Irene Saltern
Irene Saltern (* 30. Januar 1911 in Berlin; † 4. September 2005 in Newport Beach; geborene Irene Stern) war eine deutsch-amerikanische Kostümbildnerin und Modedesignerin. Saltern galt als eine der besten Kostümbildnerinnen der „goldenen Ära“ Hollywoods und kleidete mehr als 150 Schauspielerinnen in über 50 Filmen ein. Später arbeitete sie 37 Jahre im kommerziellen Modedesign. Mit ihrer wegweisenden, farblich abgestimmten Kombimode und der Popularisierung der kalifornischen „Sportswear“-Ästhetik hatte sie nachhaltigen Einfluss auf die Modebranche.
Leben und Werk
Herkunft, Studium und journalistische Tätigkeit
Irene Stern wurde als Tochter jüdischer Eltern, des Regierungsbaumeisters Adolf Stern und seiner Frau Elsbeth Salomon Stern in Berlin geboren. Die Familie Stern hatte ein Sommerhaus in Caputh, wo Albert Einstein und seine Frau Nachbarn und enge Freunde der Familie waren.[1] Einstein brachte Irene das Segeln bei und war 1932 Gast bei ihrer Verlobungsfeier.[2][3][4]
Nach dem Gymnasium besuchte Saltern die Kunstschule und studierte in Berlin und Paris Modedesign sowie Modejournalismus. Schon während des Studiums entwarf sie die Venus-Badeanzüge für die Firma Maratti.[5]
1933 heiratete sie den Richter Dr. Harry Salinger (1894–1982). Während ihrer Flitterwochen kam Adolf Hitler an die Macht und Harry Salinger, der ebenfalls Jude war, wurde entlassen, genauso wie ihr Vater.[6] Zwischen 1933 and 1936 arbeitete sie für Zeitungen, Zeitschriften und Rundfunkanstalten in verschiedenen Ländern Europas. Sie schrieb Mode- und Frauenratgeberkolumnen und Reportagen über Persönlichkeiten, Mode, Sport und Gesellschaft in Französisch, Englisch und Deutsch, unter ihrem Künstlernamen Saltern, einer Kombination aus Salinger und Stern.[5][2]
Emigration in die USA, Kostümentwürfe für Hollywood
1937 emigrierten sie und ihr Mann Harry an Bord der Normandie in die Vereinigten Staaten. Sie ließen sich schließlich in Los Angeles nieder, wo sie sich Salterns Schwester Inge anschlossen, einer professionellen Fotografin, die zwei Jahre zuvor eingewandert war.[5]
Zwei Monate nach ihrer Ankunft in Hollywood fand Saltern eine Anstellung in der PR-Abteilung der Universal Studios, dank einer Empfehlung von Max Factors Schwiegersohn, den sie auf einer Party deutscher Expats kennengelernt hatte.[7][8]
Kurze Zeit später begann sie ihre Karriere als Kostümbildnerin bei Republic Pictures, wo sie in weniger als zwei Jahren die Kostüme für 34 Filme kreierte.[5][9]
Zweiter Weltkrieg, freiberufliche Modedesignerin
Zwischen 1940 und 1942 war sie leitende Kostümbildnerin bei Samuel Goldwyn Pictures und arbeitete an Filmen für die Studios Paramount, Hal Roach, Frank Lloyd, Universal und Columbia. Während dieser Zeit arbeitete sie mit Regisseuren wie Alfred Hitchcock und Jack Skirball und entwarf unter anderem Filmgarderobe für Vivien Leigh, Cary Grant, Margaret Sullavan, Martha Scott, Olivia de Havilland und die Tänzerin Ann Miller.[9][8]
1942 listete das New York Museum of Costume Saltern als eine der 10 führenden Gestalterinnen Hollywoods, neben Edith Head, Dolly Tree, Irene Lentz Gibbons, Howard Greer, Travis Banton, Edward Stevenson, Avis Caminez, und Jack Huston.[10]
Als das War Production Board 1942 die Rationierung von Kleidung (General Limitation Order L-85) einführte,[11] forderte es verschiedene Hollywood-Designer, darunter Saltern, zur Einreichung von Entwürfen auf, die den festgelegten Obergrenzen für die Verwendung von Stoffen entsprachen. Salterns Entwürfe für den Wettbewerb wurden dann für Priscilla Lanes Kostüme in Hitchcocks Film Saboteure verwendet.[12][13] In dieser Zeit begann sie, kommerziell Mode zu entwerfen, darunter Kleider für das Hollywood Premiere Label und Overalls für Sun Rose.[5]
Um Geld für die Flucht von Verwandten aus Europa zu beschaffen, gründete Saltern auch mehrere Gewerbe, darunter ein Geschäft für dekorative Haarnetze. Ginger Rogers stellte sich als Fotomodell für die „Lazy Daisy“-Haarnetze zur Verfügung, die mit Filzblumen dekoriert waren.[14] Daneben war sie Moderedakteurin beim Stil-Magazin Silhouette für Kaufhäuser, kreierte die persönliche Garderobe von Hollywood-Stars wie Martha Scott und Jane Russell und entwarf Kostüme für das Pasadena Playhouse und andere kalifornische Theater.[5]
Kommerzielle Sportbekleidung und eigene Bekleidungsmarke
1950 wechselte Saltern als leitende Designerin zur Sportbekleidungsfirma Tabak of California.[5][15] Ihre Entwürfe führten Gestaltungselemente aus der Filmindustrie in die Konfektionsmode ein. Sie verwendete optische Täuschungen durch spezielle Farb- und Stoffkombinationen, um den Eindruck einer schlankeren Silhouette zu erzeugen,[16] eine Technik, die bei Hollywoodproduktionen genutzt wurde, um optische Verzerrungen durch Weitwinkelobjektive auszugleichen.
