Jüdischer Friedhof Körbecke

Koordinaten: 51° 30′ 5,7″ N, 8° 8′ 1,7″ O

Der Jüdische Friedhof Körbecke befindet sich im Hauptort Körbecke der Gemeinde Möhnesee im Kreis Soest, Nordrhein-Westfalen. Er liegt an der nördlichen Ortseinfahrt am Berlingser Weg (L670). In Abgrenzung zu den beiden christlichen Friedhöfen wurde er „Todtenhof“ genannt. Er wurde von 1826 bis 1914 belegt. Insgesamt erfolgten 43 Bestattungen. Originalgrabsteine sind dort nicht mehr erhalten.

Die heutige Gestaltung der Anlage mit dem rekonstruierten Friedhofstor, den symbolischen Grabplatten ohne Namen im Rasen und dem Turm aus Findlingen erfolgte ab 2023 im Rahmen des LEADER-Projektes Möhnesee-Lippe. 2024 wurde er als Gedenkstätte neu eingeweiht. Bereits 2001 wurde vom Heimatverein Möhnesee eine Gedenkstele für den Jüdischen Friedhof Körbecke aufgestellt.

Geschichte

Körbecke ist erst seit der Gebietsreform von 1975 ein Ortsteil der Gemeinde Möhnesee. Als der Jüdische Friedhof zu Beginn des 19. Jahrhunderts in einem offengelassenen Steinbruch am Rande der Haar angelegt werden sollte, gehörte das Kirchspiel Körbecke zum Hessischen Amt Belecke (1803–1816). Nach Übernahme des Herzogtums Westfalen von Hessen-Darmstadt in Arnsberg im Jahr 1815 durch den preußischen Oberpräsidenten Ludwig von Vincke, ab 1819 zum Kreis Soest in der Provinz Westfalen, Königreich Preußen. Die Verwaltungsaufgaben des Amtes Belecke gingen bereits am 15. April 1817 auf das neu eingerichtete Landratsamt Soest über.

In dieser Zeit des Umbruchs lebten etwa 20 jüdische Einwohner im Kirchspiel Körbecke. Bis 1815 wurden die Toten vermutlich auf dem Jüdischen Friedhof in Werl begraben. Die erste Bestattung zweier Kinder auf dem Todtenhof zu Körbecke erfolgte urkundlich 1826. Im Körbecker Urkataster von 1830/1831 ist er als „Juden Kirchhof = Hude“ mit einer Fläche von 1840 m² eingetragen. Durch spätere Anpachtung benachbarter Grundstücke wurde er auf 3000 m² erweitert. Das mit Begräbnissen belegte Areal im ehemaligen Steinbruch misst rund 600 m² und war ursprünglich von unfruchtbaren Boden umgeben. Bis 1840 fanden dort 40 Gemeindemitglieder ihre letzte Ruhestätte. Danach folgten nur noch 3 Beerdigungen in den Jahren 1897, 1908 und 1914.

Im Zuge des geplanten Preußischen Judengesetz von 1847 wollte 1842 die Gemeinde mit insgesamt 28 im Ort lebenden Juden einen eigenen Synagogenbezirk einrichten. Die Juden im Kirchspiel Körbecke wurden dann aber dem Synagogenbezirk Soest zugesprochen und bildeten laut dem Statut von 1855 die „Untergemeinde zu Körbecke“, die einen eigenen Etat aufstellte und einen eigenen Vorsteher wählte. Die kleine Fachwerksynagoge der Untergemeinde Körbecke befand sich unweit der Dorfkirche St. Pankratius an der heutigen Kolpingstraße / Poststraße.

1882 beantragten der Vorsteher der jüdischen Gemeinde, Emanuel Stern, und sein Neffe Simon Stern, das Grundstück des Jüdischen Friedhof in Erbpacht zu übernehmen, um die Ewige Totenruhe zu gewähren. Dafür wurden 3 Mark pro Morgen im Jahr veranschlagt. Nach vorangegangenen Ausschreitungen, bei dem Wohnhäuser der jüdischen Einwohner beschmiert und durch Brandstiftung zerstört wurden, die Synagoge 1888 geschändet wurde und bis auf die Grundmauern abbrannte und schließlich 1894 den Todtenhof verwüstet vorfand, wurde der Vertrag 1894 aufgehoben, da die wenigen, noch im Ort lebenden Gemeindemitglieder die „Kirchhofkosten“ nicht mehr begleichen konnten. 1901 erfolgte beim Amtsgericht Soest die Übertragung der Rechte an die Synagogengemeinde Soest als Eigentümerin der Grundstücke.

