Jürgen Weber (Polizist)
Jürgen Weber (* 5. Mai 1953; † 27. Oktober 2015 in Sontra[1]) war ein deutscher Polizeibeamter. Er erlitt durch einen Brandanschlag bei einer Demonstration am 10. Mai 1976 in Frankfurt am Main lebensgefährliche Verletzungen, die ihn lebenslang zeichneten. Durch eine jahrelange Debatte ab 1998 über die mögliche Beteiligung des Bundesaußenministers Joschka Fischer an dem Anschlag wurde Weber bundesweit bekannt.
Brandanschlag
Am 9. Mai 1976 wurde die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof in ihrer Haftzelle in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim tot aufgefunden. Aus diesem Anlass versammelten sich am 10. Mai 1976 rund 1500 Menschen auf dem Campus der Goethe-Universität Frankfurt am Main, um gegen eine vermutete Ermordung Meinhofs durch Staatsorgane zu demonstrieren. Obwohl Behörden die Demonstration verboten, begannen mehrere Gruppen in die Stadt zu ziehen.[2] Die Berichte über die Teilnehmerzahl schwanken zwischen einigen hundert[3] und bis zu 1000. Die Stimmung war aufgeheizt.[4]
Kurz vor 17:00 Uhr trafen die Demonstranten beim Goetheplatz auf Polizeieinheiten, die ihnen den Weg versperrten. Daraufhin versuchten sie sich zu einer Formation zusammenzuschließen. Der damals 23-jährige Polizeiobermeister Jürgen Weber fuhr mit zwei Kollegen, darunter dem Polizeihauptkommissar Horst Breunig, in einem Streifenwagen zum Goetheplatz. Die Kollegen stiegen dort aus; Breunig beorderte eine bereitstehende Hundertschaft, sich zu formieren und gegen die Demonstranten vorzurücken. Daraufhin warfen Demonstranten Steine und Molotowcocktails auf die Polizeikette.[2] Nach einem anderen Bericht fuhr Weber mit dem Streifenwagen hinter den Demonstranten her, die gegen 17:00 Uhr stehenblieben. Danach drehten sich etwa 40 bis 50 Demonstranten um und warfen eine Salve von Brandsätzen gezielt auf Webers Fahrzeug.[4]
Diese setzten den Streifenwagen in Brand; ein Brandsatz fiel durch das offene Fenster hinein. Nach Aussagen seiner Kollegen versuchte Weber sich mit einem Hechtsprung durch die Beifahrertür zu retten, blieb aber mit den Füßen in den Pedalen hängen und fing sofort Feuer. Andere Polizisten zogen ihn aus dem Wagen, rissen ihm die brennenden Kleidungsstücke vom Leib und erstickten die Flammen. Bis dahin waren rund zwei Drittel seiner Haut verbrannt. Wegen der unerträglichen Schmerzen flehte er einen Kollegen an, ihn zu erschießen. Nach einigen Minuten kam ein Rettungswagen und brachte ihn in eine Spezialklinik für Brandopfer nach Ludwigshafen. Seine Überlebenschancen wurden als gering eingestuft. Nach einer Woche gab die Klinik bekannt, er sei außer Lebensgefahr.[2]
Nach einem anderen Bericht schwebte er mehr als einen Monat lang in Lebensgefahr und überlebte entgegen allen Prognosen. Nach langem Krankenhausaufenthalt kehrte er 1977 als Schwerbehinderter in den Polizeidienst zurück. Er blieb bis zu seiner Pensionierung Ende Mai 2013 Polizist.[4]
Erste Ermittlungen
Die Polizei Hessen stufte die Brandsatzwürfe als Mordversuch ein, bildete eine Untersuchungskommission und setzte zur Ergreifung der Täter eine Belohnung von 50.000 DM aus. Die Summe war bis dahin die höchste von Hessens Behörden ausgelobte Belohnung.[5]
