Jüdische Gemeinde Bützow

Die Geschichte der Jüdischen Gemeinde Bützow reicht bis ins 13. Jahrhundert zurück. Nach 1945 wurde jedoch keine neue Gemeinde mehr gegründet.

Geschichte

Ansiedlung im 13. Jahrhundert

Im späten 13. Jahrhundert sind Juden auch in Bützow nachweisbar. Sie standen unter fürstlichem Schutz, mussten dafür Abgaben entrichten und waren in ihrem wirtschaftlichen Handeln vorrangig auf Geldverleih und Handel beschränkt. Zwar konnten sie Grundstücke erwerben und ihre Religion ausüben, lebten jedoch in eigenen Vierteln und waren gesellschaftlich von der christlichen Bevölkerung getrennt. Wirtschaftlicher Neid und religiöse Vorurteile führten schließlich auch hier zu Anfeindungen.

Hinweise auf die frühere Präsenz jüdischen Lebens in Bützow zeigen sich sowohl in Straßennamen wie Judenstraße (Gödenstraße) und Judendamm als auch in antijudaistischen Schmähplastiken in der Stiftskirche aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Die Darstellungen einer "Judensau" und der "Affen mit Spiegel" dokumentieren zugleich die Verachtung, der jüdische Mitbürger im Mittelalter ausgesetzt waren. Zudem ist anzunehmen, dass beim Ausbau des Bützower Stiftlandes unter Bischof Hermann I. von Schladen auch jüdische Kaufleute und Geldgeber eine wichtige Rolle spielten.[1][2][3][4]

Vertreibung im 15. Jahrhundert

Nach dem Sternberger Hostienschänderprozess im Jahr 1492, in dessen Folge 27 Juden auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden sind, wurden alle anderen 247 jüdischen Einwohner Mecklenburgs des Landes verwiesen. Über diese Epoche liegen jedoch keine Informationen zur Geschichte Bützows vor.[2]

Neue jüdische Gemeinde ab dem 18. Jahrhundert

Die jüdische Neuansiedlung in Bützow begann bereits 1738 und damit früher als in den meisten anderen Städten Mecklenburgs. Möglich wurde dies durch die Herzogin Sophie Charlotte von Hessen-Kassel, Witwe von Herzog Friedrich Wilhelm, in deren Umfeld sich eine kleine jüdische Gemeinde bildete. Diese umfasste Personen mit besonderen Fähigkeiten, die durch spezielle Freibriefe privilegiert wurden. Zu den ersten Hofjuden in Bützow gehörten die Rabbiner Jochen Gumpert und Nathan Hersch sowie der Petschierstecher Aaron Isaak. Zwischen 1749 und 1760 kamen weitere zehn Juden hinzu, die ebenfalls Privilegien erhielten.

Um 1760 war die Bützower Gemeinde bereits größer als die meisten ländlichen Gemeinden der Region. Religionsunterricht, Gebete und Gottesdienste fanden zunächst in privaten Wohnungen, ab 1761 regelmäßig im Haus eines Hugenotten und später im Haus von Aaron Isaak statt, das sich zu einem zentralen Versammlungsort entwickelte.

Trotz ihrer Schutzbriefe lebten die Juden in Mecklenburg überall wie Menschen zweiter Klasse. Häufig war es ihnen nicht gestattet, ihren Lebensmittelpunkt innerhalb der Stadt frei zu wählen. Eine städtische Anweisung aus dem Jahr 1762 belegt, dass die Bützower Juden sich in einer abgelegenen Straße, dem fuulen Grund, ansiedeln mussten. Beim dritten und letzten mecklenburgischen Judenlandtag 1767 in Crivitz nahmen zehn Schutzjuden aus Bützow teil.[2]