Nachdem die Familie Meyerhoff 1938 als letzte jüdische Familie von den Nationalsozialisten deportiert wurde bzw. ins Ausland floh, gab es niemanden mehr, der sich um die Pflege des Friedhofs kümmerte. Die einstige Begräbnisstätte der Untergemeinde zu Körbecke verwilderte. Unentdeckt überstand sie so den Krieg. Bis kurz vor 1958 waren dort noch die letzten drei Grabsteine erhalten. 1959 wurde das Gelände in eine Grünanlage umgewandelt und ein neuer Zugang an der Südwestecke geschaffen. Hierbei wurde auch das alte Friedhofstor entfernt. Im Laufe der Jahre geriet der einstige Todtenhof beinahe in Vergessenheit. Nur die Bezeichnung „Auf`m Judas“ als Treffpunkt der Dorfjugend hielt den Ort unbewusst im Gedächtnis. 1995 brachte man schließlich am Park ein kleines Blechschild an, dass auf den Jüdischen Friedhof hinwies.

Bereits 1969 sollte nach Zustimmung des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden von Westfalen-Lippe ein Gedenkstein errichtet werden. Dies wurde aber erst 2001 durch das Engagement des Heimatverein Möhnesee verwirklicht, nachdem der Friedhof durch eine Buchveröffentlichung[1] wieder in den Fokus geriet. Gestaltet wurde er von der Werkstatt Gebrüder Winkelmann aus Günne. 2011 wurden von unbekannten Tätern die Bronzebuchstaben und der Davidstern auf der Vorderseite entfernt und SS-Runen in den Stein geritzt. Eine Bronzeplakette am Gedenkstein erinnert an das Ereignis und seine Renovierung. Die Metallbuchstaben wurden nicht mehr ersetzt.[2]

Die Umgestaltung der Grünanlage zur Gedenkstätte erfolgte ab 2023 im Rahmen des Regionalen Förderprogramms LEADER Möhnesee-Lippe. Um sie wieder als Jüdischen Friedhof erkennbar zu machen, wurde das Friedhofstor an seinem ehemaligen Standort neu aufgebaut. Vorbild für seine Rekonstruktion war eine Bleistiftzeichnung, da es keine alten Fotos vom Todtenhof gab.[3] Im Rasen wurden Grabplatten ohne Namen verlegt, die symbolisch Grabstätten der Religionsgemeinde markieren. Die Steinstele aus Findlingen wurde 2024 aufgestellt und ist eine Arbeit der Bildhauerin Stephanie Roth. Im April desselben Jahres wurde die Gedenkstätte Jüdischer Friedhof Körbecke eingeweiht.[4] Zukünftig soll auch ein Gehweg entlang des stark befahrenen Berlingser Wegs gebaut werden, um den Jüdischen Friedhof besser zu erreichen.

Bilder

Siehe auch

Literatur

  • Walter E. Lutter – MÖHNESEE-Körbecke; in: Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe – Die Ortschaften und Territorien im heutigen Regierungsbezirk Arnsberg, (S. 640–644); Hrsg. Frank Gottmann; Ardey-Verlag Münster, 2016; ISBN 978-3-87023-284-9; (Digitalisat: Ortsartikel Möhnesee (PDF; 0,4 MB), aus E-Book LWL/Hiko Münster 2021)
  • Walter E. Lutter: Der Todtenhof in Körbecke – ein (fast vergessener) jüdischer Friedhof; Eigenverlag, Möhnesee 2000. (Inhaltsverzeichnis: NWBib)
  • Walter E. Lutter: Juden in Körbecke 1700–1938, Band 1, Geschichte und Schicksal; Eigenverlag, Möhnesee 2018.
Commons: Jüdischer Friedhof Körbecke (Gemeinde Möhnesee) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen und Einzelnachweise

  1. Walter E. Lutter – Der Todtenhof in Körbecke
  2. Jüdischer Friedhof geschändet; in Soester Anzeiger vom 31. Januar 2011. (Aufgerufen am 31. Oktober 2025)
  3. Katharina Heyn – Jüdischer Friedhof: Eingang wird umgestaltet; in Soester Anzeiger vom 19. Dezember 2023. (Aufgerufen am 31. Oktober 2025)
  4. Thomas Brüggestraße – Einweihung auf jüdischem Friedhof: „Schicksal der Opfer nie vergessen“; in Soester Anzeiger vom 18. April 2024. (Aufgerufen am 31. Oktober 2025)