Ein Polizeifilmer hatte die Molotowcocktailwürfe auf einem Super-8-Film aufgenommen. Darauf war deutlich eine Frau zu erkennen, die jenen Brandsatz warf, der in Webers Streifenwagen landete. Darum galt zunächst eine mit der Werferin identifizierte Krankenschwester (Gisela I.) als Hauptverdächtige.[6]
Am 14. Mai 1976 durchsuchten Polizisten gleichzeitig 14 Frankfurter Wohngemeinschaften, fanden insgesamt 17 gebrauchsfertige Molotowcocktails und nahmen zwölf Männer und zwei Frauen als mutmaßliche Tatbeteiligte fest. Am Abend zeigte Eduard Zimmermann in der ZDF-Sendung Aktenzeichen XY … ungelöst Polizeivideos und Fotografien von fünf der Festgenommenen, nannte sie „Terroristen“ und bat die Zuschauer um Hinweise auf deren Beteiligung an früheren Brandsatzwürfen auf Polizisten. Einer der fünf wurde als „der 28-jährige Joseph Martin Fischer“ vorgestellt. Bis zum 17. Mai 1976 wurden vier der fünf Personen mangels Beweisen freigelassen; der fünfte wurde nach zehn Tagen Untersuchungshaft entlassen.[2] Fischer wurde keinem Haftrichter vorgeführt und am 16. Mai 1976 freigelassen.[6]
Er hatte sich seit 1973 an mehreren Straßenschlachten der Frankfurter Sponti-Szene beteiligt und gehörte seit 1975 zur „Putzgruppe“ der linksradikalen Gruppe Revolutionärer Kampf (RK). Nach Meinhofs Tod hatte er erklärt, sie sei „von der Reaktion in den Tod getrieben, im wahrsten Sinne des Wortes vernichtet“ worden.[7] Vor der Meinhofdemonstration hatte er eine Diskussion über den Einsatz von Molotowcocktails dabei geleitet. Nach seiner Freilassung wurde weiter gegen ihn wegen versuchten Mordes, Landfriedensbruchs und Bildung einer terroristischen Vereinigung ermittelt.[8]
Wegen dieser Erfahrung forderte Fischer am 6. Juni 1976 als Hauptredner beim Pfingst-Kongress des Sozialistischen Büros in Frankfurt, künftig bei Demonstrationen keine Molotowcocktails mehr zu werfen. Diese würden der Staatsmacht nur ermöglichen, „Politrocker“ zu Terroristen zu stempeln. Zuletzt appellierte er an die gesamte linksradikale Szene, den bewaffneten Kampf aufzugeben.[2] Das Ereignis am 10. Mai 1976 leitete laut Historikern Fischers Abkehr von Gewalt als innenpolitischem Kampfmittel ein und ermöglichte damit später seinen Aufstieg zum Bundesaußenminister.[9][10]
Das Ermittlungsverfahren zum Brandanschlag auf Weber wurde anfangs von der Abteilung Schwerpunktkriminalität, später von der Abteilung politische Kriminalität geführt. Die Ermittlungen gegen Fischer wurden im Januar 1977 eingestellt. Die Krankenschwester Gisela I. wurde im Februar 1977 angeklagt, doch die Frankfurter Schwurgerichtskammer lehnte die Eröffnung der Hauptverhandlung wegen mangelnder Beweise ab.[6] Anfang 1978 wurden die übrigen Ermittlungen zum Mordversuch an Weber ergebnislos abgeschlossen; die Täter wurden nicht gefunden.[11] Die Anklageschrift gegen Gisela I. wurde im April 1983, kurz vor Ablauf der Verwahrungsfrist, als „geschichtlich wertvolles“ Dokument an das Wiesbadener Staatsarchiv übergeben.[6]
Spätere Zeugenaussagen und neue Ermittlungen