Emanzipationsedikt vom 22. Februar 1813

Friedrich Franz I. von Mecklenburg erließ am 23. Februar 1813 als dritter deutscher Fürst (nach Baden 1809 und Bayern 1812) eine landesherrliche Constitution zur Bestimmung einer angemessenen Verfassung der jüdischen Glaubensgenossen in den herzoglichen Landen. Dieses Gesetz gewährte den Juden in Mecklenburg sowohl das Bürgerrecht als auch das Staatsbürgerrecht. Am 17. September 1813 nahm die jüdische Gemeinde in Bützow, auf Basis des Edikts, erstmals Familiennamen an – betroffen waren insgesamt 18 Familien.[5][6][7]

Deutsches Kaiserreich und Weimarer Republik

Im Jahr 1900 gab es nur noch 11 jüdische Familien in Bützow, die wegen ihrer Geschäfte geblieben waren. Es handelte sich hauptsächlich um ältere Bürger. Sie betrieben Getreide- und Manufakturwarenhandel sowie ein Lampen- und Klempnereigeschäft, ein Schuhgeschäft, einen Buchhandel und einen Laden für Lederwaren und Herrengarderobe.

1902 wurde die jüdische Gemeinde Wismar der Bützower Gemeinde angegliedert. Im April 1922 löste sich bedingt durch Abwanderung und Emigration auch die Bützower Gemeinde auf. Die verbliebenen Bützower Juden schlossen sich der Güstrower Gemeinde an.

Nationalsozialismus

1933 begannen auch in Bützow Repressalien des Nationalsozialismus gegen die noch ansässigen jüdischen Einwohner. 1936 lebten in Bützow nur noch drei jüdische Familien. 1938 flüchtete eine Familie nach Palästina, so dass nur die Familien Horwitz und die des konvertierten Gustav Josephy blieben. Während der Novemberpogrome von 1938 wurde am 10. November 1938 das Wohnhaus der Familie Horwitz in der Langen Straße 40 von Schülern des Realgymnasiums mit Parolen beschmiert und mit Hetzplakaten versehen. Julius Horwitz kam am 12. November 1938 in „Schutzhaft“ nach Alt-Strelitz, wurde aber wieder entlassen. Gustav Josephy war bereits am 21. Juni 1938 im Konzentrationslager Sachsenhausen interniert worden. Josephy wanderte mit der Familie daraufhin nach Amsterdam aus. Er wurde vom Durchgangslager Westerbork nach Auschwitz deportiert und kehrte nicht zurück.[8][9] Nach der Pflicht zum Tragen des Judensterns ging Frau Horwitz überhaupt nicht mehr auf die Straße. Die Familie litt finanzielle Not, da das Vermögen durch das Deutsche Reich enteignet wurde. Frau Horwitz versuchte sich deshalb in der Warnow zu ertränken, wurde jedoch von einer Frau gerettet. Julius und Margarete Horwitz wurde am 11. November 1942 in Bützow abtransportiert, Frau Horwitz schrie dabei „Wenn es eine Gerechtigkeit gibt, wird das alles gerächt werden!“, sie wurden dann nach Theresienstadt deportiert und starben dort als Opfer des Holocaust.[2][7][10][11]

Söhne und Töchter der Stadt Bützow als Opfer des Holocaust

Liste der in Bützow geborenen oder lebenden Opfer der Shoah:[12][13][14]