Saltern war bekannt für die Einführung von Business-Hosenanzügen für Frauen in den 1940er und 1950er Jahren und das Design und Vermarktungs-Konzept für Kombimode.[7] Sie erfand die „Tabak Tie-Ins“: farblich aufeinander abgestimmte Einzelteile, die zu verschiedenen Outfits kombiniert werden konnten.[14.1] In den 1960er und 1970er Jahren entwarf sie Kleider im Marine-Look, große Gürtel mit klobigen Schnallen und indisch inspirierte Designs.[15]
Von 1954 bis 1957 leitete Saltern kurzzeitig ein eigenes Unternehmen, TomBarry, für das sie die Marke Irene Saltern kreierte.[5]
Später arbeitete sie für die Designhäuser Phil Rose, Sir James, Lanz-Alexa/Tonino, FigureMate, Pant Pouri (Lady R), City Girl, Cynaya, Nemy, Cheeks, Dizzy's Place, and Disegni.[5]
1979 zog Irene Saltern sich aus dem Berufsleben zurück. Am 4. September 2005 starb sie mit 94 Jahren in Newport Beach in Kalifornien.[5]
Hollywood-Produktionen
Irene Saltern gestaltete unter anderem die Kostüme für die folgenden Darsteller:[5][17]
- Olivia de Havilland als Gwen Manders in Raffles (1939)
- Cary Grant als Matt Howard in The Howards of Virginia (1940)
- Martha Scott als Jane Peyton in The Howards of Virginia (1940), als Marta Keller in They Dare Not Love (1941) und als Ella Bishop in Cheers for Miss Bishop (1941)
- Vivien Leigh als Lady Hamilton in That Hamilton Woman (1941)
- Ann Miller als Kitty Brown in Time Out for Rhythm (1941)
- Margaret Sullavan als Ruth Holland in So Ends Our Night (1941)
- Jane Withers als Penny Wood in Her First Beau (1941)
- Priscilla Lane als Patricia (Pat) Martin in Soboteure (1942)
Ausstellungen und Sammlungen
Salterns Entwürfe und Skizzen fanden vielfach Eingang in Ausstellungen und Sammlungen:
- Hollywood and History: Costume Design in Film, Los Angeles County Museum of Art, 1987
- Puttin’ on the Glitz: Hollywood's Influence on Fashion, UC Irvine Libraries, October 2010
- The Origins of Screen Style: The Leonard Stanley Archive, Academy of Motion Picture Arts and Sciences, November 1999
- California Design, 1930–1965, Living in a Modern Way, Queensland Art Gallery, November 2013
- Costumes from the Golden Age of Hollywood, Museum of Brisbane, November 2014
- Reading LACMA Objects as Products of Essential Agricultural Work, Unframed.lacma.org, September 2020
- Widerstände: Jüdische Designerinnen der Moderne, Jüdisches Museum Berlin, Juli bis November 2025
Über 100 ihrer Kostüm-Skizzen, 2.600 ihrer Werbeskizzen und 1.200 Werbefotos von Filmkostümen und kommerziellen Entwürfen finden sich im Bibliotheksarchiv der University of California, Irvine.[5]
Weitere Entwürfe und Skizzen sind Teil der ständigen Sammlungen an der University of Southern California,[18] Los Angeles County Museum of Art,[19] Fashion Institute of Design and Merchandising Museum,[20] und an der Academy of Motion Picture Arts and Sciences. Das Jüdische Museum in Berlin besitzt eine von Saltern entworfene Bekleidungskollektion sowie einen Teil ihres Familienarchivs.[21]
Weblinks
- Irene Saltern. Internet Movie Database, abgerufen am 27. November 2025.