Nach der Bundestagswahl 1998 wurde Joschka Fischer Bundesaußenminister. Damals veröffentlichte der Journalist Christian Y. Schmidt ein Buch zu Fischers Vorgeschichte und präsentierte darin eine eidesstattliche Versicherung des Zeugen Udo Riechmann: Beim Vorbereitungstreffen der Demonstration in Frankfurt-Bockenheim am 9. Mai 1976 habe eine Mehrheit, die an Ulrike Meinhofs Ermordung glaubte, eine Schlacht gegen die Polizei auch mit Molotowcocktails gefordert. Nur wenige Teilnehmer hätten vor möglichen Folgen gewarnt, etwa vor vielen Toten in der Innenstadt. Fischer habe sich als Diskussionsleiter der Mehrheit angeschlossen.[12] In seiner Versicherung vom 13. Mai 1998 beschrieb Riechmann den Diskussionsverlauf so:
„Die Stimmung war sehr erhitzt. Der Wunsch, es dem 'Bullenstaat' zu zeigen und 'Rache für Ulrike' zu nehmen, war allgemein verbreitet. Es verdichtete sich der Wille der Versammelten, Molotow-Cocktails zu werfen. Einwände stießen auf immer stärkeren Unmut. Einer der wenigen Anwesenden mit etwas längerer politischer Erfahrung und der intellektuellen Fähigkeit, die Lage taktisch und strategisch einzuschätzen, war sicher Joschka Fischer. Solange die Kontroverse noch offen schien, hielt sich Fischer zurück. Doch schließlich machte er sich zum Wortführer der verbreiteten Stimmung, Molotow-Cocktails zu werfen.“[13]
Laut Christian Y. Schmidt hatte Fischer in den 1970er Jahren mehrfach für den Einsatz von Molotowcocktails plädiert. Das habe seiner damaligen Haltung im Frankfurter Häuserkampf entsprochen.[14]
Nach Lektüre des Buchs schrieb Polizeihauptkommissar Horst Breunig einen Brief an Fischer, schilderte darin Jürgen Webers andauerndes Leid, wies Fischer die „moralische Verantwortung“ dafür zu und forderte ihn zur öffentlichen Reue auf. Fischer beantwortete den Brief nicht und bestätigte auch nicht dessen Erhalt, weil (so erklärte er später) Breunig ihm unterstellt habe, den Molotowcocktail auf Weber geworfen zu haben: „Diesen Vorwurf kann ich nicht hinnehmen, das tut mir Leid, bei allem Respekt. Ich übernehme Verantwortung nur für das, was ich getan habe.“[2] Gegenüber seiner Biografin Sibylle Krause-Burger räumte Fischer 1999 seine frühere Gewaltbejahung und Teilnahme an gewalttätigen Demonstrationen ein, wich aber ihrer Frage aus, ob er selbst dabei Steine geworfen und geprügelt habe.[15]
Anfang 1999 meldete sich ein Zeuge bei der Polizei und machte detaillierte Angaben dazu, wer am 10. Mai 1976 den Brandsatz auf Jürgen Webers Fahrzeug geworfen habe. Der Zeuge beschrieb auch, wie Freunde der tatverdächtigen Person deren Flucht organisiert hätten.[16] Daraufhin nahm die Staatsanwaltschaft Frankfurt das Ermittlungsverfahren zum Mordversuch an Weber wieder auf (Aktenzeichen 61/50/4 Js 546/76). Als Anstifter, Mitwisser oder Helfer waren nach Medienberichten alle rund 40 früheren Mitglieder der „Putzgruppe“ und bis zu 500 Mitglieder des RK verdächtig. Dabei ging es auch darum, ob Fischer den Einsatz von Brandsätzen 1976 befürwortet hatte oder nicht. Jürgen Weber versuchte über seinen Anwalt vergeblich, Einsicht in die Ermittlungsakten von 1976/77 zu erhalten.[6]
