Jüdische Gemeinde Stommeln

Jüdische Gemeinde Stommeln bezeichnet die historische jüdische Gemeinschaft im heutigen Pulheimer Ortsteil Stommeln (Rhein-Erft-Kreis, Nordrhein-Westfalen). Ihre Präsenz ist bereits im Mittelalter belegt, wurde während der Pestpogrome 1349 gewaltsam unterbrochen und bestand seit dem frühen 18. Jahrhundert wieder. Im 19. Jahrhundert erlebte die Gemeinde ihren zahlenmäßigen Höhepunkt; im 20. Jahrhundert schrumpfte sie stark und hörte um 1930 faktisch auf zu bestehen. Die letzten in Stommeln verbliebenen Jüdinnen und Juden wurden 1942 deportiert. Erhalten blieben die Synagoge Stommeln sowie der jüdische Friedhof an der Nagelschmiedstraße; beide sind heute Erinnerungs- und Lernorte.[1][2][3]

Geschichte

Mittelalter und frühe Neuzeit

Für Stommeln sind jüdische Bewohner durch Urkunden aus den Jahren 1305 und 1321 belegt. Infolge der Pestpogrome wurde die mittelalterliche Gemeinde 1349 vermutlich ausgelöscht.[1]

Wiederansiedlung und 19. Jahrhundert

Eine erneute Ansiedlung jüdischer Familien ist für den Beginn des 18. Jahrhunderts nachgewiesen. 1831/1832 entstand zunächst ein Gebetsraum bzw. eine erste kleine Fachwerk-Synagoge in Hinterhoflage. Mit dem Wachstum der Gemeinde wurde 1881/1882 an gleicher Stelle ein Neubau errichtet, der am 11. August 1882 feierlich eingeweiht wurde. Die Zahl der Gemeindemitglieder erreichte 1861 mit 78 Personen ihren Höchststand; bis 1890 sank sie auf 40.[1]

Rückgang im frühen 20. Jahrhundert

Nach dem Ersten Weltkrieg setzte ein verstärkter Wegzug in die Städte ein. Vermutlich 1926 zog der letzte Gemeindevorsteher nach Köln; um 1930 war die Gemeinde aufgrund des fehlenden Minjans de facto aufgehoben. Für 1932/1933 werden rund zehn jüdische Einwohner in Stommeln genannt.[1][2]

Zeit des Nationalsozialismus und Holocaust

Im Mai 1937 wurde das Synagogengebäude von der Kölner Synagogengemeinde als Rechtsnachfolgerin an einen Stommelner Landwirt verkauft und fortan als Abstellraum genutzt; deshalb blieb das Gebäude während der Novemberpogrome 1938 unzerstört. Die letzten in Stommeln lebenden Jüdinnen und Juden wurden 1942 deportiert; an ihre Namen erinnert seit 1988 eine Gedenkstele auf dem jüdischen Friedhof.[1][2][3]

Gemeindeeinrichtungen

Synagoge

Die 1881/1882 errichtete Synagoge liegt zurückgesetzt „in zweiter Reihe“ hinter der heutigen Adresse Hauptstraße 85. 1979 erwarb die Stadt Pulheim das verfallene Gebäude, von 1981 bis 1983 wurde es restauriert und am 2. Oktober 1983 der Öffentlichkeit übergeben. Seit 1990/1991 dient die ehemalige Synagoge als Ort eines international beachteten Kunst- und Erinnerungsprojekts („Synagoge Stommeln“), in dessen Rahmen jährlich ortsspezifische künstlerische Interventionen realisiert werden.[4][1]

Jüdischer Friedhof

Der jüdische Friedhof an der Nagelschmiedstraße entstand vor 1861 und wurde bis 1937 belegt. Während der NS-Zeit verwüstet, wurde er 1967 wiederhergestellt. Heute sind 25 Grabsteine erhalten; am Eingang erinnert seit November 1988 eine Stele an die während der NS-Zeit ermordeten jüdischen Bürgerinnen und Bürger aus Stommeln.[3]

