Jürgen Klauke

Jürgen Klauke (* 6. September 1943 in Kliding bei Cochem an der Mosel) ist ein deutscher Künstler. Er gilt als einer der Pioniere der inszenierten Fotografie und der Performance Art. Er ist international bekannt für seine nonkonformistische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Normen, vor allem im Bezug auf Geschlechterrollen und Sexualität. Er war 1977 Teilnehmer der Documenta 6 und 1987 Teilnehmer der Documenta 8 sowie der Biennale in Venedig 1980.

Leben und Werk

Klauke studierte von 1964 bis 1970 Freie Grafik an den Kölner Werkkunstschulen und schloss dort bei Alfred Will als Meisterschüler ab. Seither lebt er als freischaffender Künstler in Köln, darüber hinaus aber auch in Amsterdam, Bern und Zürich.

Nach seinem Studium war er bis 1975 als Lehrbeauftragter für Freie Grafik an den Kölner Werkkunstschulen tätig und übernahm anschließend Gastprofessuren an der Hochschule für bildende Künste Hamburg, der Kunsthochschule Kassel und der Akademie der Bildenden Künste München. 1988 wurde er an die Universität Essen berufen, wo er erstmals eine Klasse für Konzeptionelle inszenierte Fotografie und Performance einrichtete. Die Fachgruppe Fotografie gehört inzwischen wieder zur Folkwang Universität der Künste. Von 1994 bis 2008 war Klauke Professor für Konzeptionelle Fotografie und Performance an der Kunsthochschule für Medien Köln.

Zu seinen Schülerinnen und Schülern zählen unter anderem Eva Bertram, Freya Hattenberger, Christian Keinstar, Philipp Lachenmann, Aurelia Mihai, Heike Mutter, Mischa Leinkauf, Achim Mohné, Jens Pecho, Johanna Reich, Oliver Schwabe und Sandra Vásquez de la Horra.

Werk

Frühe Arbeiten

In den 1960er- und 1970er-Jahren entwickelte Klauke polarisierende fotografische und zeichnerische Arbeiten zu Sexualität, Geschlecht und Identität. Sein Künstlerbuch ICH&ICH (1972) verband erstmals Zeichnungen und inszenierte Fotoarbeiten und verdeutlichte seinen konzeptionellen Ansatz. 1974 zeigte das Kunstmuseum Luzern in der von Christoph Ammann kuratierten Ausstellung Transformer – Aspekte der Travestie erstmals Klaukes Arbeiten in einem internationalen Kontext. Die vielbeachtete Schau war anschließend in der Neuen Galerie am Landesmuseum Joanneum, Graz und im Kunstmuseum Bochum zu sehen.

Werkgruppen der 1980er-Jahre

Mit der Werkgruppe Formalisierung der Langeweile (1980) erlangte Klauke erstmals größere nationale und internationale Aufmerksamkeit. Die Arbeiten wurden unter anderem im Rheinischen Landesmuseum Bonn, im Kunstmuseum Luzern und im Landesmuseum Joanneum in Graz gezeigt. Darüber hinaus entstand in den 1980er-Jahren der Zyklus Prosecuritas, für den Klauke Durchleuchtungen von Objekten im Kofferschacht des Flughafens Köln/Bonn nutzte. Peter Weibel schrieb dazu: „Klauke treibt mit seiner Technologie des Unsichtbaren die Fotografie über die Grenze von Objekt, Sprache und visuelles Zeichen hinaus. Das Eintauchen in die Zone letzter Bilder und letzter Sichtbarkeit ermöglicht die Rückkehr des Realen, aber im Zustand seiner Bedrohtheit, das heißt seiner Phantomhaftigkeit.“[1] 1987 fasste die Ausstellung Eine Ewigkeit ein Lächeln erstmals das Gesamtwerk in einer Überblicksschau zusammen. Sie wurde im Museum Ludwig in Köln, im Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam und in der Hamburger Kunsthalle gezeigt.

Werkgruppen der 1990er-Jahre

Mit Sonntagsneurosen (1990) sowie dem Zyklus desaströses Ich (1996–2000) beschäftigte sich Klauke mit grundlegenden menschlichen Bedingungen wie Isolation und Körperlichkeit. Die großformatigen Fotografien (bis zu 180 × 240 cm) wurden unter anderem im Rupertinum in Salzburg und in der Maison Européenne de la Photographie in Paris gezeigt. 1997 folgte die Überblicksausstellung Phantomempfindungen in Japan mit Stationen im Saitama Museum of Modern Art Tokyo, dem Museum of Modern Art Shiga sowie dem Yamaguchi Prefectural Museum of Art.