Am 17. Oktober 2000 bezeugte Hans-Joachim Klein, der wegen Terror- und Mordverdacht bei der OPEC-Geiselnahme (Dezember 1975) in Frankfurt vor Gericht stand, Fischers Führungsrolle in der „Putzgruppe“. Andere frühere Gruppenmitglieder bezeugten, Fischer habe Gewalt gegen Polizisten damals bejaht und mit der Gruppe Steinwürfe eingeübt.[2] Der Politologe Wolfgang Kraushaar beschrieb vorbereitete Angriffe von rund 200 Mitgliedern des RK mit Farbbeuteln, Steinen und Molotowcocktails auf das spanische Generalkonsulat am 19. September 1975. Dabei war ein Mannschaftswagen der Polizei ausgebrannt, den die Besatzung rechtzeitig verlassen hatte. Kein Täter war gefasst worden.[9]
Anfang Januar 2001 veröffentlichte die Zeitschrift Stern Fotografien von einer Prügelei Fischers mit einem Polizisten im April 1973. Ulrike Meinhofs Tochter Bettina Röhl hatte dem Stern die Fotografien zugesandt. In einem Brief an den damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau behauptete sie ohne Belege, Fischer habe am 9. Mai 1976 zum Einsatz von Molotowcocktails bei der Demonstration am Folgetag aufgerufen. Er sei „die Führungsfigur schlechthin in der Gewaltgruppe“ gewesen, der auch „parallel agierende Gewaltgruppen de facto mitstrukturierte“. Sie kündigte eine Strafanzeige wegen versuchten Mordes gegen Fischer an.[17]
Daraufhin erklärte Fischer in Interviews, er sei in den 1970er Jahren militant gewesen und habe das nie bestritten. Er habe sich 1973 erstmals mit einem Polizisten geprügelt und manchmal Steine, aber nie Molotowcocktails geworfen und „massiv darauf hingearbeitet, um Gottes willen den Schritt zum bewaffneten Kampf, zum Terrorismus nicht zu tun“.[18] Er habe diesen „immer abgelehnt und heftig politisch bekämpft“.[19] Er bestritt auch, dass er Molotowcocktails zu Demonstrationen mitgebracht oder deren Einsatz befürwortet habe:[20] „Das hat nicht meiner Haltung und Überzeugung entsprochen. Insofern kann ich das ausschließen.“[21] Er räumte seine Teilnahme an der Meinhofdemonstration im Mai 1976 ein, betonte aber, er wisse nicht und habe auch nicht gesehen, wer die Molotowcocktails auf Jürgen Webers Fahrzeug geworfen hatte.[22]
Bis zum 7. Januar 2001 widersprach ein anderer Zeuge Udo Riechmanns Angaben von 1998: Beim Vorbereitungstreffen 1976 habe Fischer den Einsatz von Molotowcocktails nicht bejaht, aber den Befürwortern auch nicht widersprochen und den Einsatz mit den Worten „Dann sei's drum“ letztlich gebilligt.[23] Fischer bestritt auch dies. Bis zum 10. Januar 2001 schrieb Riechmann dem Spiegel, er habe Christian Schmidt 1998 nicht zum Veröffentlichen seiner eidesstattlichen Versicherung autorisiert.[13]
Am 11. Januar 2001 veröffentlichte das ARD-Magazin Panorama eine Aussage der von Bettina Röhl befragten Zeugin Elisabeth Heidenreich. Sie hatte 1973 als Abgesandte der Bewohner eines besetzten Hauses Fischers Putzgruppe davon abzubringen versucht, bei der bevorstehenden Räumung Molotowcocktails gegen die Polizei einzusetzen. Doch Fischer habe deren Einsatz als geeignetes Mittel zum Schutz vor der Räumung verteidigt und vorgeschlagen, seiner Gruppe die bewaffnete Gegenwehr zu überlassen. Erst nach stundenlanger Diskussion habe sie die Militanten um Fischer davon abbringen können.[24] Röhl hatte die im Ausland lebende Heidenreich nicht über die tagespolitische Brisanz des Themas aufgeklärt. Nachdem Heidenreich davon erfahren hatte, versuchte sie vergeblich, jene Panorama-Sendung juristisch zu verhindern.[25]
