Isaac ben Abraham von Dampierre
Isaac ben Abraham (hebräisch יצחק בן אברהם), auch genannt Rabbi Isaac ha-Baḥur (hebräisch ר"י הבחור oder רבי יצחק הבחור, übersetzt „Rabbi Isaac der Jüngere“) und durch das hebräische Akronym RIBA (ריב"א) bzw. RIẒBA (ריצב"א), war ein Tosafist des späten 12. und frühen 13. Jahrhunderts. Er folgte seinem Lehrer Isaac ben Samuel als Leiter der Schule von Dampierre, weswegen er oft so genannt wird,[1] sowie durch die Bezeichnung Isaac ha-Baḥur („der Jüngere“), um ihn von seinem Lehrer Isaac ben Samuel ha-Zaḳen („der Ältere“) (ר"י הזקן) zu unterscheiden.
Leben
Gemeinsam mit seinem Bruder Samson ben Abraham von Sens lebte Isaac in seiner Jugend in Troyes, wo er die Vorlesungen von Rabbenu Tam besuchte,[2] und anschließend in Sens,[3] bevor die beiden gemeinsam in Dampierre studierten. Isaac verstarb in Dampierre vor 1210, nicht lange bevor sein Bruder Samson nach Palästina auswanderte.[4]
Isaac war einer der französischen Rabbiner, an die sich Meir ha-Levi Abulafia mit seinem Brief gegen die Auferstehungstheorie des Maimonides wandte. Er wird häufig in den editieren Tosafot erwähnt,[5] und von vielen weiteren Autoritäten genannt,[6] sodass geschlossen werden kann, dass er Tosafot zu mehreren talmudischen Traktaten verfasste. Die zu Bechorot befanden sich im Besitz von Ḥayyim Michael aus Hamburg. Es gibt ebenfalls häufige Erwähnungen seiner alttestamentlichen Kommentierung,[7] und seine Ritualentscheidungen sowie Responsen werden oft zitiert.[8]
Isaac ben Abraham ha-Baḥur könnte auch identisch sein mit dem liturgischen Dichter Isaac ben Abraham, der einen Hymnus begann mit Yeshabbeḥuneka be-ḳol miflal, für Simchat Tora oder für den darauf folgenden Schabbat, und eine Selicha für Jom Kippur beginnend mit Hen yom ba la-Adonai.[9]
Kein vollständiges Werk von ihm hat sich erhalten, aber seine Aussagen sind in den Tosafot zu verschiedenen Traktaten zitiert worden, vor allem Eruvin, Joma, Moed Qatan, Jevamot, Ktubbot, Qidduschin, Nedarim, Bava qama und Svachim. Er verfasste zahlreiche Responsen, von denen einige in den Haggahot Maimuniyyot, im Or Zaru’a und in anderen Werken zitiert werden. Während der Maimonides-Kontroverse wandte sich Meir ha-Levi Abulafia im Jahr 1202 an ihn, um seine Meinung einzuholen. Unter denen, die ihm Fragen stellten, war Jonathan b. David, der führende Gelehrte von Lunel. Erwähnt wird ein Werk von ihm über die Pessah-Seder, betitelt Yesod Rabbenu Yiẓḥak b. Avraham be-Leilei Pesaḥ. Zu seinen Schülern gehörten Nathan b. Meir und Jehuda b. Yakar, die Lehrer des Naḥmanides, sowie Samuel b. Elhanan.
Über diese Schule stellt Gershom Scholem fest:
„Die Überlieferung, die einigen der berühmtesten Tosafisten eine Vorliebe für das Studium alter mystischer Traktate - wenn nicht gar die tatsächliche Ausübung mystischer Riten — zuschreibt, ist keineswegs einfach eine Legende. Die verschiedenen Zeugnisse dafür sind völlig unabhängig voneinander, und für den Rest lässt eine sorgfältige Studie ihrer gelegentlichen theologische Exkurse keinen Zweifel daran, dass sie ihre Inspiration aus mystischen Ideen hinsichtlich der Schöpfung, der Merkaba und sogar der Shiur Komah bezogen. Einer der größten Meister dieser kasuistischen Schule, Isaac von Dampierre, den man zuletzt eines mystischen Neigung verdächtigen würde, soll ein Visionär gewesen sein; wir besitzen einen Kommentar zum Buch der Schöpfung, verfasst von Elhanan ben Yakar von London, der auf seinen Vorlesungen basierte, und einer seiner berühmtesten Schüler, Ezra von Montcontour, dessen Beiname ‚Der Prophet‘ keineswegs nur als Ehrentitel gedacht war, praktizierte nachweislich Merkaba-Mystik. Seine ‚Himmelsauffahrten‘ sind durch mehrere Zeugen belegt, und seine prophetische Begabung galt als bewiesen. ‚Er zeigte Zeichen und Wunder. Man hörte eine Stimme aus einer Wolke zu ihm sprechen, wie Gott zu Moses sprach. Große Gelehrte, unter ihnen Eleazar von Worms, nach Tagen des Fastens und Betens, wurden gewährt, dass all seine Worte Wahrheit und keine Täuschung seien. Er lieferte auch talmudische Erklärungen wie nie zuvor gehört, und er offenbarte die Geheimnisse der Torah und der Propheten.‘“
Weblinks
- Joseph Jacobs, M. Seligsohn: Tosafot. In: Isidore Singer (Hrsg.): Jewish Encyclopedia. Funk and Wagnalls, New York 1901–1906.
Einzelnachweise
- ↑ z. B. Or Zarua, i. 225a (vgl. Jewish Encyclopedia)
- ↑ Temim De’im, Nr. 87 (vgl. Jewish Encyclopedia)
- ↑ Temim De’im, Nr. 87; Haggahot Maimuniyyot, Ishut, Nr. 6 (vgl. Jewish Encyclopedia)
- ↑ Semaḳ, Nr. 31; Mordekai zu Ketubbot, Nr. 357 (vgl. Jewish Encyclopedia)
- ↑ Schab. 3a, passim; Joma 20a; u. a. (vgl. Jewish Encyclopedia)
- ↑ Or Zarua, i. 26b; Shibbole ha-Leqeṭ, i., Nr. 231 (vgl. Jewish Encyclopedia)
- ↑ Da’at Zeḳenim, 3a, 48b, 49b, 1783; Minḥat Yehudah, 3a, 13a (vgl. Jewish Encyclopedia)
- ↑ Or Zarua, i. 13b et passim (vgl. Jewish Encyclopedia); Meir von Rothenburg: Responsa (Cremona Edition) Nr. 176 (sefaria.org)
- ↑ Leopold Zunz: Literaturgeschichte der synagogalen Poesie. Gerschel, Berlin 1865, S. 335, urn:nbn:de:hebis:30:1-125104 (Digitalisat der Freimann-Sammlung Frankfurt; mit einem Ergänzungsband 1867).
- ↑ Gershom Scholem: Major Trends in Jewish Mysticism. Schocken, 1961, S. 85 (englisch).