulpturalen Qualitäten von Frisuren und Kopfbedeckungen mit kontrollierter Beleuchtung.[4] Für Kuratorinnen wie Bisi Silva und Gillian Fox besitzen diese Bilder nicht nur ästhetischen, sondern auch anthropologischen Wert, weil sie die Veränderung von Mode, Selbstinszenierung und gesellschaftlichen Rollenbildern in Nigeria vom Ende der Kolonialzeit über die Unabhängigkeit bis in die Gegenwart aufzeigen.[4] Silva bezeichnete Ojeikeres Gesamtwerk als „visuelle Geschichte Nigerias“, die neben Frisuren auch traditionelle Kopfbedeckungen, Studioporträts, Theateraufführungen, Kinder, Landschaften und Architektur umfasst.[4] Ein zentrales Motiv seiner Arbeit war dabei das Bewahren von Traditionen, die er durch Modernisierung und Migration bedroht sah; er wollte Feste, Zeremonien und alltägliche Gesten im kollektiven Gedächtnis bewahren.[4]

Neben Hairstyles widmete sich Ojeikere über Jahrzehnte hinweg der Fotografie traditioneller nigerianischer Kopfbedeckungen, der sich wandelnden Architektur seiner Heimatstädte sowie einer umfangreichen Studioporträtpraxis, in der sich die wachsende städtische Mittelschicht Nigerias präsentiert.[1][4] Viele seiner Fotografien sind nach Aufnahmeort und -datum betitelt und verweisen damit auf den ethnografischen Anspruch seines Werkes.[4] Durch die systematische Erfassung von Frisuren, Kleidung und Körperhaltungen zeigen seine Bilder, wie sehr Vorstellungen von Modernität, Professionalität und Mode mit den politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen des Landes verknüpft sind.[4]

International bekannt wurde Ojeikere zunächst durch Ausstellungen in Afrika und Europa; eine Auswahl der Hairstyles-Serie war 2007 auf der documenta 12 in Kassel zu sehen und wurde 2013 in der Ausstellung Il Palazzo Enciclopedico auf der 55. Biennale von Venedig gezeigt.[15][1][8] Überdies wurden seine Hairstyles und verwandte Serien in zahlreichen Museen und Galerien weltweit gezeigt, etwa in Form der von Hayward Touring organisierten Ausstellung Hairstyles and Headdresses im Vereinigten Königreich.[4] Die Kuratorin Gillian Fox interpretierte dieses Projekt als „Liebesbrief“ Ojeikeres an sein Land, in dem er mit einem modernen Medium einen flüchtigen Teil des kulturellen Erbes festhält.[4]

Die Gründerin des Centre for Contemporary Art in Lagos, Bisi Silva, arbeitete über mehrere Jahre mit Ojeikere an einer umfangreichen Monografie, die sein Archiv erschließen und einem internationalen Publikum zugänglich machen sollte.[4] Der nigerianische Filmemacher Tam Fiofori widmete ihm mit J.D. 'Okhai Ojeikere: Master Photographer einen Dokumentarfilm, welcher das letzte Lebensjahr des Künstlers begleitet und seine Arbeitsweise sowie sein Verständnis von Fotografie als Dokument der Unabhängigkeit und Modernisierung Nigerias aufzeigt.[4]

Ausstellungen (Auswahl)

Einzelausstellungen

  • 2005 Hairstyles Maison de France, Lagos, Nigeria
  • 2005 Hairstyles Blaffer Gallery, Houston, USA
  • 2002 Hairstyles Wedge Gallery, Toronto, Kanada
  • 2000 J.D. ‘Okhai Ojeikere Fondation Cartier pour l’Art Contemporain, Paris, France
  • 1996 Nigerian Traditional Hairstyle Goethe-Institut-Lagos, Lagos, Nigeria
  • 1995 J.D. ‘Okhai Ojeikere National Arts Council, Lagos

Gruppenausstellungen

Literatur

  • J.D.'Okhai Ojeikere: Photographs: J.D.'Okhai Ojeikere. Mit Texten von Elizabeth Akuyo Oyairo und Andre Magnin, 2000, ISBN 978-3-908247-30-2
Commons: J. D. 'Okhai Ojeikere – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g h i j k l m n o p JD 'Okhai Ojeikere: Nigeria's top photographer dies. In: BBC News. 4. Februar 2014, abgerufen am 8. Dezember 2025.
  2. Fifty one fine art fotografie, abgerufen am 1. September 2013.
  3. Parker Stephenson: Ojeikere (Memento des Originals vom 10. Juni 2013 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.lparkerstephenson.com, abgerufen am 1. September 2013.
  4. a b c d e f g h i j k l m n o p q r s 'A love letter to Nigeria': The master photographer who captured nation's life. In: CNN. 13. Oktober 2014, abgerufen am 8. Dezember 2025.
  5. kunstaspekte, abgerufen am 1. September 2013.
  6. caac art: Ojekere (Memento des Originals vom 25. März 2013 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.caacart.com, abgerufen am 1. September 2013.
  7. caac art: Ojekere (Memento des Originals vom 25. März 2013 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.caacart.com, abgerufen am 1. September 2013.
  8. a b c d e f g h i Lavish Hairstyles by J.D. 'Okhai Ojeikere. In: HuffPost. 18. Juni 2013, abgerufen am 8. Dezember 2025.
  9. caac art: Ojekere (Memento des Originals vom 25. März 2013 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.caacart.com, abgerufen am 1. September 2013.
  10. The huges gallery: J.D.'Okhai Ojeikere (Memento des Originals vom 21. Februar 2014 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.thehughesgallery.com, abgerufen am 1. September 2013.
  11. The huges gallery: J.D.'Okhai Ojeikere (Memento des Originals vom 21. Februar 2014 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.thehughesgallery.com, abgerufen am 1. September 2013.
  12. kunstaspekte, abgerufen am 1. September 2013.
  13. The huges gallery: J.D.'Okhai Ojeikere (Memento des Originals vom 21. Februar 2014 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.thehughesgallery.com, abgerufen am 1. September 2013.
  14. caac art: Ojekere (Memento des Originals vom 25. März 2013 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.caacart.com, abgerufen am 1. September 2013.
  15. universes in universe: Ojeikere abgerufen am 1. September 2013 (englisch)
  16. Chobi Mela (Memento vom 21. Dezember 2013 im Internet Archive) abgerufen am 1. September 2013 (englisch)
  17. universes in universe: Ojeikere abgerufen am 1. September 2013 (englisch)
  18. Moments of Beauty, J.D. ‘Okhai Ojeikere. (Memento des Originals vom 4. März 2016 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.ccalagos.org abgerufen am 11. Februar 2016