Nach Angaben eines früheren Mitglieds hatte die „Putzgruppe“ schon im Oktober 1973 bei einem besetzten Häuserkomplex im Frankfurter Westend „Kisten mit einsatzbereiten Mollis deponiert“, dann aber nicht eingesetzt und wieder weggeschafft. Davon habe jeder im harten Kern der Gruppe gewusst.[6]
Am 15. Januar 2001 trat Fischer im Strafprozess gegen Hans-Joachim Klein als Zeuge auf. Obwohl die Vorwürfe zum Mordversuch an Weber dort keine Rolle spielten, wurde erwartet, dass Fischer indirekt dazu Stellung nehmen werde.[26] Er bekräftigte, er habe mit Terrorgewalt gegen Personen oder Sachen „nie etwas zu tun“ gehabt. Er habe nicht zu Gewalt aufgerufen, und jeder der das behaupte, müsse ein Lügner sein.[27]
Am 17. Januar 2001 bekräftigte Fischer in einer von der oppositionellen CDU/CSU-Bundestagsfraktion beantragten Debatte im Bundestag: „Ich habe niemals Molotowcocktails geworfen und ich habe auch nicht dazu aufgerufen, Molotowcocktails zu werfen.“[28] Er bekannte allgemein vergangene Gewalttaten, ohne Jürgen Weber zu erwähnen: „Ich habe damals Unrecht getan, und ich habe mich dafür bei allen, die davon betroffen waren, zu entschuldigen.“[29] Weil er eine Anstiftung zum Mordversuch an Weber bestritt, lehnte er eine persönliche Entschuldigung bei ihm ab.[6]
Dagegen erklärte Fischers Freund und Mitstreiter Daniel Cohn-Bendit in einem Interview Ende Januar 2001: „Unsere Selbstgerechtigkeit, unsere Unfähigkeit zu offenen Diskussionen […] ist ein wahrer wunder Punkt. […] Ich hätte schon viel früher zu dem Polizisten gehen sollen, der bei der Meinhof-Demonstration im Mai 1976 von einem Molotow-Cocktail schwer verletzt wurde.“[30]
Am 1. Februar 2001 gab Hessens Justizminister Christean Wagner im Hessischen Landtag bekannt, die Staatsanwaltschaft Frankfurt habe die Person identifiziert, die den Molotowcocktail auf Weber geworfen habe. Den Namen nannte er aus Datenschutzgründen nicht.[31] Die Staatsanwaltschaft hatte zuvor stets betont, dass Fischer mit dem Brandanschlag nichts zu tun hatte, nahm aber keine Stellung zu Wagners Angaben.[16] Gemeint war eine Frau, die der Zeuge 1999 der Polizei als Werferin des Brandsatzes auf Webers Wagen genannt hatte. Die Ermittlungen gegen die Tatverdächtige wurden fortgesetzt.[11] Ein Strafverfahren gegen sie wurde jedoch nicht eröffnet.[4]
Spätfolgen
Im Jahr 2007 erklärte der verurteilte Exterrorist Hans-Joachim Klein in einem Interview: „Wenn Sie in der Putzgruppe waren, haben Sie irgendwann auch Molotowcocktails geworfen.“ Die Brandsätze seien gezielt gegen Polizisten eingesetzt worden. Diese Aktionen habe die Putzgruppe stets „im Konsens“ beschlossen. Damit beschuldigte er Fischer indirekt, er müsse von diesem Konsens gewusst haben. Dieser schwieg zu den erneuten Vorwürfen.[32]