Einzelnachweise
- ↑ Einsteinhaus in Caputh. Abgerufen am 27. November 2025.
- ↑ a b Jüdisches Museum Berlin: Online-Schaukasten - »Die große Hutbewegung« von Irene Salinger in der Zeitschrift »Die junge Dame« 1933. Abgerufen am 28. November 2025.
- ↑ Aubrey Pomerance: Caputher Sterne. Die Entdeckung einer Freundschaft. In: Journal des Jüdischen Museums Berlin. 2023, archiviert vom am 11. Mai 2023; abgerufen am 27. November 2025 (englisch).
- ↑ Roger Rueff: Sailing with Einstein. In: Discovering the Soul of Your Story. Abgerufen am 28. November 2025 (amerikanisches Englisch).
- ↑ a b c d e f g h i j k l Guide to the Irene Saltern Salinger Papers MS.P.059, UC Irvine Libraries finding aid, Online Archive of California, https://oac.cdlib.org/findaid/ark:/13030/kt0c6022rp/entire_text/.
- ↑ Regierungsbaumeister Adolf Stern. Abgerufen am 27. November 2025.
- ↑ a b Lori Bashir: When Glamour Reigned: Hollywood Designer Irene Saltern Revisits the Glory Days, Orange County Register, Accent Section, November 11, 1999, p. 1, https://orangecountyregister.newspaperarchive.com/santa-ana-orange-county-register/1999-11-11/page-81/
- ↑ a b Kathy Bryant: What Goes Around : From Movie Studios to Private Labels, Irene Salinger Has Seen It All Before. 14. September 1995, abgerufen am 27. November 2025 (amerikanisches Englisch).
- ↑ a b Kathy Bryant: Lights, Camera, Action: Designer Irene Salinger's Designs Are as Haute Today as Ever, in: California Homes and Lifestyles, August 1991
- ↑ J. E. Smyth: Nobody's girl Friday: the women who ran Hollywood. Oxford University Press, New York, NY 2018, ISBN 978-0-19-084082-2.
- ↑ War Production Board Regulations, in: Federal Register, Bd. 7, Nr. 70, 10. April 1942, https://tile.loc.gov/storage-services/service/ll/fedreg/fr007/fr007070/fr007070.pdf
- ↑ Gertrude Bailey: Hollywood Saves Cloth Ingeniously: Soft Draping Makes a Little Fabric Go Far, in: New York World Telegram, 13. Mai 1942
- ↑ Laura Bellew Hannon: The Stylish Battle, World War II and Clothing Design Restrictions in Los Angeles, Dissertation, University of California, Riverside, Dezember 2012 https://escholarship.org/content/qt8469r3zg/qt8469r3zg_noSplash_c9deb431754f2a3c5d3a062ba2917d67.pdf
- ↑ Widerstände: jüdische Designerinnen der Moderne. Hirmer, München 2025, ISBN 978-3-7774-4623-3.
- ↑ S. 270
- ↑ a b Saltern, Irene. In: Vintage Fashion Guild. Abgerufen am 28. November 2025 (amerikanisches Englisch).
- ↑ Fay Hammond: Sportwear Designer Uses ‘Optical Illusion, in: Los Angeles Times, 11. Oktober 1944, Teil II, S. 6
- ↑ The American Film Institute Catalog of Motion Pictures 1931–1940, University of California Press, 1993, p. 602, ISBN 978-0520079083
- ↑ Woodbury University, L.A. As Subject: Print & photo archives from costume designer Howard Greer Original gowns and garments by Los Angeles designers: James Galanos, Rudi Gernreich, Irene Saltern, Edith Head, and Gilbert Adrian, Archiv, USC Libraries, https://laassubject.org/directory/profile/woodbury-university
- ↑ Irene Saltern, Los Angeles County Museum of Art, https://collections.lacma.org/search/site/irene%2520saltern
- ↑ ASU FIDM Museum | ASU FIDM Museum. Abgerufen am 28. November 2025.
- ↑ Irene Salinger. In: Jüdisches Museum Berlin. Sammlung Online. Abgerufen am 27. November 2025.