Spätere Arbeiten und Retrospektiven

2001 zeigte die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn eine große Retrospektive unter dem Titel Absolute Windstille, kuratiert von Wenzel Jakob und Peter Weibel. Weitere Stationen waren die Hamburger Kunsthalle und das Staatliche Russische Museum in St. Petersburg. Eine weitere große Werkgruppe entstand unter dem Titel Ästhetische Paranoia. Die gleichnamige Ausstellung wurde am ZKM Karlsruhe (unter Leitung von Peter Weibel) und später im Museum der Moderne Salzburg (unter der Leitung von Toni Stooss) gezeigt. Im Zentrum stand die Arbeit Schlachtfelder, ein 16 Meter breites Tableau aus 144 Farbfotos.

2016 widmete das Max Ernst Museum Brühl des LVR unter der Leitung von Achim Sommer Klauke eine retrospektiv angelegte Ausstellung mit dem Titel Selbstgespräche. Zeichnungen 1970–2016. Mit rund 400 Exponaten wurde darin das zeichnerische Werk vorgestellt, das als Ausgangspunkt und Grundlage seiner fotografischen Bildwelten gilt.

„Im Zentrum meines Schaffens steht der Mensch“, so Klauke. Seine Fotoinszenierungen sind für ihn keine Abbilder des Realen, sondern Bilder der „Welt als Vorstellung“ – poetische Versuchsanordnungen, die von den Zonen des Unsichtbaren und Unaussprechlichen flüstern. „Mein Ziel ist es, die Unzulänglichkeiten unserer Existenz und die sie begleitenden Kältezonen in Bildern zu denken und umzusetzen.“ Klauke bezeichnet seine Arbeit in diesem Zusammenhang als „Ästhetisierung des Existenziellen“.[2]

Jürgen Klauke wird durch mehrere internationale Galerien vertreten, darunter die Galerie Alessandro Casciaro (Bozen), Galerie Anita Beckers (Frankfurt am Main), Guido Baudach (Berlin), Helga de Alvear (Madrid), Galerie Hans Mayer (Düsseldorf), Suzanne Tarasiève (Paris), Galerie Klaus und Elisabeth Thoman (Innsbruck/Wien) sowie Galerie Thomas Zander (Köln).

Einzelausstellungen (Auswahl)

  • 1981: Rheinisches Landesmuseum, Bonn – Formalisierung der Langeweile
  • 1982: Neue Galerie am Landesmuseum Joanneum, Graz; Kunstmuseum Luzern – Formalisierung der Langeweile
  • 1986: Nationalgalerie, Berlin – Neue Fotoarbeiten und Zeichnungen
  • 1987: Hamburger Kunsthalle, Hamburg – Eine Ewigkeit ein Lächeln
  • 1987: Museum Boymans van Beuningen, Rotterdam – Eine Ewigkeit ein Lächeln
  • 1987: Museum Ludwig, Köln – Eine Ewigkeit ein Lächeln
  • 1992: Staatliche Kunsthalle Baden-Baden – Sonntagsneurosen
  • 1992: Kunstmuseum Düsseldorf – Sonntagsneurosen
  • 1994: Kunsthalle Bielefeld – Prosecuritas
  • 1994: Sammlung Goetz, München – Cindy Sherman / Jürgen Klauke
  • 1997: The Museum of Modern Art, Saitama (Japan) – Phantomempfindungen
  • 1998: Galerie Rudolfinum, Prag – Nebenwirkung
  • 1999: Kunstverein Ulm – Fotoarbeiten 1972–1998 – eine Auswahl
  • 2000: Rupertinum, Salzburg – Trost für Arschlöcher oder Desaströses Ich
  • 2001: Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn – Absolute Windstille
  • 2001: The State Russian Museum, St. Petersburg – Absolute Windstille
  • 2001: Maison Européenne de la Photographie, Paris – Absolute Windstille
  • 2002: Hamburger Kunsthalle, Hamburg – Das photographische Werk
  • 2003: Galería Helga de Alvear, Madrid
  • 2005: Neues Museum Weimar (mit Cindy Sherman) – Selfperformance
  • 2006: Museum Moderner Kunst Passau – Hoffnungsträger. Aspekte des Desaströsen Ich
  • 2007: La Nuova Pesa, Centro per l’Arte Contemporanea, Rom – Jürgen Klauke
  • 2010: ZKM Karlsruhe – Ästhetische Paranoia
  • 2010: Museum der Moderne Salzburg – Ästhetische Paranoia
  • 2012: Galeria Helga de Alvear – Schlachtfelder
  • 2016: Max Ernst Museum Brühl des LVR – Selbstgespräche. Zeichnungen 1970–2016
  • 2017: Centro de Artes Visuales Fundación Helga de Alvear, Cáceres – Jürgen Klauke – Fotoworks
  • 2018: Art Unlimited, Basel (Galerie Thomas Zander) – Dr. Müller Sex Shop
  • 2026: Kunsthalle Gießen