Michael Schwelien hatte 2001 eine Biografie Fischers veröffentlicht und im Nachwort zu deren Taschenbuchausgabe vom August 2001 vermutet: „Nahe liegend ist der Schluss, dass der Anführer der Putzgruppe während der Vorbereitungsdiskussion die Bereitschaft zum Krawall und zum Anfertigen von Molotow-Cocktails zumindest billigend hingenommen hat, dass das kolportierte 'Sei's drum' von Fischer wirklich ausgesprochen war.“ Erst Anfang April 2013 bezeugte Schwelien, dass er selbst bei der Planung der Meinhofdemonstration am 9. Mai 1976 dabei gewesen war. Dort habe Fischer „die Leute regelrecht ermuntert, er hat die Stimmung aufgeheizt“. An dem Abend sei auch konkret besprochen worden, wie man die Brandsätze anfertigt. Damit bezichtigte Schwelien Fischer indirekt, den Bundestag 2001 belogen zu haben.[33]
Christian Y. Schmidt veröffentlichte im April 2013 eine erweiterte Ausgabe seines Buchs von 1998. Darin bestritt er, dass Fischer aus Entsetzen über die Folgen des Brandsatzwurfs am 10. Mai 1976 von Gewalt abgerückt sei. Das Motiv sei wohl eher der reine Selbsterhaltungstrieb und die Angst vor Gefängnis gewesen. Über die konkreten Vorwürfe, die ihm die Ermittler 1976 machten, habe Fischer stets „eisern geschwiegen“.[34] Schmidt erklärte, Michael Schweliens Zeugnis habe Udo Riechmanns Angaben noch verschärft, und erhoffte sich weitere Zeugenaussagen von Teilnehmern der Versammlung am 9. Mai 1976.[35]
Seit Fischer sich in der Debatte 2001 selbst als zentrale Figur der gewaltbereiten Frankfurter Spontiszene dargestellt hatte, hielt Weber ihn für „moralisch“ verantwortlich für den Brandanschlag.[36] Webers Anwalt erklärte, auch wenn man Fischer keinen Aufruf dazu nachweisen könne, sei er der „geistige Vater“ des Brandanschlags gewesen.[6] 2013 erneuerte Weber im Stern angesichts der nicht ausgeräumten Zweifel diesen Vorwurf: „Joschka Fischer ist für mich der geistige Vater jener Tat. Der Rädelsführer. Er hat mein Leben zerstört. […] Am Abend vor der Demo, gab es ja diese Versammlung, und da hat er dazu aufgerufen, dass man Molotowcocktails einsetzt. Er ist für mich der Drahtzieher. Er muss doch wissen, wer der oder die Täter sind.“[4]
Einzelnachweise
- ↑ Traueranzeige: Jürgen Weber. Werra-Rundschau, 31. Oktober 2015
- ↑ a b c d e f g Dirk Kurbjuweit, Gunther Latsch: »Ich hab gekämpft«. Spiegel, 7. Januar 2001
- ↑ Michael Schwelien: Joschka Fischer: eine Karriere. Heyne, München 2001, ISBN 978-3-453-19705-3, S. 176
- ↑ a b c d e Arno Luik: 65. Geburtstag der Grünen-Ikone: Joschka Fischer und das große Schweigen. Stern, 11. April 2013
- ↑ Wolfgang Kraushaar: Fischer in Frankfurt: Karriere eines Außenseiters. Hamburger Edition, Hamburg 2001, ISBN 3-930908-69-7, S. 139
- ↑ a b c d e f g h Felix Kurz, Gunther Latsch, Georg Mascolo, Dietmar Pieper, Wilfried Voigt: Gefährliche Erinnerungen. Spiegel, 15. Januar 2001
- ↑ Torsten Mann: Rot-grüne Lebenslügen: wie die 68er Deutschland an die Wand gefahren haben. Kopp, Berlin 2005, ISBN 3-938516-12-7, S. 59
- ↑ Paula Kaiser: Ein Tribut an Joschka Fischer: Die illustrierte Biografie. 27 Amigos, München 2023, ISBN 978-3-7505-3733-0, S. 8
- ↑ a b Wolfgang Kraushaar: Die blinden Flecken der RAF. Klett-Cotta, Stuttgart 2017, ISBN 978-3-608-10976-4, S. 31f.