Name Geburtsdatum Geburtsort Wohnort Deportiert Tod
Max Bragenheim[15] 27. Februar 1880 Bützow Hannover 11. Januar 1944 Theresienstadt / 28. Oktober 1944 Auschwitz Im KZ Auschwitz für tot erklärt
Käthe Cohn, geb. Ahron 22. Mai 1892 Bützow Hamburg 8. November 1941 Hamburg – Riga Im Ghetto Minsk verschollen
Bruno Engel[16] 15. Juni 1886 Bützow Berlin 3. Oktober 1942 Berlin – Theresienstadt 30. März 1943 im KZ Theresienstadt
Max Engel[17] 18. April 1850 Bützow Berlin 19. Juni 1942 Theresienstadt 12. Juli 1943 im KZ Theresienstadt
Else Hirsch 29. Juli 1889 Bützow Bochum 27. Januar 1942 Gelsenkirchen – Riga 1943 im Ghetto Minsk ermordet
Julius Horwitz[18] 12. Mai 1865 Bützow Bützow 20. November 1942 Berlin – Theresienstadt 26. Juli 1943 im KZ Theresienstadt
Margarete Horwitz, geb Frisch[19] 21. Februar 1870 Königsberg Bützow 20. November 1942 Berlin – Theresienstadt 3. April 1943 im KZ Theresienstadt
Gustav Josephy 31. Oktober 1895 Schwaan Bützow 25. Januar 1944 Westerbork – Auschwitz 31. Januar 1944 im KZ Auschwitz
Gertrud Gitel Langstein, geb. Leopold[20] 21. September 1883 Bützow Stettin 12. Februar 1940 Stettin – Głusk Im Ghetto Glusk ermordet
Margarete Dorothea Liebmann, geb. Bragenheim[21] 2. August 1883 Bützow Wiesbaden 26. August 1942 Suizid
Alice Meyer[22] 30. Januar 1890 Bützow Berlin 18. Oktober 1941 Berlin – Łódź 17. März 1942 im Ghetto Litzmannstadt ermordet
Frida Sommerfeld, geb. Simonis 2. Februar 1863 Bützow Berlin 17. Dezember 1942 Berlin – Theresienstadt 11. Februar 1943 im KZ Theresienstadt
Margarete Miriam Woitschach, geb. Leopold[23] 10. Juli 1882 Bützow Hamburg 6. Dezember 1941 Hamburg – Riga Im Lager Gut Jungfernhof ermordet

Strafanstalten zu Bützow

Nicht in direkter Verbindung zu der jüdischen Gemeinde Bützow stehen das Centralgefängnis und das Zuchthaus Dreibergen. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden die Anstalten auch genutzt, um sich politisch, „rassisch“ oder anderweitig unerwünschter Menschen zu entledigen. Unter den Verfolgten waren auch viele Personen jüdischer Abstammung. Der Anklagepunkt der nationalsozialistischen Gerichte war immer auf den Nürnberger Rassengesetzen begründete Rassenschande, wenn Menschen jüdischer Abstammung Beziehungen zu Partnern „artreinen Blutes“ hatten.[2]

Engagement im Widerstand gegen den Nationalsozialismus

Rettung der jüdischen Familie Greiner

Irene Greiner geb. Kahn, die Tochter des jüdischen Musikprofessors Robert Kahn, war mit dem Nicht-Juden Martin Greiner verheiratet und lebten mit ihrem Sohn in Leipzig. Trotz sogenannter privilegierter Mischehe, wurde die Situation für sie gefährlich. Ende 1943 floh die schwangere Irene Greiner mit ihrem Sohn aus Leipzig. Fortan lebte sie im Verborgenen im Haus Vor dem Rühner Tor bei der befreundeten Familie Fratscher & Gaedt in Bützow. Als man ihr kurz vor Kriegsende 1945 schon fast auf die Spur gekommen war, vernichtete die Sekretärin des Bürgermeisters ein offizielles Schreiben, damit rettete sie der Familie das Leben.[2]

Rettung jüdischer Jugendlicher aus Bochum

Der in Bützow geborenen Lehrerin Else Hirsch, ist es zu verdanken, dass viele jüdische Jugendliche aus Bochum den Holocaust überlebt haben.[24]

Mahnmale

  • Gedenktafel Am Markt 6 für den 1944 in der Shoa umgekommenen jüdischen Bürger Gustav Josephy
  • Gedenktafel am Haus Lange Straße 42 für das im KZ Theresienstadt umgekommene jüdische Ehepaar Julius und Margarete Horwitz.(Tafel nicht mehr am Gebäude)
  • Gedenkstein von 1986 auf dem jüdischen Friedhof zur Erinnerung an die Jüdische Gemeinde Bützow

Siehe auch

Literatur

  • Oluf Gerhard Tychsen: Bützowische Nebenstunden, verschiedenen zur Morgenländischen Gelehrsamkeit gehörigen mehrentheils ungedruckten Sachen gewidmet, Teil 1–6. Bützow und Rostock 1766 (uni-rostock.de).
  • Jürgen Gramenz/Sylvia Ulmer: Dokumentation eines jüdischen Familienverbandes aus Mecklenburg. Cardamina-Verlag, Plaidt, 2013.
  • Wolfgang Schmidtbauer: Die jüdische Gemeinde zu Bützow im ersten Jahrhundert des Bestehens. Manuskript.

