István Mészáros (Philosoph)
István Mészáros (* 19. Dezember 1930 in Budapest, Königreich Ungarn; † 1. Oktober 2017 in London, England) war ein politischer Philosoph.
Leben
István Mészáros studierte Philosophie bei Georg Lukács. Im Jahr 1949 drohte ihm zwischenzeitlich die Exmatrikulation, nachdem er Lukacs öffentlich gegen Angriffe aus der Ungarischen Kommunistischen Partei verteidigt hatte. Nach dem Sturz der Ungarischen Regierung durch die UdSSR 1956 musste Mészáros Ungarn verlassen. Mészáros hatte sich stets für eine sozialistische Transformation der Gesellschaft, aber gegen eine sowjetische bürokratische Diktatur eingesetzt.
Zunächst unterrichtete er an der Universität von Turin. 1959 zog er nach England, wo er Stellungen am Bedford College der Universität London, der Universität St. Andrews in Schottland, und schließlich an der University of Sussex innehatte. Von 1972 bis 1977 war er Professor für Philosophie an der York University in Kanada und kehrte dann nach Sussex zurück. Dort hatte er 15 Jahre lang den Lehrstuhl für Philosophie inne.
Werk
Istváns Schriften betonen die Entfremdung durch Kapital, dessen Einfluss weiter reiche als der des Kapitalismus’ als Wirtschaftssystem. Vielmehr stelle das Kapital ein „‚totalitäres‘ [...] Kontrollsystem“ dar, das „letztlich unkontrollierbarer Modus [...] des gesellschaftlichen [wie ökologischen] Stoffwechsels“ sei und auf jeder Betrachtungsebene den Stärkeren gegenüber dem Schwächeren bevorzuge.[1] Für die ‚Überwindung‘ des Kapitals brauche es daher tiefgreifendere Veränderungen als angenommen, die auch die temporäre Aufgabe von Kontroll- und Steuerungsfähigkeiten[2] und Neuordnung und Stärkung von individueller Handlungsfähigkeit bei Gewährung von Anreizen[3.1] erforderlich machten. So sei die Sowjetunion kein zwar (staats-)kapitalistischer Staat gewesen, habe aber und weiterhin die verfügbare Arbeitskraft hierarchisch organisiert, womit er bereits 1982 deren notwendigen Zusammenbruch prognostizierte.[3.2] Mit dem Aufbau des Sozialismus sei letztlich nie begonnen worden.[3.3]
In historischer Rückschau kritisierte er im Zuge dessen auch das leninistische Parteiverständnis als „Avantgarde der Arbeiterklasse“,[4] die Unmöglichkeit des Marktsozialismus’ als Hybrid konkurrierender Abschöpfungsformen von Mehrwert[3.4] und hob Fehler seines Mentors Lukács bei der Arbeitswerttheorie hervor. Lukács habe es zudem versäumt, die soziale und ökonomische Einbettung der politischen Ethik tiefer in seinen Schriften zu berücksichtigen.[3.5] Verglichen mit anderen marxistischen Autoren seines Themenfeldes rechnete er Hegel und dem Spätwerk Marx’ geringere Relevanz zu.[2]
Niederlagen sozialdemokratischer Parteien Westeuropas Anfang der 2000er Jahre kommentierte er mit deren Praxis eines performativen „Micky-Maus-Sozialismus’“, der „total unfähig ist, in den sozialen Prozess einzugreifen“, weswegen sich diese für den Neoliberalismus empfänglich zeigten.[3.6]
Publikationen
Schriften
- Attila Jozsef e l'arte moderna, 1964
- Marx's Theory of Alienation, Merlin Press, 1970, und Harper Torch, USA
- Der Entfremdungsbegriff bei Marx, aus dem Englischen von Wilhelm Höck, List, München 1973, ISBN 3-471-61607-1, (Taschenbücher der Wissenschaft Band 1607, Entwicklungsaspekte der Industriegesellschaft)
- The Necessity Of Social Control, Isaac Deutscher Memorial Lecture, 1971
- Lukacs' Concept of Dialectic, 1972
- “From 'The Legend of Truth' to a 'True Legend': Phases of Satre's Development”, Telos 25, Telos Press, New-York Herbst 1975
- Neo-colonial Identity and Counter-consciousness: Essays in Cultural Decolonisation, mit Renato Constantino, 1978
- The Work of Sartre: Search for Freedom, Harvest Press, 1979
- Philosophy, Ideology and the Social Sciences: Essays in Negotaition and Affirmation, Harvester Press, 1986
- The Power of Ideology, (1 1989), Zed Books, London 2005, ISBN 978-1-84277-315-4
- Beyond Capital, Merlin Press, London und Monthly Review Press, New York 1995
- Socialism Or Barbarism: Alternative To Capital's Social Order: From The American Century To The Crossroads, 2001
- The Challenge and Burden of Historical Time: Socialism in the Twenty-First Century, 2008
- Historical Actuality Of The Socialist Offensive, 2009
- The Structural Crisis of Capital, 2009
- Social Structure and Forms of Consciousness, Volume I: The Social Determination of Method, 2010
- Social Structure and Forms of Consciousness, Volume II: The Dialectic of Structure and History, 2011
Als Herausgeber
- Aspects of History and Class Consciousness, 1971
- Aspekte von Geschichte und Klassenbewusstsein, aus dem Englischen von Wilhelm Höck, List, München 1972, ISBN 3-471-61604-7 (Taschenbücher der Wissenschaft, Band 1604, Entwicklungsaspekte der Industriegesellschaft)
Weblinks
- Literatur von und über István Mészáros im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- István Mészáros Archive auf Marxists.org
Einzelnachweise
- ↑ Bob Jessop, Stephan Kaufmann: Der ökonomische Determinismus – neu betrachtet. In: PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft. Band 41, Nr. 165, 1. Dezember 2011, ISSN 2700-0311, S. 591 f., doi:10.32387/prokla.v41i165.333.
- ↑ a b Peter Hudis: Conceptualizing an emancipatory alternative: István Mészáros's beyond capital. In: Socialism and Democracy. Band 11, Nr. 1, Januar 1997, ISSN 0885-4300, S. 37–53, doi:10.1080/08854309708428190.
- ↑ István Mészáros. The Legacy of Marx. Interview. In: Peter Osborne (Hrsg.): A Critical Sense: Interviews with Intellectuals. Routledge, London 2011, ISBN 978-0-415-11506-3.
- ↑ Cyril Smith: Mészáros On Lenin. Rezension zu "Beyond Capital". International Socialist Forum Seminar, 28. Juni 1998 (marxists.org).