Irmgard Müller (Medizinhistorikerin)
Irmgard Müller (* 13. Mai 1938 in Düsseldorf; † 9. April 2025 in Witten) war eine deutsche Medizinhistorikerin und Pharmaziehistorikerin. Sie lehrte als Professorin für Geschichte der Medizin an den Universitäten Marburg und Bochum.
Leben
Müller studierte von 1959 bis 1962 Pharmazie an der Universität Freiburg im Breisgau und legte dort 1962 das pharmazeutische Staatsexamen ab; 1963 erhielt sie die Approbation als Apothekerin.[1][2]
Anschließend nahm sie ein Studium der Geschichte und Philosophie an den Universitäten Freiburg, Bonn und Düsseldorf auf und wandte sich dabei insbesondere der Geschichte der Medizin und der Pharmazie zu. 1969 wurde sie an der Universität Düsseldorf zur Dr. rer. nat. promoviert.[1][2]
Von 1969 bis 1976 war Müller wissenschaftliche Assistentin am Institut für Geschichte der Medizin der Universität Düsseldorf; 1976 habilitierte sie sich dort für Geschichte der Pharmazie und der Naturwissenschaften. 1977 wurde sie zur Professorin für Geschichte der Medizin an der Universität Marburg berufen. 1985 folgte Müller einem Ruf auf den neugegründeten Lehrstuhl für Geschichte der Medizin an der Ruhr-Universität Bochum. Bis 2005 leitete sie dort das Institut für Geschichte der Medizin und die Medizinhistorische Sammlung; nach ihrer Emeritierung 2003 führte sie das Institut übergangsweise weiter.[1][2]
Irmgard Müller starb am 9. April 2025 in ihrer Wohnung in Witten.[1]
Werk
Müller veröffentlichte zahlreiche Studien zur Geschichte der Biologie, Pharmazie und Medizin, zur Organisation und Institutionalisierung von Wissenschaft, zur Darstellung von Wissen sowie zum Verhältnis von Medizin und Technik, mit einem Schwerpunkt auf der Frühen Neuzeit.[2]
Besondere Aufmerksamkeit fanden ihre Arbeiten zu den natur- und heilkundlichen Schriften Hildegards von Bingen. Mit dem Buch Die pflanzlichen Heilmittel bei Hildegard von Bingen legte sie 1982 eine systematische Auswertung vor, die in mehreren Auflagen verbreitet wurde und bis in die populäre Hildegard-Rezeption hineinwirkte. In Aufsätzen, etwa Wie »authentisch« ist die Hildegardmedizin? (1997), setzte sie sich kritisch mit der modernen sogenannten „Hildegard-Medizin“ auseinander und zeigte, in welchem Umfang diese Konzepte von den überlieferten medizinischen Texten Hildegards abweichen.
Daneben legte sie Arbeiten zur Geschichte der Arzneimittelversorgung an Bord und zu den Düsseldorfer Krankenanstalten vor und war an Editionen und Begleitbänden zu historischen Kräuterbüchern beteiligt.
Mitgliedschaften und Ehrungen
Müller war seit 1995 Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina.[3] In Nachrufen wurde sie als eine der prägenden Persönlichkeiten der deutschsprachigen Medizingeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewürdigt.[1][4]
Schriften (Auswahl)
- Untersuchungen zur Arzneimittelversorgung an Bord vom Beginn der Entdeckungsreisen bis zur Einführung der Dampfschiffahrt. Dissertation, Universität Düsseldorf 1969.
- Düsseldorf und seine Krankenanstalten. Zusammen mit Hans Schadewaldt. Düsseldorf: Triltsch 1969.
- Anfänge einer Arzneiversorgung an Bord. In: Deutsches Schiffahrtsarchiv. Band 1, 1975, S. 161–174.
- Die pflanzlichen Heilmittel bei Hildegard von Bingen. Heilwissen aus der Klostermedizin. Otto Müller, Salzburg 1982; erweiterte Neuausgaben: Herder, Freiburg im Breisgau/Basel/Wien 1993 u. ö.
- Wie »authentisch« ist die Hildegardmedizin? Zur Rezeption des Liber simplicis medicinae Hildegards von Bingen im Codex Bernensis 525. In: Edeltraud Forster (Hrsg.): Hildegard von Bingen. Prophetin durch die Zeiten. Freiburg im Breisgau u. a. 1997, S. 420–430.
- Natur- und Heilkunde im Werk Hildegards von Bingen. Historischer Kontext und Überlieferung. In: Matthias Mettner, Joachim Müller (Hrsg.): Hildegard von Bingen: „Renaissance“ mit Mißverständnissen? Freiburg (Schweiz): Paulusverlag 1999, S. 56–81.
- als Herausgeberin mit Peter Wiehl: Anholter-Moyländer Kräuterbuch. Wissenschaftlicher Begleitband zur Faksimileausgabe. Bedburg-Hau: Stiftung Museum Schloss Moyland 2004.
- als Herausgeberin mit Christian Schulze: Hildegard von Bingen: Physica. Edition der Florentiner Handschrift (Cod. Laur. Ashb. 1323, ca. 1300) im Vergleich mit der Textkonstitution der „Patrologia Latina“ (Migne). Olms-Weidmann, Hildesheim/Zürich/New York 2008, ISBN 978-3-487-13846-6.
- Die „Physica“ Hildegards von Bingen: im Zwielicht mittelalterlicher und moderner Heilkunde. In: Cistercienser-Chronik. Band 118, 2011.
- als Herausgeberin mit Werner Dressendörfer: Gart der Gesundheit. Botanik im Buchdruck von den Anfängen bis 1800. Harrassowitz, Wiesbaden 2011 (Ausstellungskatalog Museum Otto Schäfer Schweinfurt / Franckesche Stiftungen Halle).
- als Herausgeberin: John Woodall: The Surgions Mate. The First Compendium on Naval Medicine, Surgery and Drug Therapy (London 1617). Edited and Annotated by Irmgard Müller. Birkhäuser, 2016. ISBN 978-3-319-25572-9 (doi:10.1007/978-3-319-25574-3)
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e Institut für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin, Ruhr-Universität Bochum: »Irmgard Müller gestorben« (Nachruf, 17. April 2025), online.
- ↑ a b c d Kurzvita Irmgard Müller im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- ↑ Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina: Mitgliederverzeichnis, Eintrag »Irmgard Müller«, online.
- ↑ Fachverband Medizingeschichte e. V.: »Nachrufe – Prof. Dr. Irmgard Müller«, online.