Gruppenausstellungen (Auswahl)

  • 1974: Kunstmuseum Luzern
  • 1977: documenta 6, Kassel
  • 1979: Biennale of Sydney, Australien
  • 1980: Biennale Venedig
  • 1983: Kunsthalle Köln (1939)
  • 1984: Museum of Modern Art, Toyama (Japan)
  • 1986: Museum of Modern Art, San Francisco
  • 1987: documenta 8, Kassel
  • 1992: Museum of Modern Art, Saitama (Japan)
  • 1995: Centre Pompidou, Paris; Solomon R. Guggenheim Museum, New York; Andy Warhol Museum, Pittsburgh
  • 1997: Martin-Gropius-Bau, Berlin
  • 1998: Museum of Contemporary Art, Los Angeles
  • 2000: Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf
  • 2002: PhotoEspaña, Madrid
  • 2005: Deutsches Guggenheim, Berlin
  • 2006: Nationalgalerie, Berlin
  • 2007: Slought Foundation, Philadelphia
  • 2008: Fotomuseum Winterthur
  • 2010: Kunstmuseum Bonn
  • 2011: Biennale Moskau; Musée d’Art Contemporain, Marseille
  • 2012: Kunstmuseum Stuttgart; Museum für Moderne Kunst (MMK), Frankfurt am Main
  • 2013: Tate Liverpool; Museum of Modern Art (MoMA), New York; Belvedere, Wien; Kolumba, Köln
  • 2014: Neue Nationalgalerie, Berlin; La Maison Rouge, Paris; Kunsthalle Weishaupt, Ulm
  • 2017: Biennale für aktuelle Fotografie, Mannheim (Kurator: Florian Ebner)
  • 2019: Centre de la Photographie Genève
  • 2024: RAY Fotografieprojekte Frankfurt/RheinMain (Triennale)
  • 2024: Neue Galerie Gladbeck

Sammlungen (Auswahl)

  • Kunstsammlung NRW/K21, Düsseldorf
  • Kunstmuseum Bonn
  • Kunsthalle Bielefeld
  • Kunststiftung DZ Bank Frankfurt am Main
  • Centre Pompidou, Paris
  • Maison Européenne de la Photographie, Paris
  • Art Institute of Chicago
  • The Museum of Modern Art, New York
  • Helga de Alvear Foundation, Cáceres
  • MOMA Saitama, Tokyo
  • Sammlung Hall, USA
  • La Maison Rouge, Paris
  • Norton Museum of Art, Florida
  • Sammlung Goetz, München
  • Musée d'Art et d'Histoire, Genf
  • Sammlung Falkenberg, Hamburg
  • Hamburger Kunsthalle, Hamburg
  • Jean Chatelus, Paris
  • Manfred Heiting, Los Angeles
  • Rahmi M. Koç, Istanbul
  • Groupe Lhoist, Belgien
  • Kunstmuseum Bern
  • Metropolitan Museum of Art, New York