- ↑ Paul Hockenos: Joschka Fischer and the Making of the Berlin Republic: An Alternative History of Postwar Germany. Oxford University Press, Oxford 2008, ISBN 978-0-19-518183-8, S. 120
- ↑ a b Molotow-Cocktail: Justiz entlastet Fischer. Spiegel, 1. Februar 2001
- ↑ Christian Schmidt: „Wir sind die Wahnsinnigen…“: Joschka Fischer und seine Frankfurter Gang. Econ, München 1998, ISBN 3-430-18006-6, S. 52–59
- ↑ a b Vorwürfe gegen Außenminister: Anti-Fischer-Zeuge rudert zurück. Spiegel, 10. Januar 2001
- ↑ Christian Y. Schmidt: Wir sind die Wahnsinnigen: Joschka Fischer und seine Frankfurter Gang. Erweiterte Neuausgabe, Verbrecher Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-943167-30-6, S. 330
- ↑ Sibylle Krause-Burger: Joschka Fischer: der Marsch durch die Illusionen. Rowohlt, Reinbek 2000, ISBN 3-499-60738-7, S. 93
- ↑ a b Mutmaßlicher Werfer des Molotow-Cocktails ermittelt. RP Online, 1. Februar 2001
- ↑ Christoph Schult: Meinhof-Tochter: Anzeige gegen Fischer wegen Mordversuchs. Spiegel, 8. Januar 2001
- ↑ Außenminister Fischer: Ich habe einen Polizisten verprügelt. Spiegel, 3. Januar 2001
- ↑ Michael Schwelien: Joschka Fischer: eine Karriere. München 2001, S. 329
- ↑ Sylvia Meichsner: Zwei unerwartete Laufbahnen: Die Karriereverläufe von Gerhard Schröder und Joschka Fischer im Vergleich. Tectum, Marburg 2002, ISBN 3-8288-8412-1, S. 117 und 131, Fn. 199
- ↑ Stefan Aust, Jürgen Hogrefe, Gerhard Spörl: Spiegel-Gespräch: »Dieser Weg musste beendet werden«. Spiegel, 7. Januar 2001
- ↑ Die Fischer-Story: Bedrohliche Ermittlungen für den Außenminister. Spiegel, 13. Januar 2001
- ↑ Christian Y. Schmidt: Wir sind die Wahnsinnigen, Berlin 2013, S. 426f.
- ↑ Presseerklärung: Zeugin widerspricht Außenminister Fischer in Gewaltfrage. Norddeutscher Rundfunk (NDR), 11. Januar 2001
- ↑ Andreas Cichowicz, Volker Steinhoff: Die Akte Joschka Fischer - Eine Journalistin auf Wahrheitssuche. NDR, 11. Januar 2001
- ↑ Matthias Gebauer: Terror vor 25 Jahren: Was verbindet Joschka Fischer mit Hans-Joachim Klein? Spiegel, 15. Januar 2001
- ↑ Matthias Gebauer: Fischer im Klein-Prozess: Eine Show für den Minister. Spiegel, 16. Januar 2001
- ↑ Verhandlungen des Deutschen Bundestages: Stenographische Berichte. Band 205, Bundestag 2001, S. 13892; Deutscher Bundestag: Stenographischer Bericht 142. Sitzung. Plenarprotokoll 14/142, 17. Januar 2001, PDF S. 12; Aus Überzeugung zum Demokraten gewandelt: Fragestunde und Aktuelle Stunde des Deutschen Bundestages zur politischen Biographie von Joschka Fischer am 17. Januar 2001 (Auszüge). Blätter für deutsche und internationale Politik, März 2001
- ↑ Pascal Beucker, Anja Krüger: Die verlogene Politik: Macht um jeden Preis. Knaur, München 2010, ISBN 3-426-40355-2, S. 28;Fischer: „Ich habe damals Unrecht getan“. FAZ, 17. Januar 2001
- ↑ Stefan Aust, Gunther Latsch, Georg Mascolo, Gerhard Spörl: »Ein Segen für dieses Land«. Daniel Cohn-Bendit über die linksradikale Szene in Frankfurt. Spiegel, 28. Januar 2001
- ↑ Hessischer Landtag: Plenarprotokoll 15/64, 64. Sitzung, 1. Februar 2001. PDF S. 4361 (Archivlink)
- ↑ Stefan Reinecke: Hat Joschka Fischer im Bundestag gelogen? taz, 5. April 2013
- ↑ Stefan Reinecke, Jan Scheper: „Stern“ über Fischers Vergangenheit: Beim Putzen erwischt. taz, 4. April 2013
- ↑ Christian Y. Schmidt: Wir sind die Wahnsinnigen, Berlin 2013, S. 56
- ↑ Nils Bremer: Christian Y. Schmidt im Interview: „Die ungebrochene Beliebtheit Joschka Fischers ist für mich ein Rätsel“. Journal Frankfurt, 8. April 2013
- ↑ Jochen Bölsche: Die verlorene Ehre der Apo. Spiegel, 29. Januar 2001