Demografie

1861: 78 Gemeindemitglieder (Höchststand)[1] 1890: 40 jüdische Einwohner[1] 1932/1933: etwa 10 jüdische Einwohner (de facto Auflösung der Gemeinde um 1930)[2]

Erinnerungskultur

Seit 1990/1991 gibt es das Projekt „Synagoge Stommeln“ mit jährlichen künstlerischen Interventionen internationaler Gegenwartskünstlerinnen und -künstler (u. a. Jannis Kounellis, Richard Serra, Georg Baselitz, Rebecca Horn, Sol LeWitt, Rosemarie Trockel, Daniel Buren, Tony Cragg, Franz Erhard Walther, Alfredo Jaar).[4] 1988 wurde eine Gedenkstele am jüdischen Friedhof mit den Namen der Ermordeten aufgestellt.[5] 2022 erfolgte die Verlegung von Stolpersteinen für die Familie Stock in der Nettegasse durch den Künstler Gunter Demnig, initiiert von einem Projektkurs des Pulheimer Geschwister‑Scholl‑Gymnasiums.

Literatur

  • Verein für Geschichte und Heimatkunde Pulheim (Hrsg.): Juden in Stommeln. Geschichte einer jüdischen Gemeinde im Kölner Umland. Teil 1 (= Pulheimer Beiträge zur Geschichte und Heimatkunde. Sonderveröffentlichung. Band 2). Pulheim 1983.
  • Verein für Geschichte und Heimatkunde Pulheim (Hrsg.): Juden in Stommeln. Geschichte einer jüdischen Gemeinde im Kölner Umland. Teil 2 (= Pulheimer Beiträge zur Geschichte und Heimatkunde. Sonderveröffentlichung. Band 3). Pulheim 1987, ISBN 3-89125-369-9.
  • Wißkirchen, Josef: 200 Jahre Geschichte Stommelns. Bd. 1: 1794–1914 (= Pulheimer Beiträge zur Geschichte und Heimatkunde. Sonderveröffentlichung. Band 17). Pulheim 1997.
  • Wißkirchen, Josef: 200 Jahre Geschichte Stommelns. Bd. 2: 1914–1945. Pulheim 2001.
  • Wißkirchen, Josef: Reichspogromnacht an Rhein und Erft, 9./10. November 1938. Eine Dokumentation. Pulheim 1988.
  • Wißkirchen, Josef: Rudy Herz. Ein jüdischer Rheinländer. Weilerswist 2012, ISBN 978-3-941037-85-4.
  • Wißkirchen, Josef: Auf jüdischen Spuren: in Pulheim‑Stommeln. Aschendorff, Münster 2022, ISBN 978-3-402-24927-7.
  • Backhausen, Manfred; Schneider, Eli Josef: Die Friedhöfe der jüdischen Gemeinden in Stommeln und Fliesteden. In: Verein für Geschichte und Heimatkunde Pulheim (Hrsg.): Juden in Stommeln. Geschichte einer jüdischen Gemeinde im Kölner Umland. Teil 1. Pulheim 1983, S. 225–260.
  • Stadt Pulheim (Hrsg.): 30 Jahre Kunstprojekte in der Synagoge Stommeln. Hatje Cantz, Ostfildern 2021, ISBN 978-3-7774-3788-0.

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g h Die Geschichte der Synagoge Stommeln. In: Synagoge Stommeln. Stadt Pulheim, abgerufen am 27. September 2025.
  2. a b c d Synagoge in Stommeln. In: KuLaDig – Kultur.Landschaft.Digital. LVR, abgerufen am 27. September 2025.
  3. a b c Jüdischer Friedhof Stommeln. In: KuLaDig – Kultur.Landschaft.Digital. LVR, abgerufen am 27. September 2025.
  4. a b Synagoge Stommeln. In: Kulturportal der Stadt Pulheim. Stadt Pulheim, abgerufen am 27. September 2025.
  5. Begehbarer jüdischer Friedhof Pulheim‑Stommeln. In: Gedenkorte Rhein‑Erft. Abgerufen am 27. September 2025.