Preise und Auszeichnungen

Publikationen

Künstlerbücher

  • Ich & Ich – erotographische Tagesberichte. Tageszeichnungen & Fotos (Dinge, Situationen, Umgebungen), Selbstverlag, Köln 1972
  • Tageszeichnungen, Zeichnungen und Polaroids, Selbstverlag Köln / Constantin Post, Köln 1975
  • FAG – HAG. Tageszeichnungen 1974, Verlag Galerie ak, Frankfurt am Main 1976
  • Kunststoff: Nr. 1–6, Selbstverlag Bonvie und Klauke, Köln 1975–1978
  • Sekunden. Tageszeichnungen und Polaroids 1975/76, Betzel Verlag, Wiesbaden 1978
  • Zeitlebens, Verlag Constantin Post, Köln 1983
  • Ich war eine Dose, hrsg. von Galerie Bugdahn, Düsseldorf 1988
  • Stephen Heros. Arbeiten auf Papier, Galerie Hermeyer, München 1993
  • Stottern + Stammeln/länglich. Works on Paper 1992–1993, Galerie Bugdahn und Kaimer, Düsseldorf 1994
  • Idiotische Seinsbefragung, Verlag Rommerskirchen, Rolandshof 1999
  • Trost für Arschlöcher oder Desaströses Ich, Wienand Verlag, Köln 2000
  • ziemlich – Tageszeichnungen 1979–1989, Galerie Klein / Salon Verlag 2001
  • Entlang der Cioran Linien, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2012
  • KörperzeicheZeichenkörper, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2013
  • Kreuz & Queer, Verlag der Buchhandlung Franz und Walter König 2020
  • Antlitze / Faces, Verlag der Buchhandlung Franz und Walter König 2021

Monografien & Ausstellungskataloge

  • Jürgen Klauke. Zeichnungen und Radierungen, Bonner Kunstverein / Rheinisches Landesmuseum Bonn 1972
  • Formalisierung der Langeweile. Fotoarbeiten, Performance und Videodokumente, Rheinland Verlag, Köln 1981
  • Jürgen Klauke. Fotosequenzen 1972–1980. Die Schwarz-Weiß-Sequenzen, Betzel Verlag, Frankfurt am Main 1982
  • Jürgen Klauke. Neue Fotoarbeiten und Zeichnungen, Nationalgalerie Berlin 1986
  • Jürgen Klauke. Eine Ewigkeit ein Lächeln. Zeichnungen, Fotoarbeiten, Performances 1970–1986, 1987
  • Jürgen Klauke. Sonntagsneurosen, Staatliche Kunsthalle Baden-Baden / Kunstmuseum Düsseldorf, 1992
  • Jürgen Klauke. Arbeiten auf Papier 1984–1991, Kunstverein Braunschweig 1992
  • Jürgen Klauke. Prosecuritas, Kunsthalle Bielefeld, 1994
  • Jürgen Klauke. Cindy Sherman, Sammlung Goetz, München 1994
  • Phantomempfindung / Phantom Sensation, Japan Association of Art Museums, 1997
  • Jürgen Klauke. Nebenwirkung / Side Effect, Galerie Rudolfinum, Prag 1998
  • Jürgen Klauke. Absolute Windstille – Das fotografische Werk, Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, 2001
  • Jürgen Klauke. Hoffnungsträger – Aspekte des Desaströsen Ich, Museum Moderner Kunst Passau, 2006
  • Jürgen Klauke – Ästhetische Paranoia, Hatje Cantz, 2010
  • Jürgen Klauke – Selbstgespräche – Zeichnungen 1970–2016, Wienand Verlag, Köln 2016
  • Jürgen Klauke – Phantomempfindungen / Sensation fantôme, Galerie Suzanne Tarasiève, Paris 2018

Literatur

Aufsätze
  • Hans Dickel: Das Drama vor dem Objektiv. In: Gary Garrels (Hrsg.): Photographie in der deutschen Gegenwartskunst. Edition Cantz, Köln 1993. ISBN 3-89322-592-7, S. 120–131.
Monographien
  • John Pultz: The Body and the Lens. Photography 1838 to the present. Abrams, New York 1995. ISBN 0-8109-2703-9.
  • Peter Weiermair (Hrsg.): Jürgen Klauke. Trost für Arschlöcher oder Desaströses Ich, 1996–2000. Wienand Verlag, Köln 2000, ISBN 3-87909-724-0.
  • Evelyn Weiss (Hrsg.): Jürgen Klauke, eine Ewigkeit, ein Lächeln. Zeichnungen, Fotoarbeiten, Performances, 1970–1986. Dumont Verlag, Köln 1986, ISBN 3-7701-1985-1.

Einzelnachweise

  1. Peter Weibel: „Prosecuritas“. In: Jürgen Klauke. Prosecuritas, Ausstellungskatalog Kunsthalle Bielefeld, Hatje Cantz Verlag, Bielefeld 1994, S. 106.
  2. Renate Bertlmann, Jürgen Klauke: „Questening Queerness – Ein Gespräch mit Renate Bertlmann und Jürgen Klauke“. In: EIKON, Nr. 124, 2023, S. 57–69.
  3. artinfo24.com: Klauke erhält Cologne Fine Art-Preis 2013, abgerufen am 18. April 2018