Einzelnachweise

  1. Dr. Christa Cordshagen: Juden in Mecklenburg - vom Mittelalter bis zur Wannseekonferenz (1266 - 1942). Hrsg.: Heimatheft für Mecklenburg-Vorpommern, 2. Jahrgang, Heft Nr.4 / 1992. Rundum Verlag Schwerin, 1992.
  2. a b c d e f Gramenz/Ulmer: Ehemaliges jüdisches Leben in Bützow, Die Geschichte der Juden in Mecklenburg, Aufsatz. Bützow 28. Mai 2016 (juden-in-mecklenburg.de).
  3. Tychsen: Bützowische Nebenstunden, verschiedenen zur Morgenländischen Gelehrsamkeit gehörigen mehrentheils ungedruckten Sachen gewidmet, Teil 1-6. Bützow und Rostock 1766.
  4. Witt/Schöfbeck: Die Stiftskirche zu Bützow. Hrsg.: Förderverein Stiftskirche Bützow e.V. Michael Inhof Verlag, Petersburg 2014, ISBN 978-3-7319-0123-5.
  5. Constitution zur Bestimmung einer angemessenen Verfassung der jüdischen Glaubensgenossen in den herzoglichen Landen. In: Raabe (Hrsg.): Gesetzsammlung für die mecklenburg-schwerinschen Lande. Verlag der Hinstorff’schen Hofbuchhandlung, Rostock 1852.
  6. Francke/Krieger: Die Familiennamen der Juden in Mecklenburg. Schwerin 2001.
  7. a b Schmidtbauer: Die jüdische Gemeinde zu Bützow im ersten Jahrhundert ihres Bestehens-Manuskript. Bützow 1991.
  8. United States Holocaust Memorial: Holocaust Survivors and Victims Database. (ushmm.org).
  9. Gustav Josephy in der Datenbank Find a Grave, abgerufen am 22. Januar 2024.
  10. Julius Israel Horwitz in der Datenbank Find a Grave, abgerufen am 22. Januar 2024.
  11. Margarete Sara Frisch Horwitz in der Datenbank Find a Grave, abgerufen am 22. Januar 2024.
  12. Yad Vashem: Shoah Names Database - List of murdered Jews from Germany. 2023.
  13. The Terezín Memorial: Database of politically and racially persecuted persons. 2017.
  14. Arolsen Archives (Hrsg.): Archiv über NS-Verfolgte. 2021.
  15. Max Bragenheim in der Datenbank Find a Grave, abgerufen am 25. Dezember 2023.
  16. Bruno "Baruch" Engel in der Datenbank Find a Grave, abgerufen am 25. Dezember 2023.
  17. Max Engel in der Datenbank Find a Grave, abgerufen am 25. Dezember 2023.
  18. Julius Israel Horwitz in der Datenbank Find a Grave, abgerufen am 25. Dezember 2023.
  19. Margarete Sara Frisch Horwitz in der Datenbank Find a Grave, abgerufen am 25. Dezember 2023.
  20. Gertrud “Gitel” Leopold Langstein in der Datenbank Find a Grave, abgerufen am 25. Dezember 2023.
  21. Margarete Dorothea Bragenheim Liebmann in der Datenbank Find a Grave, abgerufen am 25. Dezember 2023.
  22. Alice Meyer in der Datenbank Find a Grave, abgerufen am 25. Dezember 2023.
  23. Margarete Woitschach in der Datenbank Find a Grave, abgerufen am 25. Dezember 2023.
  24. Collette: Else Hirsch. In: Fritz Bauer Bibliothek – Buxus Stiftung. 2023.